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Grabfelder – Symbole des Ankommens in der neuen Heimat

Die Grabfelder einer Stadt sagen immer auch etwas über die Menschen aus, die in dieser Stadt gelebt haben. Seit noch nicht allzu langer Zeit finden sich auf Friedhöfen in verschiedenen Städten in der Schweiz auch Grabfelder von Muslim:innen, Hindus und Buddhisti:nnen – aber auch Naturbestattungen haben zugenommen. Diese durch die Migration und Säkularisierung herbeigeführten Veränderungen in der Bevölkerung mussten in ihren friedhofspolitischen Konsequenzen in den letzten Jahrzehnten neu ausgehandelt werden.

Schon 1874 übernahm die Stadt Zürich die Verantwortung für das Bestattungswesen von der Kirche. Die städtischen Friedhöfe sind folglich konfessionsneutral. Grundsätzlich könnte also jeder darauf beigesetzt werden. Grundlage ist einfach die kantonale Bestattungsverordnung, so Rolf Steinmann, Co-Leiter des Bestattungs-und Friedhofamtes in Zürich. Doch so einfach ist es dann doch nicht: Menschen mit unterschiedlichen religiösen und nicht-religiösen Hintergründen haben andere Vorstellungen vom Tod und was danach kommt und entsprechend auch andere Vorstellungen davon, wie mit ihren Körpern nach dem Tod verfahren werden soll und welche Zeremonien und Rituale abgehalten werden müssen. 

Die Stadt Zürich hat die Oberaufsicht über alle 24 Friedhöfe auf Stadtgebiet. Dabei sind fünf von ihnen privat – und vier davon sind jüdisch. Der fünfte Friedhof habe sich, so Steinmann, in den 1850er Jahren als Friedhof für die reicheren Familien entwickelt. Dieser sei aber finanziell nicht von der Stadt getragen. Weil das Bestattungswesen jedoch bei der Stadt liege, hat die Stadt trotzdem über alle Friedhöfe die Oberaufsicht, was auch zur Konsequenz hat, «dass man nicht einfach machen könne, was man wolle». 

Der persönliche Kontakt ist wichtig

«Trotz dieses säkularen Bestattungswesens in Zürich ist es wichtig, die Religionsgemeinschaften miteinzubeziehen, da ihre Vorstellungen vom Tod und wie mit ihm umzugehen ist, auch auf dem Friedhof beachtet werden muss», meint Steinmann dazu. Mit den christlichen Konfessionen bestehe schon seit Anbeginn der Übernahme des Bestattungswesens durch die Stadt ein reger Austausch – wie auch mit den jüdischen Gemeinden. «Grundsätzlich ist es wichtig, dass man sich kennt und einen persönlichen Kontakt pflegt.». 

Der lange Prozess bis zu den ersten muslimischen Grabfeldern

Der Austausch mit Muslim:innen wird seit den 70er Jahren gepflegt. 1973 lebten ungefähr 4000 Muslim:innen in der Stadt Zürich. Damals wurde das erste Gesuch gestellt, um muslimische Grabfelder zu errichten – und es wurde abgelehnt. Es bestanden damals noch keine rechtlichen Grundlagen dafür. 1994 wurde von muslimischer Seite dann wieder einen Antrag gestellt, diesmal auf einen eigenen Friedhof. Diesem privaten muslimischen Friedhof wurde 1996 durch den Kanton grünes Licht gegeben. Die private Finanzierung kam jedoch nicht zu Stande. In der Zwischenzeit wuchs die Zahl der Muslim:innen in der Stadt auf über 30’000 an. Einen Rückschlag erfuhr man 1999, als das Bundesgericht entschied, dass für Muslim:innen kein Anspruch auf eine ewige Grabesruhe auf städtischen Friedhöfen bestehe – ein zentraler Punkt für viele Muslim:innen. Denn in der Schweiz werden Gräber in der Regel nach 20-25 Jahren wieder aufgehoben.

