Wie die Eidgenössische Volkszählung aus dem Jahr 2000 zeigt, weist die historisch christlich geprägte Schweiz eine Vielzahl von religiösen, für den Laien teilweise exotisch anmutenden Gemeinschaften und Weltanschauungen auf. Sie belegt aber auch, dass neben den zwei grossen Landeskirchen, also der reformierten und der römisch-katholischen Kirche, die religiöse Landschaft in der Schweiz stark von weiteren christlichen Gemeinschaften geprägt ist. Diese stellen in sich keineswegs eine Einheit dar, sondern vervollständigen das bunte christliche Puzzle als religiöse Gruppen, konfessionelle Minderheiten oder weitere christliche Sonder- und Splittergruppen. Sowohl die durch Migration „Importierten“ wie beispielsweise die orthodoxen Kirchen oder die aus dem radikalen Flügel der schweizerischen Reformation entstandenen evangelikalen, freikirchlich-christlichen Gemeinschaften berufen sich wie die Landeskirchen – wenn nicht noch expliziter – auf die Bibel und Jesus Christus als vermittelnde Instanzen zwischen dem gläubigen Menschen und Gott. Auch christliche „Aussenseiter“ oder Neue Religiöse Bewegungen christlicher Provenienz, die in den vergangenen Jahren oftmals unter dem Stichwort Sekten kontrovers diskutiert wurden und teilweise immer noch unter Beschuss stehen, stellen einen wichtigen Bestandteil der stetig wachsenden Zahl und Bedeutung der schweizerischen christlichen Glaubensgemeinschaften dar.
Die christkatholische KircheÂ
Gemessen an ihrer Mitgliederzahl (aktuell ca. 13'500 Mitglieder; 46’600 im Jahre 1877) gehört die Christkatholische Kirche der Schweiz, auch altkatholische Kirche genannt, eher zu den kleinen Religionsgemeinschaften. Dennoch oder gerade wegen ihrer historischen Bedeutung und Entstehung, gehört sie zu den drei Landeskirchen und hat seit 1874 eine eigene theologische Fakultät an der Universität Bern (seit 2001 Christkatholische und Evangelische Theologische Fakultät).
Geschichte
Die Zeit der Entstehung kann in den Jahren zwischen 1871 und 1876 angesiedelt werden und ist eng verknüpft mit den Wirren des Schweizer Kulturkampfes. Seit den 1860er Jahre hat sich das politische Klima für die katholische Kirche in den vorwiegend liberal oder radikal regierten Kantonen merklich verschlechtert. Auf der einen Seite wurden päpstliche Anordnungen in dem konfessionell gemischten Land als Affront angesehen, andererseits litt die katholische Kirche unter den Kontrollvorschriften und Klosteraufhebungen der radikalen Behörden.
Ebenfalls untrennbar verbunden mit der Konstituierung der Christkatholischen Kirche ist das Erste Vatikanische Konzil von 1870. Die auf dem Ersten Vatikanischen Konzil formulierten Dogmen des päpstlichen Universalprimats und der Unfehlbarkeit des Papstes brachten das Fass für den liberal gesinnten Teil der Schweizer Katholiken zum überlaufen.
Mit der Verfassungserneuerung von 1874 wurde die Errichtung neuer BistĂĽmer unter die Genehmigung des Bundes gestellt. In den folgenden Jahren gaben sich die freisinnigen Katholiken eine eigene Kirchenverfassung und richteten ein Nationalbistum auf. Der Luzerner Theologieprofessor Eduard Herzog (1842-1924) wurde 1876 durch den deutschen altkatholischen Bischof Joseph Hubert Reinkens zum ersten christkatholischen Bischof der Schweiz geweiht.
