Katholische Kirche

Geschichte

Die katholische Kirche ist die grösste religiöse Organisation der Welt; zu ihr gehört rund eine Milliarde Menschen - das ist ein Sechstel der Erdbevölkerung.

Jesus Christus

Jesus war der Sohn jüdischer Eltern, sein aramäischer Name Jeshua bedeutet soviel wie Gott hilft. Er lebte im kleinen Ort Nazareth in Galiläa, wo er wahrscheinlich als Handwerker arbeitete. Jesus konnte die heiligen Schriften lesen und auslegen. Etwa im Alter von 30 Jahren liess er sich von Johannes dem Täufer taufen und begann öffentlich zu predigen. Er wanderte durch Galiäa und gewann Anhänger. Anlässlich des Pessah-Festes kam er nach Jerusalem. Der Hohe Rat der Juden liess ihn dort verhaften; er warf Jesus vor, in seinen Predigten die Grundlagen der jüdischen Religion und die öffentliche Ordnung anzugreifen. Der römische Statthalter Pontius Pilatus verurteilte Jesus daraufhin zum Tod durch Kreuzigung. Nach der Ostergeschichte ist Jesus nach seinem Tod wieder auferstanden und in den Himmel aufgefahren. Er wird im Christentum nicht einfach als Gründer einer neuen Religion verstanden, sondern als Gott selbst, der sich den Menschen als Mensch offenbart hat.

Rosenkranz aus Holz

Das Urchristentum

Die Jünger Jesu fühlten sich zunächst weiterhin als Teil der jüdischen Gemeinde. Sie hielten die rituellen Gesetze ein und besuchten den Tempel. Missionare verbreiteten die christliche Botschaft. Die bekehrten "Heiden" fühlten sich jedoch nicht an die jüdischen Gesetze gebunden. Durch ihren Einfluss löste sich das Christentum allmählich vom Judentum und wurde eine eigenständige Religion. Ums Jahr 200 gab es im ganzen römischen Reich christliche Gemeinden. Diese waren jedoch immer wieder Verfolgungen durch die andersgläubigen Kaiser ausgesetzt.

Entstehung des christlichen Europa

Unter Kaiser Konstantin vollzog sich eine politische Wende. Er unterstützte das Christentum, weil er sich davon Einheit und Frieden in seinem Reich erhoffte. Auf Konzilen liess er die zentralen Lehren des christlichen Glaubens allgemeingültig festlegen und eine kirchliche Hierarchie begann sich zu entwickeln. 391 n.Chr. erhob Kaiser Theodosius das Christentum zur römischen Staatsreligion. Die katholische Kirche wurde zu einer "Grossorganisation". 1054 spalteten sich die orthodoxen Kirchen ab, weil sie den römischen Papst nicht als höchsten geistlichen Führer anerkennen wollten.

Die Christianisierung Europas vollzog sich vom 4. Jahrhundert an bis ins Mittelalter. Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches wurde die gemeinsame christliche Religion ein wichtiger Faktor für die Einheit Europas. Die Kreuzzüge gegen die Muslime und die Inquisition, die sich gegen so genannte Häretiker richtete, sollten die katholische Kirche verteidigen und stärken. Im Mittelalter entstand die scholastische Theologie, die den katholischen Glauben bis heute prägt.

Reformation und Gegenreformation

Im 14. und 15. Jahrhundert kritisierten verschiedene Reformbewegungen den Reichtum und die weltliche Macht der katholischen Kirche; sie werde in dieser Erscheinungsform ihrem ursprünglichen Auftrag nicht mehr gerecht. Alle Reformbestrebungen scheiterten jedoch. Erst 1517 war der deutsche Theologieprofessor Martin Luther erfolgreich: Seine Schriften verbreiteten sich in ganz Europa. Gleichzeitig waren in der Schweiz die Reformatoren Huldrych Zwingli und Johannes Calvin aktiv. Als Reaktion auf die Entstehung der neuen protestantischen Konfessionen führte die katholische Kirche eine Gegenreformation durch und versuchte die Protestanten entweder zurückzugewinnen oder zu vernichten. Dies führte unter anderem zum Dreissigjährigen Krieg. Im Friedensvertrag von 1648 wurden die konfessionellen Grenzen festgelegt.

