Die alevitische Gemeinschaft ist eine der kleineren Religionsgemeinschaften in der Schweiz und erst in wenigen Kantonen rechtlich anerkannt. Ihre Geschichte ist geprägt von Verfolgung und Migration, wodurch über Generationen hinweg vielfältige Erfahrungen gesammelt wurden – und unterschiedliche Bedürfnisse und Sichtweisen entstanden. Onur Tekin, Generalsekretär der Föderation der Alevitischen Gemeinden in der Schweiz und selbst Alevit, spricht über die Generationen innerhalb der Gemeinschaft, ihre spezifischen Herausforderungen und darüber, wie sie Wege finden, die religiöse Identität zu stärken und Traditionen weiterzugeben.
Die alevitische Gemeinschaft in der Schweiz ist ein vielschichtiges Gebilde, das aus verschiedenen Generationen besteht. Während die erste Migrationswelle noch stark mit der Herkunftsregion verbunden war, haben sich spätere Generationen zunehmend in die schweizerische Gesellschaft integriert. Dies hat einerseits zu einer Stärkung der Gemeinschaft geführt, andererseits aber auch neue Herausforderungen mit sich gebracht. Ein zentrales Thema ist die Weitergabe von Traditionen und die Integration aller Altersgruppen in das Gemeindeleben. Dabei prallen oft unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen der Generationen aufeinander. Die erste Generation trägt das traditionelle Wissen und fungiert als Brücke zur Herkunftskultur. Die zweite Generation sucht nach Identität und Sinn, oft im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Die dritte Generation hat das Bedürfnis nach einem identitätsstiftenden Hafen und einem unkomplizierten Zugang zu Wissen und Ritualen.
Die Bedeutung von Generationen in der alevitischen Gemeinschaft
Im Alevitentum kommt dem Miteinander der Generationen eine zentrale Bedeutung zu. Über Jahrhunderte hinweg wurde die Lehre vor allem mündlich weitergegeben – in der Familie, in der Gemeinschaft, im direkten Austausch. Dieser Prozess setzt enge Bindungen voraus: Wissen, Werte und Rituale werden nicht abstrakt vermittelt, sondern durch gelebtes Vorbild, Erzählung und gemeinsames Erleben weitergegeben. Vor allem die älteren Mitglieder bewahren die Traditionen, geben religiöse und kulturelle Inhalte weiter und dienen den Jüngeren als Orientierung.
Die Gründung von Cemhäusern – alevitischen Kulturzentren – in der Schweiz hat diesen generationsübergreifenden Austausch erheblich gestärkt. Ein Cemhaus ist weit mehr als ein Gebetsraum: Es ist ein lebendiger Ort für Begegnung, Bildung und gemeinschaftliches Leben. Das rituelle Cem (spirituelle Zeremonie), dessen Name «Versammlung» oder «Gemeinschaft» bedeutet, wird hier mit Musik, Gebet, Licht und innerer Einkehr praktiziert – offen für alle Altersgruppen und eingebunden ins gesellschaftliche Umfeld.
Es braucht die Offenheit, auf die Lebensrealitäten der Gegenwart einzugehen.
Während Ältere die Rituale bewahren, wie sie sie aus den anatolischen Herkunftsregionen kennen, gestalten die Jüngeren den Glauben zunehmend in einer Sprache und Form, die zu ihrem Alltag in Europa passt. Dazwischen stehen jene, die den institutionellen Aufbau der Kulturzentren und die Vernetzung der Gemeinschaften vorangetrieben haben. In den Angeboten der Zentren – von Seminaren bis zu kulturellen Projekten – finden Menschen jeden Alters Raum für ihre Erwartungen, Erfahrungen und Fragen. Damit dieser Weg auch künftig weitergegeben werden kann, braucht es den Dialog der Generationen – und die Offenheit, auf die Lebensrealitäten der Gegenwart einzugehen.
