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Tod und Religion – Verständnis und Rituale im Hinduismus

Sasithareen Ramakrishna Sarma oder einfach Sarma ist Priester im Hindu-Tempel Emmenbrücke. Welche Bedeutung der Tod in seiner Glaubensgemeinschaft hat und wie die Bestattungsrituale in dieser Kultur begangen werden, erzählt er uns in der aktuellen Folge des Podcasts hier auf religion.ch.

Sasithareen Ramakrishna Sarma

Der ewige Kreislauf des Lebens

Der Tod ist für Hindus gleichzeitig ein Neubeginn. Denn er bedeutet für sie nicht das Ende, sondern den Übergang in ein neues Leben. Hindus glauben an den Kreislauf des Lebens. Mit dem Tod geht für sie nur ein Abschnitt des Daseins zu Ende. Danach wird die Seele, Atma genannt, in einem anderen Lebewesen wiedergeboren – in welcher Gestalt, ob als Mensch, Tier, Pflanze oder sogar Einzeller hängt vom Karma ab – also seinen Taten, aber auch Gedanken, Absichten und Sehnsüchten. 

Der Begriff Karma gehört zu den Grundgedanken fast jeder hinduistischen Philosophie. Karma bedeutet «Handeln». Das Konzept geht davon aus, dass jeder Handlung im Leben unweigerlich das entsprechende Resultat folgt, gut oder schlecht. Es entsteht Karma.

Karma ist so etwas wie eine kosmische Währung, die positive oder negative Vorzeichen haben kann. Gute Taten erzeugen gutes, Sünden schlechtes Karma. Der Kontostand an Karma summiert sich im Laufe vieler Leben. Je besser das Karma zum Zeitpunkt eines Todes, desto günstiger ist die Wiedergeburt. Als Mensch wiedergeboren zu werden, gilt als besonders vielversprechend. Denn nur als Mensch ist die Seele fähig, aus dem Rad der Wiedergeburten auszubrechen. Und das ist für Anhänger der Karma-Lehre das ultimative Ziel. Sie erreichen Moksha: das vollständige Aufgehen der Seele (Atma) im Absoluten (Brahman). 

Aber es kommt nicht darauf an, nur gutes Karma zu haben. Zu Moksha (Erlösung im Hinduismus) gelangt, wer überhaupt kein Karma mehr bildet. Jedes Individuum hat, solange es nicht frei von Wünschen und Begierden ist, Karma – ob gutes oder schlechtes –, und dieses bindet ihn an irdisches Dasein. Das bedeutet die ständige Wiedergeburt nach dem Tod.

Um Moksha zu erreichen gibt es für Hindus vier Wege: den Weg der Gottesliebe, den Weg des Wissens, den Weg der selbstlosen Tat und den Weg der Gedankenarbeit und der Meditation.

Bremgarten Friedhof © Christoph Knoch

Verschiedene Karma-Konzepte

Die Interpretation des Karma-Konzeptes kann sich in den verschiedenen Glaubensschulen unterscheiden. Vertreten die einen die Meinung, dass jedes Individuum in jedem Fall konsequent die Folgen tragen muss, sehen andere die Möglichkeit der Hilfe. Nach ihrer Ansicht kann göttliche Gnade jede Last tilgen. Durch verschiedene Bussübungen, Reinigungszeremonien und Gottesdienste, durch Meditation und Askese können negative Karma-Kräfte unwirksam gemacht werden.

Karma Yoga

Um dem Kreislauf von Leben und Tod zu entkommen und Erlösung zu erreichen, empfehlen die Schriften Karma Yoga. Das ist der Weg, jede Arbeit, jedes Tun völlig ohne innere Bindung zu verrichten, ohne Hinblick auf die Früchte des Handelns. Auf diese Weise soll kein Karma mehr entstehen. Karma Yoga gilt neben dem «Weg der Gottesliebe» (Bhakti Yoga) und dem «Weg des Wissens» (Jnana Yoga) als einer von drei klassischen Wegen zur Erlösung.

Handlungen haben Folgen

Wenn die drei Geistesgifte Gier, Hass und Verblendung eine Tat motivieren, entstehen schlechtes Karma und leidvolle Erfahrungen. Werden Gier, Hass und Verblendung durch ihre positiven Gegenpole Gleichmut, liebevolle Güte und Einsicht ersetzt, entstehen positives Karma und heilsame Handlungen. Je mehr positives Karma generiert wird, desto mehr weichen Gier, Hass und Verblendung zurück. Gutes Karma bewirkt eine bessere Wiedergeburt innerhalb des Geburtenkreislaufs und eine langfristige Annnäherung an das endgültige Erwachen.

Kein Karma, keine Wiedergeburt

Ein vollkommen erwachter Mensch erzeugt weder gutes noch schlechtes Karma. Sein moralisches Handeln ist vervollkommnet, die höchste Tugendhaftigkeit erreicht. Ohne Gier, Hass und Verblendung gibt es nur noch heilsames Tun. Folgen bleiben jedoch aus, es gibt keine neue Wiedergeburt.

Zurück in den Kreislauf der Natur

Ist der körperliche Tod eingetreten, wird der Körper rituell gereinigt: Diese körperliche Reinigung symbolisiert zugleich die seelische. Sie wird üblicherweise von Familienmitgliedern durchgeführt. 
Im Hinduismus werden die Toten dann verbrannt. Wenn möglich entzündet der erstgeborene Sohn das Feuer. Drei Tagen nach der Verbrennung werden die übrig gebliebene Asche und Knochenreste dann gemeinsam mit Blumen und Girlanden wieder dem Kreislauf der Natur zugeführt und wird deshalb in einem Fluss verstreut. Ist das nicht möglich, kann die Asche in der Erde vergraben werden.

Text: Vithushan Yogarajah

Christoph Stapfer ist Kommunikationsbeauftragter der Krebsliga Solothurn sowie freischaffender Journalist beim Regionalfernsehen Jump-TV und religion.ch – seine berufliche Ausbildung hat er bei Radio Kanal K in Aarau begonnen und mit einem Studium in empirischen Kulturwissenschaften in Zürich, mit dem Bachelor of Arts in Sozialwissenschaften, vorläufig abgeschlossen.

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