| Homosexualität und Religion - Filmpremiere und Podiumsgespräch |
| Geschrieben von: Eno Nipp |
| Donnerstag, 18. März 2010 14:20 |
Eyes Wide Open – Ein Film über die unmögliche Liebe zweier jüdisch-orthodoxer MännerSeit dem 18. März läuft der Film des israelischen Regisseurs Haim Tabakman in Zürich im Tagesprogramm. Letzten Sonntag, dem 14. März, fand im Kino Arthouse Piccadilly in Zürich eine Filmpremiere mit anschliessendem Podiumsgespräch (Organisation: Zürcher Lehrhaus) mit dem Titel „Schwul und Fromm? Homosexualität und Religionen“ statt. Hamed Abdel-Shamed (Politikwissenschafter und Historiker), Jürg Kägi (Reformierter Pfarrer) und Raphael Pifko (Psychologe und Talmudkenner) informierten unter der Moderation von Michael Guggenheimer (Publizist und Autor) über das Verhältnis ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaften zum Thema Homosexualität.
Die Geschichte von Aaron und EzriInmitten von Mea Shearim, einem alten Stadtviertel ausserhalb der Jerusalemer Altstadt, spielt die Liebesgeschichte von Aaron und Ezri. Aaron, ein vierfacher Familienvater, Ehemann und aktives Mitglied innerhalb der jüdisch-orthodoxen Gemeinde Mea Shearims, betreibt seit dem Tod seines Vaters dessen Metzgerei für koscheres Fleisch. Von einem Unwetter überrascht, findet eines Tages Ezri Unterschlupf in Aarons Metzgerei. Ezri kommt von ausserhalb und ist auf der Suche nach einer Talmudschule, um sein religiöses Studium fortsetzen zu können. Zuerst eher widerwillig, nimmt Aaron den jungen Mann bei sich auf und bietet ihm gegen die Mithilfe im Geschäft Kost und Logis an. Ezri ist schwul. Aaron, der sein ganzes Dasein der Erfüllung der religiösen und sozialen Regeln und Zwänge der orthodoxen Gemeinschaft gewidmet hatte, fühlt, wie sich neues Leben in ihm zu regen beginnt. In den Augen Aarons stellen seine sexuellen Bedürfnisse und die Begegnung mit Ezri eine Versuchung dar, die es zu überwinden gilt. Letztlich bricht der Widerstand ausgerechnet in der Kühlkammer, in der das koschere Fleisch aufbewahrt wird. Den Titel EYES WIDE OPEN beschrieb der Regisseur Haim Tabakman in einem Interview mit folgenden Worten: „Die Augen der Gemeinschaft, die Augen Gottes, aber nicht nur das. Für mich persönlich steht der Titel eher für das Akzeptieren des eigenen Glaubens, von sich selber. Die beiden Hauptfiguren geben sich ihrer Leidenschaft hin im Wissen, dass diese keine Zukunft hat. EYES WIDE OPEN ist für mich wie ein Auto, das genau auf dich zufährt, und trotzdem gehst du einfach weiter. Du gehst nicht zur Seite. Du bist bei vollem Bewusstsein, verstehst alles, aber du kannst nicht anhalten.“ (Presseheft Look Now, Interview mit Haim Tabakman, Mai 2009) „Hast du jemals einen Metzger lächeln sehen?“Aarons religiöses Weltbild ist geprägt von der Bewältigung des täglichen Leids, der täglichen Anstrengung, die ihm deutlich ins Gesicht geschrieben steht: „Hast du jemals einen Metzger lächeln sehen!?“ Ezri hingegen scheint das Leben unbeschwerter anzugehen. Glaube und Homosexualität haben in seinem Weltbild durchaus einen gemeinsamen Ort. Jedes Wesen wird mit einer Mission geboren. Jeder und Jede hat eine Aufgabe zu lösen. Die Lösung jedoch liegt in den Händen eines jeden Einzelnen. Letztendlich entscheidet sich Aaron bei seiner Frau Rivka zu bleiben und nicht aus dem ultra-orthodoxen Orientierungsrahmen heraus zu treten. In den Augen des Regisseurs öffnet sich Aaron Ezri gegenüber, „weil er nach einem religiösen Wiedererwachen sucht. Er weiss, dass seine Suche über ein sexuelles Bedürfnis hinausgeht.