Jael Wolf

Zwischen Worten und Welten – Sprachcafé Seebach

Wenn plötzlich die Räumlichkeiten zu klein sind, weil der Andrang so gross ist: Das Sprachcafé Seebach wird überrannt. Frauen aus der ganzen Welt treffen zusammen – und Herzen verbinden sich. Es ist ein konfessionsübergreifendes Projekt, das Musliminnen, Hindus und Christinnen zusammenbringt und Freundschaften entstehen lässt. Hier geht es um mehr als Sprache – es geht um Gemeinschaft, Vertrauen und das Gefühl dazuzugehören. Jael Wolf, Kantonsschülerin, hat das Projekt besucht und mit den Beteiligten gesprochen.

Ich sitze in einem schlicht, aber liebevoll eingerichteten Raum. Der Duft von frischem Kaffee erfüllt die Luft. Acht Frauen aus verschiedenen Kulturen sitzen in einem Kreis um mich herum. Irene Goebel, die Leiterin, fordert uns auf, uns über die Tätigkeit «Pflegen» auszutauschen. Eine Frau mit einem farbigen Kopftuch äussert sich mit leiser Stimme: «Ich pflege meine Pflanzen in der Wohnung.» Die Frau aus Osteuropa mit einem Baby auf dem Arm neben ihr spricht von der Pflege ihrer Tochter. Die Frauen am Tisch teilen ihre Gedanken und öffnen dabei ihre Herzen. Während des Gesprächs fehlt den Frauen immer wieder ein passendes deutsches Wort. Sofort zücken sie ihr Smartphone und suchen nach der Übersetzung. Mir fällt auf, dass einige Teilnehmerinnen sehr präzise und wortgewandt sprechen, während andere Mühe haben, ihre Gedanken in ganzen Sätzen auszudrücken. Gerade diese Vielfalt an Sprachkenntnissen macht die Gesprächsrunde besonders. Ich spüre eine wohlwollende Atmosphäre – konzentriert, aber zugleich herzlich. Zlatinka erklärt mir: «Ich gehe gerne ins Sprachcafé. Es fühlt sich nicht wie Schule an. Ich treffe dort Leute und wir reden über spannende Themen. Ich lerne neue Wörter und ich lerne am meisten, wenn ich mutig spreche.»

Genau das ist das Ziel von Irene. Frauen sollen ankommen, sich wohlfühlen und frei über ihr Leben sprechen können. Es geht um Gemeinschaft. Frauen sollen sich hier zu Hause fühlen. Gleichzeitig geht es ums Deutschlernen, aber ohne Schulatmosphäre.

Bild: Ein Blick in die Gesprächsrunde im Sprachcafé. Foto: @Jael Wolf

Ich gehöre dazu

Als ich Zlatinka frage, ob ihr das Sprachcafé hilft, sich in der Schweiz wohler zu fühlen, lächelt sie mich zufrieden an und sagt: «Ja, sehr! Man übt nicht nur Deutsch, es ist einfach schön, einen Ort zu kennen, wo ich hingehen und Freundinnen treffen kann.» Zlatinka, eine christlich-orthodoxe Bulgarin, hat sich mit einer muslimischen Marokkanerin angefreundet. Sie verbindet eine Begeisterung für Kreativität und ihre Töchter sind gleich alt. Sie unterstützen sich gegenseitig im Alltag. Solche Begegnungen zeigen, wie Integration gelingen kann. So entsteht das Gefühl: «Ich bin angekommen, ich gehöre dazu.» Besonders wertvoll ist es, wenn Frauen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen miteinander ins Gespräch kommen. Oft entstehen Freundschaften zunächst innerhalb desselben Kulturkreises – im Sprachcafé ist das anders.

«Es ist einfach schön, einen Ort zu kennen, wo ich hingehen und Freundinnen treffen kann.»

