Wie steht es um den Zusammenhalt zwischen Jung und Alt in der Schweiz? Das Generationen-Barometer 2025 liefert spannende Einblicke. Während viele Schweizer:innen mit ihrem aktuellen Leben zufrieden sind, wächst vor allem bei den Jüngeren das Gefühl der Machtlosigkeit. Doch trotz aller Unterschiede gibt es verbindende Elemente – von gemeinsamen Wertvorstellungen bis hin zu neuen Formen des Miteinanders in Arbeit und Gesellschaft. Der Schlüssel liegt im Dialog: Nur durch gegenseitiges Verständnis und Austausch lassen sich Brücken für eine gemeinsame Zukunft bauen.
Wie wird der Zusammenhalt zwischen den Generationen wahrgenommen? Was bewegt Jung und Alt in der Schweiz? Welche politischen Massnahmen können einen Beitrag zur Balance zwischen den Generationen leisten? Um den gesellschaftlichen Diskurs über die Generationenbeziehungen mit Fakten zu untermauern, fühlt das Berner Generationenhaus gemeinsam mit der Forschungsstelle Sotomo seit 2020 der Bevölkerung in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz mit einer repräsentativen Studie den Puls. Der Fragebogen umfasst rund 70 Fragen und teilt sich bei der jüngsten Durchführung in die Bereiche «Gesellschaft und Wandel», «Generationen bei der Arbeit» und «Erben und Vermögensverteilung» auf.
Generationen sind keine starren Kategorien.
Aber was bedeutet es eigentlich, von Generationen zu sprechen? Generationenlabels wie «Babyboomer», «Millennials» oder «Generation Z» sind im medialen Diskurs omnipräsent, etwa wenn die Babyboomer (zwischen 1945 und 1964 geboren) als wohlhabende, privilegierte Generation dargestellt werden, die sich über den vermeintlich mangelnden Fleiss der Generation Z (zwischen 1995 und 2010 geboren) beklagen – einer Generation, die angeblich lieber nach der Viertageswoche als nach der Karriere strebt. Doch das Konzept der Generationen geht über diese Stereotypen hinaus: Generationen definieren sich durch gemeinsame prägende Erfahrungen und historische Ereignisse, die eine Altersgruppe in ihren prägenden Jahren erlebt hat – sei es die Mondlandung für die Babyboomer, der Fall der Berliner Mauer für die Generation X, die Finanzkrise für die Millennials oder die Covid-19-Pandemie für die Generation Z.
Als Berner Generationenhaus verstehen wir Generationen als soziale Konstrukte, die durch geteilte Erfahrungen und Werte entstehen, aber auch durch die Abgrenzung von anderen Altersgruppen. Diese Definition lässt erkennen, dass Generationen keine starren Kategorien sind, sondern fliessende Übergänge aufweisen – und den Generationendialog beleben können.
Zwischen Lebenszufriedenheit und Zukunftsangst
Das Generationen-Barometer 2025 zeichnet ein vielfältiges Bild der Generationenbeziehungen in der Schweiz. Während die meisten Menschen mit ihrem aktuellen Leben zufrieden sind, dominiert zugleich ein tiefgreifender Zukunftspessimismus, vor allem bei den Jüngeren. In dieser Ambivalenz spiegeln sich zentrale Herausforderungen und Chancen für das Zusammenleben der Generationen wider.
71 Prozent der Schweizer:innen blicken mit Sorge in die Zukunft – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2023. Besonders junge Menschen sind von Zukunftsängsten geprägt. Dies geht einher mit einem wachsenden Gefühl der Machtlosigkeit: Während 2023 noch 73 Prozent der unter 35-Jährigen glaubten, nur wenig Einfluss auf die gesellschaftliche Zukunft zu haben, sind es 2025 bereits 88 Prozent. Das generationenübergreifende Versprechen des kontinuierlichen Fortschritts scheint für die jüngere Generation nicht mehr zu gelten. Diese pessimistische Zukunftsperspektive steht in starkem Gegensatz zur aktuellen Lebenszufriedenheit: Fast 90 Prozent der Schweizer Bevölkerung geben an, mit ihrem gegenwärtigen Leben eher oder sehr zufrieden zu sein. Allerdings zeigt sich auch hier ein klares Altersgefälle – je älter, desto zufriedener. Mit 21 Prozent ist der Anteil der Unzufriedenen bei den unter 35-Jährigen am höchsten.
Das Versprechen des kontinuierlichen Fortschritts scheint für die jüngere Generation nicht mehr zu gelten.
Die Studie offenbart zudem unterschiedliche Wahrnehmungen gesellschaftlicher Spaltungen: Rund zwei Drittel der Bevölkerung empfinden die Schweiz als gespalten – insbesondere zwischen politisch links und rechts (66%), zwischen Reich und Arm (65%) oder zwischen Stadt und Land (51%). Auffällig ist, dass jüngere Generationen in fast allen Bereichen eine stärkere Spaltung wahrnehmen als ältere. Besonders deutlich wird dies bei der Einschätzung des Generationengrabens: Während etwa die Hälfte der unter 26-Jährigen der Ansicht ist, dass in der Schweiz Jung und Alt auseinanderdriften, teilen nur 15 Prozent der über 75-Jährigen diese Wahrnehmung.
