Rafaela Estermann

Einander Gutes tun – über Generationen hinweg

Ein Grossvater pflanzt vier Bäume, bevor er stirbt. Aus Fürsorge und der Hoffnung, dass sie seiner Tochter eines Tages etwas geben werden. Doch was für ihn Sinn ergibt, fühlt sich für die Tochter fremd an. Ihre Lebensrealität ist eine andere. Die Geschichte bildet den Ausgangspunkt für Gedanken über das Zusammenleben der Generationen – über Weitergabe, Überforderung und das Gespräch, das oft fehlt. Und sie führt zu Fragen, die auch in der interreligiösen Arbeit relevant sind: Wie können Jüngere Räume gestalten, ohne dass Ältere sich an den Rand gedrängt fühlen? Und wie können Ältere bewusst Raum schaffen, damit Neues entstehen kann?

Ich habe diesen Text für das Netzwerktreffen von IRAS COTIS 2025 geschrieben – zum Thema: «Von Generation zu Generation: Wissen, Wandel, Verantwortung.» Er ist Teil eines Gesprächs, das an diesem Abend weitergeführt wurde – und das hoffentlich weiterführt.

«Die ersten Äpfel»

Als sie ankam, war alles still. Das Haus wirkte grösser als früher, vielleicht, weil niemand mehr darin lebte, vielleicht auch, weil sie selbst in den letzten Monaten kleiner geworden war. Nicht äusserlich, aber im Innern. Geschrumpft zwischen Arbeit, Kindern und Alltag.

Sie schloss die Tür auf, schob die Fensterläden beiseite, liess Licht in die Räume. Der Geruch war vertraut: Holz, Seife, ein Hauch von etwas Eingekochtem. Auf dem Küchentisch stand noch die alte Keramikschale, in der er immer die Äpfel gesammelt hatte. Sie war leer.

Im Garten standen vier junge Bäume. Ihre kleinen Stämmchen hielten wacker gegen den Wind, der über das Gras strich. Er musste sie im letzten Frühling gesetzt haben, als die Beine schon nicht mehr so recht wollten, aber er immer noch an das «Später» dachte. Sie erinnerte sich an seinen Anruf – ein paar Monate vor dem Krankenhaus. Er hatte gesagt: «Wenn du mal wieder vorbeikommst, kann ich dir zeigen, welche schönen Bäume ich für euch gepflanzt habe. Wenn ihr das Haus mal nehmt, habt ihr was vom Garten.»

Damals hatte sie sich nur kurz bedankt und dann das Thema gewechselt. Natürlich war es schön, wie er an sie dachte. Diese Bäume waren nur so furchtbar weit weg von ihrer Realität. Aber was hätte sie sagen sollen? Dass sie gar keinen Garten will? Keine Bäume? Kein Haus, das so viel verlangt?

Jetzt stand sie da, zwischen Apfel, Zwetschge, Birne und Quitte. Die Erde war trocken. An den Zweigen hingen erste Früchte – viel zu schwer für das zarte Geäst. Es sah fast ein wenig seltsam aus, wie das kleine Bäumchen sich mühte, Äpfel in voller Grösse zu tragen. 

Sie spürte das Gewicht – nicht auf den Ästen, sondern auf sich. Dass jemand mit seinen letzten Kräften etwas für sie getan hatte, in der Hoffnung, es würde ihr einmal Freude bereiten. Vielleicht sogar helfen. Und sie wusste nicht, ob sie das wollte. Oder tragen konnte.

Im Haus stapelten sich die Aufgaben. Fenster, die klemmen. Böden, die gewischt werden müssen. Das Dach, das bald gemacht werden sollte. Und nun auch noch Obst. Zu viel, um es zu essen. Zu schade, um es verkommen zu lassen. Also einmachen? Konfitüre kochen? Wie damals, als sie noch Kind war und der Krieg in den Geschichten der Grosseltern lebendig. «Man musste schauen, dass der Garten was hergibt», hatte er immer gesagt. «Du kannst nicht einfach alles kaufen.»

Aber sie konnte. Und trotzdem stand sie nun hier und fragte sich, ob das wirklich besser war.

Am Abend kam ihre Tochter barfuss in den Garten. Sie blieb vor dem Apfelbaum stehen und schaute nach oben.

«Hat Grosspapa den gepflanzt?»

«Ja. Ihm war immer wichtig, dass der Garten uns was gibt.»

