Die Schweiz gilt als eines der glücklichsten Länder der Welt, doch ist das wirklich so? Mathias Binswanger, Schweizer Ökonom, hinterfragt diese Statistik und zeigt, dass Geld und Wohlstand allein nicht glücklich machen. Entscheidend für unser Glück sind soziale Kontakte, Arbeitsplatzsicherheit und die Fähigkeit, sich an kleinen Dingen zu erfreuen. In einer Welt, in der Einsamkeit und der Druck, immer mehr zu erreichen, zunehmen, wird das wahre Glück oft übersehen.
Eigentlich müssten wir in der Schweiz besonders viele glückliche Menschen antreffen, wenn man den Statistiken glaubt. Seit dem Jahr 2012 erscheint mit schöner Regelmässigkeit der World Happiness Report. Dort wird der Versuch unternommen, das Glück der Menschen mit Befragungen zu erfassen und dann weltweit zu vergleichen. Die Schweiz mischt dabei immer ganz vorne mit und wir gehören zusammen mit Finnen, Norwegerinnen oder Dänen zu den glücklichsten Menschen der Welt. Das überrascht uns selbst oft am meisten, denn wer von uns hat schon das Gefühl, im Alltag von sprühender Lebensfreude umgeben zu sein? Zwar gibt es ein paar Gründe für die hohen Schweizer Glückswerte. Doch die reichen als Erklärung nicht aus.
Geld allein macht nicht glücklich
Als erster Erklärungsfaktor für das gute Abschneiden kommt uns vermutlich unser im internationalen Vergleich hohes Durchschnittseinkommen in den Sinn. Und natürlich kann dieses erklären, weshalb wir in der Schweiz glücklicher sind als Menschen in Äthiopien oder Bangladesh. Aber erklärt es auch, weshalb wir ein höheres Ranking als Deutschland oder die USA haben?
Die Antwort lautet: Nein. Wenn das durchschnittliche Einkommen in einem Land einmal ein bestimmtes Niveau erreicht hat, dann hängt das Glück zunehmend von anderen Faktoren ab. Das sehen wir deutlich bei Luxemburg, welches zwar das weitaus höchste Bruttoinlandprodukt pro Kopf aufweist, aber im World Happiness Ranking noch nie über Rang 14 hinauskam.
Unglück in der Arbeitslosigkeit
Welche Faktoren haben dann effektiv einen Einfluss auf die hohen Glückswerte in der Schweiz? Eine wichtige Rolle spielt die tiefe Arbeitslosigkeit und die damit verbundene hohe Arbeitsplatzsicherheit. Denn wer arbeitslos wird, wird im Normalfall auch unglücklich. Kein anderer Faktor hat ein statistisch so gut erfasstes Unglückspotential wie Arbeitslosigkeit. Während sich von der gesamten Bevölkerung in der Schweiz nur knapp 4 Prozent angeben, dass ihre Zufriedenheit mit dem Leben gering ist, sind es bei den Arbeitslosen 24 Prozent und damit fast ein Viertel.
Ist die Arbeit einmal weg, dann verschwinden Selbstachtung und Ansehen, und so bleibt auch das Glück auf der Strecke.
Das liegt allerdings nicht zwingend daran, dass diese Menschen so wahnsinnig gern gearbeitet haben und es nachher vermissen, wenn sie nicht mehr jeden Morgen früh aufstehen dürfen, um dann gestresst einer oft wenig sinnstiftenden Tätigkeit nachzugehen. Es liegt viel mehr auch an dem mit der Arbeit eng verknüpften Selbstwertgefühl und dem gesellschaftlichen Ansehen. Ist die Arbeit einmal weg, dann verschwinden häufig Selbstachtung und Ansehen, und so bleibt auch das Glück auf der Strecke. Aber es geht nicht nur um die Menschen, die tatsächlich arbeitslos werden. Eine hohe Arbeitslosigkeit sorgt auch bei den Beschäftigten für Unsicherheit und Angst, selbst arbeitslos zu werden. Deshalb ist die hohe Arbeitsplatzsicherheit für die gesamte Schweizer Bevölkerung ein entscheidender Glücksfaktor.
