Thomas Philipp

Jenseits des Männerbundes

Es herrschten ungeordnete Verhältnisse, als man die priesterliche Ehelosigkeit einführte. Im 9. bis 11. Jahrhundert bestimmten Adelsherren, was in der Kirche geschah; Ämter waren käuflich. Dagegen stand die Bewegung von Cluny auf: für die Freiheit der Kirche! Dazu wollte sie die ganze Kirche organisieren wie ein Männerkloster, die damals integerste und fruchtbarste Lebensform der Christen. Die Priester sollten, wie die höheren Mönche von Cluny, der Handarbeit, Sexualität, Familie, aller Sorge um das Weltliche enthoben sein. Ihr Leben des Gebetes sollte das Himmelreich vorwegnehmen. Straffe und eindeutige Gehorsamsbeziehungen sollten den Missständen den Garaus machen. Es war ein Mönch aus Cluny, Papst Gregor VII., der 1074 den Priestern die Ehelosigkeit vorschrieb. Den Priester dem problematischen Strom des Lebens entheben, einen Standpunkt darüber schaffen, in ungebrochener Loyalität: Der Wunsch, sich die Untiefen vom Leib zu halten, ist ein zentrales Motiv des Zölibatsgesetzes.

Hier schlägt sich die Brücke ins 21. Jahrhundert. Zwar gebe es keinen Zusammenhang zwischen ehelosem Leben und Pädophilie, so die meisten Therapeuten, die sich in den letzten Wochen zu Wort gemeldet haben. Aber das zölibatäre Priesteramt, so auch Kirchenleute wie Wunibald Müller oder Klaus Baumann, könne für junge Männer attraktiv sein, die sich nicht mit den Untiefen ihrer Sexualität und ihrer Sehnsucht nach Beziehung auseinandersetzen möchten. Solche unreifen Männer stünden später in Gefahr, ihrer schwachen Sexualität ein schwaches Gegenüber zu suchen.

Mit der Freiheit der Kirche gegenüber dem Adel hat Cluny ein Ziel welthistorischen Gewichts erreicht. Die Organisation der Kirche als Männerkloster ist darum noch kein Kleid für die Ewigkeit. Denn erstens ist sie Teil einer Defensivstrategie. Sie sieht die Welt als Bedrohung, nicht als Chance zu Kommunikation und Wachstum. Diese Sicht ist schon seit dem 13. Jahrhundert überholt, als Thomas von Aquin die Welt und die natürlichen Kräfte des Menschen positiv zu sehen lehrte: sie seien vor allem Schöpfung des guten Gottes, nicht dunkle Gegenkräfte der Frohen Botschaft.

Zweitens löst das Neue Testament soziale Grenzen unter Christen auf. Darum gibt es nicht Juden noch Griechen, nicht Sklaven noch Freie, nicht Mann noch Frau, denn ihr seid alle einer in Jesus Christus (Gal 3,28). Die Vision von Cluny aber verfestigt solche Grenzen. Es entsteht ein vom Profanen abgetrennter, sakraler Raum der Priester, der nicht zur Welt gehört, nicht dem staatlichem Recht untersteht, in einer besonderen Aura des Heiligen erscheint. Der Priester bringt nicht nur das Opfer dar. Besondere Verzichte machen sein ganzes Leben zum heiligen Opfer: Priesterleben – Opferleben! Ein mächtiges Tabu – jeder Katholik kennt dieses Gefühl – schützt ihn vor Kritik aus dem Volk.
Das Neue Testament stützt sich nicht auf die griechischen Begriffe sakral und profan. Es findet Gott nicht im Tempel. Seine Leitfiguren knüpfen nicht an die jüdische Priesterklasse an. Weder Jesus noch einer der Apostel gehörte ihr an; die Verantwortlichen der ersten Christen hiessen Diener, Ältester, Aufseher, nie hiereus, Priester.

Die Unantastbarkeit (sacralité) bestimmter Dinge oder Personen, so der angesehene Bischof von Poitiers, Albert Rouet, „ist ein tief heidnisches Thema“ . Es verstümmelt das Christentum. Das Sakrale fasziniert, natürlich, weil es eine statische Lösung der Frage nach Sinn anbietet, eine Lösung, die der Mühe des Suchens und des Weges enthebt. „Das Sakrale bietet einen Spiegel an. Die Leute schauen darin ihr eigenes Bild an, natürlich idealisiert. Das ist eine Ausflucht. Es ist ein Trick darin, wie unwillentlich. Man nimmt wahr, wie der Wille zur Macht, der mit der Einheit gegeben ist, eine Identität inszeniert. Alles bleibt bei der Bestätigung des Gleichen.“ Die Begriffe sakral und profan beschädigen die Mitte des Christentums, nämlich die bejahenden Beziehungen, in welche der dreifaltige Gott die Menschen hinein nimmt. Rouet ist es schrecklich, wenn ein Kleriker seine Macht spüren lässt, weil sich diese Art von Macht nur auf das heidnische Recht des Sakralen stützen kann. Christlich ist der Priester „kein Konkurrent der Laien, was in der Gegenüberstellung von sakral und profan immer der Fall ist. Vielmehr ermöglicht er den Laien, ihre Charismen auszudrücken und sie im Dienst aller einzusetzen“, nämlich indem er Beziehungen schafft!

