Ein- bis zweimal im Monat treffen sich Menschen in Luzern, um gemeinsam zu singen und zu tanzen – mit Worten und Bewegungen aus unterschiedlichen religiösen Traditionen. Die Reportage «Es singt in mir» erkundet die «Tänze des Universellen Friedens» und zeigt, wie religiöse Praxis durch Körper, Gemeinschaft und Erfahrung Gestalt annimmt.
«Es singt in mir.» Mit diesen Worten beschreibt Bernadette ihre Erfahrung beim Tanzen und Singen der Tänze des Universellen Friedens. Bernadette organisiert gemeinsam mit Irmgard, Maya und Elena die Tänze in der Stadt Luzern. Ein- bis zweimal im Monat treffen sich die Teilnehmenden in Räumlichkeiten der Katholischen Kirche Luzern. Sie tanzen und singen dort in einem mal grösseren, mal kleineren Kreis. Die Tänze und die sogenannten heiligen Worte stammen aus verschiedenen Religionen, Traditionen und Kulturen der Welt.

Bild: Von links nach rechts: Bernadette, Maya und Irmgard begrüssen die Kamera zum Tanzabend im St.Michael. Foto: @Moira Gabathuler
Irmgard erzählt mir: «Bei den Friedenstänzen stehen nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten und die Verbindung im Vordergrund». Sie hat ursprünglich katholische Theologie studiert. Auf der Suche nach ihrer spirituellen Ausrichtung ist sie vor vielen Jahren auf die Friedenstänze gestossen. Irmgard überzeugte der ganzheitliche Ansatz der Friedenstänze. Sie versteht die Friedenstänze als etwas, was nicht nur im Kopf stattfindet, sondern im ganzen Körper erfahrbar ist.

Bild: Bei Bernadette zu Hause zeigt mir Irmgard die Wimpel mit den Symbolen all der Religionen und Traditionen, auf die sich die Tänze und heiligen Worte bei den Friedenstänzen beziehen. Foto: @Moira Gabathuler
Auch Bernadette meint, ihr tue es gut «de Chopf eifach mal abzschalte». Durch die Friedenstänze fand sie vor rund 20 Jahren einen eigenen Zugang zu den verschiedenen Religionen und Traditionen. Sie tanzt und singt deren Lieder und Tänze und befasst sich mit der Bedeutung der Texte. So macht sie sich auf ihre Weise mit den Religionen vertraut.
Vor drei Jahren erhielt das Leiterinnen-Team Verstärkung von Maya. Für sie sind die Friedenstänze mehr als eine individuelle Erfahrung. Besonders wichtig sind ihr die gemeinschaftlichen und verbindenden Elemente.

Bild: Von links nach rechts: Bernadette, Irmgard und Maya bereiten sich gemeinsam auf die Tänze vor. Foto: @Moira Gabathuler
Körper und Gemeinschaft in den «Tänzen des universellen Friedens»
Im Rahmen dieser Reportage darf ich die Friedenstänze selbst erleben und bei den Vorbereitungen eines Tanzabends dabei sein. Durch das eigene Tanzen und Erfahren am eigenen Körper, erhalten die Aussagen von Bernadette, Irmgard und Maya eine neue Bedeutung für mich. Den dreien zuzuhören, bringt ganz andere Einblicke in die Tänze, als ihnen beim Tanzen zuzusehen oder selbst mitzutanzen und mitzusingen.
Ich lerne die Tänze des Universellen Friedens und die Menschen, die sie tanzen, auf eine andere Art kennen. Der Körper spielt dabei eine zentrale Rolle. Da die Tänze und die gesungenen Worte aus unterschiedlichen religiösen und kulturellen Traditionen stammen, werden sie bei den Friedenstänze nicht in ihrer ursprünglichen sozialen, religiösen und kulturellen Umgebung getanzt. Vielleicht klingen die Wörter leicht anders oder man bewegt sich etwas anders dazu. Die Tänze werden neu geformt, verändert und je nach dem wer sie tanzt können sie eine neue Bedeutung bekommen.

