Die Juden führen sich auf Abraham als Stammvater ihrer Religion und ihres Volkes zurück. Sie glauben, dass Gott mit Abraham einen Bund geschlossen und ihm das Land Israel als Heimat für seine Nachkommen versprochen habe. Am Berg Sinai habe Gott den Bund mit den Israeliten erneuert, als er Moses die Zehn Gebote offenbarte.
Die Ursprünge der Gemeinschaft
Historisch schloss sich das jüdische Volk wahrscheinlich unter König Saul zu einer politischen Einheit zusammen; zuvor hatten die Israeliten in losen nomadischen Stammesgemeinschaften gelebt. Die Könige David und Salomo bauten in Jerusalem den ersten Tempel. Davids Herrschaft gilt als goldenes Zeitalter der Einheit und Macht, bevor das Reich zersplitterte. Unter der Führung Nebukadnezar II. eroberten die Neubabylonier um 587 v.Chr Jerusalem, zerstörten den Tempel und brachten die Juden nach Babylon ins Exil. Nach ihrer Rückkehr im Jahr 538 v.Chr. bauten die Juden den Tempel in Jerusalem wieder auf. Als Ersatz für den Opferdienst im Tempel waren in der Zeit des Exils die Zusammenkünfte für gemeinsames Thorastudium und Gebete wichtige religiöse Elemente geworden. Die Juden vertraten einen strikten Monotheismus und befolgten strenge Reinheits- und Speisegebote. Auf diese Weise grenzten sie sich von ihrem polytheistischen Umfeld ab. Unter hellenischer und später unter römischer Herrschaft bildeten sich im gesamten Mittelmeerraum jüdische Diasporagemeinden. Aufgrund von Konflikten mit den römischen Herrschern erhoben sich die Jerusalemer Juden 66 n.Chr., worauf der zweite Tempel zerstört wurde und die Juden die Stadt verlassen mussten.
Exil bis 1948
Zentrum des religiösen Lebens wurden nun die heiligen Schriften; an die Stelle des Opferdienstes im Tempel traten Lehre, Studium und Gesetzesfrömmigkeit. Rabbiner sammelten überlieferte Texte, Gesetze und Erzählungen, schrieben sie auf und kommentierten sie. In den ersten Jahrhunderten n.Chr. entstanden der Talmud (hebräische Bibel) und andere Werke, die Grundlagen für die jüdische Kultur wurden. Es entwickelten sich zwei jüdische Haupttraditionen, die sich in Brauchtum und Riten unterscheiden. Aus dem Nahen Osten, Nordafrika und von der iberischen Halbinsel stammt die sephardische Tradition, in Mittel- und Osteuropa entwickelte sich die aschkenasische Tradition.

Während sie in islamischen Ländern als Bürger zweiter Klasse weitgehend toleriert wurden, hatten die Juden im christlichen Europa mit Verfolgungen und Diskriminierung zu kämpfen. Sie wurden aus der christlichen Gesellschaft ausgegrenzt. Immer wieder mussten die Juden als Sündenböcke für schlimme Ereignisse herhalten; man gab ihnen beispielsweise die Schuld für die grosse Pestepidemie der Jahre 1348/49. Als Antwort auf den europäischen Antisemitismus formierte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die zionistische Bewegung. Sie wollte den Juden eine nationale Heimstätte in Palästina schaffen. Vor allem aus Osteuropa und Russland wanderten viele Juden nach Palästina aus. Die Judenverfolgung und der Holocaust (hebr. Bezeichnung: Schoah) unter der Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutete die fast vollständige Auslöschung der europäischen Juden. Dieses traumatisierende Erlebnis prägte das Judentum. Heute sind die wichtigsten jüdischen Zentren der 1948 gegründete Staat Israel und die USA.
Grundzüge des Glaubens
Im Judentum gibt es keine Dogmen, die von einer obersten Instanz festgelegt werden; dennoch existieren allgemein gültige Glaubenslehren. Die wichtigste Lehre ist der Glaube an die Einheit und Einzigkeit Gottes. Anders als im Christentum braucht der Mensch keinen Mittler zu Gott, er steht ihm direkt gegenüber. Der Sinn von Gottes Schöpfung ist die Verwirklichung des Guten. Deshalb ist es die Aufgabe des Menschen, das gesamte Leben zu heiligen; es sollte keine Unterscheidung zwischen weltlich und religiös geben. Der Mensch hat den freien Willen, sein Leben individuell zu gestalten. Am Ende der Zeit wird Gott über die Lebensführung eines jeden richten. Die Juden glauben, dass am Ende der Zeit ein Messias kommen wird, der den Tempel in Jerusalem wieder aufbaut und auf der Erde ein allumfassendes Friedensreich gründet.
Die religiöse Gemeinschaft
Die jüdischen Feiertage sind – besonders in der Diaspora – von zentraler Bedeutung: Man trifft sich mit der Gemeinschaft und Familie, man isst und trinkt zusammen. Die meisten Feiertage sind eng mit der jüdischen Geschichte verknüpft; durch das regelmässige Erinnern wird die Tradition aufrecht erhalten und weiter gegeben. Die Synagogen funktionieren als Gemeinschaftszentren. Sie werden von Rabbinern (Religionsgelehrten) geleitet. Traditionellerweise gehört zu einer Synagoge auch ein Unterrichtsraum oder sogar eine ganze Schule, wo Hebräisch gelehrt wird und die heiligen Schriften studiert werden können. Viele jüdische Gemeinden in der Diaspora haben einen Sozialdienst, führen eigene Altersheime und manchmal auch Kindergärten und Grundschulen.
