Sollte nicht gerade die Kirche besonders inklusiv sein? Menschen mit Behinderungen gibt es in jeder Kirchengemeinde, doch oft sind die Angebote der Kirchen nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet. Johanna Schnute, Theologin und Legasthenikerin, untersucht, wie inklusiv die Kirchen in der Schweiz tatsächlich sind.
Jeden Montagabend hört man in der Sporthalle Bäumlihof in Basel lautes Lachen, das Tippen von Bällen auf den Hallenboden und Jubel, wenn der Ball irgendwie am Goli vorbei ins Tor gelangt. Kinder und Erwachsene von fünf bis vierzig Jahren treffen sich hier und spielen zusammen Handball. Seit drei Jahren gibt es die Mannschaft der Special Olympics in Basel und seit 2022 auch eine eigene Liga, in der Menschen mit Behinderung zusammen mit Menschen ohne Behinderung Handball spielen. Unified-Sport nennt sich das. Heute wird ein Spielzug geübt. Gar nicht so einfach, aber am Ende funktioniert es mit vereinten Kräften und gegenseitiger Unterstützung schon sehr gut. Hoffentlich läuft es auch so gut im nächsten Spiel. «Unified and together» lautet das Motto des inklusiven Sportangebotes. Denn Sport ist für alle da und jede Person ist herzlich willkommen.

Handball als Safe Space
Eine von den Unifed-Partnerinnen bin ich. Jeder erste Montag im Monat ist geblockt. Dann steh ich in der Halle, um zu spielen, das Training zu organisieren oder das ein oder andere zu üben. Seit über 20 Jahren ist Handball nun schon mein «Safe»-space. Ein Ort, an dem ich zu jeder Zeit Unterstützung erfahren und mich angenommen gefühlt habe.
Am Montagabend zählt nur, dass alle in der Halle Handball spielen können.
So inklusiv wie heute war es nicht immer, aber doch gibt mir Handball Sicherheit, wenn es mir gerade einmal wieder schwerfällt, früher in der Schule und heute an der Uni, mit meiner Legasthenie zurechtzukommen. Am Montagabend zählt es nicht, wie viele Rechtschreibfehler mein Essay hatte oder dass ich immer jemanden brauche, der meine Texte Korrektur liest. Am Montagabend zählt nur, dass alle in der Halle Handball spielen können. Unabhängig davon, wie lange sie zum Verstehen, zum Lernen oder zum Laufen brauchen. Hier wird Inklusion nicht nur gelebt, sondern auch inklusiv gespielt.
Teilhabe an der Kirchgemeinschaft
Das Thema Inklusion, ob in Schule oder auf dem Arbeitsmarkt, wird seit den letzten fünf Jahren in der Politik heiss diskutiert. Welche Formen sind möglich? Wie soll unsere inklusive Gesellschaft aussehen? Was brauchen Menschen mit Behinderung? Wie darf und soll über Behinderung geredet werden? Aber nicht nur Schule und Arbeitsmarkt stehen vor einem Umbruch, der dringend nötig war. Alle Ebenen des täglichen Zusammenlebens sind gefordert. Das geht hinein bis in die Freizeit, Politik, Wohnen, Bauen, Lebenseinstellungen und letztendlich auch in Strukturen von Institutionen wie Kirche.
Fakt ist, dass sich in jeder Kirchengemeinde Menschen mit Behinderungen befinden.
Fakt ist, dass sich in jeder Kirchengemeinde Menschen mit Behinderungen befinden. Sie gilt es, wie alle Menschen ohne Behinderung, abzuholen. Oftmals stehen Menschen mit Behinderung vor Herausforderungen, die Menschen ohne Behinderung nicht wahrnehmen. Es stellen sich Fragen in Bezug auf Barrierefreiheit, Betreuungs- und Coachingangebote, Einfache Sprache, faire Bezahlung, Eigenständigkeit und Teilhabe am Miteinander. Aber auch hohe bürokratische oder finanzielle Hürden gehören oft zum Alltag von Menschen mit Behinderungen. Die Herausforderungen scheinen oft marginal für Menschen ohne Behinderung, aber für Menschen mit Behinderung entscheiden sie über Teilhabe oder Nichtteilhabe.
Wie inklusiv sind die Kirchen?
Als evangelisch-lutherische Theologin frage ich mich also immer öfters, «Wie sieht Inklusion in Kirche aus?» Welche Rolle spielt Glaube beim Thema Inklusion? Welche Massnahmen und Ziele verfolgt die Kirche bei diesem Thema? Im Gespräch mit «Glaube und Behinderung» und anhand von Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen versuche ich, einen Überblick über den aktuellen Stand zum Thema Inklusion in Glauben und Schweizer Kirchen zu bekommen.
Los ging es mit einem ersten Interview mit Oliver Merz. Oliver Merz ist katholischer Theologe und hat vor Jahren das Institut Inklusion gegründet. Nach einem kurzen Spaziergang hinter den Thuner Bahnhof, weg von der Innenstadt mit ihrem Schloss und verwinkelten Gassen, treffe ich Oliver Merz in seinem Büro.

