Der Islam entstand im 7. Jahrhundert n.Chr. auf der arabischen Halbinsel. Er ist die jüngste der drei monotheistischen Religionen und heute – mit rund 1,2 Milliarden Anhängern – die zweitgrösste Religion der Erde. Die meisten Muslime leben gegenwärtig in Asien (Pakistan, Indonesien, Bangladesch, Indien). Der Nahe Osten ist jedoch nach wie vor das theologische Zentrum der islamischen Welt.
Muhammad (571-632 n.Chr.)
Der Islam wurde von Muhammad ibn Abdallah, einem Kaufmann aus Mekka, begründet. Ums Jahr 610 n.Chr. verkündete Muhammad, dass sich ihm der einzige wahre Gott (arab. Allah) offenbart habe. Der Engel Gabriel habe ihm Gottes Worte – den Koran – überbracht und habe ihn dazu aufgefordert, Gottes Botschaft als Prophet zu verbreiten. Die Bewohner Mekkas, die traditionellerweise an eine Vielzahl von Göttern glaubten, lehnten Muhammads Lehren ab und bedrohten ihn. Im Jahr 622 flüchtete der Prophet deshalb mit seinen Anhängern nach Medina. Das Jahr der Hidjra (Emigration) wurde später zum Jahr Null der arabischen Zeitrechnung. In Medina entwickelte sich Muhammad zu einem anerkannten religiösen, militärischen und politischen Führer. Nach langen kriegerischen Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern gelang es ihm im Jahr 630, Mekka zu erobern und Allah als einzigen Gott durchzusetzen.
Ausbreitung
Muhammad starb ohne direkte männliche Nachkommen zu hinterlassen. Dies führte zu Streitigkeiten um seinen Nachfolger (arab. Khalifa) und um die Interpretation seiner Lehren. Die Gemeinschaft spaltete sich in Sunniten, Schiiten und mehrere kleinere Gruppen auf. Das muslimische Reich breitete sich rasch aus. Bis im 13. Jahrhundert hatten die Kalifen Spanien, Süditalien, den Balkan, Nordafrika, die Türkei, Teile Zentralasiens und den gesamten Nahen Osten bis nach Indien erobert. In diesen Gebieten kam es zu Kontakten mit anderen Religionen und Kulturen. Der Islam passte sich den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten an und entwickelte in den einzelnen Regionen spezifische Eigenheiten. Die Muslime übernahmen intellektuelles Wissen der unterworfenen Völker und entwickelten es weiter. So begründeten sie moderne Wissenschaften wie Mathematik, Anatomie oder Astronomie.
Ab dem 9. Jahrhundert breitete sich der Islam über reisende Händler in Schwarzafrika und Südostasien aus. Die Muslime begannen jedoch erst Anfangs des 20. Jahrhunderts – als Antwort auf die christliche Mission – organisiert zu missionieren. In Südosteuropa ist der Islam seit dem 14. Jahrhundert als einheimische Religion verbreitet. Nach Westeuropa und in die USA kam er in den 1960er-Jahren durch Immigranten aus muslimischen Ländern. Zunächst wanderten vor allem Muslime aus den ehemaligen europäischen Kolonien ein, später folgten Migranten und Flüchtlinge aus der Türkei und aus Südosteuropa. Heute ist der Islam in vielen westeuropäischen Ländern nach dem Christentum die zweitgrösste Religion.
Selbstverständnis
Der Islam versteht sich als Vervollkommnung und Korrektur des Judentums und des Christentums. Die Muslime glauben, dass sich Gott bereits Adam, Abraham, Noah, Moses und auch Jesus offenbart habe. Sie werden vom Islam als Propheten anerkannt und verehrt. Muhammads Vorgänger hätten Gottes Botschaft jedoch nicht richtig und vollständig verstanden, deshalb werden Judentum und Christentum zwar als „Religionen des Buches“ anerkannt, jedoch dem Islam gegenüber als unvollkommen angesehen. Die Muslime glauben, dass Gott Muhammad als letzten Propheten geschickt habe, damit er den Menschen die volle Wahrheit über Gott vermitteln und sie auf den rechten Weg bringen könne.

Muslimsein bedeutet den alleinigen, ewigen Gott in seiner Allmacht und seiner uneingeschränkten Macht anzuerkennen und sich seinem Willen in Demut zu unterwerfen (arab. aslama). Es ist wichtig, dass der Glaube in jeder Situation des Alltags praktisch gelebt wird, denn Gott wird am Tag des Jüngsten Gerichts über die Lebensführung aller Menschen urteilen. Die Scharia (islamische Gesetzessammlung) enthält aus der koranischen Offenbarung abgeleitete Regeln und Normen, die das Verhalten der Menschen gegenüber Gott und das Zusammenleben in der Gemeinschaft (arab. Umma) regeln.
Die Fünf Säulen
Das Befolgen der Fünf Säulen des Islam wird von der überwiegenden Mehrzahl der Muslime als verpflichtend angesehen. Die erste Säule ist das Glaubensbekenntnis. Es lautet :„Aschhadu an la ilaha illa Allah wa aschhadu muhammadan rasul ullah.“ (Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt ausser Gott und dass Muhammad sein Prophet ist.) Es wird vor jedem Gebet gesprochen und ist zugleich auch das zentrale Dogma des Islams. Die zweite Säule ist das Gebet, das fünfmal täglich von allen Erwachsenen in Richtung Mekka gesprochen werden soll. Die dritte Säule ist das Fasten im Monat Ramadan, die vierte Säule ist der Zakat, die Spende an Arme und Bedürftige. Sie wird nicht als Steuer, sondern freiwillig, meist anlässlich eines hohen Feiertages, entrichtet. Die fünfte Säule besteht aus der Pilgerfahrt nach Mekka, die jeder Muslim – sofern es in seinen Möglichkeiten liegt – einmal im Leben absolviert haben sollte.
