Hinduismus

Geschichte

Mit über 800 Millionen Anhängern ist der Hinduismus die drittgrösste Religion der Welt und hat seinen Ursprung und seine hauptsächliche Verbreitung in Indien. Hinduismus ist eine von den britischen Kolonialherren im 19.Jahrhundert eingeführte Bezeichnung für die Religionen Indiens. Diese Religionen sind jedoch sehr vielfältig und weisen oftmals grosse Unterschiede zueinander auf. Es gibt also nicht den einen Hinduismus, sondern viele Hindu-Religionen. Hindu ist die offizielle Bezeichnung der Bewohner Indiens, die keiner ausserhalb Indiens entstandenen Religion, wie Christentum, Islam, Judentum oder Zoroastrismus, angehören. Gläubige Hindus verstehen den Hinduismus mehr als Lebenseinstellung denn als Religion. Es geht mehr um die individuelle Gottesverehrung und um die Ausrichtung an einer bestimmten Weltvorstellung als um die strikte Befolgung einer religiösen Lehre. So gibt es kein Glaubensbekenntnis, keinen Gründer und auch keine zentrale Institution wie eine Kirche. Die Strömungen innerhalb des Hinduismus sind sehr vielfältig. Selbst die Gottesbilder und die Ansichten über Leben und Tod sind verschieden.

Ursprung und historische Entwicklung

Die Hindu-Religionen gehen auf die Verschmelzung der urindischen Religionen mit derjenigen der um ca. 1500 vor Christus in Indien einwandernden Stämme zurück. Diese Einwanderer nannten sich Arier (die Edlen) und brachten ihre eigene Religion und heiligen Texte mit. Diese Schriften, die Veden, wurden mündlich überliefert und erst allmählich (ab 1200 vor Christus) niedergeschrieben. Die Veden gelten als immer da gewesen und von den Göttern offenbart. Aus diesem Grund werden sie Shruti (das Gehörte) genannt. Die in den Veden beschriebene Religion ist von Tier- und Pflanzenopfern, rituellen Hymnen, Waschungen und genau vorgeschriebenen Ritualen geprägt. Es gab keine Tempel, die Opfer wurden in immer wieder neu errichteten und entzündeten Feuern dargebracht.

Der Gott Shiva

Seit der Niederschrift der Upanishaden, dem letzen Teil der Veden, um ca. 500 vor Christus, hatte schon eine weitgehende Assimilation an die Religion der indischen Urbevölkerung stattgefunden. Die Upanishaden sind philosophische Schriften, die bis heute in den Hindu Religionen wichtige Themen wie Karma, Yoga und Wiedergeburt behandeln. Zu dieser Zeit wandelte sich die Religion also von einer durch Ritual und Feueropfer geprägten kollektiven Verehrung zu einer eher individuellen Frömmigkeit, die jedoch in einen grossen Weltzusammenhang gesetzt wurde. Nicht mehr die Götter der Arier, wie Agni, der Feuergott und Yama, der Totengott, stehen im Zentrum der Verehrung, sondern Brahma, Shiva und Vishnu werden als Hauptgötter verehrt. Jede Familie hat ihren eigenen Hausaltar und nur an wichtigen Feiertagen wird die Puja (Andacht) im Tempel vollzogen.

Die seit der Niederschrift der Upanishaden entstandene neue religiöse Literatur wird als Smriti (das Gehörte, d.h. das Überlieferte) bezeichnet. Sie ist also im Gegensatz zur Shruti menschlichen Ursprungs. Zur Smriti gehören unter anderem genaue Handlungsanleitungen zum Umgang mit den Göttern, Lobeshymnen auf einzelne Gottheiten, Lehrwerke zu Grammatik und Astrologie und auch die Epen Mahabharata und Ramayana. Diese Werke bilden heute noch eine Grundlage der Hindu-Religionen.

EinflĂĽsse anderer Religionen

Seit dem 10. Jahrhundert nach Christus breitete sich der Islam in Indien aus und erreichte mit dem Mogulreich im 16. und 17. Jahrhundert seine stärkste Ausbreitung. Der Niedergang des Mogulreichs fiel mit der Ankunft der Briten in Indien zusammen. Die Hindu-Religionen wurden also über Jahrhunderte hinweg zuerst mit islamischem und darauf mit christlichem Gedankengut konfrontiert. Dieses Aufeinandertreffen führte im 15. Jahrhundert zur Gründung der Sikh-Religion und im 19. Jahrhundert zu einer Reihe von Reformbewegungen innerhalb des Hinduismus. Diese Reformbewegungen stellten sich gegen die volkstümliche Bilderverehrung, gegen traditionelle Bräuche wie Witwenverbrennung und Kastenwesen und strebten soziale Reformen an. Aus diesen Reformbewegungen gingen auch die zahlreichen Gruppen hervor, die hier im Westen als hinduistische Sekten bekannt wurden. Swami Vivekananda, Maharishi Mahesh Yogi und Swami Prabhupada und viele andere begannen die Lehren des Hinduismus, wie beispielsweise auch Yoga, in den Westen zu tragen.

