Christina Aus der Au

Die Stellung des Islam in der Gesellschaft

Zwischen Extremismusprävention, Kopftuchdebatten und interreligiösem Engagement wird viel über «den Islam» gesprochen. Selten aber über die Menschen, die ihn in der Schweiz leben – und darüber, wie ein gutes Zusammenleben konkret gestaltet werden kann. Christina Aus der Au, Kirchenpräsidentin der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau und Dozentin, illustriert ihre Gedanken über das Zusammenleben und die Frage, wie wir religiöse Vielfalt in der Gesellschaft aushandeln.

Die Frage nach der Stellung des Islam in der Gesellschaft bringt mich per se schon etwas in Verlegenheit. «Die» Stellung «des» Islam? «Steht» denn «der Islam» irgendwo in der Gesellschaft herum? Als Stein des Anstosses am ehesten, wenn man die Diskussion in den Medien verfolgt: sei es bei der Bekanntgabe der Nationalität von Straftätern (die wenigen Frauen sind hier für einmal mitgemeint), bei der Weitergabe eines Teils der Staatsgelder der Zürcher Landeskirchen an muslimische Organisationen (notabene vor allem für Extremismusprävention und die Qualitätssicherung muslimischer Seelsorge) oder bei einer generellen Warnung vor dem Islam, der sich «auf leisen Sohlen» (NZZ, 6.9.25) anschicke, Aufklärung und Demokratie zu unterwandern. Und darüber hinaus diskutieren die Medien im Thurgau muslimische Grabfelder und die Frage nach dem Kopftuch bei Schülerinnen. Dazu passt die Frage eines christlichen Magazins, ob denn die Kirchen die Stellung «des Islam» in der Schweiz fördern sollen.

Nicht «der Islam», sondern Menschen muslimischen Glaubens

Dazu möchte ich zunächst klarstellen: Mir geht es nicht um den Islam, sondern um die ca 450’000 Menschen muslimischen Glaubens in der Schweiz, von denen über ein Drittel die Schweizer Staatsbürgerschaft hat.

Im Thurgau sind es rund 7% der Bevölkerung über 15 Jahre, die einer islamischen Glaubensgemeinschaft angehören. Zum Vergleich: 54% sind Mitglieder einer der beiden Landeskirchen, 32% sind konfessionslos. Es geht nicht darum, ob wir religiös multikulturell unterwegs sein wollen oder nicht – wir sind es. Punkt.

Ein Denkanstoss und vier Modelle

Müssten wir also nicht den Titel umformulieren: Wie wollen und können wir in der Schweiz und im Thurgau so mit Gleich-, Nicht- und Andersgläubigen zusammenleben, dass jeder und jede seinen Glauben auf eine für sich und andere gute und förderliche Art und Weise einbringen kann? Dafür gibt es keine simple Antwort. Aber beim Nachdenken darüber finde ich den Vergleich mit der Diskussion zwischen Theologie und Naturwissenschaft ganz hilfreich.

Der amerikanische Philosoph und Theologe Ian Barbour hat dazu in den 70er Jahren vier Modelle vorgeschlagen, die ich als Denkanstoss für das Verhältnis zwischen dem christlichen und dem muslimischen Glauben ausprobieren möchte: Konflikt, Unabhängigkeit, Integration und Dialog.

Bild: Podiumsdiskussion zu Stellung des Islam in der Gesellschaft an der Woche der Religionen 2025 in Weinfelden. Foto: @Rafaela Estermann

Modell Konflikt: diametral unterschiedliche Positionen

Im Modell Konflikt widersprechen sich Islam und Christentum diametral. Nur eine Seite kann recht haben, sei es bei dogmatischen Glaubensaussagen, sei es, was die politischen Konsequenzen anbelangt. Ob sich Ungläubige bekehren müssen, damit sie in den Himmel kommen, ob Frauen in der Gemeinde schweigen, ob sie gleichberechtigt sind oder sich unter dunkeln Tüchern verhüllen sollen, ob Menschen im Urzustand muslimisch sind oder unreligiös, ob Allah oder Jahwe die Erde erschaffen hat, ob Religion und Staat getrennt werden sollen oder ob das religiöse Gesetz höher steht als staatliche Verfassungen – überall muss man sich für das eine oder das andere entscheiden, wenn beide Positionen ihren absoluten Wahrheitsanspruch aufrechterhalten.

Das ist klar dort der Fall, wo islamistische Positionen zentrale demokratische Freiheiten wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit oder Gleichberechtigung bedrohen. Es ist gut zehn Jahre her, dass in Paris an fünf verschiedenen Orten islamistisch motivierte Terroranschläge geschahen, darunter im Theater Bataclan. 130 Menschen wurden getötet, 683 verletzt. Laut Tages-Anzeiger laufen zur Zeit in der Schweiz über 140 Verfahren unter dem Begriff Terror. Hier kann tatsächlich nur eine Seite recht haben. Hier ist Konflikt – allerdings nicht zwischen dem Christentum und dem Islam, sondern zwischen der rechtsstaatlichen, freiheitlichen Demokratie und einem fundamentalistischen Islamismus.