Merkmale
Das christkatholische Selbstverständnis knüpft einerseits an die Traditionen eines älteren schweizerischen katholischen Liberalismus und übernahm andererseits die Programmatik deutscher Altkatholiken. In dem Münchner Programm von 1871 kam besonders der Protest gegen eine vom Papst auferlegte zentralistische Kirchenverfassung und Frömmigkeit zur Sprache. Ebenfalls im Zentrum standen Reformen in verschiedenen Bereichen wie Verfassung, Liturgie und Disziplin. Dies hatte unter anderem eine Stärkung der Laien und die Aufhebung des Pflichtzölibats für Priester zur Folge. Die kurial-zentralistische Kirchenorganisation wurde aufgehoben und auf die Grundlagen eines altkirchlichen Gemeinschaftsverständnisses gestellt. 1999 wurde zudem die Ordination von Frauen für das Priesteramt beschlossen.
Die Organisation der Christkatholischen Kirche versteht sich als bischöflich-synodal. Die jährliche Nationalsynode, zusammengesetzt aus Geistlichen und Laiendelegierten, ist das oberste gesetzgebende Organ der Kirche. Der Bischof wird von der Synode gewählt. Dem katholischen Selbstverständnis nach kommt ihm die bischöfliche Lehr- und Weihgewalt zu.
Utrechter Union
Seit 1889 ist der christkatholische Bischof Mitglied der Utrechter Union. Diese Union entstand als Reaktion auf das Erste Vatikanische Konzil und umfasst eine Gemeinschaft von acht altkatholischen Nationalkirchen aus Europa und Nordamerika. Alle altkatholischen Kirchen stehen in der katholischen Tradition mit bischöflich-synodalen Strukturen. Mit den anderen katholischen und orthodoxen Kirchen teilen sie das Verständnis der sieben Sakramente. Die Entwicklung der Christkatholischen Kirche ist eng verbunden mit den Entwicklungen in den anderen altkatholischen Kirchen.
Ă–kumene
Die altkatholischen Kirchen hatten von Beginn an eine starke ökumenische Ausrichtung. Besonders stark sind die Verbindungen zu orthodoxen und anglikanischen Kirchen. Seit 2004 besteht offiziell auch wieder ein offizieller Dialog mit der römisch-katholischen Kirche. Darüber hinaus gehören die Christkatholische Kirche zu den Gründungsmitgliedern des Weltkirchenrates, hat Einsitz in der Konferenz Europäischer Kirchen und engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz.
Die orthodoxen Kirchen
Die orthodoxen Kirchen stellen nach der katholischen und evangelischen Kirche den drittgrössten Teil des Christentums dar und umfassen weltweit etwa 250 Millionen Mitglieder. Zu ihnen werden diejenigen christlichen Gruppierungen gezählt, die auf der oströmischen Reichshälfte, im Iran, Äthiopien und Indien entstanden sind oder sich deren Erbe verpflichtet fühlen. Die orthodoxen Kirchen kennen kein autoritäres geistliches Oberhaupt, sondern sind vielmehr ein Verband einzelner Nationalkirchen, die jeweils durch ihre kirchenrechtlich selbständigen (bzw. autokephalen) Patriarchate vertreten werden und nicht wie die katholische Kirche durch ein autoritäres geistliches Oberhaupt. Die gemeinsame Verbundenheit wird aber trotz der zersplitterten Teilkirchen betont, wie sich beispielsweise in der Selbstbezeichnung „orthodox“ (rechtgläubig, recht lobpreisen) zeigt. Dies verweist auf die zentralen Werte der Liturgie, der Ikonenverehrung als Ausdruck lebendiger Rechtgläubigkeit, worauf sich die orthodoxen Kirchen berufen.
Entstehung
Durch die Teilung des römischen Imperiums im Jahr 395 n. Chr. wurde Konstantinopel zur Hauptstadt des oströmischen Reichteils, erhielt das Patriarchat, die kirchlichen Ehrenrechte Roms, und wurde so zweitwichtigsten Zentrum der damaligen Kirche. Daneben entstanden auch die Patriarchate Alexandrien, Antiochien und Jerusalem. Innerhalb der Gemeinschaft der selbstständigen Kirchen hatte der Bischof von Rom (der Papst) den Rang als “Erster unter Gleichen” inne, gefolgt vom Patriarchen von Konstantinopel. 