Ist der Röschtigraben eine Glücksscheide?
Solche ökonomischen Faktoren wären aber noch nicht in der Lage, die hohen Glückswerte beim World Happiness Ranking wirklich zu erklären. Wenn wir genauer schauen, sind es die Deutschschweizer:innen, welche für das hohe durchschnittliche Glücksempfinden der Schweizer Bevölkerung sorgen. Die Deutschschweizer Bevölkerung schneidet bei Glücksbefragungen Jahr für Jahr besser ab als die Romands oder die Tessiner:innen. Doch ist der Röschtigraben tatsächlich auch eine Glücksscheide?
Wohl kaum. Deutschschweizer:innen sind wesentlich stärker von dem in der Glücksforschung bekannten «social desirability bias» betroffen. Sie geben bei Umfragen zu positive Antworten, weil sie sich verpflichtet fühlen, als glücklich zu gelten, auch wenn sie es in Wirklichkeit gar nicht sind. In den westlichen und südlichen Teilen der Schweiz ist das Gefühl «zufrieden sein zu müssen» hingegen weniger ausgeprägt. Vielmehr sind diese Landesteile schon durch eine mediterrane Mentalität angesteckt, wo es üblich ist, sich zu beklagen. Dies erklärt dann auch, weshalb Länder wie Frankreich und vor allem Italien bei internationalen Glücksvergleichen immer relativ schlecht abschneiden. Doch lassen sie sich dadurch nicht täuschen! Italiener:innen und Franzosen und Französinnen wollen im Unterschied zu den Deutschschweizer:innen gegen Aussen nicht als zufrieden gelten.
Engpass zum Glück ist das Sozialleben
Tatsächlich gibt es auch Gründe dafür, weshalb mit dem Glück der Menschen in der Schweiz doch nicht so weit her ist, wie es die vorderen Plätze im World Happiness Report suggerieren. Der Engpass zum Glück liegt für die meisten Menschen hierzulande nicht mehr beim materiellen Wohlstand. Sind grundlegende materielle Bedürfnisse einmal gedeckt, werden andere Dinge zentral für das Glück – wie etwa das Sozialleben. Wer kein funktionierendes Sozialleben hat und häufig einsam ist, fühlt sich im Allgemeinen auch nicht glücklich. Trotzdem wird der Beitrag des Soziallebens zum persönlichen Glücksempfinden häufig unterschätzt. Wir fokussieren stattdessen auf Beruf, Einkommen und Karriere und vernachlässigen die Pflege von Freundschaften.
Wer kein funktionierendes Sozialleben hat und häufig einsam ist, fühlt sich im Allgemeinen auch nicht glücklich.
Doch auf die Dauer funktioniert das nicht. Der Mensch gleicht eben nicht dem einsamen Tiger im Dschungel, sondern einem Herdentier, und ist somit auf Sozialkontakte angewiesen, um eine glückliche Existenz führen zu können. Ökosysteme funktionieren nicht mehr, wenn ein kritisches Mass an Naturkapital unterschritten wird. Für Menschen braucht es hingegen ein kritisches Mass an Sozialkapital. Und eine der Hauptursachen für mangelndes Glück in der heutigen Gesellschaft liegt darin, dass dieses notwendige Mass oft unterschritten wird.