Nicht zwei Religionen stehen im Konflikt miteinander, sondern Verfassungsstaat und religiöser Fundamentalismus.

Und hier beziehen wir, als Christenmenschen und als Staatsbürgerinnen, eindeutig Position: für die freiheitliche Demokratie und gegen den Fundamentalismus, ob er nun gewalttätig ist oder auf leisen Sohlen daher kommt. Hier ist allerdings nicht in erster Linie die Kirche gefragt, sondern der Staat. Nicht zwei Religionen stehen im Konflikt miteinander, sondern Verfassungsstaat und religiöser Fundamentalismus. Und hier gilt es, klare Grenzen zu ziehen.

Modell Unabhängigkeit: neben einander existieren

Im Modell Unabhängigkeit werden diese klaren Grenzen sowohl zwischen Religion und Staat als auch zwischen Christentum und Islam gezogen. Religionen sind Ausdruck unterschiedlicher Kulturen und Traditionen, wo die Religionsfreiheit hochgehalten wird, können sie schiedlich-friedlich nebeneinander existieren. So lange sie einander nicht stören, dürfen Menschen ihre unterschiedlichen Religionen leben, die einen feiern freitags, die anderen sonntags, die einen in der Moschee, die anderen in der Kirche. Und wenn sie sich auf der Strasse treffen, lassen sie ihre Religion zuhause.

In der Schweiz heisst Religionsfreiheit allerdings nicht «Freiheit von Religion», sondern «Freiheit für Religion».

Dabei ist es der Staat, der diese Unabhängigkeit garantiert; es ist das Modell des französischen Laizismus, es gibt kein Gespräch, aber auch keinen Gesprächsbedarf. Religionen gehören ins Privatleben, sind Geschmacksache, der Staat sorgt dafür, dass sie in der Öffentlichkeit nicht vorkommen, und deshalb treffen sie auch nicht aufeinander. In der Schweiz heisst Religionsfreiheit allerdings nicht «Freiheit von Religion», sondern «Freiheit für Religion».

Und so darf man unter Schweizerischer Religionsfreiheit Kopftuch und Kreuz tragen, darf bei politischen Abstimmungen religiös argumentieren und religiös fundierte Parteien gründen wie beispielsweise die EDU oder die islamische Volkspartei IVP. Aber dann muss man ausdiskutieren, wo öffentlich gelebte religiöse Überzeugungen die Freiheit des Andersdenkenden tangieren. Ist das Kopftuch Privatsache oder ein Angriff auf die Gleichberechtigung? Gehören Minarette einfach zu einer Moschee oder sind sie Symbol der Islamisierung der Schweiz? Sollen Lehrerinnen in der Schule Weihnachtslieder singen dürfen oder diskriminieren sie damit Kinder mit anderem Glauben? Auch wenn die Kirche vom Staat getrennt ist, dürfen Menschen aus religiösen Überzeugungen heraus bestimmte Dinge tun oder nicht. Wenn es denn die Religionsfreiheit der anderen nicht tangiert.

Modell Integration: unterschiedliche Facetten eines Ganzen

Für viele Menschen ist das alles kein Problem. Im Modell Integration könnten Christentum und Islam in ein gemeinsames Weltbild integriert werden, sozusagen in eine gemeinsame Ur-Religion, die auf einen gemeinsamen Kern zurückgeführt werden kann. Im Grunde wollen alle dasselbe, ein Projekt Weltethos, die Nächstenliebe in unterschiedlichen Formen, ein Gott in verschiedenen Kleidern. Dahinter steht auch der Gedanke einer Integration von vielen Farben und Klängen in eine multikulturelle und bunte Gesellschaft, in der ein harmonisches Zusammenleben in verschiedenen Kleidern möglich ist und in der Religionen das Ihrige für eine diverse Gemeinschaft beitragen.

Unterschiede werden nicht negiert, aber sie sind Facetten in einem vielfältigen Ganzen.

Unterschiede werden nicht negiert, aber sie sind Facetten in einem vielfältigen Ganzen. Das Gemeinsame wird betont, das Abrahamitische, der eine Gott, der gute Plan dieses Gottes für die Menschen. Und das funktioniert tatsächlich an vielen Orten, beispielsweise im Interreligiösen Arbeitskreis, der am Bettag jeweils Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Religionen zum gemeinsamen Gebet für ein friedliches Zusammenleben der Religionen in der Schweiz einlädt. Und der massgeblich dazu beigetragen hat, dass es in verschiedenen Gemeinden islamischen Religionsunterricht gibt, weil alle Kinder das Recht haben sollen, ihre eigene Religion auf eine lebens- und dialogfördernde Art und Weise kennenzulernen.