Weltweite Verbreitung

Die katholische Kirche war bis ins 15. Jahrhundert fast ausschliesslich in Europa verbreitet. Durch Kolonialisierung und Missionierung breitete sie sich auch in Asien, Amerika und Afrika aus. Seit dem 18. Jahrhundert haben Aufklärung, Säkularisierung und Pluralisierung das Christentum in der westlichen Welt an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren lassen. Obwohl die katholische Kirche vom Vatikan aus geführt wird, hat sich ihr Schwerpunkt in die so genannte Dritte Welt verlagert. In Lateinamerika und in Afrika wächst die Zahl der Christen stetig an, während sie in Europa und in Nordamerika abnimmt. Die katholische Kirche ist heute eine weltumspannende Organisation mit über einer Milliarde Anhängern. Das Papsttum ist zwar eine unpolitische, aber in Fragen der Ethik einflussreiche Institution.

Kirche San Benedetto in Venedig

Glaubensinhalte

Grundzüge des christlichen Glaubens

Die Christen glauben an einen einzigen und allmächtigen Gott, der gleichzeitig in drei Zuständen – nämlich als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist – existiert. Jesus Christus ist der Sohn Gottes. Auf Erden war er sowohl ganz Mensch als auch ganz Gott, weshalb er als Vermittler zwischen Gott und den Menschen gilt. Die Christen glauben, dass Jesus mit seinem Tod ein Opfer erbracht habe, das alle Menschen, die ihn als ihren Erlöser anerkennen, von Schuld befreie. Am Ende der Zeit soll Jesus auf die Erde zurückkehren, die Toten wieder lebendig machen und allen Sündlosen das ewige Leben schenken. Gott wird als liebender Vater verstanden, der sich gegenüber den Menschen treu und versöhnlich verhält. So gilt denn auch die Liebe gegenüber Gott und seinen Mitmenschen als zentraler christlicher Wert. Die wichtigsten Sakramente (heilige Rituale) sind die Taufe und das Abendmahl (Eucharistie).

Das katholische Selbstverständnis

Die katholische Kirche versteht sich als von Jesus begründete heilige Institution, ihr Oberhaupt ist der Papst. Er gilt als direkter Nachfolger des Apostels Petrus und als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden. Der Papst wird als höchste christliche Instanz auf Erden angesehen, dem alle anderen geistlichen Würdenträger untergeordnet sind (Primat). Die kirchliche Hierarchie verfügt in Glaubensfragen über eine grosse Autorität. Die katholische Lehre bezieht sich als Glaubensgrundlage nicht nur auf die Bibel; Konzile und Päpste können ergänzend dazu verbindliche Leitsätze formulieren, die verbindlich sind. Lange reklamierte die katholische Kirche den alleinigen Wahrheits- und Erlösungsanspruch für sich. Die Dogmen über das Primat und die Unfehlbarkeit des Papstes erschweren die ökumenische Zusammenarbeit mit anderen Konfessionen bis heute.

Marienfigur in Galizien, Spanien

Zentrale Glaubenselemente

Rituale sind ein wichtiger Bestandteil des katholischen Gottesdienstes, die sieben Sakramente (Taufe, Firmung, Ehe, Krankensalbung, Eucharistie, Busse, Ordination) sind die wichtigsten. Die Sakramente werden als Handlungen verstanden, welche die Gnade Gottes vermitteln. Anders als die Protestanten, bei denen Sakramente rein symbolische Handlungen sind, glauben die Katholiken, dass Gott darin präsent sei. Sakramente dürfen nur von geweihten Amtsträgern vollzogen werden. In der römisch-katholischen Kirche ist die Weihe bis heute ausschliesslich Männern vorbehalten. Neben den Sakramenten ist auch die Heiligenverehrung ein wichtiges Element des traditionellen katholischen Glaubens. Durch die Heiligsprechung erklärt der Papst, dass eine verstorbene Person aufgrund erwiesener Tugend oder vollbrachter Wunder im Himmel sei und deshalb verehrt werden dürfe. Die wichtigste Heilige ist Maria, die Mutter Jesu Christi. Sie gilt als Fürsprecherin aller Christen und leitet die Gebete, die an sie gerichtet werden, an Gott weiter.

