Wir leben in einer Zeit, in der es uns scheinbar an nichts fehlt. Maschinen und Technologien, darunter auch Künstliche Intelligenz, scheinen nahezu jeden Wunsch erfüllen zu können. Doch der Philosoph und Theologe Peter Kirchschläger mahnt, dass wir unsere Verantwortung ernst nehmen müssen. Als selbstmächtige Wesen sind wir gefordert, diesen Technologien einen klaren ethischen Rahmen zu setzen. Nur ein verantwortungsvoller Umgang mit KI kann das durch die Technologie versprochene gute Leben tatsächlich ermöglichen.
Noch nie waren Menschen so mächtig wie heute! Technologische Fertigkeiten, finanzielle Ressourcen und globale Erreichbarkeit eröffnen uns Menschen der Moderne den Horizont, der Menschheit und der Erde ein lebenswertes Heute und Morgen zu schenken. Die menschliche Sehnsucht nach einem «guten Leben» scheint endlich nach Jahrtausenden ihr Ziel zu erreichen. Wenn moderne Menschen nur wüssten, wie das «gute Leben» aussieht! Sie könnten es sich nämlich finanziell leisten und technisch ermöglichen … Wir kommen darauf zurück.
Im Weg liegt aber noch ein grösserer Fels, der uns zu erdrücken droht: Dieser potenzielle Höhepunkt der Menschheitsgeschichte verkommt zu einem Jammerspiel, weil wir zum einen diese Klimax der bisherigen menschlichen Entwicklung und den blauen Planeten als Ganzes dem Erfolg von wenigen Unternehmen opfern. Zum anderen nützen wir – ein Paradox der Moderne – unsere einzigartig umfassende Machtfülle, uns Schritt für Schritt ohnmächtiger zu machen.
Die Jagd nach dem «guten Leben»
Dieser Weg aus freien Stücken aus der Potenz gradlinig in die Impotenz charakterisiert die sprunghafte Erschaffung von Maschinen, die kognitive Funktionen des menschlichen Denkens nachahmen und erfüllen sollen. Wozu? Diese Frage nach dem Zweck dieses Unterfangens bleibt aussen vor. Wir haben in unserem emsigen Streben nach Effizienz keine Zeit für die Gründe unseres eiligen Zeitsparens. Ist es vielleicht das «gute Leben», das uns so ausser Atem bringt?
Ist es vielleicht das «gute Leben», das uns so ausser Atem bringt?
Das wäre doch eher eigenartig, wenn wir unter einem «guten Leben» ein Dasein verstehen würden, in welchem uns Technologien in gewissen Intelligenzbereichen wie beim Rechnen, beim logischen Denken, bei der Verarbeitung von enormen Datenmengen, massiv überragen, während wir Menschen Stück für Stück in unserem Geist degenerieren. Letzteres wird augenscheinlich, wenn wir uns zunehmend auf sogenannte «generative künstliche Intelligenz» wie ChatGPT abstützen, die eigentlich nichts Anderes darstellt als eine wiederkäuende Kuh, die bereits von Menschen Gedachtes, Gesagtes und Geschaffenes aufsaugt, durcheinander spült und wieder ausspuckt.
Kann «KI» unser Leben besser machen?
Oder lassen wir uns vom technologischen Fortschritt blenden? Wir taufen diese Maschinen «künstliche Intelligenz» und muten ihnen mit Übervertrauen alles zu. Voller Stolz klopfen wir uns auf die Schultern – blind für das wirkliche «gute Leben». Machtlos und taumelnd stehen wir da, während uns die Ungewissheit über das, was noch kommen mag, den Boden unter den Füssen wegzieht.

Bild: @Cemile Ivedi
Mit Hammer und Pickel der menschlichen Vernunft kann es uns als Menschen gelingen, in die Tiefe des Felsbrockens vorzudringen und zu erkennen, dass von sogenannter «künstlicher Intelligenz» keine Rede sein kann: Sie erweist sich weder als die Summe menschlichen Wissens noch als objektiv, fair und neutral. Sie stützt sich nur auf enorme Mengen gewisser Daten, die zunehmend auch diejenigen Daten beinhalten, die sogenannte «generative KI» selbst hervorbringt. Dies hat zur Folge, dass sogenannte «KI» immer dümmer wird – und wir mit ihr …
«KI» wird niemals Gefühle haben
Ebenso zeigt sich, dass bestimmte Bereiche menschlicher Intelligenz durch Technologie nicht erreichbar sind. Sogenannte «künstliche Intelligenz» kann in bestimmten Bereichen der Intelligenz dem menschlichen Denken zwar ähnlich werden, aber niemals identisch sein. Soziale und emotionale Intelligenz können Maschinen nur simulieren, weil ihnen echte Emotionen und Gefühle fehlen. Selbst eine explosionsartige Steigerung von Rechenfähigkeit kann dies nicht ändern.