Glaubensinhalte

Vielen der unterschiedlichen Strömungen des Hinduismus ist das zyklische Weltbild gemeinsam. Dieses geht davon aus, dass die Welt in einem immerwährenden Kreislauf entsteht und wieder vergeht. Der Urgrund allen Seins, das Brahman bringt die Welt aus sich hervor und atmet sie nach Abermillionen von Jahren wieder in sich ein. Dabei durchläuft die Welt einen Zyklus der Degeneration von einem Goldenen Zeitalter bis zum Kali Yuga, dem schwarzen Zeitalter, in welchem wir uns heute befinden.

Om Symbol

Wie die Welt, so durchläuft auch die Seele einen kontinuierlichen Kreislauf von Geborenwerden und Sterben. Die ewige und unsterbliche Seele des Menschen, das Atman, wird nach dem Tod immer wieder in einen neuen Körper hineingeboren. Einzig die durch Yoga erreichte Erleuchtung ist der Ausweg aus diesem ewigen Kreislauf (samsara). An dieser ewigen Seele haftet das Karma, die Taten, die wir während eines Lebens begehen. Diese guten oder bösen Taten entscheiden über eine gute oder schlechtere Wiedergeburt im nächsten Leben. Man wird beispielsweise als Tier, Mensch oder Gottheit wieder-geboren. So lassen sich durch die Lehre vom Karma, die Kastenunterschiede der Menschen oder ihr vermeintliches Glück oder Pech im Leben erklären.

Dharma – die Weltordnung

Damit in der Welt Ordnung herrscht und jeder Mensch weiss, was richtig ist, existiert Konzept von Dharma, die natürliche und sittliche Ordnung. Die hingebungsvolle Verehrung der Götter dient dazu, diese natürliche Weltordnung aufrecht zu erhalten. In dieser hat jeder Mensch seinen Platz, welcher durch das Kastensystem festgelegt ist. Den alten Schriften zufolge ist die Gesellschaft in vier Varnas (Farben) eingeteilt: die Brahmanen (Priester), die Kshatriyas (Krieger und Fürsten), die Vaishyas (Händler und Hirten) und die Shudras (Diener). Unterhalb dieser vier Kasten gibt es eine Schicht, die keiner Kaste angehört und deswegen als unberührbar gilt. Die „Unberührbaren“ (heute Dalits genannt) sind für minderwertige Arbeiten, wie Strassen- oder Toilettenreinigung, zuständig. Die fünf genannten Gesellschaftsgruppen sind heute in Tausende von Kasten und Subkasten (jati) unterteilt, die, für Auswärtige undurchschaubar, die soziale Stellung der Familie bestimmen. Obwohl das Kastensystem heute offiziell abgeschafft ist, hat es weiterhin – vor allem in ländlichen Gebieten – eine grosse Relevanz.

In den Hindu-Traditionen gibt es eine unüberschaubare Zahl an Göttinnen und Göttern, die für unterschiedliche Lebensbereiche zuständig sind. In vielen Traditionen werden diese Gottheiten aber nur als Manifestationen eines übergeordneten höchsten Gottes gesehen, der wiederum die sichtbare Form des unendlichen Brahman ist. Hindus sind also nur bedingt als Polytheisten zu bezeichnen.

Hauptrichtungen

Im gegenwärtigen Hinduismus sind drei Haupttraditionen massgeblich: der Vishnuismus, der Shivaismus und der Shaktismus. Vishnuiten glauben, dass Vishnu der höchste Gott ist und sich immer, wenn das Dharma auf der Welt gefährdet ist, als Inkarnation (Avatar) auf der Erde manifestiert und diese errettet. Zu den wichtigsten Inkarnationen Vishnus gehören Rama und Krishna, die oft selbst als höchste Götter verehrt werden. Im Vishnuismus wird die Hingabe (Bhakti) an den Gott besonders betont. Shivaiten erachten Shiva, den Gott der Asketen und der Ambivalenz, als höchsten Gott.

Götterschrein in den Strassen von Kalkutta

Oft wird Shiva nicht figürlich, sondern als phallusartiger Stein (Lingam) verehrt. Auch die Familie Shivas spielt eine grosse Rolle. Sein ältester Sohn Ganesha, der elephantenköpfige Gott, gilt als Beseitiger von Hindernissen und ist wohl einer der beliebtesten Götter der Hindus. Shivas jüngerer Sohn Murugan wird vor allem von Tamilen als Schutzherr der tamilischen Sprache und als Gott der Stärke und Schönheit verehrt. Im Shaktismus wird die Shakti, die weibliche Kraft und Macht, verehrt. Die Göttin und Ehefrau Shivas tritt in vielen Formen auf: als blutrünstige, zerstörerische Kali, als wohlwollende, gütige Devi oder als siegestrunkene, ungestüme Durga.