Richtungen

Rund 98 Prozent der Katholiken weltweit gehören der römisch-katholischen Konfession an. Eine kleine Minderheit der Katholiken gehört zu den orientalisch-katholischen Konfessionen, welche auch als unierte Kirchen bezeichnet werden. Die orientalischen Kirchen erkennen den Papst als ihr geistliches Oberhaupt an und glauben an die Dogmen der katholischen Kirche. Ihre Gottesdienste halten sie jedoch weitgehend nach dem Ritus der orthodoxen Kirchen ab. Eine andere Minderheit, die Alt- oder Christkatholiken, hat sich nach dem Ersten Vatikanischen Konzil (1869-70) von der römisch-katholischen Kirche abgespalten. Die Christkatholiken lehnen die Unfehlbarkeit des Papstes, das Zölibat und zahlreiche neuere Dogmen der katholischen Kirche ab. In der Schweiz leben etwa 13‘500 Christkatholiken.

Schweiz

Um 1850 – zur Zeit der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates – hatten die Katholiken einen Bevölkerungsanteil von 40 Prozent gegenüber den knapp 60 Prozent, die der evangelisch-reformierten Kirche angehörten. Aufgrund der Einwanderung von Arbeitern aus Südeuropa seit den 1950er-Jahren stieg der Bevölkerungsanteil mit katholischer Konfession jedoch an, so dass die katholische Kirche seit 1970 die grösste Religionsgemeinschaft der Schweiz darstellt. Heute geben 41,8 Prozent der Schweizer Bevölkerung an, der römisch-katholischen Kirche zugehörig zu sein.

Entwicklung

Die Reformation spaltete die Eidgenossenschaft in reformierte und katholische Orte. Dies führte bis ins 18. Jahrhundert zu politischen, manchmal kriegerischen Auseinandersetzungen. Nach der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates 1848 entstand eine konservative katholische Sondergesellschaft, die sich gegenüber der protestantischen Bevölkerungsmehrheit abgrenzte. Die katholische Kirche wehrte sich gegen die anbrechende Moderne und den bürgerlichen Liberalismus. Während der beiden Weltkriege fand eine weltanschauliche Annäherung an die gesamtschweizerische Gesellschaft statt; auf rechtlicher Ebene wurden die Katholiken der evangelisch-reformierten Kirche gleich gestellt. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) richtete sich die katholische Kirche grundlegend neu aus. Sie wurde der Moderne gegenüber aufgeschlossener, es kam zum Dialog mit den anderen christlichen Konfessionen.

Turm der Kathedrale von Chur, Schweiz

Die katholische Kirche muss unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Strömungen in sich vereinen. Sie weist heute eine grössere interne Vielfalt auf als früher. Während konservative Katholiken durch die Moderne eine Aufweichung des christlichen Glaubens befürchten und die alte Einheit zurückfordern, befürworten andere eine Individualisierung und bemühen sich, ihren Glauben mit der modernen Welt in Einklang zu bringen. Die katholische Kirche erbringt der Schweizer Gesellschaft wichtige gemeinnützige Dienstleistungen wie etwa Jugend- und Integrationsarbeit oder Seelsorge. Gleichzeitig steht sie jedoch auch im Konflikt mit wichtigen gesellschaftlichen Entwicklungen wie beispielsweise der Anerkennung des Konkubinats, der Homosexualität und der Empfängnisverhütung.

Organisation

Die katholische Kirche besteht in der Schweiz aus sechs Bistümern (Basel, St.Gallen, Chur, Lugano, Sion, Genf-Lausanne-Fribourg), denen die einzelnen Pfarreien zugeordnet sind. Die Vorsteher der Bistümer, die Bischöfe, sind zur Schweizer Bischofskonferenz (SBK) zusammengeschlossen. Die katholische Kirche ist als Landeskirche eine öffentlich-rechtlich anerkannte Glaubensgemeinschaft. Priester und Laien in kirchlichen Diensten brauchen die Missio Canonica, eine Beauftragung durch den Bischof, damit sie ihr Amt ausüben dürfen. Wegen Personalproblemen – es gibt immer weniger Priester – werden heute viele Kirchgemeinden von Laientheologen geleitet.

Quellen

Baumann, Martin / Stolz, Jörg (Hrsg.). Eine Schweiz – viele Religionen. transcript. 2007.

Der Brockhaus Religionen. Glauben, Riten, Heilige. Brockhaus. 2004.

Fischer, Helmut. Schnellkurs Christentum. DuMont. 2001

Harenberg Lexikon der Religionen. Harenberg Kommunikation. 2002.

Stiftung HLS (Hrsg.): Historisches Lexikon der Schweiz.

 


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