Hier sind Menschen gefragt, die sich gegenseitig unterstützen.

Hier sind die Kirchen und die Glaubensgemeinschaften gefragt. Menschen, die sich gemeinsam für ein gutes Miteinander einsetzen, die sich gegenseitig unterstützen im Bewusstsein, miteinander im Gottesglauben unterwegs zu sein. Und die der Überzeugung sind, dass andere Religionen ihre eigene Religiosität nicht bedrohen, sondern bereichern.

Modell Dialog: über Unterschiede hinweg im Gespräch bleiben

Weil sich aber doch immer wieder Abgründe auftun – und ich erinnere an die Terroranschläge, an Töchter und Schwestern, die ihre Freiheit und Gleichberechtigung nicht leben dürfen, an Muslime, die ihre kritischen Gedanken nicht äussern dürfen – sitzen dann doch manchmal Christentum und Islam auf zwei unterschiedlichen Stühlen. Es gibt Berührungspunkte und gegenseitige Befruchtung sowie Aspekte, über die man sich einig ist (Gott, eine moralische Verantwortlichkeit gegenüber einer höheren Instanz als Staat, die Dimension der Ewigkeit), es gibt aber oft auch ein Unbehagen und Aspekte, über die man sich streitet (Rolle von Mann und Frau, Eigenrecht des Staates, transzendenter Wahrheitsanspruch, Verständnis von Offenbarung).

Der Unterschied zum Modell Konflikt liegt darin, dass man im Gespräch bleibt.

Hier kommt das Modell Dialog zum Zug. Der Unterschied zum Modell Konflikt liegt darin, dass man im Gespräch bleibt – nicht mit Zwang, sondern mit Argumenten, dass man nicht über den anderen redet, sondern mit dem anderen, immer wieder neu. Dass man rechtsstaatliche Grenzen setzt, aber nicht im Bewusstsein der Überlegenheit des christlichen Abendlandes, sondern im Geist des Miteinanders aller Menschen, die guten Willens sind. Dann geht es nicht um «den Islam», sondern um Rehan Neziri und Dilara Avsar, mit denen wir zusammen arbeiten, streiten und feiern können.

Zusammenleben ist eine Aushandlung

Man merkt es vielleicht: Ich selber plädiere grundsätzlich für das Modell des Dialogs, weil es tatsächlich Punkte gibt, bei denen wir uns einig sind, und Punkte, bei denen wir es nicht sind. Weil der Dialog kein Ergebnis ist, sondern ein Prozess, der andauert, der in der konkreten Geschichte passiert, unser Zusammenleben prägt und auch immer wieder verändert. Und weil man dabei den Dialog mit einem konkreten Gegenüber führt und nicht mit «dem Islam» – und dabei differenzieren kann.

Dialog ist ein Prozess, der andauert.

Dabei muss das Zusammenleben immer wieder neu ausgehandelt werden, mit konkreten Menschen und Vertretern und Vertreterinnen von konkreten religiösen Strömungen. Und dabei entscheidet es sich, ob konkrete Streitfragen im Modell Konflikt oder im Modell Integration gelöst werden müssen. Ich bin gespannt auf die Diskussion.

Der vorliegende Text basiert auf einem Impulsreferat von Christina Aus der Au, gehalten am Mittwoch, 12. November 2025, im Rathaussaal Weinfelden. Der Vortrag war Teil einer öffentlichen Abendveranstaltung mit dem Titel «Die Stellung des Islams in unserer Gesellschaft», die im Rahmen der Woche der Religionen 2025 stattfand. Anlass für die Veranstaltung war unter anderem die kantonale und lokale Debatte um muslimische Grabfelder, über die 2025 in Weinfelden abgestimmt wurde. Die Abstimmung machte deutlich, wie stark Fragen religiöser Sichtbarkeit, Gleichbehandlung und Zugehörigkeit zur Gesellschaft politisch verhandelt werden – und wie sehr sie Emotionen, Ängste und grundsätzliche Vorstellungen vom Zusammenleben berühren. Neben dem Impulsreferat von Christina Aus der Au umfasste der Abend eine religionspolitische Einordnung zum Islamischen Religionsunterricht im Kanton Thurgau sowie eine Podiumsdiskussion mit Walter Schönholzer(Regierungspräsident Kanton Thurgau), Rehan Neziri, Dilara Avsar und Marcel Wittwer. Moderiert wurde die Diskussion von Nicole Freudiger (Radio SRF, Perspektiven). Der Text wurde für die Publikation leicht redaktionell angepasst, folgt in Argumentation und Ton jedoch dem ursprünglichen Vortrag.


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