Das Mädchen trat näher an den Stamm, betrachtete die Zweige und runzelte die Stirn. «Das sieht irgendwie komisch aus.»

«Was meinst du?»

«Die Äpfel sind so gross. Aber der Baum ist noch klein. Die Äste sehen aus, als würden sie das gar nicht schaffen.»

Das Mädchen lehnte sich an den Baum, legte die Hand an den Stamm. „Der fühlt sich lebendig an.“ Sie trat näher, strich mit den Fingern über die Rinde. «Ich glaube, Grosspapa ist noch ein bisschen in dem Baum. Er sorgt noch für uns. Auch jetzt.»

Sie sagte nichts. Es schnürte ihr die Kehle zu.

«Danke, Grosspapa», murmelte ihre Tochter in die Abendluft.
Und sie nickte.
Die Bäume bedeuteten Arbeit. Aber auch Liebe.
Und sie wusste, dass sich beides manchmal nicht trennen lässt.

Generiert von Rafaela Estermann mit ChatGPT zur Illustration der Geschichte

Gedanken zur Geschichte

Manchmal sind es kleine Szenen, die uns mehr über das Zusammenleben der Generationen erzählen als jede Theorie. In dieser Geschichte hinterlassen die Grosseltern nicht nur ein Haus, sondern auch vier junge Bäume.

Es ist ein Gefühl, das sich beim Lesen langsam einstellt: Da ist diese stille Liebe füreinander. Der Wunsch, etwas weiterzugeben. Für jemanden zu sorgen. Und zugleich das Gefühl, nicht ganz gesehen zu werden. Dass sich die Welt verändert hat und dass das, was man weitergeben möchte, vielleicht gar nicht das ist, was die andere Generation gerade braucht. Trotzdem berührt seine Geste. Man sieht die Mühe und Zuneigung, die darin liegt. Sie ist beides: ein Geschenk und eine Last.

Diese Geschichte erzählt viel über das, was Generationen miteinander verbindet – und was sie trennt. Sie erzählt von Beziehungen, Verantwortung, vom Füreinander-Sorgen. Aber auch von Überforderung, Erwartungen, von dem, was einem hinterlassen wird – manchmal gegen den eigenen Willen.

Sie erzählt auch von einem Gespräch, das oft fehlt. Davon, dass etwas weitergegeben wird, aber nicht unbedingt mit Worten, sondern durch Handlungen, durch Hoffnungen, durch die Dinge, die bleiben. Die Geschichte spricht etwas an, das viele kennen: das Bemühen, einander etwas Gutes zu tun – und das Missverständnis, das entsteht, wenn die Vorstellungen davon auseinandergehen. Die Liebe, die spürbar ist, aber nicht immer den Ausdruck findet, den sich das Gegenüber gewünscht hätte. Die Verantwortung, die sich schwer, aber auch wie ein Geschenk anfühlen kann.

Netzwerktreffen IRAS COTIS, 25.6.2024

Vier Perspektiven auf Generationen

Wenn wir von Generationen sprechen, geht es nicht einfach um Altersgruppen. Sondern um unterschiedliche Erfahrungen, geteilte Prägungen, Beziehung und Rollen, die sich verändern. In jeder Lebensphase stehen wir an einem anderen Punkt in diesem Gefüge. Und dieses ständige Wechseln prägt, wie wir die Welt sehen und wie wir uns selbst verstehen.

In meiner Auseinandersetzung mit der Geschichte sind mir vier Aspekte begegnet, die mir hilfreich erscheinen, um über den Begriff «Generationen» nachzudenken. 

1. Generationen als geteilte Prägung

Menschen, die zur gleichen Zeit aufwachsen, erleben ähnliche gesellschaftliche Umbrüche – vom Kalten Krieg bis zur Klimakrise, von Kassettenrekorder bis TikTok. Diese Prägungen formen das Denken, die Werte, auch die Ängste und Hoffnungen einer Generation und bewirken, dass wir die Welt unterschiedlich wahrnehmen.

2. Generationen als Erzählung

Wenn wir sagen: «Die Jugend von heute…» oder «Wir Alten…» – dann sind das Generationenerzählungen. Sie bringen Vorstellungen über Geschichte, Wandel und Zugehörigkeit mit sich. Manches davon sind auch Klischees und Vorurteile. 