Rollen und Aufgaben der verschiedenen Altersgruppen
Die älteren Generationen spielen eine zentrale Rolle bei der Weitergabe des Wissens, der rituellen Praxis und der ethischen Grundsätze des Alevitentums – sowohl religiös als auch kulturell. Sie vermitteln die mündliche Überlieferung in ihrer ursprünglichen spirituellen Tiefe. In Zeiten von Assimilationsdruck sichern sie so das Fortbestehen und die Authentizität des Alevitentums.
Bei Cem-Zeremonien (religiösen Zusammenkünften) übernehmen sie zentrale Funktionen wie die Zwölf Dienste (symbolische Aufgaben im Ablauf des Cem) und begleiten die jüngere Generation als erfahrene Bezugspersonen. Ohne ihre bewahrende Kraft würde der generationenübergreifende Faden reissen. Ihr Wirken ist entscheidend für die nachhaltige, wesensgetreue Weitergabe des Glaubens.
Ein prägnantes Beispiel für diesen Erhalt ist der Hızır-Kult – die Verehrung eines heiligen Helfers in Notlagen. Während der Hızır-Tage wird gefastet, Lokma (rituelles Gebäck zum Teilen) verteilt und Wohltätigkeit geübt. Dass sich dieser Kult bis heute erhalten hat, verdankt er der gelebten Vorbildfunktion älterer Generationen sowie ihrer mündlichen Überlieferung. Hızır gilt als Ausdruck von Mitgefühl, Dankbarkeit und dem Prinzip: Halka hizmet, Hakk’a hizmet – dem Menschen zu dienen heisst, dem Göttlichen zu dienen. Der Hızır-Glaube gehört zu den tiefsten spirituellen Wurzeln des Alevitentums.

Bild: Kinder, die Kerzen (Çerağ/Delil) entzünden – ein zentrales Ritual (symbolisches Licht für Wahrheit und Erkenntnis) im Alevitentum. Jubiläumsfeier zum 30-jährigen Bestehen des Alevitischen Kulturzentrums Solothurn am 4. Januar 2025 Foto: Alevi Swiss
Jugendliche setzen neue Akzente: Sie sind digital aktiv, berichten auf sozialen Medien über Veranstaltungen, beteiligen sich in Jugendgruppen und vertreten das Alevitentum in interreligiösen, kantonalen und gesellschaftlichen Plattformen – und erhöhen so dessen öffentliche Präsenz.
Kinderworkshops verbinden religiös-kulturelle Themen mit kreativen Aktivitäten: Kinder lernen spielerisch Figuren wie Hızır (Helfer in Notlagen) und Bräuche wie Lokma (rituelles Gebäck zum Teilen) kennen, singen im Chor, üben Semah (spiritueller Kreistanz mit ritueller Bedeutung) und Volkstänze, töpfern, malen oder wandern gemeinsam. Auch Feste wie Weihnachten, Samichlaus oder Ostern werden aufgegriffen – etwa durch Guetzlibacken, Grittibänzformen oder Eierbemalen. Diese Bräuche fördern Offenheit, kulturellen Dialog und verbinden zugleich mit anatolischen Traditionen wie dem Eierbemalen oder Khal Gagan, einer dem Samichlaus ähnlichen Gestalt.
Trotz jahrhundertelanger Verfolgung, Ausgrenzung und staatlichem Assimilationsdruck in der Türkei überdauerte das Alevitentum durch seine starke mündliche Erzähltradition. Der Glaube bleibt lebendig dank echter Begegnung und generationenübergreifender Verbundenheit – getragen vom gemeinsamen Gehen des Weges in Würde und Tiefe.