Stellung der Frau

Die Rolle der Frau in den Hindu-Religionen ist ambivalent. Einerseits wird die Frau als Mutter und Lebensspenderin verehrt und geniesst eine hohe Achtung, andererseits war ihr lange Zeit das Studium der heiligen Schriften verwehrt. Töchter sind für viele Familien eine Belastung, da diese bei ihrer Heirat eine umfangreiche Mitgift benötigen und in den Haushalt des Mannes ziehen und somit die Eltern im Alter nicht versorgen können. Eine Frau gewinnt erst an Status, wenn sie Familie hat. Dabei dient das Bild der sich selbst aufopfernden Gattin Sita aus dem Epos Ramayana als Ideal der Frau. Viele Eheschliessungen in Indien sind noch heute von den Eltern arrangiert, doch Liebesheiraten werden häufiger.

Eingang eines Hindutempels

Schweiz

Die Anzahl der Hindus in der Schweiz beläuft sich auf etwa 42'000 bis 50'000 Personen, das sind 0,7% der Bevölkerung. Ihr überwiegender Teil sind Flüchtlinge und Arbeitsmigranten aus Südasien, zumeist tamilische Hindus. Die Mehrzahl lebt seit den späten 70er und frühen 80er Jahren in der Schweiz. Neben den Tamilen gibt es knapp 8'000 indische Hindus und 4'000 bis 7'000 westliche Konvertiten.
Die zumeist shivaitischen Tamilen haben ihre Kultur weitgehend bewahrt, sich bald zu Gruppen zusammengeschlossen und in der Schweiz bislang 17 (Stand 2006) eigene Tempel gegründet, die sich zumeist in Lager- oder Fabrikhallen befinden. Auch besuchen Tamilen oft katholische Wallfahrtskirchen, in welchen sie die Madonna – als Manifestation der Grossen Göttin – verehren. Die mit Abstand grösste und etablierteste Konvertitengruppe ist die Krishna-Gemeinschaft (International Society for Krishna Consciousness, ISKCON), die etwa 400 Mitglieder und bis zu 5'000 Sympathisanten zählt. Die Gemeinschaft unterhält zahl-reiche kleinere Tempel in umgebauten Häusern. Der Haupttempel der Krishna-Gemeinschaft steht in Zürich und wird auch von indischen Hindus aufgesucht. Mitglieder der ISKCON verehren Krishna als höchsten Gott und Quelle allen Lebens und leben streng vegetarisch. Weitere Zentren westlicher Hindus oder Sympathisanten sind das Divine Light Zentrum in Winterthur, gegründet 1966 von Swami Omkarananda, das Seminarhaus der Transzendentalen Meditation von Maharishi Mahesh Yogi in Seelisberg (seit 1973) und seit 1980 einige Sathya Sai Baba Zentren. Die zahlreichen Zentren der Neo-Sannyas-Bewegung um Bhag-wan Shree Rajneesh verloren sich nach dem Tod des Guru im Jahre 1990.

Yoga

Wurzeln in den Hindu-Traditionen hat auch das heute so populäre Yoga. Neben vielen Schulen, die Yoga völlig säkular als Entspannungs- und Ertüchtigungsübung praktizieren, gibt es auch Richtungen, wie zum Beispiel Kriya-Yoga, die sich explizit auf hinduistische Inhalte beziehen. So sind unter den Praktizierenden dieses „religiösen Yoga“ sicherlich Menschen zu finden, die sich selbst als Hindu bezeichnen würden.

Quellen

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Baumann, Martin; Luchesi, Brigitte; Wilke, Annette (Hg.). Tempel und Tamilen in zweiter Heimat. Hindus aus Sri Lanka im deutschsprachigen und skandinavischen Raum. Ergon. 2003.

Beltz, Johannes. Hindu-ABC. Präsidialdepartement der Stadt Zürich und Museum Rietberg. 2004.

Knott, Kim. Der Hinduismus – Eine kurze Einführung. Reclam. 2000.

McDowell, Christopher. A Tamil Asylum Diaspora. Sri Lankan Migration, Settlement and Politics in Switzerland. Berghahn Books. 1996.

Markus, Vera. In der Heimat ihrer Kinder. Tamilen in der Schweiz. Offizin. 2005.

Michaels, Axel. Der Hinduismus: Geschichte und Gegenwart. C.H. Beck. 1998.

Vögeli, Johanna; Sumangali, die Glücksverheissende. Tamilisch-hinduistische Frauen in der Schweiz. Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Fachstelle Migration. 2004.

Von Stietencron, Heinrich. Der Hinduismus. C.H. Beck. 2006.

 


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