3. Generationen als Beziehung und Verantwortung

Zwischen Generationen geht es nicht nur um Unterschiede, sondern immer auch um Beziehung. Um Weitergabe – von Wissen, Werten, manchmal auch von Lasten. Diese Beziehungen sind verknüpft mit Vorstellungen, wie sie ausgestaltet sein sollten. Es geht um Verantwortung, Liebe und Verbindung, um Pflicht, vielleicht für manche auch um Schuld.

4. Generationen erleben als Teil unserer Biografie 

Wir alle bewegen uns im Gefüge der Generationen – nicht nur einmal im Leben, sondern immer in Veränderung, je nach Alter. Als Kind, als Elternteil, als Nachfahr:in, als Grosseltern. Diese Begriffe sind eigentlich fast immer im Familienkontext gedacht, obwohl man das natürlich nicht nur auf dieser Familienebene, sondern auch auf einer gesellschaftlichen Ebene denken kann.  Zu jeder Lebenszeit befinden wir uns an einem anderen Punkt des Generationengefüges. Wir durchlaufen verschiedene Rollen. Und diese Wechsel prägen unser Selbstbild.

Zusammenleben der Generationen in der interreligiösen Arbeit

Und all das begegnet uns nicht nur in Familien. Sondern auch in religiösen Gemeinschaften und in der interreligiösen Arbeit. Dort sehen wir das Werk früherer Generationen – Menschen, die aufgebaut und gestaltet haben. Und wir sehen Jüngere, die sich engagieren wollen, aber nicht immer Raum dafür finden. Manche gehen eigene Wege und erfinden Neues. Andere versuchen, das Bestehende weiterzuführen und darin Platz für Neues zu schaffen. Und manchmal entsteht bei Älteren das Gefühl, dass alles über den Haufen geworfen wird und für sie kein Platz mehr bleibt.

Deshalb bleiben diese Fragen: Wie schaffen wir Raum füreinander? Wie bleiben wir im Gespräch?
Wie finden wir heraus, ob es die Obstbäume sind, die wir brauchen – oder etwas ganz anderes?

Die Geschichte «Die ersten Äpfel» und die dazugehörigen Gedanken wurden von Rafaela Estermann für das Netzwerktreffen von IRAS COTIS 2025 verfasst. Das Treffen stand unter dem Thema:
«Von Generation zu Generation: Wissen, Wandel, Verantwortung». Im Zentrum standen Fragen wie:
Wie können jüngere und ältere Generationen gemeinsam Verantwortung übernehmen – in Religionsgemeinschaften und in der Gesellschaft? Wie lässt sich der Austausch zwischen den Generationen fördern? Und wie bewahren wir Erfahrungen, ohne der Veränderung im Weg zu stehen? Das Netzwerktreffen bringt jedes Jahr engagierte Personen aus dem interreligiösen Umfeld der Deutschschweiz zusammen. Ziel ist der Austausch, das gegenseitige Lernen und das gemeinsame Weiterdenken.

Autor:in

  • Rafaela Estermann

    Religionswissenschaftlerin und die Redaktionsleitung von religion.ch ||| Rafaela Estermann ist Religionswissenschaftlerin und die Redaktionsleitung von religion.ch. Ihre Schwerpunkte sind Nicht-Religion, Säkularität und der Diskurs über Religion und den Islam in der Schweiz. Zudem arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Fakultät Zürich in einem Forschungsprojekt (MORE) zum Religionsunterricht über den Islam in verschiedenen Religionsunterrichtsmodellen in der Schweiz, Deutschland und Österreich.

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Ein Gedanke zu „Einander Gutes tun – über Generationen hinweg

  • Die Geschichte „Die ersten Äpfel“ bringt in einfühlsamer Sprache zum Ausdruck, was viele von uns kennen: den Wunsch, etwas Gutes weiterzugeben – und zugleich das Gefühl, dass diese Geste nicht immer im Alltag der Jüngeren ankommt. Zwischen Generationen gibt es manchmal unterschiedliche Vorstellungen davon, was gerade gebraucht wird – doch genau darin liegt auch die Chance für Begegnung.

    Werte, Erfahrungen und Haltungen, die über Generationen weitergegeben werden, brauchen Raum für Austausch – und das gegenseitige Vertrauen, dass beide Seiten gehört und gesehen werden.

    Ich danke Rafaela Estermann und IRAS COTIS herzlich für diesen berührenden und starken Impuls. Er regt zum Nachdenken an und macht Mut, Brücken zu bauen – im Glauben, im Alltag und im Miteinander.

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