Der Hass auf den Westen - und was Religion damit zu tun hat
Geschrieben von: Michael Frey   
Dienstag, 16. Februar 2010 10:28

Jean Ziegler sprach in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel

Irgendwie erinnert er mich seit einiger Zeit an meinen Grossvater: Jean Ziegler redet genauso viel und schmückt das Gesagte mit bunten Anekdoten aus einem langen, interessanten Weltenbummler-Leben - etwas wirklich Neues hat er jedoch seit Jahren nicht mehr gesagt.

Am letzten Mittwochabend hätte der Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und emeritierte Soziologie-Professor in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel dazu die Gelegenheit gehabt. Denn die Zeitschrift für Religion und Gesellschaft „aufbruch“ lud Jean Ziegler ein, mit Blick auf sein neues Buch mit dem Titel „Der Hass auf den Westen“, in einem Referat die Frage zu beantworten, was denn dieser Hass auf den Westen mit Religion zu tun hat. Eine interessante Frage, doch eine Antwort blieb Ziegler dem Publikum im Grossen und Ganzen schuldig. Aber der Reihe nach.

Im ersten Teil seines Referats stellte Jean Ziegler die Thesen seines neuen Buches vor, Thesen, die wie gewohnt das Bild einer Welt zeichnen, in der ein diffuses Konglomerat aus westlichen Regierungen und multinationalen Konzernen die „Dritte Welt“ oder „die Völker des Südens“ beherrscht. In dieser Welt gebe es, so Ziegler, zwei Arten von Hass auf den Westen: den „pathologischen Hass“ einerseits, den „vernunftgeleiteten Hass“ andererseits. Der pathologische Hass, etwa der Hass der Terroristen von Al-Kaida oder der Drogenhändler des organisierten Verbrechens, interessiert Ziegler nicht. Dieser sei als verbrecherisch zu verurteilen. Vielmehr geht es ihm in seinem Buch um den vernunftgeleiteten Hass.

Jean Ziegler in der Offen Kirche Elisabethen (Foto: aufbruch.ch)

Diesen vernunftgeleiteten Hass definiert Ziegler als den Widerstand gegen die „Diktatur des Finanzkapitals“ und die „mörderische, kannibalische westliche Weltordnung“, als den Widerstand, der seinen Ursprung im „verwundeten Gedächtnis“ der vom Kolonialismus gedemütigten Völker hat – oder aber in der „Doppelzüngigkeit“ des Westens bezüglich der Menschenrechte: Es sei doppelmoralisch, wenn die UNO die Verbrechen der israelischen Armee im Gaza-Krieg von 2009 nicht verurteile, gleichzeitig jedoch Blauhelme nach Darfur im Sudan schicke, um dort Menschenrechte zu schützen.

Als Beispiel dafür, dass der vernunftgeleitete Hass auf den Westen allmählich auf der politischen Weltbühne Fuss zu fassen beginnt, nannte Ziegler etwa, dass der algerische Präsident Abd al-Aziz Bouteflika im Jahre 2007 vom fanzösischen Präsidenten Nicolas Sarkozy eine Entschuldigung für die Verbrechen während der Kolonialzeit verlangte. Oder etwa die Verstaatlichung der Ölförderung in Bolivien durch Präsident Evo Morales: Der ehemalige Kokabauer Morales habe den Kampf mit grossen Industriekonzernen aufgenommen, die Volk und Bodenschätze ausbeuten.

Jean Ziegler in der Offen Kirche Elisabethen (Foto: aufbruch.ch)

So weit, so gut – doch was hat dies alles mit Religion zu tun? Diese Frage wollte Ziegler eigentlich im zweiten Teil seines Referats beantworten. Doch anstatt auf die Frage des Abends einzugehen und seine alten Thesen mit etwas Neuem aufzufrischen, tat Ziegler das, was er am besten kann: Hunger- und Agrar-Statistiken sowie berühmte Soziologen und Philosophen zitieren. Als Ziegler aus dem Publikum aufgefordert wurde, jetzt doch bitte noch was zur Rolle der Religion zu sagen, fiel die Antwort dürftig aus: Nichts hat das alles mit Religion zu tun, das Leid auf der Erde ist menschgemacht. Punkt.

So endete der Abend dann auch so, wie solche Abenden meistens enden: mit polemischen Voten und Fragen aus dem Publikum, die mit allem, aber nicht mit dem eigentlichen Thema zu tun hatten. Schade eigentlich. Aber auch irgendwie voraussehbar. Was Jean Ziegler sagt und immer wieder sagt, ist wichtig und richtig, nur wissen es mittlerweile eigentlich alle, vor allem die jüngeren Generationen. Jean Ziegler hören dann auch vor allem jene zu, für welche die Welt vielleicht einmal eine gerechtere Welt war: Das Publikum in der Elisabethen war im Durchschnitt sicher fünfzig Jahre alt. All jenen jedoch, die sich konstruktive Lösungsvorschläge für eine gerechtere zukünftige Welt erhoffen, hat Jean Ziegeler anscheinend nichts Neues zu sagen. Auch wenn er viel redet und viele Anekdoten kennt.


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