Richtungen
Etwa 90% der Muslime sind Sunniten. Sie verstehen sich als Vertreter einer orthodoxen Theologie und beziehen sich neben den Koran auch auf die Sunna (Sitte, Gewohnheit). Die Sunna ist eine Sammlung von tausenden kurzen Berichten (arab. Hadith) über die Gewohnheiten, Handlungen und Aussprüche von Muhammad und seinen Gefährten. Diese Berichte gelten als Lehrbeispiele für korrektes Handeln. Religionsgelehrte (arab. Ulamas) führen die Gemeinschaft indem sie den Koran und die Sunna interpretieren und daraus Lehrmeinungen zu religiösen und politischen Fragen entwickeln.
Im Gegensatz zu den Sunniten glauben die Schiiten, dass nur ein Nachkomme Muhammads rechtmässiger religiöser Führer (Imam) sein könne. Die schiitischen Imame werden als von Gott Auserwählte verehrt, sie gelten als frei von Sünde und als unfehlbar. Der letzte Imam ist im 9. Jahrhundert verschwunden. Die Schiiten glauben, dass er im Verborgenen weiter lebe und am Ende der Zeit als Mahdi (Erlöser) zurückkehren wird. Bis zu seiner Rückkehr leiten deshalb Religionsgelehrte (Ayatollahs) die Gemeinschaft. Neben diesen beiden Hauptströmungen gibt es im Islam zahlreiche kleinere und lokal verbreitete Glaubensrichtungen wie beispielsweise Drusen oder Aleviten. Ab dem 8. Jahrhundert entwickelte sich die islamische Mystik (Sufismus). Die Sufis glauben, dass sie durch Meditation in direkten Kontakt mit Gott treten können; ihr Ziel ist, alles zu überwinden, was sie von Gott trennt. Mit der persönlichen Suche nach Gott setzen sie einen Kontrapunkt zum Gesetzesislam und zur gemeinsamen Religionsausübung in der Gesellschaft. Die Lehren berühmter Mystiker werden in Ordensgemeinschaften weitergegeben, die in der gesamten muslimischen Welt verbreitet sind.
Der Islam stellt in der Schweiz mit über 300 000 Anhängern die grösste nichtchristliche Glaubensgemeinschaft dar. Allerdings darf man sich diese Gemeinschaft nicht als homogene Gruppe vorstellen. Zu ihr gehören einerseits verschiedene Glaubensrichtungen (wie Schiiten und Sunniten), andererseits hat auch jede islamische Region ihre eigene Kultur und ihre eigenen Glaubenspraktiken hervorgebracht. Die meisten muslimischen Organisationen in der Schweiz sind daher ethnisch geprägt. Obwohl es keine festgelegten Zahlen gibt, wird der Anteil der praktizierenden Muslime in der Schweiz auf lediglich zehn bis 15 Prozent geschätzt.
Einwanderungsgeschichte
Die meisten in der Schweiz lebenden Muslime sind Immigranten. Die Zahl der muslimischen Schweizer Bürger hat in den letzten Jahren jedoch durch Konversion und vor allem durch Einbürgerung stark zugenommen. Die ersten muslimischen Einwanderer erreichten die Schweiz in den 1960er Jahren. Jugoslawen und vor allem Türken fanden hier als Gastarbeiter Arbeit. Ihr Aufenthalt sollte zwar nur vorübergehend sein, oftmals zogen die Männer jedoch später ihre Familien nach. Ende der 1980er und während der 1990er-Jahre kamen durch die Flüchtlingsströme aus Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo vermehrt auch muslimische Frauen und Kinder in die Schweiz. Die Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien stellen heute die weitaus grösste ethnische Gruppe unter den muslimischen Immigranten dar. Seit jüngerer Zeit beantragen auch zunehmend Muslime aus dem Nahen Osten sowie aus Schwarzafrika Asyl in der Schweiz. Während diese sich vorwiegend in der Westschweiz niederlassen, leben in der Deutschschweiz hauptsächlich Muslime aus Südosteuropa.
Organisation und Strukturen
Da der Islam nicht als öffentlich-rechtliche Glaubensgemeinschaft anerkannt ist, müssen sich die Muslime privatrechtlich, das heisst in Vereinen, organisieren. Mehrere Dachverbände erheben den Anspruch, regional oder gesamtschweizerisch die Anliegen der Muslime untereinander, bei den Behörden und gegenüber der Schweizer Gesellschaft zu vertreten. Verschiedene Bemühungen, eine umfassende muslimische Dachorganisation zu gründen, sind gescheitert. Seit März 2006 versucht die Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS) diese Aufgabe wahrzunehmen.
Für die muslimischen Gastarbeiter der 1960er-Jahre stand die institutionalisierte Ausübung ihrer Religion nicht an erster Stelle, weshalb sie in der ersten Zeit nur vereinzelt einfache Gebetsräume einrichteten. Als aber zunehmend ganze Familien immigrierten und ihre Niederlassung in der Schweiz definitiveren Charakter annahm, wuchs der Wunsch nach religiöser Verwurzelung und Unterrichtung. Es entstanden neue, ethnisch geprägte Vereine und viele der so genannten Hinterhofmoscheen entwickelten sich zu veritablen Kulturzentren. Nebst Räumen für Gebete und Religionsunterricht bieten diese nämlich auch Platz für kulturelle Aktivitäten. In der Schweiz gibt es bislang sechs muslimische Friedhöfe und drei von aussen erkennbare Moscheen mit Minarett. Das älteste Minarett wurde bereits 1963 in Zürich erbaut.
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