Aufgrund theologischer und politischer Streitigkeiten zwischen West- und Ostkirche bezüglich der Vorrang- und Sonderstellung des jeweiligen Patriarchen kam es im Jahr 1054 zur Kirchenspaltung. Innerhalb der Gemeinschaft der orthodoxen Kirchen fiel dem Patriarchen von Konstantinopel nun der erste Rang zu, den er bis heute als Ehrenprimat inne hat. Neben den vier genannten alten Patriarchaten nahm die Mehrheit der ost- und südosteuropäischen Gebiete durch byzantinische Missionierung den christlichen Glauben in orthodoxer Ausprägung an, worauf die russischen, serbischen, bulgarischen und rumänischen Patriarchate entstanden.
Glaubensinhalte und -praxis
Zentrum der orthodoxen Glaubenslehre ist die Anerkennung der drei Personen Gottes (Vater, Sohn und Heiliger Geist) und die göttliche und menschliche Natur Jesu Christi. Der Gläubige kann durch die Sakramente an Gott teilhaben, als in Sünde gefallenes Geschöpf Gottes kann er durch Jesus Christus eine erlösende Verwandlung erleben. Im Gegensatz zum römisch-katholischen Papst ist der Patriarch von Konstantinopel in Glaubens- und Sittenfragen keineswegs unfehlbar. Dies zeigt sich auch darin, dass sich die orthodoxen Kirchen ursprünglich an einem anderen, dem julianischen Kalender orientieren und beispielsweise Weihnachten statt am 25. Dezember am 7. Januar feiern. Seit 1923 halten sich aber die meisten orthodoxen Gruppen an die in grossen Teilen der Welt verwendete gregorianische Jahresrechnung. Gemeinsam ist den orthodoxen Kirchen auch die besondere Betonung der Liturgie, der sieben Sakramente und der in Form von Ikonen verehrten Heiligen, die Einblick in eine vollkommene Welt bieten. Die jeweiligen Unterschiede zwischen den orthodoxen Kirchen betreffen weniger Lehre als kulturelle und ethnische Besonderheiten. Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich die orthodoxen Kirchen grob in chalcedonensische, altorientalische und nestorianische Traditionen unterteilen.
Orthodoxe Kirchen in der Schweiz
Seit Anfang des 19. Jahrhunderts emigrierten aufgrund wirtschaftlicher oder politischer Umstände viele Mitglieder orthodoxer Kirchen in die Schweiz. So wurde im Laufe der Jahre eine Vielzahl von Auslandsgemeinden gegründet, die den heimatlichen Patriarchaten unterstellt sind. In der Schweiz leben nach der Volkszählung von 2000 rund 132'000 orthodoxe Christen. Die Mehrzahl bildet die serbische Orthodoxie, die mit Gemeinden in Basel, Bern, St. Gallen und Zürich vertreten ist; aber auch griechisch-, russisch-, armenisch-, äthiopisch-, koptisch-orthodoxe Kirchen sind in vielen grösseren Schweizer Städten zu finden.
Begriff
Wie schon die Bezeichnung verrät, unterscheiden sich die Freikirchen von den Landeskirchen, weil sie sich einerseits als frei von organisatorisch-institutionalisierten Beziehungen zum Staat bzw. zum Kanton begreifen, andererseits weil ihre Mitglieder nicht in eine Gemeinde hineingeboren werden, sondern sich aus freiem Entschluss und Glauben zu einem Beitritt entscheiden. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird für die sich so begreifenden christlichen Gemeinschaften oftmals auch die Bezeichnung Evangelikale bzw. evangelikale Gruppen verwendet. Diese stammt aus dem englischen Sprachraum und meint die Form des protestantischen Christentums, die sich weder explizit auf die evangelisch-reformierte noch auf die evangelisch-lutherische Tradition bezieht, sondern Mitglieder in sich vereinigt, die ursprünglich unterschiedlichsten Konfessionen oder Denominationen angehört haben. Der Begriff evangelikal wird im Unterschied zu demjenigen der Freikirche von den einzelnen Gruppen nur selten zur Selbstbezeichnung verwendet.
