| Ins Netz gegangen - Christ werden leicht gemacht |
| Geschrieben von: David Kunz |
| Dienstag, 01. April 2008 01:00 |
Religionsgemeinschaften haben das Internet für sich entdecktWer aus einer lustigen Laune heraus einfach mal kurz die Internetadresse www.vatikan.com in seine Browserleiste eintippt, dem eröffnen sich mir nichts dir nichts vier Pop-Up-Fenster. Erst wenn diese lästigen Werbeseiten in mühsamer Klickarbeit geschlossen worden sind, offenbart sich dem Surfer dahinter etwas Unerhörtes: „The domain vatikan.com is for sale“. Der Vatikan zu verkaufen und dahinter auch gleich die erforderliche Telefonnummer, unter der sich potentielle Interessenten unverbindlich melden können. Am Ende gar, um unter diesem seligen Domainnamen eine Gebraucht-Predigtbörse aufzuschalten oder einen Escortservice für Kardinäle anzupreisen. Ja, heisst das etwa, der sonst so Heilige Stuhl hat noch gar keinen Sitz im Netz? Keine Seite, auf der das Urbi et Orbi oder die Freitagsaudienz des katholischen Oberhirten liefe? Weit gefehlt und mehr noch: der Vatikan hat sogar sein eigenes Internet-TDL, wie sich das gehört für einen ordentlichen Staat: www.vatican.va muss klicken, wer sich über den Heiligen Stuhl, den Hauptsitz der römisch-katholischen Kirche informieren will. Die Site ist pergamentfarben und die im Halbkreis um die Büste des grüssenden Benedikt XVI angeordneten Link-Buttons erinnern ein wenig an ein klein geratenes Ravensburger Brettspiel. Wer wissen will, wie man denn diesem „Verein“ beitreten könne, wird sich wohl zwischen dem Liturgischen Jahr, der Fotogalerie Josef Ratzingers und der Geschichte der Schweizergarde heillos verirren. Als hätte er die Schwingungen in der kritischen Beurteilung seiner Website bemerkt, hat der Vatikanstaat kürzlich eine weitere neue Seite aufgeschaltet. www.vaticanstate.va bietet moderne Webcams, die mitunter das Grab Johannes Paul II zeigen oder einen Link zum vatikanischen Amt für Philatelie und Numismatik (man muss schon nachschauen, um zu erfahren, was sich dahinter verbirgt). Ein Beitrittsformular sucht der Surfer aber auch hier vergeblich. Allerdings besteht noch Hoffung: „Die Sektion Shop ist in Testphase und wird im Laufe des Jahres 2008 im vollen Umfang für Sie zur Verfügung stehen“, prangt es in schwarzen Grossbuchstaben auf der Seite. Vielleicht ist das der Ort, wo dereinst Mitgliederanträge als PDF-Dokument heruntergeladen werden können… Auf die Frage, wie man Christ werden könne, haben sich indes zahllose andere Homepages spezialisiert. „Sie möchten wissen wie man Christ wird? Dann sind sie hier richtig. Herzlich willkommen“, dröhnt eine leicht metallene Stimme aus den Lautsprechern des Notebooks. Auf dem Bildschirm beginnt derweil eine Computeranimation. Buchstaben tanzen auf schwarzem, himmelähnlichen Grund und verschwinden wieder. Ab und zu huscht eine Sternschnuppe vorbei und oben rechts leuchtet eine blaue Galaxie. Dann erscheint der Kopf eines braungebrannten Strahlemanns mit blendend weissen Zähnen und unförmigen Ohren. Per Mausklick geht’s weiter durch die multimediale Reise, in der einem Schritt für Schritt erklärt werden soll, wie man Christ werden und Gott persönlich kennen lernen könne. Immerdar begleitet von Klängen, die sonst eher ein autogenes Training begleiten. Von Gott als Schöpfer des Lebens, über die gefährliche, egoistische und sinnlose Welt und unser enttäuschendes und oberflächliches Leben kommen der unsichtbare Sprecher und seine beruhigende Synthesizermusik schliesslich zur zentralen Frage: „Warum erlebe ich nichts von Gottes Liebe?“ Schuld ist der Besucher der Site ganz selber, weil er sich gegen Gott auflehnt und damit sündigt. Auf dem Bildschirm wird eine braune Tür grösser und grösser und die Metallstimme lädt ein, durch die Türe zu treten und mit dem Glauben an Jesus ein neues Leben zu beginnen. Einen Gebetsvorschlag später wird der User schliesslich bereits vor die Wahl gestellt: „Ich habe das Gebet gesprochen und mit Gott einen Anfang gemacht“ oder aber „Ich bin (noch) nicht bereit, mich auf Gott einzulassen“. In beiden Fällen erscheinen auf dem Bildschirm ein kitschiger Sandstrand bei Sonnenuntergang und daneben ein Bibelzitat. Wer nun gedacht hat, mit diesem letzten Klick sei alles erledigt, der wird in den Worten des Sprechers eines Besseren belehrt und aufgemuntert: „Christsein ist ein lebenslanger Lernprozess, aber Sie sind nicht alleine. Nicht eine Sekunde.“ Und dennoch: Christ werden geht hier scheinbar ganz ohne Initiation. Keine Taufe, keine Beschneidung, kein grössere Geldspende. Aber auch wer noch nicht ganz bereit ist, bekommt nicht gleich Fegefeuer und Höllenqualen angedroht: „Sie sind eine einzigartige Person. Gehen sie verantwortungsvoll mit ihrem Leben um. Sie haben nur eins“, mahnt die Stimme. Auf der Ursprungsseite dieser Präsentation www.andre-bauer.de erfährt man mehr über den Hintergrund dieses Crashkurses. Er stammt von der freikirchlichen Gemeinde Mettmann, die dem Wiedergeborenen bei Fragen auch gleich einen E-Mail-Kontakt-Link zur Verfügung stellt. Zahlreiche christliche Internetseiten wollen vor allem ein junges Publikum ansprechen: Hier ein Erlebnisbericht à la „so habe ich zum Glauben gefunden“, da ein Videoclip von wortgewandten Predigern, die in Gleichnissen sprechen und darin Lösungen für alltägliche Probleme präsentieren und dort eine Einladung per E-Card zum Gottesdienst mit Pop-Music und religiösen Songtexten, Lichtshows und einem jungen Massenpublikum: Diese Inhalte – topmodern präsentiert – prägen die meist freikirchlichen Seiten. Und noch eines haben viele von ihnen gemeinsam: Irgendwo findet sich stets ein Link, der einem auf Andre Bauers Site weiterleitet zur Präsentation „Wie werde ich Christ“.
erschienen 21.09.07 in forumkirche |