| Neuformierung von Religion in der Gegenwart |
| Geschrieben von: Lena Mumenthaler |
| Dienstag, 25. Oktober 2011 18:53 |
Rezension: „Religionspolitik – Ă–ffentlichkeit – Wissenschaft“ von Martin Baumann und Frank NeubertÂDer Religion droht die Irrelevanz und ein nahes Ende. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war diese Ansicht in der Wissenschaft weit verbreitet. Mit Thomas Luckmanns These der Privatisierung der Religion, die er 1967 in „Die unsichtbare Religion“ veröffentlichte, änderte sich diese Sicht. Als nicht mehr nur die organisierten Religionen untersucht wurden, zeigte sich, dass Religion keineswegs aus dem Leben der Menschen verschwand. Im kĂĽrzlich erschienenen Sammelband „Religionspolitik – Ă–ffentlichkeit – Wissenschaft“ zeigen verschiedene (Religions-)Wissenschaftler, dass sich Religion und Religionen in gegenwärtigen Gesellschaften neu formieren und in den drei Bereichen Religionspolitik, Ă–ffentlichkeit und Wissenschaft wieder vermehrt eine Rolle spielen. 14 Artikel von verschiedenen Autoren, die meisten Religionswissenschaftler, zeigen in Einzelfällen auf, wie Religion in den drei Spannungsfeldern Religionspolitik, Ă–ffentlichkeit und Wissenschaft neu positioniert wird. Spannungsfeld Religionspolitik So wird im ersten Teil des Buches zum Bereich Religionspolitik deutlich, dass sich die Religionspolitik an die neue Präsenz der Religionen in der Ă–ffentlichkeit anpassen muss. Das wird unter anderem in der Schweizer Debatte um die Rolle der Muslime sichtbar. Antonius Liedhegener zum Beispiel untersucht in seinem Artikel „Mehr als Binnenmarkt und Laizismus? Die neue Religionspolitik der Europäischen Union“ das Zusammenspiel zwischen Religion und Politik in der Europäischen Union. Er zeigt auf, dass es in der EU Diskussionen um den Status der Religion im europäischen Recht, um den Gottesbezug in der Präambel und um Kompetenzen in der Religionspolitik gab. Spannungsfeld Ă–ffentlichkeit Im Teil zum Bereich Ă–ffentlichkeit wird näher darauf eingegangen, wie diese neue Präsenz der Religionen in der Ă–ffentlichkeit eigentlich aussieht. Besonders erwähnenswert scheint mir dabei der Artikel von Samuel M. Behloul zu sein. In seinem Aufsatz „Vom öffentlichen Thema zur öffentlichen Religion? Probleme und Perspektiven des Islam im Westen am Beispiel der Schweiz“ stellt Behloul dar, wie in der Schweiz ĂĽber Religion und speziell ĂĽber den Islam in der Schweiz diskutiert wird und wie deren Verständnis in das Konzept der Ă–ffentlichen Religion eingeordnet werden kann. Behloul stellt dar, dass in der Schweiz der Islam, und auch Religion allgemein, zur Deutung von sozialen Zusammenhängen dient. Der Islam wird dabei oft negativ essentialisiert, das heisst zum Beispiel, dass er mit Terrorismus gleichgesetzt wird. Dies hat zur Folge, dass sich muslimische Organisationen verstärkt in der Ă–ffentlichkeit zu Wort melden, um dieses negative Bild zu verändern. Spannungsfeld Wissenschaft und Säkularismus Wissenschaft wird oft als Gegensatz zu Religion dargestellt, und oft wurde postuliert, dass die Wissenschaft die Religion ablösen wĂĽrde. Die vier Artikel im dritten Teil des Buches versuchen exemplarisch aufzuzeigen, wie die Wechselbeziehung zwischen Religion und Wissenschaft bzw. Säkularismus aussehen kann. So untersucht Frank Neubert in seinem Artikel „Religionen als (die besseren) Wissenschaften? Ăśberlegungen zur modernen Selbstverortung von religiösen Bewegungen am Beispiel von ISKCON“ die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Wahrnehmung von Religion und Wissenschaft in der Gesellschaft. Als Beispiel dient ihm die ISKCON, die Internationale Gesellschaft fĂĽr Krishna Bewusstsein, welche versucht, sich als ideale Wissenschaft zu positionieren. Religion behält ihre gesellschaftliche Bedeutung Diese Einzelbeispiele bieten interessante Einsichten darĂĽber, wie Religionen und säkulare Bewegungen in verschiedenen Gesellschaften heute agieren und miteinbezogen werden. Durch diese breite Darstellung fehlt dem Buch aber ein wenig der Zusammenhalt und die Einzelbeispiele stehen ein wenig leer im Raum. Das fĂĽhrt dazu, dass gewisse theoretische HintergrĂĽnde fehlen und beispielsweise JosĂ© Casanovas Buch „Public Religions in the Modern World“ (1994) mehrmals erwähnt wird, ohne dass näher darauf eingegangen wird. Die einzelnen Artikel in „Religionspolitik – Ă–ffentlichkeit – Wissenschaft“ tragen somit zu einem besseren Verständnis der Rolle von Religion bzw. Religionen in der Gegenwart bei, sind jedoch fĂĽr Leser ohne theoretisches Hintergrundwissen eher schwer verständlich. FĂĽr die Forschung oder fĂĽr konkrete Informationen zu einem Einzelfall ist das Buch auf jeden Fall lesenswert und zeigt: In ihrer Neuformierung ist Religion auch in modernen Gesellschaften nach wie vor relevant. Martin Baumann und Frank Neubert (Hg.): Religionspolitik – Ă–ffentlichkeit – Wissenschaft. Studien zur Neuformierung von Religion in der Gegenwart, CULTuREL Bd. 1. TVZ, ZĂĽrich 2011, 354 Seiten. |