Gemeinsamkeiten
Gemeinsamkeiten zwischen den Freikirchen liegen vor allem in der Betonung eines individuellen Bekehrungserlebnisses zu Jesus Christus, der für sie mit dem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung Heil und ein neues Leben garantiert, was oftmals mit einer Erwachsenentaufe bestätigt wird. Damit dies für die ganze Menschheit möglich wird, werden Mission und Evangelisierung stark betont. Des Weiteren spielt das direkte Bibelverständnis eine grosse Rolle, d.h. eine Vermittlung durch Theologen wird oft als unnötig empfunden oder gar abgelehnt.
Unterschiede
Grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Freikirchen ergeben sich aber gerade darin, wie wörtlich der biblische Text gelesen wird, d.h. ob biblische Wunderlebnisse als realhistorische Tatsachen oder eher auf symbolischer Ebene interpretiert werden. Auch das Verhältnis zur Welt, d.h. in welchem Grad man sich als bekehrter Christ von seiner Umwelt unterscheidet, ist sehr verschieden – das kann von einem offenen Verhältnis zur Umgebung bis zu einer radikalen Abkehr von der Welt reichen. Ausserdem kann ganz allgemein zwischen nichtcharismatischen (z.B. Täufer, Baptisten) und pfingstlerisch-charismatischen Freikirchen (z.B. Pietisten und Methodisten) unterschieden werden, die grossen Wert auf Geistesgaben wie Zungenreden und Prophetie legen.
Historische Entwicklung der Freikirchen in der Schweiz
In der Schweiz gibt es gegenwärtig rund 1500 freikirchliche Gemeinschaften, die unter Dachverbänden vereinigt sind wie der Vereinigung freikirchlicher Gemeinschaften (VFG), der Schweizerischen Evangelischen Allianz und dem Réseau évangélique. Ihren Ursprung haben sie im Umkreis der europäischen Reformation – ihre heutige Vielfalt und unterschiedlichen Schwerpunkte gründen in den zahlreichen, seit dem 16. Jahrhundert stattfindenden Abspaltungen und Differenzierungen von der reformierten Kirche. Die schweizerischen Freikirchen und evangelikalen Gruppierungen sind deshalb Erben einer oder mehrerer der folgenden drei historischen Bewegungen:
Täuferische Bewegungen
Als erste Freikirchen bildeten sich innerhalb des radikalen Flügels der Reformation im 16. Jahrhundert quer durch Mitteleuropa verschiedene täuferische Bewegungen heraus. Im Umfeld des Bibellesekreises von Huldrych Zwingli (1484 – 1531) bildeten sich in den 1520er Jahren in Zürich die Schweizer Brüder heraus, eine radikale Gruppe um Konrad Grebel. Grösstenteils zwar dem reformatorischen Programm Zwinglis folgend, traten die frühen Täufer aber vehement für die Trennung von Staat und Kirche und für ein neutestamentliches Gemeindemodell ein. Die Gründung einer ersten eigenen Täufergemeinde und die Abspaltung von der Zürcher Reformation, die 1525 und in den Folgejahren ihren Siegeszug durch weite Teile der Schweiz antrat, entzündete sich schliesslich am Konflikt um die Kindertaufpraxis. Zwingli hielt vor allem aus politischen Gründen am traditionellen Taufverständnis fest, im täuferischen Verständnis hingegen musste Taufe mit dem freien Willen zu einem neuen, christlichen Leben und nicht mit einer von Geburt an obrigkeitsgeleiteten Bürgerpflicht verbunden sein. Die von der reformierten Obrigkeit als Bedrohung und „Geisteskranke“ gebrandmarkten Täufer wurden in den folgenden Jahrhunderten strengstens verfolgt – sie wichen deshalb in ländliche Gebiete (Jura, Emmental) aus oder emigrierten ins Ausland, insbesondere in die USA. Aus diesen frühen Täuferbewegungen entwickelten sich die heutigen Mennoniten, Amish und Hutterer. Die beiden letzten Gruppen existieren in der Schweiz heute nicht mehr; Gemeinden, die sich auf die täuferische Tradition beziehen, zählen nach der Eidgenössischen Volkszählung 2000 rund 5700 Mitglieder.