Einem Pflegeroboter kann beispielsweise beigebracht werden, zu weinen, wenn Patient:innen weinen. Dennoch würde niemand behaupten, dass der Roboter echte Gefühle empfindet und deshalb weint. Umgekehrt könnte man denselben Roboter darauf trainieren, Patient:innen eine Ohrfeige zu geben, wenn diese weinen, und der Roboter würde diese Funktion gleich konsequent ausführen.
An diesem Beispiel wird sichtbar, dass Maschinen keine Moralfähigkeit entwickeln können, weil ihnen dafür die Freiheit fehlt.
An diesem Beispiel wird sichtbar, dass Maschinen keine Moralfähigkeit entwickeln können, weil ihnen die dafür notwendige Freiheit fehlt. Daher würde ich vorschlagen, den Begriff «künstliche Intelligenz (KI)» zu vermeiden. Er schürt Erwartungen, welche die Technologien nicht einhalten können, und übertragen deshalb Aufgaben an Technologien, die in menschlichen Händen bleiben sollten, weil ihnen Maschinen nicht gewachsen sind.
Raus aus der selbstverschuldeten Impotenz
Als Alternative zur sogenannten «KI» wird der Begriff «datenbasierte Systeme (DS)»[1] eingeführt. Ins Zentrum rückt so die eigentliche Leistung dieser Technologien, nämlich grosse Datenmengen zu generieren, zu sammeln, auszuwerten und darauf basierend zu handeln. Dies lässt uns als Menschen wieder in Machtfülle aufstehen und gleichzeitig erkennen, in welchen Intelligenzbereichen wir uns auf DS abstützen sollten, um unsere kognitiven Fähigkeiten zu erweitern.
Der Weg ist freigeräumt, um als moderne Menschen das «gute Leben» zu finden.
Schlag für Schlag fällt ein Stück Fels nach dem anderen ab, der Abschied von selbstverschuldeter Impotenz mündet in Empowerment geprägt von Selbsterkenntnis sowie punktueller und gezielter technologiebasierter Denkunterstützung. Der Weg ist freigeräumt, um als moderne Menschen das «gute Leben» zu finden.[2]
Wir haben die Verantwortung
Orientierungshilfen bieten uns dafür Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, Kulturen, Traditionen sowie Philosophien an. Rabbi Jonathan Sacks, ehemaliger britischer Grossrabbiner, hat zurecht deren Relevanz gerade heute unterstrichen: «Wenn es eine Sache gibt, die die grossen Institutionen der modernen Welt nicht tun, dann ist es, einen Sinn zu vermitteln. Die Wissenschaft erklärt uns das Wie, aber nicht das Warum. Die Technik gibt uns Macht, kann uns aber nicht zeigen, wie wir diese Macht nutzen sollen. Der Markt bietet uns Wahlmöglichkeiten, aber er lässt uns im Unklaren darüber, wie wir diese Entscheidungen treffen sollen. Der liberal-demokratische Staat gibt uns die Freiheit, so zu leben, wie wir wollen, weigert sich aber prinzipiell, uns zu zeigen, wie wir uns entscheiden sollen.»[3]
Wir moderne Menschen haben über die Schaffung, Nutzung oder den Verzicht einer Technologie zu entscheiden.
In den Trümmern des Felsens erschliessen sich uns Elemente, die uns Menschen von Maschinen unterscheiden: soziale und emotionale Intelligenz, Moralfähigkeit, Autonomie, Zwischenmenschlichkeit, Verletzbarkeit, Kreativität, kritisches Denken, Sinnstiftung. Im Zuge dieser Bewusstwerdung unserer Alleinstellungsmerkmale nehmen wir uns als Träger:innen einer exklusiven Verantwortung wahr. Wir moderne Menschen haben über die Schaffung, Nutzung oder den Verzicht einer Technologie zu entscheiden. Fortschritt fällt nicht vom Himmel, er geschieht nicht einfach, wir gestalten ihn. Diese Macht liegt ausschliesslich in unseren Händen. Und der Nichtgebrauch von Macht kann auch Machtmissbrauch bedeuten, wie mein Grossvater mich lehrte.