Irene arbeitete sieben Jahre in der Arbeitsintegration und unterstützte Migrantinnen und Migranten bei der Jobsuche. Oft musste sie Frauen in der städtischen Asylorganisation abweisen, da familiäre Verpflichtungen oder unflexible Arbeitszeiten sie vom Programm ausschlossen. Diese Erfahrung motivierte sie, sich gezielt den Müttern in traditionellen Familienmodellen zuzuwenden. Im Projekt in Seebach erhalten diese Frauen, die sonst kaum Zugang zu Integrationsprogrammen haben, praktische Unterstützung und Beratung. So erfüllt sich Irenes Herzenswunsch: Frauen aus verschiedenen Kulturen zusammenzubringen und einen Ort der gegenseitigen Ermutigung für den Integrationsprozess zu schaffen. Nun leitet sie das Sprachcafé seit eineinhalb Jahren.

Bei meiner Anreise stelle ich fest, dass das Sprachcafé zentral am Seebacherplatz neben der grossen katholischen Kirche liegt. Die katholische Pfarrei Maria Lourdes stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung. Zusammen mit dem gemeinnützigen Verein «Global Initiative» bieten sie unterschiedliche Integrationsprojekte an.

Bild: Treffpunkt an zentraler Lage in Zürich. Foto: @Jael Wolf

Türöffner zur Wohnung oder Arbeitsstelle

Im Anschluss an die Gesprächsrunde bleibt das Café weitere zwei Stunden geöffnet und ehrenamtliche Mitarbeitende bieten Sozialberatung und Unterstützung an. Zlatinka geht auf eine Mitarbeiterin zu. Sie kam vor zehn Jahren aus Bulgarien in die Schweiz. Sie bittet um Hilfe beim Ausfüllen eines RAV-Formulars. Geduldig erklärt die Mitarbeiterin jedes Feld des Formulars. Später erzählt mir Zlatinka begeistert, dass ihr die Beratung im Café bei der Stellensuche half und dass sie in der Folge einen Praktikumsplatz bekam. Zudem begleitete Irene sie bei der Wohnungssuche und sie fand dadurch eine Wohnung in Winterthur. Irene berichtet: «Manchmal genügt schon eine 20-minütige Beratung, um die Tür zu einer neuen Wohnung oder Arbeitsstelle zu öffnen. Häufig benötigen Besuchende Hilfe beim Verstehen oder Verfassen von Briefen. Vieles schaffen die Migrantinnen selbst, wenn sie die nötigen Informationen haben.»

Irene und eine Frau aus Eritrea sitzen an einem kleinen Holztisch und arbeiten am Laptop. Ich setze mich zu ihnen und erfahre, dass die alleinerziehende Frau Unterstützung bei der Formulierung ihres Motivationsschreibens erhält. Momentan sucht sie eine Assistenzstelle in einer Waldspielgruppe. Irene rät ihr, ein Foto beizufügen, auf dem sie mit ihren drei Kindern in der Natur zu sehen ist. So kann sie ihre persönliche Verbindung zum Thema Wald noch stärker betonen. Dieser Moment berührt mich. Ich spüre die Erleichterung der Frau, als das Motivationsschreiben endlich versandbereit ist. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Bewerbungscoaching und Irenes praxisnahe Tipps der Frau helfen, ihre Chancen für diese Stelle zu verbessern.

Kreativer Rückzugsort

Ein weiteres Angebot für Migrantinnen ist die «Werkstatt achzg52», deren Trägerin die katholische Kirche Seebach ist. «Global Initiative» gestaltet einen Workshop in deren Rahmen: Jeden Dienstagmorgen haben Menschen aus aller Welt die Möglichkeit, sich in der «Kartenmacherei» kreativ auszudrücken. Gerade weil Immigrantinnen sich auf Deutsch noch nicht so präzise ausdrücken können, ist diese Ausdrucksform sehr wertvoll.

Die Mitarbeitenden berichten mir, dass viele Menschen die Werkstatt aufsuchen, weil sie sich einsam fühlen und hier die Möglichkeit bekommen, Gemeinschaft zu erleben und Schönes zu schaffen. Dieser Ort wird zu einer Oase inmitten des oft schwierigen Alltags von Menschen mit Migrationshintergrund und meist knappen finanziellen Mitteln.