2001 wurde schliesslich die kantonale Bestattungsordnung geändert, um auch die Bestattung von Menschen mit anderer Religionszugehörigkeit zu ermöglichen. Nun durften auch andere Religionsgemeinschaften auf dem Friedhof ihre Grabfelder einrichten, allerdings wurde auf der Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben der Minimalgrabesruhe beharrt. Eine immerwährende Grabesruhe blieb damit weiterhin verwehrt. 

Ein Weg aufeinander zu

Verschiedene Punkte sind für viele Muslim:innen bezüglich ihrer Bestattung wichtig: Eine Erdbestattung ist notwendig, eine Kremation ist nicht möglich. Die Bestattung muss so schnell wie möglich stattfinden, am Todestag oder am Tag darauf. Die Gemeinschaft soll räumlich zusammengefasst werden und also ein Abteil für sich zur Verfügung haben. Die Gräber müssen in der Achse 34°-214° in Richtung Mekka angelegt werden. Das Gesicht der verstorbenen Person muss ebenfalls in Richtung Mekka blicken. Vor der Bestattung muss eine rituelle Waschung stattfinden, wonach der Leichnam in ein Leichentuch eingewickelt wird. Danach wird ein Totengebet verrichtet. Wenn möglich wird der Leichnam nur in ein Tuch eingewickelt vergraben und die Gebeine sollen nie mehr aus dem Grab entfernt werden. Ausserdem soll die Grabestiefe mindestens dreiviertel einer Menschenhöhe betragen. Die Grabsteine und die Grabesbepflanzung sind schlicht zu halten.

Die Stadt kam den muslimischen Gemeinschaften in verschiedenen Punkten entgegen, woraufhin 2004 das erste muslimische Grabfeld auf dem Friedhof in Zürich Witikon eröffnet werden konnte. Man richtete einen Waschraum her wie auch zwei Aufbahrungsräume und einen Vorbeterraum. Ein Mäuerchen umfasst nun die muslimischen Gräber. Die Erdbestattung ist in einem Sarg aus Pappelholz erlaubt, die Gräber sind nach Mekka ausgerichtet und ein Grab wird nach 20 Jahren nur oberflächlich ausgeräumt. Dabei findet eine erste Bestattung in einem Grab auf zwei Metern Tiefe statt, eine zweite Bestattung ist auf einer Tiefe von 1.8 Metern möglich und schliesslich eine dritte Bestattung in 1.6 Metern Tiefe. Ausserdem besteht die Möglichkeit ein Grab zu mieten, wie dies früher hier mit Familiengräbern üblich war. So kann ein Grab auch bis zu 70 Jahren oder darüber hinaus bestehen bleiben. 

Während Muslim:innen der ersten Einwanderergeneration ihre Toten in den Heimatländern beerdigten, lassen sich nun die zweite und dritte Generation auch in der Schweiz beerdigen.

2019 wurden die Muslimgrabfelder erweitert – Muslim:innen machen in der Zwischenzeit ungefähr 5-6% der ständigen Wohnbevölkerung im Kanton aus. Während sie in der ersten Einwanderergeneration ihre Toten in den Heimatländern beerdigten, lassen sich nun die zweite und dritte Generation auch in der Schweiz beerdigen. Auch Kinder werden meistens hier beigesetzt, wo ihre Familien leben. Mit Muslim:innen trifft sich Steinmann eher projektbezogen, wenn es konkrete Fragestellungen gibt. Das alles sei bis zu diesem Punkt ein längerer Prozess gewesen. Viele Menschen hätten sich engagiert und es habe sehr geholfen, dass sich die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich VIOZ als verlässlicher Partner, Gegenüber und Anlaufstelle, für muslimische Grabfelder eingesetzt habe.

Hinduistische Bestattungszeremonie. Quelle: BFA Stadt Zürich

Jüdische Friedhöfe und hinduistische Bestattungszeremonien

Die jüdischen Gemeinden haben eine etwas andere Ausgangslage, da jede Gemeinde ihren eigenen Friedhof besitzt. Auch bei jüdischen Gemeinschaften findet eine rituelle Waschung statt, bei den meisten befinden sich ihre Waschräume auch auf ihren Friedhöfen. Nur die Gemeinschaft der Liberalen Juden wäscht ihre Toten wie die Muslim:innen auf dem Friedhof in Witikon. 