Bild: Nach dem Tanzen lassen die Teilnehmenden das Erlebte nachklingen. Foto: @Moira Gabathuler
Auch die Gruppe verändert sich. Manche Menschen kommen regelmässig, andere nur einmal. Der Kreis setzt sich immer wieder etwas anders zusammen. Wie wirkt sich diese Gemeinschaft auf die körperliche Erfahrung jeder einzelnen Person aus? Ich bezweifle, dass sich das Tanzen gleich anfühlt, wenn man nicht in einer Gruppe tanzt.
«Embodied Approach» in der Religionswissenschaft
Wenn wir an Religionen denken, denken wir oft an Glauben oder an Ideen, die eine Religion ausmachen. Doch Religion zeigt sich auch in Praktiken. Menschen leben Religion mit Bewegungen, mit Sprache, mit Objekten und an Orten, die von sozialen Beziehungen geprägt sind. Diese Praktiken sind weder einfach da noch sind sie statisch. Sie wachsen, verändern sich und werden von Menschen, die sie ausüben, anderen Religionen und Bereichen der Kultur beeinflusst. Was passiert, wenn wir den Fokus mal nicht nur darauf legen, was Menschen glauben und welche Ideen sie von einer Religion haben, sondern darauf, wie Menschen Religionen machen?

Bild: Bei jedem Abend wird eine Kreismitte in der Mitte des Kreises aufgestellt. Die tanzenden Füsse mit Kerzen sollen ein wenig Licht in die dunkle Jahreszeit bringen. Während das Räucherstäbchen den Geruch von Weihrauch im Raum verbreitet, flackert die Kerze leicht. Foto: @Moira Gabathuler
In der Religionswissenschaft gibt es für diese Perspektive einen Begriff: «Embodied Approach», auf Deutsch den «verkörperten» Ansatz. Er richtet den Blick nicht nur darauf, was Menschen glauben, sondern auf das Tun und wie dadurch ihre Religion im und durch den Körper getragen wird. Der Ansatz fragt danach, wie Menschen Religion leben und erfahren.
Wie kann die körperliche Erfahrung zugänglich gemacht werden?
Für mich war klar: In der Reportage «Es singt in mir.» soll es um den Körper und die Gemeinschaft als zentrale Elemente der Tänze des universellen Friedens gehen.
Das ist leichter gesagt als getan. Denn wie lassen sich körperliche Erfahrung oder das Gefühl von Gemeinschaft in einer Reportage einfangen? Ohne 4D-Effekte bleibt das wohl eine Herausforderung. Die Beschreibung meiner eigenen Erfahrung und die von Bernadette, Irmgard und Maya sind ein Versuch, diese Erfahrungen zumindest teilweise greifbar zu machen. Vielleicht gelingt das einer Reportage mit Bildern, Video und Ton ein Stück besser als mit Text allein.
Diese Reportage entstand im Rahmen des Lehrforschungsprojekts «Dynamisch, verbunden und vernetzt: Neue Bilder gelebter Religion in der Gegenwart», das im Herbstsemester 2025 am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern durchgeführt wurde. Das Seminar war als Reportageformat konzipiert und richtete sich an Studierende der Religionswissenschaft sowie weiterer Fächer. Ziel des Seminars war es, gängige, oft stereotype Darstellungen von «Religion» zu hinterfragen und alternative, lebensnahe Bilder religiöser Praxis zu entwickeln. Die Studierenden setzten sich dabei sowohl theoretisch als auch praktisch mit ihren eigenen Seh- und Erzählgewohnheiten auseinander und erprobten neue Formen der Science-to-public-Kommunikation. Im Zentrum standen religiöse Lebenswelten, die durch Verbindung, Vernetzung und Mobilität geprägt sind – etwa durch Migration, globale religiöse Bewegungen oder situative religiöse Praxis im öffentlichen Raum. Die Reportagen entstanden in einem mehrstufigen Arbeitsprozess aus Lektüre, Feldforschung, praktischer Medienarbeit und begleitender Reflexion. Die Studierenden wurden dabei fachlich, redaktionell und technisch unterstützt. Die fertigen Beiträge wurden redaktionell geprüft und für ein nicht-akademisches Publikum aufbereitet. Das Seminar wurde als Zusammenarbeit mit religion.ch durchgeführt. Die entstandenen Reportagen werden sowohl auf der universitären Plattform «Religionsvielfalt im Kanton Luzern» als auch auf religion.ch veröffentlicht.

Mark Fox sagt:
Mir fällt vor allem auf, dass Religionen oft ähnliche Praktiken wie Tanzen oder Singen als Teil ihres Gottesdienstes teilen. Diejenigen, die sich mit interreligiösem Dialog beschäftigen, haben eine hervorragende Gelegenheit, diese Gemeinsamkeiten für eine bessere Kommunikation zu nutzen.