Pietistische Bewegungen
Als wichtigste protestantische Erneuerungsbewegung seit der Reformation entstand im 17. Jahrhundert im Umkreis der Hallenser Philipp Jakob Spener (1635 – 1705) und August Hermann Francke (1663 – 1727) der Pietismus (von lat. pietas = Frömmigkeit). Sein Hauptanliegen lag in der geistlichen Erneuerung der bestehenden Kirchen. Der als verwissenschaftlicht und erstarrt empfundenen Theologie und Dogmatik wurden vor allem gegenübergestellt das Ausleben des rechten Glaubens (praxis pietatis), eine strenge Orientierung an der Bibel, Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und Gewissheit der Vergebung sowie Bekehrung und Heiligung. Neben dem Kirchgang traf man sich vor allem in Hauskreisen zur gemeinsamen Bibellektüre und zum Gebet.
Die eifrig gesuchte Integration des pietistischen Gedankenguts in die bestehenden kirchlichen Strukturen führte zu Spannungen, Schwierigkeiten und schliesslich zur Bildung neuer Kirchen und Gemeinden. In der Schweiz bezieht sich beispielsweise die Herrnhuter Brüdergemeine direkt auf den Pietismus – eine starke pietistische Prägung erfahren aber auch ein Teil der täuferischen Gemeinden und der aus England importierte Methodismus, aus dem sich unter anderem die auch in der Schweiz vertretenen evangelisch-methodistischen Kirchgemeinden und die Heilsarmee entwickelt haben.
Im 19. Jahrhundert blühte pietistisches Gedankengut in Form des sogenannten Neopietismus bzw. der Erweckungsbewegungen erneut auf. In der Schweiz bildeten sich vor allem in Bern, Basel und Genf Zentren der Erweckungsfrömmigkeit, die sich vor allem für die Gründung von Hilfswerken, Missionsgesellschaften und Bibelschulen engagierten. Aus Konflikten mit der staatlichen Kirche entstand wiederum eine Vielzahl von heute noch bestehenden Freikirchen wie unter anderem die Freien Evangelischen Gemeinden (FEG), die Evangelische Gesellschaft oder das Evangelische Gemeinschaftswerk. Diese Gemeinden orientieren sich meist an der 1846 entstandenen Glaubensbasis der Evangelischen Allianz und der 1974 festgelegten Lausanner Erklärung des Internationalen Kongresses für Weltevangelisation.
Pfingstlerische und charismatische Bewegungen
In den USA entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem Gedankengut des Methodismus und der Erweckungsbewegung die Pfingstbewegung im Umkreis von Charles Parham (1873 – 1929) und William J. Seymour (1870 – 1922). Ihr Name geht auf Jesu Senden des Heiligen Geistes an die Apostel, das Pfingsterlebnis, zurück. Deshalb schreiben die pfingstlerisch ausgerichteten Gemeinschaften vor allem den in der Bibel beschriebenen „wunderbaren“ Fähigkeiten zentralen Wert zu, die als „geistliche Gaben“ von jedem Gläubigen auch heute erfahren werden können. Dazu gehören vor allem das vom Heiligen Geist eingegebene und sich in einer unverständlichen Sprache äussernde Zungenreden, die Prophetie oder das Heilen von Krankheiten durch Handauflegen und Gebet. Die Gläubigen setzen ihre Gaben oftmals auch in den emotionalen Gottesdiensten ein. Weltweit zählen Pfingstbewegungen etwa 500 Millionen Mitglieder; auch in der Schweiz finden sich zahlreiche pfingstlerisch geprägte Gemeinschaften wie die Schweizerische Pfingstmission, die Freie Christengemeinde etc.
Direkte Einflüsse des pfingstlerischen Gedankenguts finden sich auch in der in den 1960er Jahren entstandenen charismatischen Bewegung, welche die Idee der geistlichen Gaben in die unterschiedlichsten christlichen Gruppierungen und Kirchen hineintrug. Sie führte aber auch zur Gründung genuin charismatischer oder neocharismatischer Gemeinden wie die vor allem von Jugendlichen besuchte Vineyard oder International Christian Fellowship (ICF). Ihre anhaltende Popularität versuchen sich diese Gemeinschaften durch Kongresse, „trendy“ events und camps und sonstigen Grossanlässen zu sichern.