Richtungen
Ende des 18. Jahrhunderts versuchten jüdische Denker das Judentum unter dem Einfluss der Philosophie der Aufklärung zu reformieren. Daraufhin entstanden drei Hauptrichtungen, die sich stark voneinander unterscheiden: Die Reformjuden versuchen, sich an die Gesellschaften, in denen sie leben, anzupassen und sich zu integrieren. Sie beten und predigen in ihrer jeweiligen Landessprache, ihre Gottesdienste werden - nach christlichem Vorbild - von Chorgesang und Orgelmusik begleitet. Die Reformjuden definieren das Judentum ausschliesslich als Religion und nicht als Zugehörigkeit zu einer Nation. Deshalb beten sie nicht für die Wiedererrichtung des Tempels. Viele Bräuche und Gebote werden als historisch gegeben und deshalb als nicht mehr verpflichtend angesehen. Frauen sind den Männern gleichgestellt und können Rabbinerinnen werden.

Die orthodoxen und ultraorthodoxen Juden hingegen halten an den traditionellen Glaubensvorstellungen und Bräuchen fest. Sie leben streng nach dem jüdischen Religionsgesetz (Halacha). Die Chassidim betonen die religiöse Inbrunst und die ekstatische Freude am Glauben im Gegensatz zum intellektuellen Religionsstudium. Die konservativen Juden gehen einen Mittelweg zwischen Orthodoxie und Reform. Sie erkennen die historische Entwicklung des Judentums an, wollen jedoch den Kern der offenbarten Tradition bewahren. Ihre Gebetssprache ist Hebräisch. An Feiertagsgebote und Speisevorschriften halten sie fest, passen diese jedoch an die Bedürfnisse des praktischen Lebens an.
Frühzeit und Mittelalter
Schon in der Römerzeit – noch bevor das Christentum sich bei uns ausbreitete – lebten die ersten Juden auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Schriftlich überliefert ist die Präsenz von Juden erstmals im Jahr 1212 in Basel. Im Mittelalter wohnten Juden in zahlreichen Schweizer Städten. Sie mussten Schutzgelder bezahlen, spezielle Kleidung tragen und durften keine handwerklichen Berufe ausüben. Die meisten waren als Geldverleiher tätig; in einem Gewerbe, das Christen verboten war. Nach der Aufhebung des christlichen Zinsverbots vertrieb man die Juden aus den Schweizer Städten; so dass ab Ende des 15. Jahrhunderts nur noch sehr wenige Juden in der Schweiz lebten.
Die Aargauer „Judendörfer“
Während langer Zeit waren die beiden „Judendörfer“ Lengnau und Endingen im Kanton Aargau die einzigen Orte, wo sich Juden in der Schweiz niederlassen durften. Die dort wohnhaften Juden hatten kein Schweizer Bürgerrecht und kein Recht auf Landbesitz. Die meisten von ihnen arbeiteten als Händler und Hausierer. 1750 erhielten die Juden die Erlaubnis, eine Synagoge zu bauen und einen eigenen Friedhof anzulegen.
Politische Emanzipation
Politische Reformen im 19. Jahrhundert verbesserten die Situation der Juden. 1866 erhielten sie vollständige Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit und die Möglichkeit, das Schweizer Bürgerrecht zu erwerben. Seit 1874 gibt es die allgemeine Kultusfreiheit, die freie Religionsausübung garantiert. Die Liberalisierung bot den Juden soziale und wirtschaftliche Aufstiegschancen; dies zog viele Immigranten aus unseren Nachbarländern und aus Osteuropa an. Die Neuankömmlinge brachten ihre eigenen religiösen Traditionen mit, die das Spektrum jüdischer Lebensarten erweiterten. Eine neue jüdische Denkströmung wurde in der Schweiz begründet: Der erste Zionistenkongress fand 1897 in Basel statt.
Organisation
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich im Judentum das Konzept der Einheitsgemeinde. Man wollte die vielfältigen religiösen Strömungen vereinen und damit die Gemeinschaft stärken. 1904 wurde der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) als Dachorganisation der jüdischen Gemeinden gegründet. Er sollte die Interessen der Juden bei den Behörden vertreten. Während den beiden Weltkriegen engagierte sich der SIG im Kampf gegen den Antisemitismus und in der Betreuung jüdischer Flüchtlinge. Der SIG ist ausserdem verantwortlich für den Import von koscherem Fleisch, da Schächten in der Schweiz seit 1893 verboten ist.
Heute
Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2000 gaben knapp 18 000 Personen an, dem jüdischen Glauben anzugehören. Dies entspricht 0,25 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Die meisten Schweizer Juden leben in grösseren Städten; die grössten Gemeinden befinden sich in Zürich, Basel und Genf. In vielen Kantonen sind die Juden als öffentlich-rechtliche Glaubensgemeinschaft anerkannt und somit den christlichen Landeskirchen gleichgestellt. Zurzeit gibt es in der Schweiz 24 jüdische Gemeinden, davon sind 18 Gemeinden Mitglieder der Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG).
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