Ein gewöhnlicher Samstagmorgen am Zürichsee. Im Garten der Familie K. liegt ein leises Summen in der Luft – durchzogen von Babygebrabbel, fröhlichem Kinderlachen und dem Plaudern vertrauter Stimmen. Willkommen beim 19-Tage-Fest der Bahá’í-Gemeinde Zürich, das sich in den letzten Jahren ziemlich verändert hat.
Es begann mit einer wunderschönen Herausforderung: Die Gemeinde wurde deutlich jünger. Innerhalb weniger Jahre wuchs die Zahl junger Familien, Babys und Kleinkinder – ein lebendiges Zeichen von Zukunft und Wachstum. Doch mit der neuen Lebendigkeit kamen auch neue Fragen auf: Wie können Eltern am Gemeindeleben teilhaben, wenn ihre Kinder auf dem Arm, unter dem Tisch oder gerade in der Trotzphase sind? Und wie bleibt die spirituelle Tiefe erhalten, wenn zwischen Andacht und Beratung plötzlich Bauklötze durch den Raum rollen?
Die Antwort begann – wie so oft im Bahá’í-Kontext – mit tiefen und bedeutsamen Gesprächen zwischen den Gemeindemitgliedern und den Institutionen.

Bild: Bahá’í-Gemeinde im Garten der Familie K. Foto: @tarasemple
Ein neuer Rhythmus
«Wir haben gemerkt, dass viele junge Familien kaum zum 19-Tage-Fest kommen konnten», erzählt eine engagierte Mutter. «Nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil es oft an einem Wochentag abends war – zu der typischen Bettzeit.» Das 19-Tage-Fest ist im Bahá’í-Glauben ein zentrales Element der Partizipation, weil es allen Mitgliedern ermöglicht, sich geistig zu verbinden, gemeinsam zu beraten und das Leben der Gemeinde aktiv mitzugestalten. Also beschloss die Gemeinde, das Fest regelmässig aufs Wochenende zu legen. So konnten mehr Eltern teilnehmen, und es entstand Raum für neue, kreative Formate.
Es gab Momente, wo wir einander nicht mehr richtig hören konnten.
Aber dann kam das nächste Dilemma: Mit bis zu 12 Kleinkindern in einem kleinen Raum wird es nun mal laut. Richtig laut. Kleinkinder spielten, Babys weinten – während andere Freunde der Gemeinde nach Ruhe für Andacht und konzentrierten Gesprächen suchten. «Wir haben gemerkt, dass es nicht einfach ist, allen Bedürfnissen gerecht zu werden», erinnert sich ein Gemeindemitglied. «Es gab Momente, wo die Stimmung fast kippte, weil wir einander nicht mehr richtig hören konnten, weder akustisch noch emotional.»
Einheit in der Vielfalt: eine Harmonie besteht aus verschiedenen Tönen
Die Gemeinde entschied sich, einen Schritt zurückzutreten – und zuzuhören. In den Bahá’í-Schriften heisst es schliesslich: «Die Vielfalt in der menschlichen Familie sollte die Ursache für Liebe und Harmonie sein, so wie in der Musik viele verschiedene Töne in einem vollkommenen Akkord zusammenklingen.» Die Gemeinde fragte sich dementsprechend, wie eine solche Harmonie in der Vielfalt aussehen kann. In zwei Workshops kamen verschiedene Generationen zusammen, um ihre Bedürfnisse zu teilen. Was bedeutet «andächtige Atmosphäre» für die einen? Wie erleben Eltern die Spannung zwischen Mitwirken und Kind-Beschäftigen? Welche Rolle spielt Gemeinschaft, wenn sie plötzlich so vielfältig ist? Was brauchen wir, um Teilhabe zu fühlen?

Bild: Bahá’í-Gemeinde im Garten der Familie K. Foto: @tarasemple
«Was dabei herauskam, war kein Masterplan», sagt ein Mitglied vom Rat, die den Workshop mitorganisierte. «Aber es war ein gemeinsamer Lernmoment. Wir haben verstanden, dass Kultur nicht etwas Festes ist – sie wandelt sich. Und wenn wir wirklich inklusiv sein wollen, müssen unsere Institutionen flexibel und lernbereit bleiben.»
Eine ständig fortschreitende Kultur vorantragen
In den Bahá’í-Schriften sagt Bahá’u’lláh: «Alle Menschen wurden erschaffen, eine ständig fortschreitende Kultur voranzutragen.» Was bedeutet es, wenn Kultur voranschreitet? Sich wandelt?
Es hat Raum dafür, dass auch etwas schieflaufen darf.
Der Lokale Geistige Rat – das gewählte Gremium der Bahá’í-Gemeinde – nahm die Rückmeldungen ernst. Heute wird das 19-Tage-Fest oft in mehreren Räumen gefeiert, mit einer Kinderaktivität parallel zur Andacht, einer familienfreundlichen Atmosphäre und flexiblen Beteiligungsformen bei der Beratung. Es ist nicht perfekt. Es ist manchmal chaotisch. Aber es ist lebendig – und echt. Wie das Leben selbst, hat es sowohl Platz für Kindergeschrei, als auch für tiefe Gespräche. Raum dafür, dass etwas auch schieflaufen darf.
Eine Gemeinde im Wandel
Diese Geschichte aus Zürich zeigt: Gemeinschaft ist kein starres Konzept. Sie ist ein lebendiger Organismus – geprägt von Veränderung, Wachstum, Reibung und Lernprozessen. Altersübergreifende Gemeinden sind eine Chance, die spirituelle Tiefe durch Vielfalt zu bereichern. Aber das gelingt nur, wenn wir den Mut haben zuzuhören, umzudenken – und manchmal auch neue Wege zu gehen, selbst wenn sie zunächst holprig sind.
Denn geistige Entwicklung geschieht nicht trotz Vielfalt, sondern genau durch sie.
