Thomas Philipp

Bologna: kein religiöses Thema?

Als wir vor zwei Jahren mit dem Rektor der Universität Bern, Prof. Urs Würgler, diskutierten, sagte er mir, er habe heute den letzten Idealisten an der Uni Bern kennengelernt. Ich zweifle bis heute daran, dass er es als Kompliment meinte...

Und es war doch eins. Manche Bewegung öffnet Ihren Sinn erst, wenn genug Idealismus sie durchsichtig macht. - Und nichts nährt den Mut zu Idealen so wie die Religion! Die jüngsten Proteste gegen Bologna ist so ein Thema. Forderungen zu Gebühren und Stipendien erzählen von einem Verteilungskampf. Tiefer greift die Frage, ob Bildung wirtschaftsförmig sein kann. Fordert der Wert der jungen Menschen selbst Räume, wo Neugier und Verantwortung wichtiger sind als Effizienz?

Wie sehr diese Frage die Berner Universität zerreisst, zeigte der Festakt im Juni. Zu Wort kamen Rektorat, Politik, Studierende und ein Absolvent. Sie sprachen drei Sprachen, die einander nicht berührten.
Der Rektor sah die wissenschaftliche Arbeit als Mitte; Punkte und Ratings seien nur Oberfläche. Wissenschaft erschien als objektives Etwas, dem man sich widmet; ein subjektives Fragen nannte er nicht. Weithin sprachen Rektor und Politik dieselbe Sprache: ihr Gespräch gelingt, wenn auch teils im Streit. Es ging um international führende Forschung, um effektiven Einsatz der Mittel, um Geld von Dritten und gute Absolventen, den Standort zu stärken. Die Politik sah die Universität als Ort freien Denkens über Zukunftsfragen und erhoffte sich Werte, um ihre Entscheidungen zu leiten.

Nadine Frei, Vertreterin der Studierenden, ging von der Erfahrung des Studiums aus – und fand nichts, wofür sie die Universität feiern konnte. Getrieben von ECTS-Punkten, Anwesenheitskontrollen und zahlreichen Prüfungen erlebte sie eine hektische Punktejagd unter blindem Leistungsdruck. Dass 80% der Studierenden für Lebensunterhalt und -ansprüche arbeiteten, verschärfte den Druck.

Der Romancier John Le Carré, Berner Student um 1950, war der Universität unendlich dankbar: hier ging ihm auf, dass er schreiben konnte – wie ein inneres Licht, dem er zu folgen hatte. Eine wissenschaftliche Leistung war das nicht, aber ein wichtiger Schritt der Selbstfindung des jungen Intellektuellen. Das Wichtigste brachte er selbst mit: sein Fragen. Die Universität trug Freiraum und Begegnungen mit Lehrern bei, an denen sich der junge Geist entzündete.

Es gibt keine Bildung ohne Freiheit der Frage. Wer die Neugier verlernt, bildet sich nicht. Gewiss kommt keiner ohne Disziplin durchs Studium. Aber wenn es nicht Räume freien Fragens gibt, erlischt das Ideal. Dann ist es dunkel.
Das Abfüllen quantifizierten Wissens in junge Köpfe ist keine Bildung. Die Bolognareform und die Art, wie Bern sie umsetzt, hat das studentische Fragen schwer beschädigt. Das Rektorat folgt der Wirtschaftsförmigkeit, welche die Politik erzwingt und so gerade die Räume freien Denkens verschliesst, die sie von der Universität erhofft.

Auf Kosten der lernenden Neugier macht sich kalte Effizienz breit. In ihr, so spüren viele Studierende, finden sie nichts – auch wenn sie noch nicht wissen, was sie suchen. Daher der unsichere Ton der Proteste. Zu viele freilich sind froh, keine grösseren Zusammenhänge überblicken zu müssen und alles in kleinen Prüfungen abzulegen. Es gibt eine studentische Angst vor dem Risiko der Freiheit. Eine gute Ratgeberin ist sie nicht. Fürs Studium geeignet ist, wer sie überwinden will.

Die Universität hat ihre Seele der Wirtschaft verkauft; sie funktioniert, aber empfindet keine gemeinsame Identität. Sie kann sie wieder finden, wenn sie mit Leidenschaft Ort der Bildung sein will. Dafür haben sich Rektorat und Politik viel gründlicher mit den Erfahrungen auseinandersetzen, die Studierende mit dem Studium machen. Hoffentlich motivierten die Proteste dazu.

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