Reformierte Kirche

Geschichte

Die Evangelisch-reformierte Kirche der Schweiz ist eine der protestantischen Glaubensrichtungen, die aus der Reformation (16. Jh.) entstanden sind. Es gibt verschiedene reformierte Kirchen, denen allen gemeinsam ist, dass sie sich auf die Lehren der Schweizer Theologen Johannes Calvin (1509 - 1564) und Huldrych Zwingli (1484 - 1531) beziehen. Die Mitgliederzahl der verschiedenen reformierten Kirchen wird weltweit auf 75 Millionen geschätzt.

Jüngstes Gericht auf dem Portal des Berner Münsters, Schweiz

Martin Luther (1483 - 1546)

Martin Luther wurde 1483 in Eisleben, Deutschland, geboren. Noch während seines Rechtsstudiums trat er dem Augustiner-Eremiten-Bettelorden bei und wurde Theologieprofessor. Getrieben von der Frage, wie der Mensch vor Gott von den Sünden befreit werden könne, kam er zum Schluss, dass dies nur durch den Glauben allein geschehen kann. Diese Erkenntnis stand jedoch in starkem Widerspruch zum Ablasshandel, welchen die katholische Universalkirche zu dieser Zeit ausgiebig praktizierte.

1517 veröffentlichte Luther 95 Thesen, mit denen er die Rückkehr zu den Evangelien forderte. Vier Jahre später wurde er vom Papst exkommuniziert und vom Kaiser für vogelfrei erklärt. Nachdem Luther beim Kurfürsten Friedrich III Unterschlupf gefunden hatte, übersetzte er erstmals die Heilige Schrift ins Deutsche und machte sie so auch dem Volk zugänglich. Luthers Gedankengut verbreitete sich in weiten Teilen Europas. Seine Anhänger prangerten soziale Missstände an und es kam zu Glaubenskriegen, die erst 1555 mit dem Augsburger Religionsfrieden geschlichtet werden konnten. Der evangelische Glaube wurde in Augsburg erstmals offiziell anerkannt. Dennoch hielten die religiöse Verfolgung und Diskriminierung durch die katholische Kirche, aber auch die Streitigkeiten zwischen den verschiedenen protestantischen Strömungen an. Zahlreiche protestantische Gemeinschaften wanderten deshalb in den folgenden Jahrhunderten nach Amerika aus und fanden dort eine neue Heimat.

Ökumene

Die Bezeichnung Ökumene leitet sich ab vom griechischen Wort „Oikoumene“, was soviel wie menschenbewohnte Welt bedeutet. Heute bezeichnet Ökumene die Zusammenarbeit unterschiedlicher Konfessionen. Glaubensstreitigkeiten unter Christen hatte es bereits lange vor der Reformation gegeben und hielten weiter an. Im 19. Jahrhundert begann man immer stärker zu hinterfragen, wie sich das Gedankengut Christi glaubwürdig verbreiten lässt, wenn die Gläubigen untereinander zerstritten sind. Verschiedene zögerlich voranschreitende Bemühungen für eine Zusammenarbeit scheiterten jedoch. 1948 entstand der Ökumenische Rat der Kirchen, kurz Weltkirchenrat genannt. Anfänglich beteiligten sich vorwiegend evangelische Gemeinschaften, später auch vermehrt andere christliche Kirchen. Heute zählt der Weltkirchenrat 348 Mitgliedskirchen. Das Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche als alleingültige Papstkirche steht im Widerspruch zur Ökumene. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 zeigt sie sich zwar gesprächsbereit, doch eine Mitgliedschaft im Weltkirchenrat ist auch in nächster Zeit nicht zu erwarten.

Glaubensinhalte

Grundzüge des christlichen Glaubens

Die Christen glauben an einen einzigen und allmächtigen Gott, der gleichzeitig in drei Zuständen – nämlich als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist – existiert. Jesus Christus ist der Sohn Gottes. Auf Erden war er sowohl ganz Mensch als auch ganz Gott, weshalb er als Vermittler zwischen Gott und den Menschen gilt. Die Christen glauben, dass Jesus mit seinem Tod ein Opfer erbracht habe, das alle Menschen, die ihn als ihren Erlöser anerkennen, von Schuld befreie. Am Ende der Zeit soll Jesus auf die Erde zurückkehren, die Toten wieder lebendig machen und allen Sündlosen das ewige Leben schenken. Gott wird als liebender Vater verstanden, der sich gegenüber den Menschen treu und versöhnlich verhält. So gilt denn auch die Liebe gegenüber Gott und seinen Mitmenschen als zentraler christlicher Wert. Die wichtigsten Sakramente (heilige Rituale) sind die Taufe und das Abendmahl (Eucharistie). Sie werden von allen Richtungen des Christentums anerkannt.

Die protestantische Lehre

Die protestantische Kirche lehnt die Autorität einer kirchlichen Institution ab und unterwirft sich deshalb auch nicht dem Papst. Zentrales Element aller evangelischen Gemeinschaften ist die Heilige Schrift, die Predigt wird in der jeweiligen Landessprache gehalten. Die Bibelauslegung kann jedoch je nach Glaubensausrichtung der verschiedenen Gemeinschaften von einer wörtlichen bis zu einer freien Interpretation variieren. Bereits die beiden grossen Reformatoren Luther und Zwingli waren sich nicht einig über die Bedeutung des Abendmahls. Während Luther die traditionell geprägte Auffassung der Wandlung (Gottes reale Gegenwart im Sakrament) beibehalten wollte, hatte das Abendmahl für Zwingli symbolischen Wert. So wird es in der reformierten Kirche als Gedenkmahl und nur an hohen Festtagen gefeiert.