weitere christliche Gemeinschaften
„Freikirchen“, „Sekten“, „christliche Sondergruppen“ – So oder ähnlich lauten die Bezeichnungen für all jene christlichen Gemeinschaften, die sowohl theologisch als auch soziologisch von den übrigen christlichen Kirchen unterschieden werden können. Die negative Konnotation dieser Begriffe rührt nicht zuletzt daher, dass es sich um eine gesellschaftliche Zuschreibung handelt. Die negative Wahrnehmung wird oftmals durch eine mehr oder weniger starke Abgrenzung dieser Gruppen gegenüber ihrem sozialen und religiösen Umfeld verstärkt. Analog dazu erfuhren diese Gruppen im Laufe der Geschichte unterschiedliche Arten von Ablehnung und Akzeptanz. So wandelte sich die Wahrnehmung der Siebenten-Tags-Adventisten in der schweizerischen Öffentlichkeit von einer „Sekte“ zu einer „Freikirche“. Die Siebenten-Tags-Adventisten gehören zusammen mit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (die Bezeichnung "Mormonen" ist eine externe Bezeichnung), der Christlichen Wissenschaft und Jehovas Zeugen zu den schweiz- und weltweit grössten „christlichen Sondergruppen“. Sie alle sind im 19. Jahrhundert und überwiegend in Amerika entstanden.
Typologisierung
Neben der sozialen Distanz ihrer Mitglieder zur restlichen Gesellschaft können diese Gemeinschaften auch aufgrund inhaltlicher Kriterien unterschieden und eingeteilt werden. So zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie beispielsweise ganz bestimmte biblische Elemente betonen oder sogar neue religiöse Schriften hinzugefügt haben und eigene religiöse Praxisformen anwenden. Auf inhaltlicher Ebene kann zwischen Endzeitgemeinden, Apostelgemeinden, Heilungsgemeinden und Neuoffenbarer unterschieden werden.
Endzeitgemeinden
Die Zeit der „Zweiten Grossen Erweckung“ in den 1840er Jahren brachte in Nordamerika eine Adventistenbewegung hervor, welche seither eine baldige Wiederkunft Jesu Christi erwartet. Die Siebenten-Tags-Adventisten sind seit 1867 auch ausserhalb Nordamerikas mit einer Gemeinde vertreten. In Tramelan (Berner Jura) gab es damals eine kleine Gemeinde von ca. 20 getauften Adventisten. Heute liegt ihre Zahl in der Schweiz bei ca. 4’500 getauften Mitgliedern.
Zu der zweiten grossen Endzeitgemeinde, die auf die Wiederkunft Jesu Christi und damit das Ende dieser Welt hoffen, gehören Jehovas Zeugen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind Jehovas Zeugen in der Schweiz missionarisch aktiv und zählen nach eigenen Angaben ca. 18'000 Mitglieder. In der Öffentlichkeit sind sie zudem durch ihre Strassenmission bekannt. Sie suchen das Gespräch über die Bibel und Gott und bieten ihre Zeitschrift „Wachtturm“ an.
Apostelgemeinden
In der Schweiz kennen wir die Neuapostolische Kirche und die kleinere Apostelgemeinde der Vereinigung Apostolischer Christen Schweiz. Historisch betrachtet,ging es in dieser britischen Apostelbewegung um eine Erneuerung der Kirche durch eine Wiederherstellung der ursprünglichen Ordnung mit einer endzeitlichen Ausrichtung. Um den Kultus in seiner ganzen Fülle ausleben zu können, bedurfte es dem vierfachen Amt, vertreten durch die zwölf Apostel, die Propheten, die Evangelisten und die Hirten bzw. Lehrer. Zusätzlich kam durch den Kontakt zu einer schottischen Erweckungsbewegung eine charismatische Ausrichtung hinzu. Mit der Zusammenkunft der zwölf Apostel 1835 wurde die katholisch-apostolische Bewegung ins Leben gerufen. Nach dem Tod dieser Apostel wurde auf die Ernennung neuer Apostel verzichtet.