Die Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinschaften konzentriert sich daher auf andere Bereiche. Agudas Achim und der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich habe man zum Beispiel ein Bestattungsauto der Stadt vermitteln können. Mit den jüdischen Gemeinden treffe man sich ausserdem an einem Runden Tisch, weil die Zukunft der Friedhöfe geplant werden müsse. Denn auch bei den jüdischen Gräbern gebe es eine ewige Grabesruhe. «Das bringt natürlich Konsequenzen für das zur Verfügung stehende Land mit sich. Momentan gibt es noch genügend Landreserven, aber es muss darüber nachgedacht werden, wie sich diese Situation bis in 20-25 Jahren entwickelt», meint Steinmann. «Hier muss eine politische Lösung angestrebt werden, da die ewige Grabesruhe auch rechtlich geregelt ist, was eine gewisse Vorlaufszeit braucht.» Und betont, dass gerade in solchen Situationen eine frühzeitige gute Zusammenarbeit, wie sie mit den jüdischen Gemeinschaften bestehe, äusserst wichtig sei.

Mit Hindus und Buddhist:innen ist Rolf Steinmann eher punktuell im Austausch, das seien auch viel weniger Menschen und Beisetzungen fänden immer noch häufig im Ausland statt. Hindus hätten aber im Krematorium Nordheim die Möglichkeit, ihre Bestattungsrituale durchzuführen. So können sie den Sarg mit Räucherstäbchen aufbahren, die in der Gemeinschaft für die Bestattung verantwortlichen Personen kommen vorbei und führen Rituale durch und die nächsten Angehörigen können den Sarg zum Kremationsofen begleiten und symbolisch, anstatt dass sie das Feuer entzünden, können sie den Knopf drücken, welcher die Ofentür öffnet. Oft übergeben sie die Asche dem Wasser, weil das ein Kraftort für sie ist. In Zürich befindet sich ein solcher Kraftort beim Platzspitz hinter dem Landesmuseum, wo die Sihl und die Limmat zusammenfliessen. Zusammen habe man sich bemüht, dass sie einen guten Zugang dazu hätten. 

Eine würdige Bestattung nach den eigenen Vorstellungen und Ritualen ist einfach auch ein Grundrecht, weshalb die hiesige Gesellschaft gefragt ist, das auch zu ermöglichen.

Auch mit anderen Religionsgemeinschaften steht Steinmann immer mal wieder in Kontakt. So zum Beispiel mit Aleviten, die für die rituellen Waschungen Räume benötigen. Mit buddhistischen Gemeinschaften sei der Kontakt ebenfalls vorhanden, wenn auch etwas loser. Dabei spielen auch die Integrationsabteilung der Stadt sowie das Forum der Religionen in Zürich eine Rolle. Gerade wenn es um den Austausch von Informationen geht, aber auch darum, Vorurteile abzubauen und konstruktiv mit diesen neuen Fragestellungen umzugehen, ist diese Zusammenarbeit wichtig. «Eine würdige Bestattung nach den eigenen Vorstellungen und Ritualen ist einfach auch ein Grundrecht, weshalb die hiesige Gesellschaft gefragt ist, das auch zu ermöglichen,» so Steinmann.

Von Seiten der Stadt wird versucht, Wünsche aufzunehmen. Diese können nicht immer schnell umgesetzt werden, weil häufig politische Prozesse dahinterstehen. Dennoch sucht man zusammen nach Lösungen und hat diese auch gefunden. Für die Erfüllung einiger Wünschen ist man in der Schweiz noch nicht so weit. So musste zuerst ein Verständnis für die rituelle Waschung aufgebaut werden. Gerade auch eine Beisetzung ohne Sarg bei Muslim:innen ist nach wie vor nicht möglich. In Deutschland lassen dies gewisse Bundesländer schon zu: eine Bestattung ohne Sarg und nur in ein Leichentuch gehüllt. «Manchmal fokussiert man sich etwas zu sehr auf die eigenen Vorstellungen davon, was richtig oder falsch ist. Deshalb muss man auch aufeinander zugehen, nicht nur auf Positionen verharren, sondern auch Kompromisse suchen. Dafür braucht es engagierte Menschen, um Vertrauen aufzubauen und um gegenseitig das Verständnis für anderen Kulturen zu fördern», meint Steinmann.

