Wanda

Neujahr fern von Tibet – wie Tenzin Losar feiert

In einer grossen Halle versammeln sich Familien, Kinder stehen auf der Bühne, auf dem Altar liegen weisse Schals. Beim tibetischen Neujahrsfest Losar kommt eine Gemeinschaft zusammen, um ihre Traditionen zu leben. Eine Schülerin begleitet Tenzin durch den Abend und erhält Einblicke in ein Fest, das weit über den Jahreswechsel hinaus Bedeutung hat.

Tenzin gehört dem tibetischen Buddhismus an. In ihrer Kultur richtet sich der Kalender nach den Phasen von Mond und Sonne. Deshalb feiern Tibeter:innen ihr Neujahr nicht am 1. Januar, sondern meistens im Februar. Dieses Jahr fiel der offizielle Termin für Losar auf den 18. Februar 2026. Da dies ein Mittwoch war und viele arbeiten oder zur Schule müssen, feierte Tenzins Gemeinschaft das Fest am darauffolgenden Wochenende. Am 28. Februar durfte ich Tenzin begleiten und einen Einblick in ihre Traditionen und Religion gewinnen. Sie war an diesem Tag nicht nur meine Gastgeberin, sondern auch meine Brücke zu einer für mich neuen Welt.

Die Feier fand in einer grossen Halle statt. Überall standen Tische und im hinteren Teil des Raumes befand sich eine Bühne. Das Herzstück war ein Altar auf dieser Bühne. In der Mitte hing ein grosses Portrait des Dalai Lama. Der Altar war mit bunten Tüchern und frischen Blumen geschmückt. Zusätzlich dienten Speisen in Schalen als Opfergaben für Buddha. Rechts und links vom Altar hingen tibetische Flaggen an der Wand. Die Stimmung im Raum war von Beginn an lebendig und fast schon familiär. Man spürte sofort, dass dies mehr als eine formelle Feier war, es war ein Wiedersehen. Auch Tenzin kannte die meisten Anwesenden.

Bild: Die Feierlichkeiten im Saal. Foto: @Wanda

Das Fest beginnt

Das Fest startete offiziell mit der Hymne. Alle Kinder der Gemeinschaft versammelten sich auf der Bühne und sangen zusammen. Da auch alle anderen Gäste mitsangen, egal ob Eltern, Grosseltern oder Freund:innen, war die Halle schnell von einer ruhigen Melodie erfüllt. Nach dem Gesang folgte ein Ritual, das mir Tenzin genau erklärte. Jedes Kind bekam ein weisses Tuch, eine sogenannte Khata. Nacheinander legten sie diese Schals auf den Altar. Tenzin erzählte mir, dass diese weissen Schals für Reinheit und Mitgefühl stehen. Man überreicht sie als Zeichen des Respekts und um gute Wünsche für das neue Jahr auszudrücken.

Die Kinder hielten die Schals mit beiden Händen und verbeugten sich, bevor sie sie vor dem Portrait platzierten. Der Dalai Lama gilt im tibetischen Buddhismus als Inkarnation des Bodhisattva des Mitgefühls. Ein Bodhisattva ist ein erleuchtetes Wesen, das anderen auf ihrem Weg zur Erleuchtung hilft und die eigene vollständige Erlösung aus Mitgefühl zurückstellt. In diesem Moment wurde mir deutlich, dass die Religion hier nicht nur aus Schulbüchern gelehrt, sondern in kleinen Momenten des Respekts aktiv gelebt wird.

Bild: Das Fest beginnt mit einer Hymne. Foto: @Wanda

Kulinarische Heimat auf dem Teller

Tenzin konnte das Abendessen kaum erwarten und ihre Vorfreude war ansteckend. Sie erklärte mir, dass das Essen an Losar deshalb so zentral ist, weil die Zubereitung der traditionellen Gerichte sehr aufwendig ist. Deswegen kann sie diese im Alltag nicht oft geniessen.

Weil es bis zum eigentlichen Abendessen noch eine Weile dauerte, schlug sie vor, Laphing zu holen. Das ist ein bekanntes tibetisches Gericht aus Mungbohnenstärke. Es gibt zwei verschiedene Arten, es zuzubereiten: die weisse und die gelbe Variante. Tenzin meinte, die weisse Version sei einfacher, die gelbe hingegen aufwendiger, schmecke dafür aber deutlich besser. Für die gelbe Variante formt man eine Art von Fladen, die man in kleinere Stücke zerschneidet und fast wie Nudeln isst.

Wir hatten Glück. Als wir zum Essenstisch liefen, sahen wir jemanden mit gelbem Laphing zurückkommen. Wir bestellten je eine Schale und ich beobachtete, wie die Frau am Stand die bereits vorbereiteten Fladen in Stücke zerschnitt. Sie vervollständigte das Gericht mit einer scharfen Sauce und verschiedenen Gewürzen. So konnten wir gut ausgestattet auf das Abendessen warten. 

