Simon Pfeiffer

Pfarrer lesen den Quran - Imam nimmt an Abendmahl teil

Jeder Pfarrer ist zu Weiterbildung verpflichtet. Dieses Jahr benutzte ich die Chance und buchte einen Kurs, der sich in Wien am islamischen religionspädagogischen Institut (iRPi) mit dem Quran in muslimischer Perspektive befasste.

Der Kurs wurde belegt von Persönlichkeiten mit langjähriger Erfahrung im interreligiösen Dialog, Pfarrern, die irgendwo schon Kontakte hatten mit Vertretern des Islam oder diese Kontakte sogar bewusst pflegen. Mit dabei war Rifa'at Lenzin als Schweizer Muslima und Islamwissenschaftlerin. Sie war allerdings nicht die einzige, die man bereits in verschiedenen Sendungen im Schweizer Fernsehen sehen und hören konnte.

Referent war Mag. Amir Zaidan, einer der Leiter des Instituts. Von ihm kriegten wir eine Einführung in die sunnitische Theologie, ein filigranes, über die Jahrhunderte gewachsenes Gebilde aus mündlichen und verschriftlichten Traditionen. Zeitweise dominierten arabische Fachbegriffe, oder man geriet zwischen die Fronten widerstreitender Gelehrtenmeinungen, so dass etlichen der Kopf zu rauchen begann.

Solche Momente wechselten jedoch ab mit Exkursen zum Lebensbezug von ausgewählten Quranversen. Etwa Aussagen über die für Muslime erlaubten Stellungen beim Geschlechtsverkehr oder die drei Ausnahmen vom Lügenverbot: Nur in einer Kriegssituation, zur Zusammenführung streitender Parteien und Personen und gegenüber der eigenen Partnerin als Kompliment (!) gemeinte Notlügen sind erlaubt.

Die klare Haltung des Muslims zum Quran als göttlicher Offenbarung beeindruckte uns Pfarrerinnen und Pfarrer und zeigte gleichzeitig die Differenz zu unserer Auslegung unserer heiligen Texte auf. Wir kamen in der Diskussion wiederholt an Punkte, bei denen wir nicht auf einen gemeinsamen Nenner kamen.

Die Situation der Muslime in Österreich, aktuelle Polemik, Ausbildung von Religionslehrkräften und künftig auch von Imamen, sowie Muslime in der Politik waren auch Teil des Kurses und wurden schlaglichtartig gestreift. Wir stellten fest, dass die Stimmung in Österreich den Muslimen gegenüber ähnlich ist wie in der Schweiz. Bloss ist der Islam in Österreich seit 1912 öffentlich als Religion anerkannt.

Wienerisches und orientalisches Essen in mehr als ausreichender Menge rundete den äusserst wertvollen Kurs ab. Dass es gut ist, wenn der deutschen Sprache mächtige kompetente Vertreter und Vertreterinnen des Islam auch bei uns in der Schweiz ausgebildet werden, war am Schluss des Kurses unbestritten. Dass die Integration der Muslime bei uns noch viel Zeit und viele kleine Schritte benötigt, ebenfalls.

P.S. Sehr überrascht war ich dann doch, als bei der Hochzeitsfeier eines befreundeten Pfarrers ein ebenfalls befreundeter Imam und seine Frau an der bewusst offen gestalteten Abendmahlfeier (Abendmahl als Teilen) in der Kirche mitmachten. Die Integration passiert! Gemeinsam Feiern, die Grundlage einer Koexistenz der Religionen, ist möglich.

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