Ist bekenntnisneutraler Religionsunterricht möglich?
Geschrieben von: Lena Mumenthaler   
Montag, 31. Oktober 2011 08:58

Interaktive Diskussionsreihe IM FOKUS zum Thema "Religion – ein Bildungsgut?!"

Der Diskussionsabend zum Thema „Religion – ein Bildungsgut?!“ am 24. Oktober 2011, welcher vom Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) organisiert wurde, behandelte ein aktuelles Thema. In letzter Zeit gab es immer wieder Diskussionen um die neuen Schulfächer wie Religion und Kultur (in Zürich) oder Religion und Ethik (in Luzern). Am Anlass diskutierten Hans Hirschi, Rektor des Obergymnasiums der Kantonsschule Alpenquai Luzern, Thomas Schlag, Professor für Theologie an der Universität Zürich, und Jürgen Oelkers, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich. Die drei Experten diskutierten unter der Leitung von Urs Schellenberg über die Frage, auf welchen Grundlagen ein bekenntnisneutraler Religionsunterricht aufbauen soll.

In ihren kurzen Anfangsplädoyers stellten Hans Hirschi und Thomas Schlag eher die persönliche Frage nach der Wahrheit der Religionen in den Vordergrund. Hans Hirschi betonte den Nutzen der Religion für das Individuum und die Gesellschaft bei der Bewältigung von Sinnfragen und komplexen weltlichen Problemen. Thomas Schlag zeigte verschiedene Perspektiven auf die Frage nach Religion als Bildungsgut auf und schloss dann mit der Frage: Was bedeutet es, die Wahrheitsfrage in den Bildungsprozess mit einzubeziehen? Jürgen Oelkers hingegen nahm die Bildung als Ausgangspunkt. Er betonte, dass als Bildungsgut gelten solle, was für das Verständnis der Welt nötig sei. Dies treffe auf Religion zu, weil die Kenntnis über andere Religionen wichtig für das Verständnis anderer Kulturen sei und somit auch Vorurteile verhindern könne.

Raum für persönliche (Sinn)Fragen

Dieser unterschiedlichen Perspektiven wurden im Gespräch immer wieder sichtbar. So meinte Thomas Schlag in Reaktion auf das Plädoyer Oelkers, dass der Erwerb von Wissen um Religion nicht nur ein kognitiver Prozess sei, sondern immer auch persönliche Erfahrung beinhalte. Auch Hans Hirschi betonte, dass die Auseinandersetzung mit den Religionen anderer unbestritten sei, wichtig sei vielmehr, wie man die Jugendlichen dazu animieren könne, ein eigenes kohärentes Weltbild zu entwickeln. Die drei Experten waren sich darin einig, dass die Fragen, welche Religionen beantworten, nicht verschwinden. Gerade Jugendliche stellen diese immer wieder. Die Wahrheits- und Sinnfragen der Jugendlichen können im Unterrichtsfach 'Religion und Kultur' aber nicht beantwortet werden. Zwar sind die Themen im Unterricht geeignet, solche Fragen anzusprechen, eine Lösung dürfe aber nicht präsentiert werden. Somit bleibt der Umgang mit den Fragen heikel und ungelöst - das Problem sei von den Lehrpersonen individuell und praktisch zu lösen.

Wer garantiert Neutralität?

In der öffentlichen Diskussion war vor allem von Interesse, wie die Neutralität der Lehrpersonen garantiert werden könne. Hans Hirschi berichtete dazu aus Luzern, wo das Schulfach 'Religion und Ethik' Mitte der 90er-Jahre eingeführt worden war und wo es seither noch keine Reklamationen von Eltern gegeben hatte, welche befürchteten, ihr Kind werde indoktriniert. Auch Thomas Schlag meinte, dass kaum die Gefahr bestünde, dass Lehrkräfte ihren Unterricht für Missionierungszwecke benutzen. Die Experten waren sich auch einig, dass es eine staatliche Stelle geben müsse, die festlegt, was in der Schule als Missionierung gelte und was nicht. So bedeute der religiöse Hintergrund  der Unterrichtenden - beispielsweise im Hinblick auf evangelikale Studierende an der PH Zürich - nicht automatisch Missionierung mit sich bringe. In Zürich, wo das Unterrichtsfach 'Religion und Kultur' neu eingeführt wird, sei auch zu berücksichtigen, dass die Lehrer umgeschult werden müssen, und keine komplette Veränderung im Unterricht von heute auf morgen möglich sei.

Am Schluss der Diskussion blieb offen, wie mit den Problemen, die sich einem bekenntnisneutralen Religionsunterricht stellen, umgegangen werden soll. Die Diskussion der Experten zeigte aber, dass man sich dessen bewusst ist und dass keine einfache Lösung in Sicht ist. Vielmehr wird von den Lehrkräften Verständnis für die Anliegen der Schüler  und eine pragmatische Umgangsweise mit den heiklen Fragen, die im Zusammenhang mit Religion(en) auftauchen können, gefordert.

 
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