Trotz aller Unterschiede gibt es starke Bindeglieder zwischen den Generationen. Der Zusammenhalt innerhalb der Familie bleibt eine wichtige Konstante, ebenso wie das gemeinsame Streben nach Stabilität und Sicherheit. Besonders in der Arbeitswelt zeigt sich ein Wandel, der das Miteinander stärken könnte: Die Definition von Erfolg verändert sich in der Schweiz. Status und Macht verlieren zunehmend an Bedeutung, während Sinnhaftigkeit und Wertschätzung in den Vordergrund rücken. Was in den Medien häufig als spezifischer Wunsch der jüngeren Generationen dargestellt wird, erweist sich im aktuellen Generationen-Barometer tatsächlich als generationsübergreifendes Bedürfnis.
Erbschaften als Band, das die Generationen verbindet
Ein besonderes Schlaglicht wirft das aktuelle Generationen-Barometer auf das Thema Erben. Mit «HILFE, ICH ERBE!» widmet das Berner Generationenhaus diesem gesellschaftlich brisanten Thema aktuell eine Ausstellung, während die Studie die Thematik vertieft. Erbschaften gewinnen in der Schweiz zunehmend an Bedeutung – das jährliche Erbvolumen wächst stetig und beläuft sich aktuell auf rund 100 Milliarden Franken, ist jedoch ungleich verteilt. Die sozialen Folgen dieser Entwicklung spiegeln sich deutlich in der Wahrnehmung der Bevölkerung wider: Fast 60 Prozent der Befragten des Generationen-Barometers sehen Wohneigentum nur noch für Menschen mit Erbaussichten als realistisch an. Mehr als die Hälfte bezweifelt, dass Menschen aus ärmeren Verhältnissen überhaupt Vermögen aufbauen können – ein Alarmsignal für die soziale Mobilität im Land.

Bild: Teil der aktuellen Ausstellung «HILFE, ICH ERBE!» im Berner Generationenhaus. Foto: @Rob Lewis
Trotz dieser kritischen Einschätzung lehnen 57 Prozent der Schweizer:innen eine Erbschaftssteuer ab. Besonders ausgeprägt ist diese Haltung bei den älteren Generationen. Bei den 18- bis 35-Jährigen würden hingegen 61 Prozent eine staatliche Abgabe befürworten. Weniger umstritten ist das immaterielle Erbe – zwei Drittel der Befragten empfinden familiäre Traditionen, Werte oder das Ansehen der Familie eher als Bereicherung denn als Belastung.
Die Studie zeigt zudem, welche Werte und Überzeugungen in der Schweiz besonders geschätzt und weitergegeben werden. Persönliche Autonomie und moralische Prinzipien stehen dabei klar im Vordergrund: Selbstständigkeit und Eigenverantwortung führen mit 34 Prozent die Rangliste an, dicht gefolgt von Ehrlichkeit und Integrität mit 33 Prozent. Diese beiden Werte spiegeln eine Gesellschaft wider, die persönliche Freiheit schätzt, aber ebenso auf ethische Grundsätze baut. Traditionelle Tugenden wie Arbeitsethik und Fleiss (30%) sowie Respekt vor anderen (28%) nehmen weiterhin prominente Plätze ein. Bildung und Wissen (17%), Gerechtigkeit und Fairness (18%) sowie Offenheit und Toleranz (12%) zeigen eine Diversität in den Wertvorstellungen, während der religiöse Glaube mit nur sechs Prozent wenig Gewicht hat und auf dem letzten Platz der prägenden Wertvorstellungen rangiert – ein Hinweis auf die fortschreitende Säkularisierung der Schweizer Gesellschaft.
Begegnung als Schlüssel
Die Ergebnisse des Generationen-Barometers verdeutlichen, dass der Dialog zwischen den Generationen unverzichtbar ist. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für diesen Austausch ist die direkte Begegnung. Persönliche Kontakte zwischen den Altersgruppen helfen, gegenseitige Vorurteile abzubauen und ein besseres Verständnis füreinander zu entwickeln. Institutionen wie das Berner Generationenhaus, das den Generationen-Barometer in Auftrag gegeben hat, versuchen, hier anzusetzen: Sie schaffen Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Generationen einander begegnen und voneinander lernen können.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Austausch ist die direkte Begegnung.
Auch in der Arbeitswelt können altersübergreifende Teams und Mentoring-Programme dazu beitragen, Brücken zu bauen. Das Generationen-Barometer zeigt einen interessanten Wandel: Während früher Status und Karriere im Vordergrund standen, geht es heute über alle Altersgruppen hinweg stärker um Sinnhaftigkeit und Wertschätzung. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit, bei der jüngere und ältere Arbeitnehmer:innen nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern ihre jeweiligen Stärken und Erfahrungen einbringen können.
Ein konstruktiver Generationendialog setzt voraus, dass Menschen aktiv aufeinander zugehen – am Familientisch, in Unternehmen, in öffentlichen Räumen und in der Politik. Generationenbeziehungen sind nicht in Stein gemeisselt, sondern gestaltbar. In einer Zeit wachsender Zukunftssorgen liegt es an uns allen, Brücken zu bauen und gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit zu finden – denn nur im Miteinander der Generationen lässt sich eine Zukunft gestalten, die den Bedürfnissen aller gerecht wird.