Nachdem sie ein Jahrtausend geprägt hat, zerbricht in diesen Monaten die Vision des vom Volk abgesonderten Priesters. Sie kann sich nicht mehr erholen. Denn aus den Behandlungszimmern der Therapeuten hat ein neues Menschenbild den Weg ins öffentliche Bewusstsein gefunden: Es gibt kein menschliches Leben ohne leidenschaftliches und körperliches Streben nach Lust. Kein Mensch kann über der Sexualität stehen, alle sind von ihr belebt und versucht. Menschlichkeit hängt für den Menschen von heute daran, wie er die Kraft kultiviert; sie zu verleugnen gilt als krankmachend. Im Horizont der heutigen Humanwissenschaft ist die Vision von Cluny nicht mehr zu vermitteln.
Vor diesem Hintergrund werden die Missbräuche zu einem unumkehrbaren Ereignis. Denn sie entlarven die Abtrennung des Sakralen vor aller Augen als Kulissenzauber. „Es waren Geweihte, die in den Opfern sexueller Gewalt Jesus wieder ans Kreuz geschlagen haben“, schrieb der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, empört. Die Abtrennung funktioniert nicht, die aus dem Priesterbild verdrängte Weltlichkeit kehrt als Dämon wieder. Der Kaiser steht ohne Kleider da.
Theologisch lässt sich dagegen kein Boden finden. Biblisch ist die Berufung einzelner, auch Jesu, zur Ehelosigkeit begründet, aber kein Gesetz für alle Seelsorger. Auch die Tradition hilft nicht; das erste christliche Jahrtausend kannte, wie seit jeher Orthodoxe und Protestanten, kein umfassendes Zölibatsgesetz.
In der Kirche gärt es. Sie schaut sich mit den Augen der Opfer an und erschrickt. Und sucht sich zu stellen. Einstweilen sieht sie nur Einzeltäter, ohne das Priesterbild in Frage zu stellen. Doch die Fundamente Clunys wanken. Rom hat – erst im letzten Jahrzehnt! – ausdrücklich anerkannt, dass pädophile Priester ohne Umschweife dem staatlichen Strafrecht unterstehen. Und die die Loyalität des Männerbunds bricht. Es waren Mitbrüder, die vor 15 Jahren den Wiener Kardinal Groër und nun Bischof Mixa öffentlich zum Rücktritt gedrängt haben. Kardinal Schönborn warf Kardinal Sodano im Fall Groër öffentlich Vertuschung vor.

Bischof Stephan Ackermann von Trier diskutiert angesichts der Missbräuche die Möglichkeit, ob nicht auch die Strukturen der Kirche als sündig bezeichnet werden müssen. Zugleich führt er eine Differenzierung ein. Die Sündigkeit beeinträchtigt die Sakramente, die Erfahrung des Göttlichen in den Ritualen der Kirche nicht. Dass sie unabhängig sind von der Würdigkeit des Amtsträgers, haben die Christen schon im dritten Jahrhundert geklärt. Sonst müsste sich ja jeder Gottesdienstbesucher über das sittliche Leben des Priesters kundig machen, was weder möglich noch sinnvoll ist. Hier gerät etwas in Bewegung – nicht das Innerste, die Erfahrung der Gegenwart Gottes selbst, wohl aber die Formen, das menschliche Gesicht, in der die Christen Gott zu begegnen gewohnt sind. Sie lernen je neu, das Zeitliche loszulassen, das vergehen will, das man nicht festhalten kann.
Fast lautlos gehen hier ungeschriebene, seit jeher peinlich befolgte Gesetze unter. Der Männerbund zeigt, dass es ihm nicht primär um sich selbst, sondern um eine tiefere Menschlichkeit geht, und öffnet, zögernd, den Weg zu einer neuen Gestalt. Ähnlich wie ein Herangewachsener die Kleider der Kindheit aus der Hand gibt, weil sie der gewachsenen Verantwortung nicht mehr Rechnung tragen.

Die Tage Aussonderung des Priesters und damit des Zölibatsgesetzes sind ebenso gezählt wie jene einer von Tabus geschützten moralischen Autorität, die über den Dingen steht. An ihre Stelle tritt die Weggemeinschaft des Volkes Gottes und das Angewiesensein auf gegenseitiges Lernen. Nach Albert Rouet gilt es jenseits fester Aussagen und Ordnungen ein milieu humanisant zu schaffen, Räume, in denen Menschen wachsen können.
Die katholische Kirche steht vor Jahren tief greifenden Umwälzungen. Teilhabe wird statt Absonderung, Kommunikation statt Gehorsam beginnen, die Strukturen zu prägen. Dabei wird, einmal mehr, die Vitalität des katholischen Christentums überraschen, die mancher unter der Asche nicht mehr vermutet hätte.

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