Generationenintegration – Herausforderungen und Lösungsansätze
Ein zentrales Anliegen ist die aktive Einbindung aller Generationen in die alevitische Gemeinschaft. Während ältere Mitglieder an traditionellen Strukturen festhalten, suchen viele junge Alevit:innen – aufgewachsen in einem säkularen, pluralistischen Umfeld – vor allem nach Sinn und Zugehörigkeit. Sie nähern sich dem Glauben eher über ethische und philosophische Fragen wie Menschenbild, Gottesverständnis, gelebtes Mitgefühl, Gerechtigkeit und Naturverbundenheit.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Rituale grundsätzlich abgelehnt werden. Vielmehr fehlen oft sprachliche und emotionale Zugänge. Viele Jugendliche sprechen nur eingeschränkt Türkisch, während die meisten Zeremonien und Texte in dieser Sprache gehalten werden. Dies erschwert nicht nur das Verständnis, sondern auch die Identifikation mit der Gemeinschaft. Gleichzeitig wirken sich die historischen Erfahrungen von Verfolgung und Ausgrenzung sowie widersprüchliche Informationen im Internet negativ auf das Vertrauen und den Wissenstransfer aus.
Damit junge Alevit:innen ihren Glauben kennenlernen und frei leben können, sind Cemhäuser von zentraler Bedeutung. Sie bieten geschützte Räume für Bildung, Austausch und spirituelle Entwicklung. Fehlt dieser Zugang, droht eine Verunsicherung in der Identität – bis hin zur schrittweisen Entfremdung oder gar Assimilation durch gesellschaftliche Einflüsse.
Wer das «Warum» versteht, öffnet sich auch für das «Wie».
Cemhäuser reagieren zunehmend auf diese Herausforderungen, indem sie Bildungsangebote, thematische Gesprächsrunden und Cem-Zeremonien in der jeweiligen Landessprache – etwa auf Deutsch – durchführen. Diese niederschwelligen Formate schaffen Brücken zwischen spiritueller Praxis und moderner Lebensrealität. Besonders hilfreich sind Workshops mit Theolog:innen, Religionswissenschaftler:innen oder erfahrenen Mitgliedern der alevitischen Gemeinschaft, die jungen Menschen einen kritischen, reflektierten und respektvollen Zugang ermöglichen. In vielen Fällen zeigt sich: Wer das «Warum» versteht, öffnet sich auch für das «Wie». So entwickeln sich Cemhäuser heute nicht nur als spirituelle Zentren, sondern zunehmend auch als Orte der Bildung, des Austauschs und der Orientierung für die nächste Generation.
Chancen durch intergenerationellen Dialog
Trotz mancher Herausforderungen bietet der Dialog zwischen den Generationen viele Chancen. In alevitischen Kulturzentren wird generationenübergreifendes Lernen aktiv gefördert – durch Workshops, Gesprächsrunden und gemeinsame Projekte. Besonders in Jugendgruppen und Bildungsangeboten zeigt sich ein lebendiges Miteinander: Jugendliche erleben den Austausch mit Älteren als bereichernd, Ältere schätzen das Interesse und die Fragen der Jüngeren. So entsteht Vertrauen, Verständnis – und ein Gefühl von Zusammenhalt. Auch in den Vorständen alevitischer Organisationen arbeiten inzwischen verschiedene Generationen gemeinsam: Jüngere bringen digitale Kompetenzen und frische Ideen ein, Ältere ihre Erfahrung und spirituelle Tiefe. Dieses Miteinander auf Augenhöhe stärkt Strukturen und Gemeinschaft.
Dieses Miteinander auf Augenhöhe stärkt Strukturen und Gemeinschaft.
In Solothurn verbindet FC Canspor – die Fussballmannschaft des Alevitischen Kulturzentrums, die aktuell in der Regionalliga spielt – sportlichen Ehrgeiz mit Gemeinschaftssinn. Der Verein umfasst ein Team mit Jugendlichen sowie zwei Mannschaften für ältere Generationen – ein gelebtes Beispiel für generationenübergreifende Teilhabe. Darüber hinaus treffen sich in den Cemhäusern in der Schweiz Gruppen zum Wandern, für Sport, Pilates- oder Tanzkurse. Im Bildungsbereich besuchen ältere Menschen Englisch- oder Computerkurse – nicht selten unterrichtet von jungen Mitgliedern. Solche Begegnungen stärken das gegenseitige Vertrauen.