“ (Presseheft Look Now, Interview mit Haim Tabakman, Mai 2009) Als Zuschauer fühlt man sich einerseits als Teilhaber einer tragischen Liebesgeschichte und andererseits in der Rolle des Überwachers, der in den engen Gassen Mea Shearim vieles aber eben doch nicht alles mitbekommt. Der Film verzichtet bewusst auf rasante Schnitttechniken und beschränkt sich auf wenige Bildeinstellungen und sich wiederholende Schauplätze. Vieles im Film bleibt nur angedeutet. Das Ziel ist es, den Betrachtern Zeit zu geben. Zeit, um sich bewusst zu werden und sich Gedanken machen zu können; Gedanken, die Fragen aufwerfen sollen. Für ein mitteleuropäisches Publikum mag die ständige Überwachung durch die Quartierbewohner und die Präsenz der selbsternannten Sittenwache, die auch vor Gewalt nicht zurück schrecken, beklemmend wirken. Wie der ägyptische Autor und Islamwissenschaftler Hamed im Anschluss an die Filmvorführung klar stellte, könnte sich diese Geschichte jedoch auch in seinem Heimatdorf abgespielt haben.   „Schwul und Fromm? Homosexualität und Religionen“ - Ein PodiumsgesprächWährend der rund einstündigen Diskussion konfrontierte der Moderator Michael seine Podiumsgäste mit allerlei Fragen rund um das Thema Homosexualität in den drei Religionsgemeinschaften Judentum, Christentum und Islam. Zur gegenwärtigen Situation und dem Blick in die ZukunftRaphael Pifko könne in der jüdischen Welt eine gewisse Bewegung hin zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema beobachten. Eine Vorreiterrolle übernehmen da besonders die jüdischen Gemeinden – Liberale wie Orthodoxe - der USA. Dort sind zudem schon seit längerer Zeit so genannte Gay Synagogues zu finden, die sich ganz den Bedürfnissen von homosexuellen Jüdinnen und Juden widmen. Jürg Kägi sieht die Entwicklung innerhalb der christlichen Kirchen etwas ins Stocken geraten und hofft, dass die Fortschritte, die bereits vor einigen Jahrzehnten diesbezüglich gemacht wurden, fortgeführt werden. Hamed Abdel-Shamed verordnet das Ganze in einem grösseren Zusammenhang. Der islamischen Welt stünden grundlegende Veränderungen, wie sie der Westen bereits mit der Industriellen Revolution und der Aufklärung erlebt habe, erst noch bevor. Tatsächlich gebe es aber bereits eine lebhafte Debatte innerhalb der muslimisch geprägten Gesellschaften über den Umgang mit Minderheiten; darin eingeschlossen sind die Homosexuellen. Analog zu einem Ausspruch des zionistischen Schriftsteller Ze'ev Jabotinsky von 1920 „Wir werden erst eine Nation sein, wenn es jüdische Polizisten und jüdische Prostituierte gibt“, verglich Hamed Abdel-Shamed seine Zukunftsvision im Umgang mit den Homosexuellen folgendermassen:  „Erst wenn wir unsere Homosexuellen und unsere Häretiker anerkennen können und wir sie beim Namen kennen und sie uns nicht mehr stören und wir sie nicht mehr stören, dann wird auch Reform in der islamischen Welt eintreffen!“ Das schwierige Erbe der religiösen TexteEinig sind sich alle drei Podiumsteilnehmer bezüglich des schwierigen Erbes der religiös verbindlichen Texte, wenn es um die Frage der Homosexualität und der Sexualität im Allgemeinen geht. Homosexualität als „Ausdruck eines So-Seins, diese Überlegung ist eine Moderne und gibt's da gar nicht.“ (Kägi) Homosexualität wird lediglich als ein verbotener Akt des Sexualverkehrs angesehen. Das Patriarchat, als „Ursprung dieser drei Religionen“ (Abdel-Shamed), lasse eine solche Art des Menschseins gar nicht zu. Dies bestätigte auch Raphael Pifko: „Es ist klar, dass die Bibel ein Dokument einer patriarchalen Kultur ist. Das war nicht nur im Judentum so, sondern bei allen Völkern der Antike. Und in eine patriarchale Struktur passen homosexuelle Beziehungen, welcher Art auch immer, nicht hinein; sie zerstören die patriarchale Ordnung.