Krishna Premarupa das

Zöllibat ist doch etwas Unnatürliches...!

Im Zusammenhang der sexuellen Übergriffe an Kindern in der katholischen Kirche drängt sich die Frage auf, inwieweit diese Misshandlungen mit dem Zölibat der Priester zu tun haben und ob der Anspruch auf Ehelosigkeit für Priester aufrecht erhalten werden soll. „Zölibat ist doch etwas Unnatürliches, anstatt dass man ein ehrliches Sexualleben führt, vergreift man sich dann an unschuldigen Kindern!", beschimpfte mich kürzlich jemand, nachdem er erfahren hatte, dass ich ein Mönch bin. Nun, ich selber lebe seit bald zehn Jahren in Enthaltsamkeit und bin der Meinung, dass nicht das Zölibat an sich das Problem ist.

Schwierigkeiten entstehen, wenn Sexualität unterdrückt anstatt umgewandelt wird. Aber was bewegt einen Menschen überhaupt dazu, im Zölibat zu leben? Worum geht es eigentlich im Zölibat? In der altindischen Wissenschaft des Yoga wird der Sinn und Zweck des Zölibats wie folgt beschrieben: Ein Leben im Zölibat bedeutet, dass man das `Öl des Lebens`, das uns ein ganzes Menschenleben lang körperliche und geistige Gesundheit schenkt, bewahrt. Das Öl des Lebens, auch `Ojas` genannt, ist eine feinstoffliche Substanz, welche dem Körper Vitalität, Glanz und Ausstrahlung und der Psyche Entschlossenheit und Erinnerungsvermögen schenkt. Diese Substanz ist beim männlichen Körper besonders in der Samenflüssigkeit enthalten. Wenn die Ojas-Energie nicht in Samen umgewandelt wird, da kein sexuelles Verlangen vorhanden ist, gelangt sie in die Gehirn- und Körperzellen und kann so ihre unschätzbaren Kräfte entfalten. Enthaltsamkeit dient also dazu, die inneren Kräfte des Körpers und des Geistes für höhere Zwecke einzusetzen. Nicht nur Mönche und Priester kennen dieses Geheimnis. Ein Ringer verwandelt diese Energie in grössere Körperkraft. Ein Wissenschaftler nutzt sie, um seinen Geist auf seine Forschung zu konzentrieren. Dies mag mit ein Grund sein, weshalb Persönlichkeiten wie Michelangelo, Isaac Newton, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche allesamt im Zölibat lebten!

Doch Zölibat wird nur empfohlen, wenn es freiwillig angenommen wird. Zölibat soll nie als eine Art von Flucht vor etwas praktiziert werden, noch sollte das Zölibat von aussen her aufgedrängt werden. Sexualität zu unterdrücken, ohne höheres Bewusstsein zu entwickeln, kann sehr verheerende Folgen haben, da sie oft ein anderes, meist unheilvolles Ventil sucht. Richtig verstanden und praktiziert hat zölibatäres Leben nichts mit Selbstverleugnung zu tun. Es geht um die Umwandlung von sinnlicher Freude in selbstlose Liebe. Das Sanskritwort für zölibatäres Leben ist Brahmacarya was bedeutet `auf der spirituellen Ebene (brahma) handeln (acarya)`. Wer tatsächlich in einer Beziehung zu Gott steht, erfährt darin eine tiefe Erfüllung und empfindet das Zölibat nicht als ein Opfer. Seine sexuelle Energie transformiert sich ganz natürlich in selbstloses Mitgefühl und Hingabe. Zölibat ist dann wirklich ein besonderes Geschenk Gottes, welches einen freien und ungeteilten Dienst an Gott und den Menschen ermöglicht.

In unserer Tradition leben Mönche, die in einer Klostergemeinschaft leben, im strengen Zölibat. Priester jedoch, die mitten in der Welt stehen und sich um die Mitglieder einer Glaubensgemeinde kümmern, können durchaus auch verheiratet sein. Und selbst die Mönche legen traditionell erst im Alter von ca. 50 Jahren ein Gelübde der vollständigen Entsagung ab. Davor haben sie jederzeit die Möglichkeit ihr Studium abzubrechen und zu heiraten.

Der springende Punkt ist, dass man für ein enthaltsames Leben eine Berufung verspüren sollte, ein inneres Rufen. Die Priester und Mönche aller Traditionen sollten sich ganz ehrlich fragen: Ist der Wunsch, Gott zu begegnen, stärker als alle anderen Wünsche in meinem Herzen? Fühle ich wirklich diese Berufung, mein Leben ausschliesslich Gott zu weihen? Wenn die Antwort ein klares, wahrhaftiges Ja ist, dann ist der Grundstein für ein natürliches Zölibat gelegt.

Der Geist - und nicht die äussere Form
Papa Bimbam

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