Veränderungen der Bestattungskultur? 

Trotzdem, dass in der Stadt ungefähr ein Drittel der Bevölkerung konfessionslos ist, hat sich die Bestattungskultur nur wenig verändert. Sie ist zwar in Bewegung, aber doch eher langsam. Man trage eben gewisse Vorstellungen vom Friedhof in sich, weshalb sich nicht so viel verändert habe. 2011 seien auch die Grabmahlrichtlinien gelockert worden, in der Praxis sehe man da aber wenig Konsequenzen. Die Individualisierung schlage sich indes in den Ritualen nieder, die nun teilweise auch anders stattfinden würden als früher üblich. Steinmann meint: «Wenn man von einem Trend sprechen möchte im Bestattungswesen, ist es sicher die Kremation. Neun von zehn Verstorbene lassen sich kremieren und rund 40% davon in einem Gemeinschaftsgrab beisetzen. Auch lassen sich mehr Personen in der freien Natur beisetzen. In der Stadt Zürich sind das aber nicht die grossen Massen.» 

Mit einer Kremation gebe es viel mehr Bestattungsmöglichkeiten. So könne die Urne mit nach Hause genommen, die Asche in der Natur verstreut oder erst mit dem Zweitversterbenden beigesetzt werden.

Auch die Stadt versucht, gesellschaftliche Veränderungen aufzugreifen. So möchte man zum Beispiel die Reihengräber verändern. «Früher waren diese so richtig militärisch in Reih und Glied, das entspricht den Menschen heute nicht mehr so», meint Steinmann. Neu gibt es Themenmietgräber und die Gräber werden lockerer angeordnet. Sie werden zum Beispiel immer wieder von Pflanzen unterbrochen oder auch in Modulen gestaltet, sollen gestalterisch mehr Luft und Möglichkeiten geben. Auch auf die Ökologie wird geachtet. Am besten sollen nur einheimische Pflanzen den Friedhof zieren und Bienenvölker sind auf verschiedenen Friedhöfen angesiedelt worden und produzieren nun den Friedhofshonig. Die Biodiversität und Naturnähe ist also auch im Bestattungswesen angekommen. 

Auch bei muslimischen oder buddhistischen Gräbern sieht Steinmann Veränderungen: «Obwohl sie traditionell eher schlicht ausgestattet sind, haben Blumen mit der Zeit an Stellenwert gewonnen.»

Insgesamt gibt es immer weniger Gräber auf dem Friedhof, weil immer mehr Menschen in Gemeinschaftsgräber gehen. Nur noch rund 100 Familiengräber werden in der Stadt Zürich pro Jahr vermietet, was eine immense Veränderung in der Bestattungskultur darstellt. Dies ist auch auf sich wandelnde Familienkonstellation in der Gesellschaft zurückzuführen: Man will den Nachkommen keine Kosten aufbürden, weshalb die grosszügigen Familiengräber, wie man sie früher gekannt habe, nicht mehr so gefragt sind. Auch bei muslimischen oder buddhistischen Gräbern sieht Steinmann Veränderungen: «Obwohl sie traditionell eher schlicht ausgestattet sind, haben Blumen mit der Zeit an Stellenwert gewonnen.»

Rolf Steinmann, Co-Leiter Bestattungs- und Friedhofamt, Stadt Zürich

Rafaela Estermann, geboren 1993, ist die Redaktionsleitung von religion.ch. Seit bald fünf Jahren arbeitet sie neben ihrem Studium der Religionswissenschaft an der Universität Zürich bei IRAS COTIS. Sie ist in den letzten Zügen ihrer Masterarbeit zu Nicht-Religion und Säkularität. Zudem arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Fakultät Zürich in einem Forschungsprojekt (MORE) zum Religionsunterricht über den Islam in verschiedenen Religionsunterrichtsmodellen in der Schweiz, Deutschland und Österreich.

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