Evolution als SchoepfungVeranstaltungsbericht: Evolution als Schöpfung

Am 09.12.2015 fand im Rahmen der Eröffnung der Science and Religion Bibliothek der Universität Bern ein Festvortrag unter dem Titel Evolution als Schöpfung statt. Geladen zu Vortrag und Gespräch waren keine Minderen als der schweizer Biologie-Nobelpreisträger und Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Werner Arber, und Christian Link, Professor für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. Wer dabei einen harten Schlagabtausch erwartete, wurde enttäuscht: "Konsonanz statt Konkurrenz" forderten sowohl Arber und Link in ihren Vorträgen als auch Martin Täuber, Rektor der Universität Bern, René Bloch, Dekan der Theologischen Fakultät, und Kathrin Altwegg, Direktorin des Center for Space and Habilityin ihren Grussworten.

Eingeleitet wird der Abend mit Musik, wobei die spannungsgeladenen Klänge des Cello-Solisten die scheinbare Spannung zwischen den Naturwissenschaften und der Theologie zu untermalen scheinen. Diese Spannung wird auch von Martin Täuber, Rektor der Universität Bern, in seinem Grusswort aufgegriffen und er bezeichnet den Abend als eine "typisch bernische Veranstaltung". Sei doch die Universität Bern bekannt für ihre Bemühungen, als Volluniversität Diskussionen über die Grenzen hinweg zu fördern. Im Anschluss an Täuber gehen René Bloch, Dekan der Theologischen Fakultät, und Kathrin Altwegg, Direktorin des Center vor Space and Hability, kurz auf das Verhältnis von Naturwissenschaften und Theologie ein. So zeigt Bloch, dass Schöpfungsmythen wie die der Bibel Versuche seien, die Welt mithilfe der zur damaligen Zeit vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu erklären und Altweg meinte: "Wir in der Naturwissenschaft fragen nach dem 'Wie?', Theologen und Philosophen nach dem 'Warum?'." Es habe schon einen Sinn, dass sich die Fakultät als philosophisch-naturwissenschaftlich bezeichne, da die beiden Bereiche einst zusammengehörten und doch auch heute wieder zueinanderfinden sollten.

Werner Arber, Evolution als SchoepfungAuf die Grussworte folgt ein kurzes Interview mit Werner Arber, das seinen Weg vom Schüler der Kantonsschule Aarau über die Verleihung des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin zum Präsidenten der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften thematisiert, bevor Arber schliesslich ans Rednerpult tritt und dem Publikum einen Einblick in die Welt der Mikrobiologie bietet. Er lese die biblischen Schöpfungsberichte jeweils mit Freude, so Arber, da sie für ihn eine der ersten naturwissenschaftlichen Publikationen darstellen würden. In Folge geht Arber auf Erkenntnisse der Mikrobiologie ein, die zeigen, nach welchen Mechanismen und Strategien die Evolution vonstatten geht. Er spricht von einem erstaunlich erfinderischen, selbst-operierenden System und meint verschmitzt, dass die Theodizeefrage aus Sicht der Mikrobiologie sehr einfach zu klären  sei: Ja, wenn er Gott wäre, würde er zur Entlastung auch ein System bevorzugen, dass sich selber entwickelt, aber halt auch Fehler machen kann. Zudem sehe er die Erde, die Lebewesen und "Entwicklungsstrategien" wie die Evolution als göttliches Werk, wenngleich er persönlich Gott eher als Kraft denn als Mensch verstehe. Arber schliesst den Vortrag mit der Mahnung, dass unsere Gene zwar sehr anpassungsfähig seien, wir aber auch auf die Ressourcen unseres Planeten angewiesen seien und deshalb sorge zur Biodiversität tragen sollen.

Christian Link, Evolution als SchoepfungGleich im Anschluss an Werner Arbers Vortrag folgt die Respons durch Christian Link, der gleich zu Beginn auf die Spannung zwischen Naturwissenaschaft und Theologie aufmerksam macht, indem er den Französischen Mathematiker Pierre Laplace (1749 - 1827) zitiert, der meinte dass die Wissenscahft auf Gott verzichten könne. Link weist darauf hin, dass die Schöpfungsberichte im Kontext der Tempelzerstörung gelesen werden müsse. Man hätte sich in einer Notsituation befunden und  Hoffnung gebraucht, Hoffnung, die dieser Gott der Schöpfung geben konnte. Ähnlich wie Kathrin Altweg erklärt auch Link das Verhältnis der Theologie zu den Naturwissenschaften: Die Evolutinostheorie antworte auf die Frage "Was kann ich wissen?" und die Schöpfung auf die Frage "Was kann ich hoffen?" In diesem Zusammenhang meint Link auch, dass die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse als Kommentar der Bibel verstanden werden könnten. So sieht auch er keine wirkliche Konkurrenz zwischen den beiden Disziplinen und denkt, dass die Konsonanz zu suchen sei. Er schliesst indem er Viktor von Weizsäcker zitiert: "Wenn die Schöpfung allgegenwärtig ist, dann gibt es kein Verfahren, ihre Grenze festzustellen, denn dann wäre sie nicht die Schöpfung und ihr Wunder kein rechtes Wunder mehr".

Zum Abschluss folgt ein kurzes Gespräch zwischen Werner Arber und Christian Link, moderiert durch Magdalene Frettlöh, Professorin für systematische Theologie an der Universität Bern und Stifterin der neu eröffneten Bibliothek. Beide sind sich erstaunlicherweise durchs Band einig, sprechen von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen als Orientierungswissen für die Theologie und meinen, dass Gott nicht notwendigerweise menschliche Züge haben muss. Der Abend schliesst, wie er begonnen hat, mit der Betonung, dass zwischen Theologie und Naturwissenschaft keine Konkurrenz bestehe, sie sich von anderen Positionen aus mit derselben Welt beschäftigen und Konsonanz anzustreben sei.

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