Bild: Zubereitung des Essens. Foto: @Wanda

Alle tanzen – jung und alt

Während wir unser Laphing assen, begannen bereits die ersten Auftritte. Verschiedene Gruppen zeigten traditionelle tibetische Tänze. Den Anfang machten die kleinen Kinder. Ihr Tanz war eher simpel. Nach ihnen kam die Jugendgruppe an die Reihe und ganz am Ende die Erwachsenen. Tenzin erzählte mir, dass auch sie früher selbst aktiv mitgetanzt hat. Doch der Druck in der Schule und die vielen Prüfungen liessen ihr keine andere Wahl und sie musste aufhören.

Bild: Traditionelle tibetische Tänze. Foto: @Wanda

Es überraschte mich, wie unterschiedlich die Tänze waren. Einige waren langsam, mit grossem Fokus auf Detail und Eleganz. Andere waren dynamisch und voller Bewegung. In einer der Jugendgruppen tanzten auch Tenzins Cousinen mit. In der Gemeinschaft sind viele Jugendliche aktiv dabei. Es ist der Gruppe wichtig, junge Leute früh einzubinden. Sie werden ermutigt, sich einzubringen und mehr über ihre Kultur und Religion zu lernen. Während wir den Auftritten zuschauten, konnten wir Dresi essen – ein süsses Reisgericht mit Rosinen.

Bild: Die Tänze sind unterschiedlich. Foto: @Wanda

Das Buffet ist angerichtet

Nach den Tänzen gab es endlich das grosse Abendessen. Wir konnten uns an einem Buffet bedienen. Es gab viele verschiedene Gerichte, zum Beispiel auch Thing Mo. Das ist ein gedämpftes Brot ohne Kruste, das sich ganz weich anfühlt.

Tenzin zeigte mir, wie man es isst: Man tunkt das Brot in die Saucen der anderen Eintöpfe, damit es den Geschmack aufnimmt. Es gab viele verschiedene Saucen mit Fleisch oder Gemüse. Dazu tranken wir tibetischen Buttertee, der ganz anders schmeckt als der Tee, den man sonst kennt.

Bild: Das Essen ist angerichtet. Foto: @Wanda

Nach dem Essen folgte eine Talentshow. Jeder Gast, der Lust hatte, konnte sich anmelden und etwas vorführen. Auch Tenzin und ihre Cousine entschieden sich spontan und meldeten sich an. Sie gingen auf die Bühne und sangen ein traditionelles tibetisches Lied. Andere Gäste tanzten oder spielten Musik. Die Atmosphäre war fast wie in einer grossen Familie. Das Publikum war locker und klatschte für jeden, egal wie gut der Auftritt war. Es war für mich herzerfrischend zu sehen, dass sich alle trauten, ihr Talent zu zeigen.

Bild: Alle trauten sich, ihr Talent zu zeigen. Foto: @Wanda

Die Kultur und Religion lebendig halten

Den Abschluss bildete der Kreistanz, der sogenannte Gorshey. Bevor es losging, halfen alle Gäste mit, die Halle aufzuräumen. Tische wurden weggerückt und Stühle gestapelt, bis die Mitte der Halle komplett leer war. Dann stellten sich alle in einem riesigen Kreis auf. Bald schon setzte die Musik ein und ich fand es beeindruckend zu sehen, wie alle, egal ob jung oder alt, gemeinsam tanzten, denn die Verbindung zwischen allen Beteiligten war deutlich spürbar.

Als der Abend zu Ende ging, merkte ich, wie viel Tenzin und ihrer Familie dieses Fest bedeutet. Es ist nicht nur eine Feier des neuen Jahres, sondern auch eine Möglichkeit, die eigene Kultur und Religion lebendig zu halten, auch wenn man weit weg von Tibet lebt.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religionswissenschaften am Literargymnasium Rämibühl entstanden. Im Unterricht ging die Klasse der Frage nach, was eine Religion überhaupt ausmacht, wie sich die Schweizer Religionslandschaft verändert und wie Medien das Bild von Religionen prägen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Rolle von Stereotypen und Vorurteilen. Passend dazu erhielten die Schüler:innen im Rahmen ihres Reportagenprojekts einen Crashkurs im Schreiben von Reportagen und im Fotografieren. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, welche Methoden es für eine kontextuelle Darstellung von Religionen gibt und weshalb religion.ch den Fokus auf die gelebte Religion legt. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte in die Praxis umgesetzt.


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Autor:in

  • Wanda

    Wanda ist eine Schülerin und besuchte das Losar-Fest in Basel im Rahmen eines Projektes im Ergänzungsfach Religionslehre. Es war ihr wichtig, die Traditionen aus der Perspektive ihrer Begleiterin Tenzin festzuhalten, um einen authentischen Einblick in die tibetische Kultur und Religion in der Schweiz zu ermöglichen.

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