Bild: @Cemile Ivedi
Sozialkapital hat die ökonomische Besonderheit, dass es nicht in erster Linie durch Geldinvestitionen, sondern durch Zeitinvestitionen aufgebaut wird. Natürlich wissen wir alle, dass Leute mit viel Geld meist auch viele Freunde haben. Aber das sind selten Freundschaften, die auch wirklich glücklich machen. Die sich aus Investitionen in Sozialkapital ergebende psychische «Glücksdividende» ist tendenziell umso höher, je weniger das Sozialkapital auf Geldinvestitionen beruht. Es ist eben nicht das gleiche, ob jemand Zeit mit uns verbringt, weil er oder sie gern in unserer Gesellschaft ist oder weil er oder sie auf irgendeine Art dafür bezahlt wird. Durch Bezahlung werden Freunde zu Schmarotzern und Liebespartner zu Prostituierten. Und das sind im Allgemeinen keine Beziehungen, aus denen sich längerfristiges Glück ergibt. Wer versucht, seinen Bestand an Sozialkapital zu erhöhen, indem er Geld investiert und Zeit spart, der erreicht oft genau das Gegenteil.
Einsamkeit: umgeben von einer sozialen Wüste
Besonders stark bedroht sind die sozialen Beziehungen und damit auch das Sozialkapital heute bei älteren Menschen. Einsamkeit wird zu einem verbreiteten Phänomen, weil sich Sozialkontakte nicht mehr selbstverständlich ergeben. Während jüngere Menschen durch Arbeit oder Freizeitaktivitäten noch mit anderen Menschen in Kontakt kommen, fallen diese Kontaktmöglichkeiten bei älteren Menschen häufig weg. Der Alltag wird zunehmend zur sozialen Wüste. Weder begegnet man Nachbarn, noch spricht man mit der Verkäuferin im Laden oder trifft die eigenen Kinder oder Grosskinder.
Einsamkeit wird zu einem verbreiteten Phänomen, weil sich Sozialkontakte nicht mehr selbstverständlich ergeben.
Dieser Trend hat einerseits mit der Entwicklung weg von der Grossfamilie hin zur Kernfamilie (auch in Patchworkvarianten) zu tun, bei der nur noch Kinder und Eltern zusammenleben. Und wenn die Kinder dann einmal weg sind, bleibt von dieser Kernfamilie oft nicht viel übrig, zumal auch noch Scheidungen dazukommen. Und haben die Kinder dann selbst wieder Kernfamilien gegründet, sind die Kontakte zu den Enkelkindern häufig eingeschränkt, weil diese räumlich weit entfernt leben. In grossfamiliären Strukturen ist es hingegen gar nicht möglich, zu vereinsamen, da man stets von Familienmitgliedern umgeben ist. Deshalb kommt Vereinsamung in Entwicklungsländern praktisch nicht vor, weil dort Grossfamilien noch den Normalfall darstellen.
Andererseits hängt die Vereinsamung auch mit dem hohen materiellen Wohlstand zusammen, in dem wir heute leben. Menschen wohnen in luxuriösen Wohnungen, in denen sich alles findet, was zum Leben gebraucht wird. Man ist nicht mehr auf Nachbarn angewiesen und so ergeben sich auch keine entsprechenden Kontakte mehr. Man muss die eigene Wohnung nicht mehr verlassen, sondern kann sich über das Internet alles bestellen und nach Hause kommen lassen. Und auch Kontakte werden zunehmend virtuell.
Halten wir somit fest. In hochentwickelten Ländern wie der Schweiz wird das Glück zunehmend durch nicht-materielle Faktoren bestimmt. Es geht um ein intaktes Sozialleben, eine erfüllende berufliche Tätigkeit oder auch darum, sich im Alltag an kleinen Dingen freuen zu können. Das haben wir zum Teil verlernt, weil heute ein eigentlicher Unzufriedenheitskult dominiert. Man darf nie zufrieden sein, mit dem, was man erreicht hat, und soll immer versuchen, noch weiter nach vorne zu kommen und noch mehr Wohlstand anzustreben. Doch damit geraten wir in die Tretmühlen des Glücks, die dazu führen, dass wir glücksmässig an Ort uns Stelle bleiben.