“ Ein möglicher Umgang mit dem Thema aus orthodoxer SichtGleichzeitig eröffnet die Beschränkung auf den sexuellen Akt neue Perspektiven im Umgang mit der Homosexualität. Wird das Verbot des homosexuellen Geschlechtsverkehrs einmal weggelassen, kann Schwulen und Lesben auf eine andere Weise begegnet werden. Die homosexuelle Einstellung an sich wird so nämlich nicht thematisiert, geschweige denn verboten. Insofern ist es auch für jemanden, der „orthodox funktioniert“, möglich, einen „mehr oder weniger zeitgemässen Umgang“ (Pifko) mit dem Thema zu finden. Was wäre, wenn?"Was wäre, wenn?", könnte man sich im Anschluss fragen. Was wäre, wenn die Geschichte zwischen Aaron und Ezri anders verlaufen wäre? Was wäre, wenn der Film die Geschichte Ezris in den Vordergrund gestellt hätte? Sicherlich, der Film mag innerhalb der orthodoxen und ultra-orthodoxen Welt ein Tabu brechen. Das Podiumsgespräch hat gezeigt, dass solche Tabubrüche nötig sind und die ganze Entwicklung noch am Anfang steht. Der „Strom des Lebens“ umfliesst den „Fels der Orthodoxie“ (Abdel-Shamed) stetig. Während sich die Orthodoxie nach Kontinuität sehnt, ist das Leben einem ständigen Wandel unterzogen. In welcher Weise religiöse Institutionen darauf reagieren ist tatsächlich eine wichtige Frage. In den Augen des Regisseurs Haim Tabakman stellt sein Werk in diesem Sinn quasi ein „Science-Fiction-Film“ dar. Es dürfe nicht vergessen werden, „dass Homosexualität in der orthodoxen Welt überhaupt nicht existiert. Die Homosexualität ist weder als Lebensform, Ausdruck sexuellen Verlangens noch sozialer Ausrichtung durch die Orthodoxie anerkannt.“ (Presseheft Look Now, Interview mit Haim Tabakman, Mai 2009) Aus dieser Sichtweise erklärt sich der Ruf nach Toleranz und Akzeptanz an die jeweilige religiöse Gemeinschaft. Dabei gehen jedoch die Menschen vergessen, die diesen Kampf zwischen ihrer eigenen Identität und den sozialen und religiösen Zwängen zu führen haben. Entweder wenden sie sich von ihrem eigenen sozialen Umfeld ab und kehren der Religion den Rücken, oder aber sie entscheiden sich wie Aaron, ihr Verlangen zu unterdrücken. Ob damit „das Akzeptieren des eigenen Glaubens“ (Presseheft Look Now, Interview mit Haim Tabakman, Mai 2009) gemeint ist, sei einmal dahin gestellt. Wo bleibt der dritte Weg? Den Weg, den Ezri für sich zu beschreiten versucht, ein Leben im Einklang mit allen Facetten der eigenen Identität. Der Ruf nach Toleranz und Akzeptanz zeigt auf, dass sich die Entwicklung hin zu einer Welt, in der die Unterscheidung von Hetero- und Homosexualität eine untergeordnete Rolle spielt, noch ganz am Anfang steht. Toleranz kann nur der anbieten, der sich in der Position der Mehrheit, des ""Normalen", des "Natürlichen" sieht. Die Frage nach dem Umgang der Religionsgemeinschaften mit ihren Minderheiten, sollte so nicht im Vordergrund stehen. Die normative Definitionsmacht scheint nicht mehr verhandelbar. In dieser hetero-normativen Denkstruktur ist Homophobie immer latent vorhanden. Gläubige, tief religiöse Homosexuelle gibt es; darüber zu urteilen, ist eine andere Sache. Die Frage ist doch, wer darüber urteilen kann, was echte bzw. wahre Religiosität ausmacht. FazitPrädikat: sehenswert! Der Film besticht nicht nur durch die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller Zohar Strauss (Aaron) und Rand Danker (Ezri) und die fesselnde Bildsprache. EYES WIDE OPEN gewährt uns einen Blick mitten in die verschlossene Welt einer ultra-orthodoxen Gemeinde. Ob es im Kleinjerusalem Zürichs wohl ähnlich zu und her geht? Weitere Informationen zum Film Kinostart: 18. März (Zürich), 25. März (Basel und Bern), 1. April (St. Gallen) |