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«Ist die Seele meiner Mutter hier bei uns?» – Erfahrungen einer muslimischen Leichenwäscherin

«Darf ich meiner Mutter eine Haarsträhne abschneiden und als Erinnerungsstück mitnehmen?», «Ist die Seele meiner Mutter hier bei uns? Sieht sie, wie ihre Leiche gewaschen wird? Kann sie uns hören? Empfindet sie noch Schmerz?» Leichenwaschhallen können schnell Entstehungsorte vieler kurioser Fragen werden. Dies überrascht keineswegs. Schliesslich haben die Hinterbliebenen bei der Leichenwaschung erst kürzlich vom Tod der verstorbenen Person erfahren. Nicht selten ist es so, dass sie die traurige Nachricht zum Zeitpunkt der Leichenwaschung noch nicht verdauen konnten und mit der aktuellen Situation teilweise noch völlig überfordert sind.

Seit der Pandemie hatte ich vermehrt Einsätze als muslimische Leichenwäscherin in Zürich. Ich durfte zahlreiche Leichen von an Covid-19-infizierten Frauen waschen. Dabei wurde ich mit einigen Schwierigkeiten konfrontiert. Die Tatsache, dass diese Frauen an den Folgen einer Covid-19-Infektion verstorben sind, erschwert die Leichenwaschung um einiges. 

Eine kollektive Pflicht

Die Totenwaschung stellt der islamischen Lehre zufolge eine unverzichtbare und religiöse Handlung dar und wird von der muslimischen Gemeinschaft als eine kollektive Pflicht wahrgenommen. Nach Eintritt des Todes sollen Seele und Körper einer gläubigen Person in einem reinen Zustand zu Gott zurückkehren. Um einen solchen reinen Zustand des Körpers sicherzustellen, wird bei der verstorbenen Person vor der Beerdigung, unter Beachtung geregelter Abläufe, eine Ganzkörperwaschung mit Wasser, Seife und, wenn vorhanden, natürlichen Duftstoffen vorgenommen. Es existieren diverse Vorschriften und Bestimmungen, denen, während der muslimischen Totenwaschung, Beachtung geschenkt werden müssen. So werden beispielsweise Frauen nur von Frauen und Männer von Männern gewaschen. 

Muslimische Grabfelder auf dem Friedhof Bremgarten. © Christoph Knoch

An Covid-19 Verstorbene waren vor ihrem Tod oft wochen-, wenn nicht sogar monatelang von ihren Familien und Bekannten getrennt. Nicht selten wird durch den schweren, langwierigen Verlauf einer Covid-19-Infektion jegliche Kontaktaufnahme zur infizierten Person verunmöglicht. Die Trennung von einer geliebten Person ist ohnehin ein schwieriger Vorgang. In solchen Fällen gestaltet sich das Abschiednehmen noch viel schwieriger. 

Bei der Leichenwaschung von an Covid-19 Verstorbenen dürfen die Hinterbliebenen, nach einer längeren Trennung voller Ungewissheit, das erste Mal wieder ihre Frau, Mutter, Schwester, Freundin sehen.

Der Tod sorgt jedoch nicht ausschliesslich für Trennung, sondern kann durchaus auch Grund für ein Zusammenkommen sein. So rücken die Hinterbliebenen zusammen, um einander gegenseitig zu stützen und gemeinsam von der verstorbenen Person Abschied zu nehmen. Bei der Leichenwaschung von an Covid-19 Verstorbenen dürfen die Angehörigen, nach einer längeren Trennung voller Ungewissheit, das erste Mal wieder ihre Frau, Mutter, Schwester, Freundin sehen. Dass der Körper dieser geliebten Person nun regungslos auf einem kalten Leichentisch liegt, können sie nur schwer akzeptieren. Bei dieser ersten Konfrontation gehen den Hinterbliebenen so manche Fragen durch den Kopf. Nicht selten ist an dieser Stelle vorerst eine seelsorgerliche Betreuung notwendig, um überhaupt mit der eigentlichen Leichenwaschung beginnen zu können. Die Tatsache, dass die verstorbene Person an einer Covid-19-Infektion gelitten hat, hat zusätzlich zur Folge, dass die Anwesenden eine Schutzbekleidung tragen müssen. Dies macht die ohnehin heikle Situation ebenfalls nicht leichter.

Alle sind vor Gott gleich

Nachdem ich versucht habe, die Fragen der Hinterbliebenen zu beantworten, und sich ihre emotionale Lage beruhigt hat, beginne ich mit der im Vordergrund stehenden Leichenwaschung und erkläre den Hinterbliebenen, die bei der Waschung sehr oft ihre Unterstützung anbieten wollen, die verschiedenen Abläufe. Die graue, kalte Leichenwaschhalle wird nun durch gemeinsame Bittgebete in einen wärmeren Ort umgewandelt. Nach der Waschung wird die Leiche in reine, weisse Baumwolltücher gewickelt. Dieses Leichentuch sorgt dafür, dass der  natürliche Zersetzungsprozess nicht behindert wird, und soll verdeutlichen, dass alle Menschen vor Gott gleich sind. Diese einheitliche Kleidung verunmöglicht es nämlich, Wohlstand zu präsentieren. 

Die verstorbene Person nun in einem viel friedlicheren Zustand und nicht mehr in einem Leichensack sehen zu müssen, sorgt bei den Hinterbliebenen für eine zusätzliche Besserung ihrer emotionalen Lage. Die Angehörigen bei dieser Abschiednahme begleiten und den Verstorbenen die letzte Ehre erweisen zu dürfen, löst bei mir ein unbeschreibliches Gefühl aus. Ihnen in diesen Momenten eine Unterstützung sein zu dürfen, ist mir eine sehr bedeutende Aufgabe. Eine Aufgabe jedoch, deren Erfüllung nicht immer leicht und reibungslos ist. Eine Aufgabe, deren Erfüllung es mir nicht leicht macht, später, zu Hause, abschalten und das Gesehene wieder vergessen zu können. 

Der Tod ist gewiss mit Trennung verbunden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er den Hinterbliebenen jede Hoffnung stiehlt.

Der Tod ist gewiss mit Trennung verbunden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er den Hinterbliebenen jede Hoffnung stiehlt. Der Tod verbindet und muss als eine Gemeinsamkeit gesehen werden. Denn alle Menschen werden mit diesem konfrontiert. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Tod ist deshalb unverzichtbar. Dies hat uns die aktuelle Pandemiezeit deutlich vor Augen geführt.

Blerta Kamberi ist 26 Jahre alt, verheiratet, Masterstudentin der Islam- und Religionswissenschaft an der Universität Zürich, Lehrperson, Integrationsfachfrau, ausgebildete muslimische Leichenwäscherin und Seelsorgerin. 

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