4132Mitte des 19. Jahrhundert verbreitete sich eine Bewegung von Nordamerika aus, die auf dem Glaube an eine mögliche Kommunikation mit dem Jenseits beruhte. Das fundamental Neue am modernen Spiritismus war die die Verbindung von wissenschaftlichen Methoden mit religiösen Vorstellungen. Sein Erbe dauert bis heute fort.


Es war einmal in einem kleinen Ort in den Vereinigten Staaten. Dort lebte der Farmer John D. Fox mit seiner Frau und seinen drei Töchtern. Die Familie wurde immer wieder von unerklärlichen Klopfgeräuschen aufgeschreckt. Das Klopfen war teilweise so stark, dass die Möbel vibrierten. Ratlos durchsuchten sie das Haus, fanden aber keine natürliche Ursache für die unheimlichen Geräusche. Die verängstigte Frau Fox war sich deswegen sicher, dass das Haus von einem Geist heimgesucht wird. Eines Abends entschlossen sie sich mit dem ruhelosen Wesen Kontakt aufzunehmen. Dazu nahmen sie einen einfachen Code zur Hilfe. Zweimal Klopfen stand für „Ja“, Schweigen für „Nein“. Und tatsächlich der vermeintliche Geist gab Antwort.

Was sich wie eine simple Legende anhört, soll so im Jahr 1848 in Hydesville im Bundesstaat New York passiert sein. Tatsächlich gilt das mysteriöse Ereignis gemeinhin als der Beginn des modernen Spiritismus. Die oben genannte Schilderung basiert auf Arthur Conan Doyles (1926: 62f)  Beschreibung der Ereignisse. Für Doyle, einen überzeugten Spiritisten, öffnete der Vorfall in Hydesville eine Türe zu neuen spirituellen Sphären.

Ausdruck der Moderne

Daniel Dunglas Home levitation

Das fundamentale Prinzip, auf dem der moderne Spiritismus beruht, ist der Glaube, dass die Seele den körperlichen Tod nicht nur überlebt, sondern darüber hinaus ein Verständigung zwischen Toten und Lebenden möglich ist. Für die Kommunikation mit dem Jenseits ist „die Anwesenheit einer Person, der mediale Kompetenzen zugesprochen werden und die folglich als Medium (lat. medium = das Vermittelnde) bezeichnet wird“ (Pytlik 2005: 35) erforderlich. Die Kontaktaufnahme mit dem Geist Verstorbener erfolgt in einer Séance: Einer Gruppensitzung, die meist in einem verdunkelten oder dunklen Raum stattfindet. Das Medium vermittelt die Botschaften der Geister und kommuniziert sie an die Lebenden. Dabei können teilweise spektakuläre paranormale Phänomene auftreten, wie beispielsweise Materialisationen und Levitationen (das Schweben lassen von Objekten).

Der Glaube, dass eine Kommunikation mit den Verstorbenen möglich ist, war im 19. Jahrhundert jedoch keineswegs neu. Dieser reicht weit in die Vergangenheit zurück und lässt sich in vielen Kulturen finden. Was am modernen Spiritismus neu war, ist der Einbezug von wissenschaftlicher Beweiskraft. Mit anderen Worten, er verband religiöse Vorstellungen mit wissenschaftlichem Vorgehen. Der moderne Spiritismus unterschied sich folglich von vergangenen volksgläubischen Vorstellungen insofern, dass er mit den Ideen und dem Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts nicht nur vereinbar war – daher der Zusatz modern –, sondern sogar neue religiöse, philosophische und wissenschaftliche Erkenntnisse lieferte. Es war demzufolge eine Bewegung, die sich mitten im Spannungsfeld zwischen Religion und Wissenschaft befand.

Globales Phänomen

Anfang der 1850er Jahre machte der Spiritismus von Amerika aus den Sprung über den Atlantik nach Grossbritannien, wo er eine Bewegung auslöste, die Männer und Frauen aller Klassen und Glaubensrichtungen gleichermassen in ihren Bann zog. Die spiritistische Bewegung erfreute sich einer grossen Popularität in der gesamten englischen Bevölkerung und durchdrang sämtliche Bereiche der Viktorianischen Gesellschaft. Von England aus gelangte der Spiritismus schliesslich auch auf den europäischen Kontinent. In Frankreich verband der Pädagoge Hippolyte Léon Denizard Rivail unter dem Pseudonym Allan Kardec den Glaube an die Kommunikation mit der Geisterwelt mit dem Glauben an Reinkarnation. Seine Lehren verbreiteten sich schnell in ganz Europa.
Doch warum fand der Spiritismus im Allgemeinen solch grossen Zuspruch bei den Menschen?