Die Neuapostolische Kirche, welche nach eigenen Angaben in der Schweiz ca. 35'000 Mitglieder zählt, entsprang einer Spaltung innerhalb der katholisch-apostolischen Gemeinde Deutschlands. Im Gegensatz zu den wenigen, übrig gebliebenen katholisch-apostolischen Gemeinden wurden unter den Neuapostolen neue Apostel ernannt, welche die Aufgabe haben, ihre Gemeinden auf die Wiederkunft Christi vorzubereiten.
Heilungsgemeinden
Die Christliche Wissenschaft ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet worden. Die amerikanische Puritanerin Mary Baker Eddy, die unter gesundheitlichen Problemen litt, fand in der Folge einer erfolgreichen Selbstheilung zu einer Lehre der geistigen Heilung in der Gnade Gottes. Die „Kirche Christi, Wissenschafter“ hat auch in der Schweiz einige Praktiker bzw. praktizierende Christliche Wissenschafter sowie 23 Kirchen und Vereinigungen mit einer nicht genannten Mitgliederzahl. Oftmals wird die Christliche Wissenschaft mit anderen Neugeist-Kirchen und Unity-Gruppen zusammengefasst, die zum Kreis der „mental- oder spiritual-healing-Bewegungen bzw. des New Thought (‚Neugeist’)“ (Quelle: Baumann/Stolz 2007) gezählt werden können.
Neuoffenbarer
Im Jahre 1823 erschien dem Amerikaner Joseph Smith der Engel Moroni. Dieser Engel überbrachte Smith den Hinweis zu einem verborgenen Evangelium Jesu Christi. Die Übersetzung dieser Texte wurden im „Das Buch Mormon“ zusammengefasst und nach dem Propheten Mormon benannt. Daraufhin gründete Smith die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. In den Augen ihrer Mitglieder handelte es sich dabei jedoch um eine Wiederherstellung der ursprünglichen Kirche. Neben der Bibel und dem Buch Mormon kennen die Mormonen zusätzlich „Die Lehre und Bündnisse“ also die Offenbarungen an Smith und „Die köstliche Perle“, welche unter anderem die 13 Glaubensartikel beinhalten. Auf dem heutigen Gebiet des Staats Utah wurde Mitte des 19. Jahrhunderts die Stadt Salt Lake City von den Mormonen erbaut. Dort ist der Hauptsitz der weltweiten Kirche, die von der Ersten Präsidentschaft, die aus drei Männern besteht, sowie dem Rat der Zwölf Apostel geleitet wird. Heute zählt diese Kirche in der Schweiz nach eigenen Angaben rund 7'500 Mitglieder in 40 Gemeinden. In Zollikofen bei Bern wurde 1955 der erste Tempel auf europäischen Boden geweiht.
Innen und Aussen – Die Minderheitenstellung „Christlicher Sondergruppen“
Schwierigkeiten tauchen dann auf, wenn sich einzelne Mitglieder dieser „christlichen Sondergruppen“ nicht so verhalten, wie es von der Gemeinschaft gefordert wird. Oftmals unterscheiden sich diese Gruppen in ihren über Generationen entwickelten kulturellen und sozialen Lebensentwürfen von der gelebten Umwelt der Mehrheitsgesellschaft. Kinder von Jehovas Zeugen beispielsweise ist es verboten, Geburtstage oder Weihnachten zu feiern. Einerseits fühlen sich die Individuen von „christlichen Sondergruppen“ in ihrer Gemeinschaft aufgehoben und von einer gemeinsamen Weltsicht getragen. Andererseits bricht diese Welt bei einem Austritt aus der Gemeinschaft zusammen und stellt die ehemaligen Mitglieder vor emotionale und soziale Probleme.
Antes, Peter: Mach’s wie Gott, werde Mensch. Das Christentum. Patmos. 1999.
Baumann, Martin / Stolz, Jörg (Hrsg.). Eine Schweiz – viele Religionen. Transcript. 2007.
Conzemius, Victor, Die Schweiz (1860-1914), in: Die Geschichte des Christentums – Religion, Politik, Kultur, Band 11. Herder. 1997.
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Küppers, Werner, Altkatholizismus, in: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Band 2. Walter de Gruyter. 1978.
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