Bild: Zlatinka, in der Mitte, gestaltet in der «Werkstatt achzg52» Karten. Foto: @Jael Wolf

Zlatinka erzählt mir: «Vor meinem Umzug nach Winterthur nutzte ich häufig das Angebot der Werkstatt und gestaltete Karten. Ich liebe es, kreativ zu sein. Das Malen beruhigt mein Herz und hilft mir, meine Gefühle auszudrücken.»

Glaube und interreligiöser Austausch

Die Räumlichkeiten der römisch-katholischen Kirche Maria Lourdes und das Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen weisen auf einen christlich-religiös motivierten Hintergrund hin. Das macht mich neugierig: Wie stark beeinflussen Glaube und Religion diese Arbeit? Die Sozialarbeiterin Irene, die aus einem freikirchlichen Hintergrund kommt, sagt: «Mein Glaube ist für mich eine zentrale Motivation und Kraftquelle.» Sie betont, dass die Liebe Gottes für alle Menschen ganz praktisch erfahrbar sein darf. «Unsere Unterstützungsangebote sollen nicht aufdringlich, sondern von Liebe, Respekt und einer offenen Haltung gegenüber allen Kulturen geprägt sein», erklärt sie. Im Sprachcafé werden unterschiedlichste Alltagsthemen besprochen – wie Krankenkasse, Kindererziehung oder Feriengestaltung. Auch tiefschürfende Themen kommen zur Sprache: Wie leben und zeigen wir Liebe? Woher nehme ich meine Kraft? Wenn es um solche Fragen geht, teilt Irene offen Erfahrungen aus dem eigenen Leben und aus ihrer Glaubensquelle.

Im Sprachcafé werden unterschiedlichste Alltagsthemen besprochen.

In den Gesprächen im Café oder in der Werkstatt sind es oft nicht die freiwilligen Mitarbeitenden, die das Thema Glauben und Religion einbringen. Wenn es um Liebe, Beziehungen oder Lebensfragen geht, bringen viele Migrantinnen ihre Überzeugungen, Werte und Glaubenssätze mit ein. Die meisten haben einen Glauben, der ihnen Kraft gibt und sie durchs Leben trägt. So kommt das Gespräch immer wieder auf spirituelle Themen. Irene möchte den Frauen die Ermutigung mitgeben: In schwierigen Zeiten kann das Gebet eine Stütze sein als eine lebendige Quelle der Hoffnung und Kraft.

Kommt es zu Spannungen und Ausgrenzung?

Während meines Besuchs fällt mir auf, dass viele Frauen ein Kopftuch tragen. Das bringt mich zu der Frage: Kommt es nicht auch zu interreligiösen Spannungen oder Ausgrenzung? Die Mitarbeitenden erzählen mir, dass den Migrantinnen bewusst ist, dass das Sprachcafé in einem katholisch-christlichen Gebäude stattfindet. Muslimische Frauen sind oft in der Mehrheit. Gerade sie sprechen gerne über Glaubensthemen. Viele Werte werden geteilt: Liebe, Vertrauen und die Überzeugung, dass Gott das Leben schenkt und begleitet. Auch Frauen, die nicht an Gott glauben, fühlen sich nicht ausgeschlossen. Hindus bringen ihre eigenen Perspektiven ein. Irene findet es bereichernd zu sehen, wie sich die verschiedenen Glaubensrichtungen begegnen. Besonders spannend sind die gemeinsamen Überschneidungen. Beim Thema Fasten etwa erzählt jede Frau aus ihrer eigenen Tradition. So entsteht ein offener Austausch, in dem alle Sichtweisen Platz haben.

Bild: Vielfalt im Sprachcafé. Foto: @Jael Wolf

Das Gebet in schwierigen Lebenssituationen, wie Krankheit oder in Existenznot, wird angeboten. Dabei nehmen die Mitarbeitenden Rücksicht und beten nicht ausgesprochen zum «christlichen Gott». Der natürliche Umgang mit spirituellen Lebensaspekten sei ein Punkt, in welchem sich das Sprachcafé Seebach von einem religionsneutralen Treffpunkt unterscheide.