Fortschritt mit einem ethischen Ziel und Rahmen
In anderen Worten sollten wir dieser Verantwortung als moderne Menschen auch gerecht werden und technologischem Fortschritt sowohl ethisch positive Ziele als auch einen ethisch begründbaren Rahmen vorgeben und diesen auch durchsetzen. Basierend auf meiner Forschung schlage ich konkret menschenrechtsbasierte DS und die Schaffung einer Internationalen Agentur für datenbasierte Systeme IDA bei der UNO vor.[4] Letzteres ist notwendig, um sicherzustellen, dass DS und folgende technische Möglichkeiten für alle Menschen ein physisches Überleben und ein menschenwürdiges Leben – ein Leben als Menschen – sowie eine nachhaltige Zukunft für den Planeten und die Menschheit fördern.
Die Dringlichkeit dieses Handlungsbedarfs führt uns unsere Verletzbarkeit vor Augen. Sie zeigt, wie eng Sklaverei und Ausbeutung mit der Schürfung der für DS notwendigen Rohstoffe verknüpft sind. Sie verdeutlicht, wie die Produktion von DS auf Kosten von Menschen und Natur geschieht. Sie konfrontiert uns mit den Menschenrechtsverletzungen, die oft untrennbar mit den Geschäftsmodellen rund um DS verbunden sind. Diese Tatsachen lassen keinen Aufschub zu. Die Zeit drängt.
Blüht «gutes Handeln» zum «guten Leben» auf, wenn wir Verbrechen an Menschen und Umwelt Einhalt gebieten und so unsere menschliche Verantwortung wahrnehmen?
Blüht «gutes Handeln» zu einem «guten Leben» auf, wenn wir diesen Verbrechen an Menschen und Umwelt Einhalt gebieten und so unsere menschliche Verantwortung wahrnehmen? Angesichts der menschenrechtlich geschützten Vielfalt unserer Gedanken, Ideen, unserer Glaubensüberzeugungen und Weltanschauungen – ob religiös, areligiös oder nichtreligiös geprägt – sowie unserer Lebensentwürfe und ihrer Verwirklichung, ist Zurückhaltung geboten, wenn es um Aussagen über das «gute Leben» geht – aus Achtung vor der Freiheit und Menschenwürde jedes Menschen.
Dennoch liegt es nahe, uns auf die einzigartigen Merkmale des Menschen im Vergleich zu Maschinen zu besinnen: soziale und emotionale Intelligenz, Moralfähigkeit, Autonomie, Zwischenmenschlichkeit, Kreativität, kritisches Denken, Sinnstiftung.
Auch sicherlich nicht falsch ist es, dem Urprinzip der Ethik folgen: «Gutes» zu tun und «Schlechtes» zu vermeiden. Unser «Glücklichsein» können wir mit gutem Grund im Respekt vor den Menschenrechten, im Schutz ihrer Durchsetzung und Verwirklichung sowie in der Bewahrung der Erde suchen.
[1] Vgl. Peter G. Kirchschlaeger, Digital Transformation and Ethics: Ethical Considerations on the Robotization and Automation of Society and the Economy and the Use of Artificial Intelligence (Nomos: Baden-Baden 2021). (Deutsche Übersetzung: Kirchschläger, P. G., Digitale Transformation und Ethik: Ethische Überlegungen zur Robotisierung und Automatisierung von Gesellschaft und Wirtschaft und zum Einsatz von «Künstlicher Intelligenz». Nomos: Baden-Baden 2024.)
[2] Vgl. Kirchschläger, P. G., Ethisches Entscheiden. Nomos: Baden-Baden 2023.
[3] Jonathan Sacks, “Sword Into Plowshares”. In: The Wall Street Journal Re view, October 3, 2015, C1-C2. Online: https://www.wsj.com/articles/swords-to-plowsh
ares-unlikely-any-time-soon-1444422562 [27.09.2024].
[4] Vgl. Peter G. Kirchschlaeger, Digital Transformation and Ethics: Ethical Considerations on the Robotization and Automation of Society and the Economy and the Use of Artificial Intelligence (Nomos: Baden-Baden 2021). (Deutsche Übersetzung: Kirchschläger, P. G., Digitale Transformation und Ethik: Ethische Überlegungen zur Robotisierung und Automatisierung von Gesellschaft und Wirtschaft und zum Einsatz von «Künstlicher Intelligenz». Nomos: Baden-Baden 2024.)
Kirchschläger, P. G. (2024). An International Data-Based Systems Agency IDA: Striving for a Peaceful, Sustainable, and Human Rights-Based Future. Philosophies. https://doi.org/https://doi.org/10.3390/philosophies9030073.
