Wenn es um ein gutes Leben geht, berufen sich immer mehr Menschen auf Achtsamkeit – ein Trend der sich mittlerweile in Kursen und Apps niederschlägt. Doch woher stammt die Idee der Achtsamkeit eigentlich und was hat sie mit der Vorstellung eines guten Lebens zu tun? Karma Lobsang, Mediatorin und Achtsamkeitslehrerin, beantwortet diese Frage und gibt Einblick in die konkrete Praxis der Achtsamkeit. Anhand ihrer beruflichen Erfahrungen zeigt sie, welche Bedeutung Achtsamkeit für sie hat und wie sie Schulen, Unternehmen und das private Leben positiv beeinflussen kann.
«Wie verhalte ich mich, wenn ich als Buddhist bei Bekannten zu Besuch bin und mir auf der Toilette eine grosse Buddhastatue zulächelt?», fragt ein tibetischer Meditationslehrer belustigt in die Runde und fährt sodann mit seiner Erzählung fort, «soll ich mich vor der Statue respektvoll verbeugen, ein Mantra aufsagen oder Niederwerfungen machen?» Er thematisiert damit die Irritation darüber, dass Achtsamkeitsobjekte aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgenommen und zu Dekorationszwecken verwendet werden.
Buddhistische Symbole wie Buddhastatuen und Lebensweisheiten werden oft mit einem guten Leben in Verbindung gebracht. So sind Werbung für achtsames Essen, achtsame Gartenarbeit, achtsames Arbeiten, achtsame Beziehungen etc. allgegenwärtig. Oft begegnen uns in diesem Zusammenhang auch Bilder von weiten Landschaften, Bergseen und meditierenden Menschen. Nicht selten wird die Achtsamkeit in diesen Darstellungen verkürzt als einfach zu erlernendes Werkzeug ohne Bezüge zur Ethik der Achtsamkeit mit seiner ursprünglichen Bedeutung.
Die Wurzeln der Achtsamkeit
Die Wurzeln der Achtsamkeit liegen in der buddhistischen Psychologie. Dabei geht es um die Vorstellung, dass ein glückliches Leben dann gelingt, wenn Menschen ihre Aufmerksamkeit nach innen richten, um sich des gegenwärtigen Momentes bewusst zu werden. Dies mit dem Ziel, destruktiven, inneren Zuständen entgegenwirken und sich für sich selbst und für andere von Leiden zu befreien. Das gelingt durch die Praxis einer inneren Transformation sowie durch die Schulung von Weisheit und Mitgefühl. Das heisst, dass dieser ethische Aspekt der Freundlichkeit mit sich selbst und mit anderen eine grundlegende Komponente der Achtsamkeit darstellt.
Ein glückliches Leben gelingt dann, wenn Menschen ihre Aufmerksamkeit nach innen richten.
Aus dieser buddhistischen Tradition heraus definiert Jon Kabat-Zinn: «Achtsamkeit ist die Bewusstheit, die sich durch gerichtete, nicht wertende Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Augenblick einstellt.» Sie beinhaltet die Kriterien des Nicht-Urteilens, der Geduld, des Anfängergeistes, des Vertrauens, des Nicht-Erzwingens, der Akzeptanz und des Loslassens.
Annehmen, wie sie ist
Die Achtsamkeitspraxis beeinflusst mein persönliches Denken und Handeln und unterstützt mich darin, so konsequent wie möglich die äussere Situation als auch die innere Situation anzunehmen, so wie sie ist. Die Selbstwahrnehmung im gegenwärtigen Augenblick funktioniert bei mir am effektivsten über die Körperwahrnehmung. Einen bewussten Stopp einschalten, Körper überprüfen nach Anspannungen und diese loslassen, Fokus auf den Atemfluss und danach den Blick nach innen richten und nicht-identifizierend beobachten, was sich an Gedanken und Gefühlen zeigt. Das bedeutet, dass ich beispielsweise meiner eigenen Ungeduld freundlich begegne und versuche, weder mich zu verurteilen noch auf andere wütend zu sein, deren Verhalten diese Ungeduld und Wut in mir hochsteigen lassen. Aufsteigendes wahrnehmen, beobachten, beschreiben und nicht sofort und automatisch auf das Wahrgenommene zu reagieren, sondern erst nach dem ersten Innehalten entscheiden, ob und wie ich reagieren will. Dies nach den Kriterien, was hilfreich und was nicht hilfreich ist. Dabei geht es darum, das Wahrgenommene nicht in «richtig/falsch», «gut/schlecht» oder «normal/nicht normal» einzuteilen und damit zu bewerten, sondern alles Wahrgenommene als «angenehm, unangenehm oder neutral» anzunehmen, d.h. als realen Zustand zu akzeptieren.

Bild: Vladyslav Tobolenko auf Unsplash
Achtsamkeit in der Mediation
Dieses bewusste Hinschauen sowie die emotionale Regulation stärkt mich in meinem privaten und beruflichen Alltag und steigert meine Resilienz. Vor allem in der Rolle als Mediatorin, welche Konfliktparteien in eskalierten zwischenmenschlichen Konflikten in der Lösungssuche unterstützt, ist es sehr wichtig, dass ich als vermittelnde Person verbale Angriffe offen, interessiert und nicht-wertend spiegle, zusammenfasse und einen Perspektivenwechsel herbeiführen kann.