Die Nydeggkirche in Bern

Im Unterschied zur römisch-katholischen Kirche kennt die evangelische Kirche keinen Heiligenkult. Auch Maria wird nicht als Heilige verehrt. Allerdings gilt die Mutter Jesu auch bei den Protestanten als Beispiel für Glaube und Vertrauen. Des Weiteren lehnt die reformierte Kirche die Beichte und das Zölibat ab. Hingegen erlaubt sie, dass auch die Abendmahlbesucher vom Wein trinken und Frauen ordiniert werden. Johannes Calvin ist der bekannteste Vertreter der Prädestinationslehre. Sie besagt, dass die Errettung durch Gott allein aus seiner Gnade geschieht und der Mensch ohne eigenen Einfluss von Gott erwählt oder auf ewig verdammt wird (doppelte Prädestinationslehre).

Schweiz


Die Reformation in der Schweiz wurde angeführt durch Huldrych Zwingli in der Deutschschweiz und Johannes Calvin in der Romandie. Ihr Gedankengut breitete sich vor allem in den Kantonen Zürich, Genf, Bern, Neuenburg, Appenzell-Ausserrhoden, Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Schaffhausen und Waadt; zum Teil auch in Aargau, Glarus, Graubünden, St. Gallen und Thurgau aus. Heute bekennt sich ein Drittel (2,4 Millionen) der Schweizer Bevölkerung zum reformierten Glauben.

Huldrych Zwingli (1484 - 1531)

Huldrych Zwingli wurde 1484 in Wildhaus, SG, als Sohn eines angesehenen Bauern geboren. Nach dem Philosophie- und Theologiestudium übernahm er eine Pfarrstelle in Glarus. 1519 wurde er als Leutpriester ins Zürcher Grossmünster berufen. Dort brach er mit mehreren kirchlichen Traditionen und erkannte, dass allein Gottes Gnade zur Erlösung führen kann. Eine 1522 verfasste Schrift gegen das Fasten führte zum Streit mit der kirchlichen Obrigkeit. Zu seiner Verteidigung verfasste Zwingli in 67 Artikeln seine reformatorischen Erkenntnisse. Der Zürcher Rat liess sich davon überzeugen und übernahm Zwinglis Neuerungen. Binnen zweier Jahre war die Reformation in Zürich verwirklicht worden. Nach diesem Erfolg strebte Zwingli eine europaweite Reformation an und nahm dafür auch kriegerische Auseinandersetzungen in Kauf. Zwingli starb 1531 während eines Zuges gegen die am Katholizismus festhaltenden Innerschweizer Kantone.

Das Fraumünster in Zürich

Johannes Calvin (1509 - 1564)

Johannes Calvin stammte aus der französischen Stadt Noyon. Bereits während seines Jura-Studiums kam er in Kontakt mit den reformatorischen Schriften. Nach dem Tod seines Vaters begann er, das protestantische Gedankengut zu vertreten, worauf er nach Basel ins Exil flüchten musste. 1536 gelangte er erstmals nach Genf und gründete eine reformierte Kirche. Doch bereits drei Jahre später wiesen ihn die Behörden aus. Nachdem er in Strassburg eine Professur inne gehabt hatte, kam er 1541 erneut nach Genf, baute die reformierte Kirche weiter aus und leitete sie mit eiserner Hand bis zu seinem Tod im Jahr 1564.

Organisation

Die reformierte Kirche ist grundsätzlich demokratisch organisiert. Die Mitglieder einer Kirchgemeinde wählen ihre Amtsträger selbst und führen ihre Gemeinde weitgehend autonom, unter Einhaltung der kantonalen Kirchenordnung und der staatlichen Gesetze. Die Kirchgemeinde ist zuständig für Gottesdienst, Unterweisung, Seelsorge und soziale Werke. Die meisten Kirchgemeinden sind Teil einer Kantonalkirche. Diese regelt das Verhältnis von Kirche und Staat und ist analog zu letzterem aufgebaut: Die Synode (Legislative) wird vom Volk gewählt, die Synode wählt ihrerseits den Synodalrat (Exekutive). Nebst den Beziehungen zum Staat ist die Kantonalkirche auch zuständig für gesamtkirchliche Pfarrämter, die Ausbildung der Mitarbeiter und Stellungnahmen zu religiösen oder politischen Fragen. Alle reformierten Kantonalkirchen und die evangelisch-methodistische Kirche der Schweiz sind Mitglieder des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. Dieser Verein vertritt die protestantischen Anliegen auf nationaler und internationaler Ebene, zum Beispiel im Weltkirchenrat.

Quellen

Bedürftig, Friedemann. Christentum. Geschichte und Gegenwart. Honos Verlag. 2003.

Harenberg Lexikon der Religionen. Die Religionen und Glaubensgemeinschaften der Welt. Ihre Bedeutung in Geschichte, Alltag und Gesellschaft. Harenberg Verlag. 2004.

John Bowker (Hrsg.). The Oxford Dictionary of World Religions. Oxford University Press. 1997.

Lenoir, Frédéric; Tardan-Masquelier, Ysé (Hrsg). Encyclopédie des religions. Bayard. 2000.

Malherbe, Michel; Chabert d’Hières, Anne. Religionen. Fleurus Verlag. 2006.

Malherbe, Michel. Les religions. Repères pratiques. Nathan. 2000.

 


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