Krishna Premarupa das

Schweizer Hindu-Priester

Auf meinen jährlichen Indienreisen erlebe ich immer wieder spannende Begegnungen mit Einheimischen, die unglaublich fasziniert sind, dass da ein `weisser Elefant`(ein Westler) ihre Kultur lebt. Ich kann mich gut erinnern, wie ich in Risikesh, am Fusse des Himalayas, aus dem heiligen Wasser des Ganges stieg und bemerkte, wie mich ein älterer indischer Herr ungläubig anstarrte.

Während ich mich mit einem Gamcha (traditionelles, indisches Badetuch) abtrocknete, fragte er mich, woher ich denn diese Schnur her habe (`upavita`: eine heilige Schnur, welche einen Brahmana, einen Priester kennzeichnet). „Naja", antwortete ich, „die erhielt ich von meinem Guru während der Priesterweihe." „ Benützt du sie auch?", fragte er weiter. „Ja, dreimal täglich während meinen Gayatri-Gebeten!", erwiderte ich. Zwar immer noch etwas erstaunt, aber doch sichtlich berührt lächelte er wie ein stolzer Vater und sagte:„Accha! (ach so!) Gayatri Gebete!"

Auch in der Schweiz wurde ich schon darauf angesprochen, ob man denn nicht als Brahmana geboren werden müsse und wie es möglich sei, dass ich hier von den Tamilen und Indern als Priester akzeptiert werde und deren Zeremonien ausführe. Natürlich werde ich oft auch auf das Kastensystem angesprochen.

Im Kastensystem werden die Menschen nach ihrer Abstammung eingestuft: Wird man beispielsweise in einer Familie von Brahmanas (Priester oder Intellektuelle) geboren, so gilt man automatisch als ein Brahmana, selbst wenn man keine entsprechenden Qualitäten aufweist. Dieser Umstand hat verständlicherweise zu vielen Unruhen im modernen Indien geführt. Nur weil mein Vater Arzt ist, bedeutet dies nicht, dass ich ebenfalls automatisch Arzt bin und eine eigene Praxis eröffnen kann! Nein, auch ich muss mir die entsprechenden Qualifikationen aneignen. 

Als Vaishnavas befolgen wir das vedische Gesellschaftssystem (Varnasramadharma), welches als so etwas wie das ursprüngliche Kastensystem gilt, in welchem die Eigenschaften und Handlungsweisen wichtigere Kriterien sind als die Abstammung. „Sind wir denn nicht alle gleichwertige Menschen?", könnte man sich fragen. - Natürlich! Aber wir alle nehmen unterschiedliche Rollen an. Verschiedene Berufsstände wie Intellektuelle, Regierungsbeamte und Ordnungshüter, Händler, Bauern und Arbeiter finden wir in jeder Gesellschaft, nur sollte die Zugehörigkeit im Idealfall nicht von der Abstammung sondern von den Qualifikationen abhängen. Dass die Eigenschaften und eben nicht die Geburt entscheidend sind, illustriert folgende Geschichte sehr deutlich:

Ein Junge besuchte in den Himalajas einen grossen Weisen und bat ihn darum, von ihm lernen zu dürfen. Der Weise fragte den Jungen, zu welcher Kaste, zu welcher sozialen Unterteilung er gehöre. Der Junge erwiderte, er wisse es nicht, werde aber nach Hause gehen, um seine Mutter zu fragen. Seine Mutter erklärte ihm jedoch, sie habe so viele Männer gekannt, dass sie wirklich nicht sagen könne, wer sein Vater sei oder welchem Stand er angehöre. Als der Junge zu dem Weisen zurückkehrte und ihm seine missliche Lage schilderte, akzeptierte der Weise den Jungen als seinen Schüler indem er antwortete: „Du bist ganz sicher ein Brahmana, denn kein anderer Mensch kann so offen eingestehen, dass seine Mutter eine gewöhnliche Prostituierte ist!"

Diese Tatsache erklärt auch den Umstand, dass jemand, der von Geburt her als ein Kastenloser eingestuft werden müsste, später als Brahmana handeln kann. Die vedischen Schriften beschreiben zudem, dass ähnlich wie ein Alchemist, der Glockenmetall durch die Berührung mit Quecksilber in Gold zu verwandeln vermag, eine Person durch die Gemeinschaft mit Heiligen die Eigenschaften eines Brahmanas enwickeln wird!

Ob ich mich selber als ein Brahmana bezeichnen würde? Nun, ich bin wohl noch auf dem Weg dazu, indem ich versuche die entsprechenden Eigenschaften zu kultivieren: „Friedfertigkeit, Selbstbeherrschung, Entsagung, Reinheit, Duldsamkeit, Ehrlichkeit, Wissen, Weisheit und Religiosität." - Bhagavad Gita (18.42) über die Grundlagen des brahmanischen Wirkens.

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