Zeit des Umbruchs und des Fortschritts

Das 19. Jahrhundert war eine Epoche der radikalen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche sowie des grossen industriellen und wissenschaftlichen Fortschritts. Auch die Kirche geriet durch diese Umwälzungen in die Krise. Die Menschen wurden durch neue Entdeckungen und Ideen, v. a. auch durch das in der Wissenschaft propagierte positivistische Weltbild,  in ihrem Glauben an die christlichen Lehren verunsichert und erschüttert. Mit dem Prinzip der natürlichen Auslese ersetzte Charles Darwins die göttliche Schöpfung durch natürliche Gesetze und stellte damit die Sonderposition des Menschen in Frage, was das bisher bekannte Weltbild erschütterte und eine Glaubenskrise herbeiführte. Karl Marx wiederum bezeichnete „Religion als Opium für das Volk“.

Religiöse Zweifel

Es ist wohl kein Zufall, dass sich der Spiritismus in einer Zeit der aufkommenden religiösen Zweifel verbreitete. Erstens sahen sich die Spiritisten als Widersacher des „religionskritischen und populärphilosophischen Materialismus“ (Betz 1999: 1584). Wie der Psychologe Wilhelm Wundt (1879: 27–30 zit. in Kohls 2004: 224) nicht gänzlich zu Unrecht kritisierte, stellte der Spiritismus selbst „ein Zeichen des Materialismus“ dar. Wundt bezeichnete ihn  sogar als „Cultur-Barbarei unserer Zeit.“

Zweitens schien der moderne Spiritismus Beweise für die Existenz einer geistigen Welt jenseits der Dogmen einer sich damals in der Krise befindlichen Kirche zu liefern. Auf der persönlichen Ebene versprach die spiritistische Bewegung all jenen Menschen Trost, die geliebte Menschen verloren hatten. Die unüberwindbare Grenze zwischen Lebenden und Toten schwand, denn nun schien eine Kommunikation zwischen dem Diesseits und Jenseits möglich. Aber auch wenn der Spiritismus bei manchen Personen schon fast den Platz einer Ersatzreligion einnahm, darf man nicht vergessen, dass sein Erfolg zu einem grossen Teil auf seinem Unterhaltungswert basierte. So wurden in der besseren Gesellschaft Séancen und Tischrücken als Zeitvertreib betrieben. Aber auch die Mittelschicht und die Arbeiterklasse besuchten öffentliche Veranstaltungen von Medien, die eher darauf ausgerichtet waren, das Publikum in Erstaunen zu versetzen als spirituell zu bereichern.

  Sir William Crookes and Katie KingWissenschaftliche Kontroversen

Der Bezug auf wissenschaftliche Nachweisbarkeit war ein zentraler Aspekt des modernen Spiritismus. Von Anfang an waren Naturwissenschaftler darum bemüht, die Ursachen für die spiritistischen Phänomene und Manifestationen zu ergründen, zu erforschen und letztlich zu legitimieren. Zunächst suchten die Wissenschaftler die Erklärung in äusseren Faktoren wie physikalischen Kräften oder übersinnlichen Mächten. So wurden beispielsweise versucht Analogien zwischen elektrischen und magnetischen Kräften und den Fähigkeiten der Medien herzustellen. Später folgten Hypothesen über unbekannte Kräfte, die vom Medium selbst ausgingen. Der Physiologe und Zoologe William Benjamin Carpenter (1888: 303) z. B. war der Ansicht, die Phänomene würden vom Individuum selbst ausgelöst, er bezog sich aber nicht auf irgendeine unbekannte Kraft, sondern auf natürlich erklärbare mentale Reflexe. Es fand eine Verlagerung statt von äusseren zu inneren Erklärungsmodellen. Diese Verschiebung wurde durch den zunehmenden Einfluss der Psychoanalyse verstärkt.

Die Mehrheit der Wissenschaftler standen dem Spiritismus jedoch kritisch gegenüber und betrachteten ihn als Rückfall in den Aberglauben. Der Psychologieprofessor Ludwig Wille (1881: 33–34), erster Direktor der Basler psychiatrischen Anstalt Friedmatt, sah „die Wahrheit und Lauterkeit der Forschung“ sowie „das sittliche und leibliche Volkswohl“ durch den Spiritismus bedroht.

Letztlich handelte es sich bei den Disputen über den Sinn respektive Unsinn der wissenschaftlichen Untersuchungen der spiritistischen Phänomene um Diskussionen darüber, was in den Bereich der Wissenschaft gehört und was nicht.