Das Team im Sprachcafé steht aktuell vor der Herausforderung, der hohen Anzahl von Menschen mit unterschiedlichsten Anliegen gerecht zu werden. Die Nachfrage wächst stetig, die Räumlichkeiten werden allmählich zu klein. Die Fragen der Betroffenen sind komplex, die Lebenssituationen schwierig. Nelli, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, beschreibt die Situation so: «Die Herausforderung besteht darin, trotz der knappen Ressourcen und der begrenzten Zeit nicht das Gefühl zu bekommen, machtlos zu sein. Nicht zu denken, dass die Hilfe bloss ein Tropfen auf den heissen Stein ist. Ich sage mir: Wir tun, was wir tun können. Wir wollen uns nicht von den zahlreichen Schwierigkeiten überwältigen lassen.»

«Die Herausforderung besteht darin nicht das Gefühl zu bekommen, machtlos zu sein.»

Das Sprachcafé ist ein Ort, an dem Integration  konkret und alltagsnah gelebt wird. Dabei zeigt sich: Integration heisst nicht nur Sprachkurs und Formularhilfe, sondern auch Begegnung, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung. Was genau mit «Integration» gemeint ist, bleibt allerdings oft unklar. An was oder an wen soll man sich eigentlich anpassen? Welche Unterschiede werden in der Gesellschaft akzeptiert, welche nicht? Und wie können Zugehörigkeit und Mitgestaltung aussehen, ohne dass Menschen ihre Herkunft oder Identität aufgeben müssen?

Ein wertvoller Ansatz im Sprachcafé ist, dass sich viele Frauen bereits heute gegenseitig unterstützen – unabhängig davon, wie lange sie schon in der Schweiz leben. Perspektivisch könnte dieser Ansatz weiterentwickelt werden, etwa indem erfahrene Teilnehmerinnen andere Frauen begleiten. Durch Weiterbildung könnten sie ihre Beratungskompetenzen stärken – und gleichzeitig Rollenbilder aufbrechen, in denen Unterstützung vor allem von «einheimisch» an «neu zugewandert» gedacht wird.

Bild: Migrantinnen helfen sich gegenseitig. Foto: @Jael Wolf

Verbundenheit ist wertvoll

Im Sprachcafé gibt es immer wieder bewegende Momente, die in Erinnerung bleiben. Nelli erzählt von einem Gespräch über das Thema Liebe: «Als die Frauen von ihren schönsten Liebesfilmen erzählen, beginnen ihre Augen zu leuchten. Für einen Moment rückt der Alltag mit seinen Schwierigkeiten in den Hintergrund, und es entsteht ein Gefühl von Freude und Leichtigkeit. Die Teilnehmerinnen entdecken die Schönheit in kleinen Dingen und teilen ihre Begeisterung miteinander. Es ist eine lebendige Atmosphäre, in der sich Herzen berühren.»

Bild: Herzliche und verbindende Momente. Foto: @Jael Wolf

Irene teilt ihr Highlight so: «Besonders wenn Frauen den Mut haben, sich zu öffnen und über ihre Sorgen zu sprechen, merke ich, wie wertvoll die Arbeit im Sprachcafé ist! In diesen Momenten entsteht eine tiefe Verbundenheit. Jemand teilt eine Geschichte, eine andere hört zu, fühlt mit und gibt eine Ermutigung mit auf den Weg. Diese Augenblicke sind es, die das Sprachcafé so besonders machen!»

Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religion an der Kantonsschule Zürich Nord entstanden. Die Klasse hat sich im Unterricht mit der Frage beschäftigt, was Religion ist, wie Religion medial dargestellt wird und welche Rolle Stereotype und Vorurteile dabei spielen. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, wie religionswissenschaftliche Perspektiven zur Darstellung von Religion beitragen können. Dabei ging es auch um die Frage, wie man Reportagen schreibt, worauf es bei der Recherche ankommt und weshalb religion.ch sich für eine menschenzentrierte Herangehensweise entschieden hat. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte gleich in die Praxis umgesetzt.


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