Musik hat im Alevitentum eine zentrale spirituelle Bedeutung. In Bağlama-Kursen (traditionelles Saiteninstrument) geben Ältere ihr Wissen an Jugendliche und Kinder weiter. Kinder- und Erwachsenenchöre tragen das kulturelle Erbe weiter. Ob beim Singen, Lernen, Sport oder in der Vereinsarbeit: Der Generationendialog gelingt, wenn er im Alltag verankert ist – im Tun, im Gespräch und in einer Haltung des Respekts. So wächst aus einem Nebeneinander ein lebendiges Miteinander, das das Alevitentum in die Zukunft trägt.
Anerkennung als eigenständige Religion
Ein bedeutender Fortschritt für die alevitische Gemeinschaft in Europa ist die wachsende Anerkennung des Alevitentums als eigenständige Religion. Über Jahrhunderte war es Alevit:innen aufgrund von Verfolgung nicht möglich, ihren Glauben offen zu leben – das religiöse Leben verlagerte sich ins Private, die Identität wurde vielfach verschleiert. Erst mit der Migration nach Europa und der Gründung von Cemhäusern konnten Alevit:innen ihre Überzeugungen wieder sichtbar, gemeinschaftlich und selbstbewusst praktizieren.
In mehreren europäischen Ländern – darunter auch in der Schweiz – wird das Alevitentum inzwischen offiziell anerkannt. Im Kanton Basel etwa geniesst es den Status der «kleinen Anerkennung». Die Föderation der Alevitischen Gemeinden in der Schweiz vertritt derzeit acht Kulturzentren, die sich aktiv für Sichtbarkeit, Anerkennung und Weiterentwicklung der alevitischen Lehre einsetzen. Die zentrale Herausforderung besteht darin, traditionelle Werte zu bewahren und gleichzeitig zeitgemässe Zugänge für junge Alevit:innen zu ermöglichen, die vermehrt kreative, dialogische und intellektuelle Wege suchen. In vielen Zentren werden religiöse Themen wie das Gottesbild oder die «Vier Tore und Vierzig Stufen» (ein spirituelles Entwicklungsmodell im Alevitentum) in Gesprächskreisen gemeinsam reflektiert.
Neue Ausdrucksformen ersetzen nicht das Traditionelle, sondern öffnen neue Wege, es zu verstehen.
Darüber hinaus entstehen neue Formate, die an die spirituelle Tradition anknüpfen und sie gleichzeitig zeitgemäss interpretieren: Musikabende mit mystischen Liedern und Gedichten, Workshops, Impulsveranstaltungen – sie schaffen Räume für gemeinsames Lernen, Erleben und Wachsen. Solche Ausdrucksformen ersetzen nicht das Traditionelle, sondern öffnen neue Wege, es zu verstehen und in die Gegenwart zu übertragen.
Ein zentrales Ziel ist der Ausbau moderner Bildungsformate. Jugendgruppen, digitale Vorträge und kreative Social-Media-Projekte sollen neue, lebensnahe Zugänge zum Glauben schaffen. Alevitische Institutionen sind gefordert, soziale Medien gezielt als Bildungs- und Dialogplattform zu nutzen – um insbesondere junge Menschen stärker zu erreichen. Die Lösung liegt in einem offenen und respektvollen Dialog zwischen den Generationen. Das Alevitentum hat sich im Laufe seiner Geschichte stets an neue Bedingungen angepasst – und bleibt auch heute eine lebendige, zukunftsfähige und generationenübergreifende Glaubensgemeinschaft, die den unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen ihrer Mitglieder gerecht wird.