Das Erbe des modernen Spiritismus

Am Ende des 19. Jahrhunderts nahmen zwei weitere Bewegungen im Dunstkreis des modernen Spiritismus ihren Anfang: Zum einen der sogenannte „fin de siècle occultism“ (vgl. Owen 2004) und zum anderen die Parapsychologie.
Die Zeit um die Jahrhundertwende war geprägt von Endzeitstimmung und Zukunftsangst, aber auch von Dekadenz, Euphorie und Leichtlebigkeit. Im geistigen Umfeld des Fin de siècle entstanden verschiedene okkulte Gruppierungen. Okkult bezieht sich in diesem Zusammenhang auf „,Geheimwissenschaften‘, wobei v. a. […] geheimzuhaltende[s], esoterische[s] Wissen‘“ (Bächtold-Stäubli 2000: 1224) gemeint ist. Im Gegensatz zum Spiritismus waren diese okkulten Gruppen einer Minderheit, vorwiegend einer Elite, vorbehalten. Sie beschäftigten sich in erster Linie mit östlichen und fernöstlichen Religionen, dem christlichen Mystizismus, antiken Mysterienkulten, der Kabbala und den hermetischen Lehren. Sie legten den Grundstein für die moderne Esoterik und die „New Age“-Bewegung.

Bereits etwas früher, nämlich 1882, wurde in England die Society for Psychical Research (SPR) gegründet. Die SPR war die erste Gesellschaft, die sich der Erforschung von parapsychologischen Phänomenen widmete. Ihr Ziel war es der „Psychical Research“ eine wissenschaftliche Legitimation zu verschaffen. Die SPR nimmt eine Vorreiterfunktion ein, denn sie setzte sich trotz Widerständen aus wissenschaftlichen Kreisen mit den Phänomenen des Spiritismus empirisch auseinander und öffnete so den Weg für die Parapsychologie.

Doch das Erbe des modernen Spiritismus überdauerte bis heute nicht nur in der Form der Esoterik und der Parapsychologie, sondern hatte auch entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung anderer Bereiche so z. B. den Gebrauch von Informations- und Kommunikationsmitteln. Laut Marcus Hahn und Erhard Schüttpelz (2009: 7) „nutzten und erfanden [Spiritisten] neue mediale Gebrauchsweisen (Fotografie, Laborexperimente)“ und „waren auch mit der Entwurfs- und Erfindungsgeschichte von Neuen Medien durchaus verbunden (Funk, Radio).“

Ausserdem wird im Film und der Unterhaltungsliteratur immer wieder auf Elemente und Phänomene des modernen Spiritismus Bezug genommen: In Horrorfilmen werden Ouija-Boards verwendet um mit Geistern oder Dämonen zu kommunizieren oder Medien werden konsultiert wie z.B. im 80er-Jahre Blockbuster „Ghost“ mit Demi Moore, Whoppie Goldberg und Patrick Swayze in den Hauptrollen. Die wohl bekannteste Krimiautorin Agatha Christie hat mehrere Kurzgeschichten und einen Roman – „Das Fahle Pferd“ – mit spiritistischem Inhalt verfasst.
Die Vorstellung einer irgendwie gearteten Kommunikation mit dem Jenseits dauert bis in die Gegenwart fort und fasziniert die Menschen.


Literatur
Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.) ([1927] 2000): Handbuch des deutschen Aberglaubens, Berlin/New York: De Gruyter.


Betz, Hans Dieter et al. (Hg.) (1999): Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Tübingen: J.C.B. Mohr.

Carpenter, William Benjamin (1888): Principles of Mental Physiology, with their Application to the Training  and Discipline of the Mind, and the Study of its Morbid Conditions, London: Kegan Paul, Trench.

Doyle, Arthur Conan (1926): The History of Spiritualism, Vol. 1 & 2, London: Cassell.

Hahn, Marcus/Schüttpelz, Erhard (Hg.): Trancemedien und Neue Medien um 1900. Ein anderer Blick auf die Moderne, Bielefeld: transcript Verlag.

Kohls, Nikola Boris (2004): Aussergewöhnliche Erfahrungen – Blinder Fleck der Psychologie? Eine Auseinandersetzung mit aussergewöhnlichen Erfahrungen und ihrem Zusammenhang mit geistiger Gesundheit, Münster: Lit Verlag.


Oppenheim, Janet (1985): The Other World. Spiritualism and Psychical Research in England, 1850–1914, Cambridge: Cambridge University Press.

Owen, Alex (2004): The Place of Enchantement. British Occultism and the Culture of the Modern, Chicago/London: The University of Chicago Press.

Pytlik, Priska (2005): Okkultismus und Moderne. Ein kulturhistorisches Phänomen und seine Bedeutung für die Literatur um 1900, F. Schöningh: Paderborn.

Wille, Ludwig (1881): Der Spiritismus der Gegenwart, Basel: Schweighauserische Verlagsbuchhandlung.


Wundt, Wilhelm (1879): Der Spiritismus. Eine sogenannte wissenschaftliche Frage, Leipzig: Engelmann.

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