Gleichzeitig hilft es mir auch, die Rollenklarheit zu wahren, sodass meine Meinung nicht zählt und ich deshalb all meine Gedanken sowie Handlungsimpulse als Fachperson nicht einbringe. Dabei ist mir wichtig, stets freundlich zum Menschen und bestimmt in der Sache zu sein, das heisst, den Menschen und sein Interesse voneinander zu trennen.
Es geht darum zu akzeptieren, dass Menschen als soziale Wesen soziale Konflikte haben.
Freundlich zu bleiben in schwierigen Situationen, gelingt mit der Haltung des Mitgefühls für sich selbst und für andere. Und Mitgefühl unterscheidet sich von Empathie darin, dass es dafür einsteht, sich für Entlastung in herausfordernden Momenten zu engagieren. Es geht darum zu akzeptieren, dass Menschen als soziale Wesen soziale Konflikte haben und dass es einzig darum geht, die gegenseitige Abhängigkeit in der sozialen Beziehung anzuerkennen und auf die Schuldfrage zu verzichten.
Als Mediatorin bin ich der Überzeugung, dass Konfliktparteien nicht nur die Konfliktinhalte, sondern auch die pragmatischsten und hilfreichsten Lösungen kennen. Hier braucht es Vertrauen und Geduld, dem eigenen Handlungsimpuls zu widerstehen und die Eigenverantwortung der Konfliktparteien in den Fokus zu stellen.
Achtsamkeit in der Führung
Achtsamkeit trägt in Institutionen zur Gesundheit der Mitarbeitenden bei und unterstützt das individuelle und kollektive Wohlbefinden. Gleichzeitig trägt sie zur Kreativität und Innovationsfähigkeit der Mitarbeitenden bei. Achtsamkeit und Meditation helfen, Stress abzubauen und die Arbeitszufriedenheit zu erhöhen, fördern eine wertschätzende Kommunikation miteinander und somit das gegenseitige Vertrauen.
Menschen mit Führungsverantwortung, welche achtsam führen, leben Freundlichkeit und Mitgefühl vor und können bewusst auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingehen. Ihre «Mindful Leadership» trägt zu einem positiven Arbeitsklima bei. Die Mitarbeitendenbindung ist hoch und Fluktuationen sind geringer, da sich Mitarbeitende wertgeschätzt fühlen.
Weiterbildung in Wellbeing
Am Institut für Weiterbildung und Dienstleistungen der Pädagogischen Hochschule Bern wurde im Rahmen des zweijährigen Themenschwerpunktes Wellbeing interessierten Mitarbeitenden die Teilnahme an einem MBSR-Kurs, das heisst ein 8-wöchiges Training in achtsamkeitsbasierter Stressreduktion angeboten. Walk the talk war die Devise der Geschäftsleitung und des Kernteams Wellbeing. Teilnehmende berichten von einer hohen Wirksamkeit in Bezug auf mehr Gelassenheit, Entspannung bei gleichzeitiger hoher Konzentrationsfähigkeit.
Achtsamkeitspraktizierende profitieren nicht nur für sich selbst, sondern auch ihr Umfeld profitiert
Lehrpersonen und Schulleitungen, die bei mir den 8-Wochenkurs in Achtsamkeitsbasierter Stressreduktion besucht haben, berichten von mehr Gelassenheit, Zufriedenheit, mehr Selbstmitgefühl und Abgrenzungsfähigkeit sowie Entscheidungsfreude und Klarheit. Immer mehr Lehrpersonenteams interessieren sich für das 8-Wochentraining bei ihnen vor Ort. Achtsamkeitspraktizierende profitieren nicht nur für sich selbst, sondern auch ihr Umfeld profitiert, das heisst Schüler und Schülerinnen, Mitarbeitende, Familie und Freunde.
Es braucht Disziplin
Im Sinne von Jon Kabat-Zinn, dem Vater des Achtsamkeitstrainings in seiner religionsunabhängigen Form, entmystifiziere ich die teilweise esoterische Vorstellung von Achtsamkeit und halte fest, dass das Training des achtsamen Lebens regelmässige Meditationen im Sitzen und in der Bewegung beinhaltet, bewusste Kommunikation und bewusstes Schweigen, und dass das Training keinen Spass machen muss, sondern einfach ein zielstrebiges Dranbleiben mit klaren Absichtserklärungen bedeutet.
Dazu braucht es Disziplin wie beim Erlernen des 1×1 oder dem Wortschatz einer Fremdsprache. Niemanden interessiert es, ob Lernende Lust und Interesse daran haben, mathematische und grammatikalische Grundfertigkeiten zu erlernen, sondern es wird als Kulturtechnik gelehrt, überprüft und bewertet.
Es braucht ein Training mit Disziplin, damit eine Gewohnheit entsteht.
Eine Bekannte hat den in den Kinos erschienenen neuen Dokumentarfilm Wisdom of Happiness mit Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama gesehen. Sie meint mit einer Mischung aus Stolz und Erstaunen, dass sie alles, was der Dalai Lama im Film sagte, bereits wisse und nichts Neues erfahren habe. Ich freue mich zunächst über diese Information und realisiere Minuten später, dass wir Menschen aufgrund unserer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse zwar spüren, was wir für ein glückliches Leben brauchen, aber wenig darin geschult sind, dieses Wissen in konkrete Handlungen umzusetzen – simple but not easy. Es braucht ein Training mit Disziplin, Entscheidungskraft und Zielstrebigkeit, damit eine Gewohnheit und neue Handlungsmuster entstehen.