Lange dauert es nicht, bis wir beide tief in der Diskussion über die Präsenz und das Angebot von inklusiven Möglichkeiten stecken. Bei der Frage, inwieweit Inklusion in der Schweizer Gesellschaft angekommen und gelebt wird, antwortet Oliver Merz, dass die Schweiz weit hinter anderen Ländern herhinke. Mit grossem Bedauern, betont Merz, denn man sehe an einzelnen Beispielen, dass es auch anderes gehen würde. Interessant wird es für mich als Theologin, als wir zum Verhältnis zwischen Theologie und Inklusion kommen. Wir bleiben schlussendlich an der Aussage hängen, dass Jesus eine Verkörperung der Nächstenliebe war und selbst jeden Menschen in seine Reihen aufgenommen und als Gottes Kind gesehen hat.
Nun muss es in die Umsetzung gehen …
Das Interview mit Oliver Merz war ein guter Einstieg zum Thema Inklusion in der Schweiz. Mit dieser Basis reiste ich zu einer Fachtagung nach Aarau. Dort sprach ich mit Simone Leuenberger, ihrerseits Mitglied im Vorstand von «Glaube und Behinderung».

Gemeinsam mit anderen Interessierten fand ich mich am Tagungsort ein und nach einer kurzen Begrüssung fanden über den Tag verteilt verschiedene Workshops statt. Für mich jedoch am spannendsten war das Interview in der Mittagspause. Zwischen dem ersten Workshop und dem Mittagessen interviewte ich Simone Leuenberger, die Lehrerin und Ratsmitglied ist, wie sie Kirche und Inklusion erlebt und wo sie gerne hinmöchte. Besonders hängen geblieben ist der Satz, dass Inklusive Kirche über die blosse Vorstellung hinaus gehen muss. Aktive Umsetzung sei geboten, betont Leuenberger im Gespräch.

Ein inklusiver Gottesdienst
Mit den Informationen und Erfahrung der beiden Interviews machte ich mich auf den Weg nach Zürich, um dort in der Predigerkirche einen inklusiven Gottesdienst zu besuchen. Auf den ersten Blick schienen Liturgie und Theologie nicht anders zu wirken. Bei genauerem Hinsehen, wurde ersichtlich, dass der Gottesdienst durch zusätzliche Elemente ergänzt wurden. So wurden Texte und Lieder in Gebärdensprache übersetzt und Interpretationen zum Thema der Lesung pantomimisch dargestellt.

Der Gottesdienst war ein guter Abschluss zu den beiden Interviews. Es wurde deutlich, dass Inklusion in der Kirche gerade erst anfängt Gestalt anzunehmen. Sowohl die Schweizer Gesellschaft als auch Kirchengemeinden stehen am Anfang eines neuen inklusiven Weges.
Diese Reportage entstand im Rahmen des Seminars «Schreiben und Sprechen über Religion» der Theologischen und Religionswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich unter der Leitung von Marie-Therese Mäder in Zusammenarbeit mit «religion.ch». Im Artikel von Marie-Therese Mäder zur Mediatisierung von Religion können einige Hintergrundinformationen aus dem Seminar nachgelesen werden.
