Nora Ebinger, Camille Egger und Sina Krüttli Nora Ebinger, Camille Egger und Sina Krüttli Nora Ebinger, Camille Egger und Sina Krüttli Nora Ebinger, Camille Egger und Sina Krüttli

Zwischen religiöser und sexueller Identität – Aris Weg zu einer offenen Kirche

Ari Lee hat viele Hürden überwunden: Ausgeschlossen und verurteilt von religiösen Gemeinschaften, fand sie einen Ort, an dem ihre Identität respektiert und angenommen wird. Die Offene Kirche Elisabethen in Basel ist für Ari nicht nur ein beruflicher Wendepunkt, sondern auch ein Symbol für eine Kirche der Zukunft, die Brücken baut, statt Mauern zu errichten.

Ari Lee teilt in diesem Porträt ihre bewegende Lebensgeschichte – eine Reise voller Hindernisse, aber auch voller neuer Chancen. Mit Offenheit und Mut spricht sie über die Herausforderungen, die sie als queere Person in religiösen Gemeinschaften erlebt hat. Ebenso erzählt Ari von ihrem Neuanfang und den Momenten, in denen sie Annahme und Zugehörigkeit erfahren durfte. Ihr Weg ist eine Geschichte über das Finden eines Glaubens, der Platz für alle Identitäten schafft, und über die Hoffnung auf eine inklusive Kirche, die Vielfalt nicht nur zulässt, sondern wertschätzt.

Ari Lee

Ari Lees (religiöse) Lebensgeschichte ist, so darf man wohl sagen, komplex. Geboren und aufgewachsen ist sie in den 70er- und 80er-Jahren in Deutschland, hauptsächlich bei ihren Grosseltern. Ihre Mutter war aufgrund einer Suchterkrankung vor allem mit sich selbst beschäftigt, während ihr Vater, ein Native American, nach Einsätzen in Vietnam zeitweise in Deutschland stationiert war. Als Ari vier Jahre alt war, kehrte er in die USA zurück. Dass sie mütterlicherseits jüdisch ist, erfuhr Ari erst im Erwachsenenalter – eine Entdeckung, die bei ihr vieles auslöste. Ari wuchs ohne religiöse Praxis auf: «weder Synagoge noch Kirche noch irgendwas», beschreibt sie diese Zeit.

Dies ändert sich, als Ari mit etwa zwölf Jahren zu ihrer Mutter zieht. Diese befindet sich zu jener Zeit in einer «Therapie» in einem christlichen Umfeld. Dort kommt Ari erstmals in Berührung mit «Kirche».

Bild @Ari Lee. Ari Lee: «Ich bin Native American/Jewish/Black und versuche, das in meinem Drag ebenfalls auszudrücken.»

Konversionstherapie

In diesem Umfeld, das Ari Lee als streng pfingstlerisch beschreibt, stösst sie schnell an die Grenzen der Akzeptanz. Für sie wird deutlich, dass nicht-heteronormative sexuelle Identität in manchen Glaubensgemeinschaften keine selbstverständliche Anerkennung findet. Als sie im Teenageralter ihre Anziehung zu Frauen erkennt, vertraut sie sich Personen aus ihrer damaligen Gemeinde an. Diese raten ihr, eine Konversionstherapie zu durchlaufen.

Ari ist mit dieser Erfahrung nicht allein. Laut einer Studie des britischen Gleichstellungsbüros aus dem Jahr 2018 sind sexuelle Minderheiten weiterhin Diskriminierungen und Gewalt ausgesetzt. Konversionstherapien, die häufigste Form dieser Gewalt, werden in über 90% der Fälle von religiösen Personen angeboten. Dabei wird versucht, das Bewusstsein und das Verhalten von Personen aus sexuellen Minderheiten durch gezielte Gespräche und Busspraktiken zu verändern. Die Praktiken reichen von Gebetssitzungen bis hin zu Exorzismen, die bei den Betroffenen schwerwiegende Auswirkungen haben können.

Die Überforderung der Mennoniten-Gemeinde

Mit 23 Jahren heiratet Ari und tritt mit ihrem Ehemann einer Mennoniten-Gemeinde bei. Zudem beginnt sie ein Theologiestudium an der Universität Fribourg, um herauszufinden, was genau in der Bibel steht, mit der sie in der Zeit bei der Pfingstgemeinde «so geplagt wurde». Dort erfüllt sie einige Jahre lang die Aufgaben einer Gemeindemitarbeiterin. Nach einem Umzug wird sie in einer anderen mennonitischen Gemeinde als Pastorin angestellt. Doch nach ihren Coming-outs – Ari als lesbische Person und ihr Ehemann als Transfrau – wird Aris Arbeitsverhältnis abrupt beendet. Zwar dürfte Ari weiterhin als Gemeindemitglied an Gottesdiensten teilnehmen, doch das Verhalten einiger Mitglieder macht das für sie undenkbar. Manche wechseln absichtlich den Zugwagen, wenn sie Ari sehen, oder meiden sie beim Einkaufen. Einige gehen sogar so weit, ihr Drohbriefe zu schicken.

Laut Ari gibt es bei den Mennoniten unterschiedliche Einstellungen zu sexueller Vielfalt.

Dass die Gemeinde voreilig gehandelt hat, sieht auch einer der Gemeindeältesten so: Die Gemeinde war mit der Situation überfordert. Zu ihm hat Ari heute noch Kontakt. Er erklärt, dass es in der Gemeinde zuvor kein ähnliches Coming-out gegeben hatte und die Gemeindeleitung fürchtete, eine  Spaltung der Gemeinde zu riskieren. Laut Ari gibt es bei den Mennoniten unterschiedliche Einstellungen zu sexueller Vielfalt. Einige Gemeinden positionieren sich klar als queer-welcoming, während es in anderen undenkbar bleibt, sich zu outen.

Perspektivenwechsel

Nach diesen Erlebnissen wendet sich Ari zunächst von der Theologie und der Religion ab und sucht neue Herausforderungen. 2018 macht sie eine Ausbildung zur Make-up-Artistin – ein Schritt, der ihre Suche nach einem neuen beruflichen und persönlichen Weg zeigt. Trotz ihrer kritischen Haltung gegenüber religiösen Institutionen in dieser Zeit, besucht sie eine Predigt der Autorin und Pfarrerin Nadia Bolz-Weber in der Offenen Kirche Elisabethen. Ari bewundert Bolz-Webers Arbeit und ihre klaren Worte. Diese Predigt bleibt Ari gut in Erinnerung: Bolz-Weber spricht offen über ihre Frustration mit der Kirche und äussert, dass sie manchmal versucht sei, diese zu verlassen. Doch, so erklärt sie, ein Weggang würde bedeuten, das Feld denen zu überlassen, die sie kritisiere.

Diese Gedanken bewegen Ari. Sie lernt zudem Frank Lorenz kennen, den Pfarrer der Offenen Kirche Elisabethen. Er ermutigt sie, den Master in Theologie an der Universität Bern zu beginnen. Damit findet Ari zur Theologie zurück. 2024 schliesst sie ihr Studium erfolgreich ab und beginnt im selben Jahr ihr Vikariat an der Offenen Kirche Elisabethen.

Offene Kirche Elisabethen

Die Offene Kirche Elisabethen ist ein ökumenischer Verein, der seit den 1990er Jahren die Räumlichkeiten der Elisabethenkirche in Basel nutzt. Als erste sogenannte «Citykirche» der Schweiz verbindet sie traditionelle kirchliche Angebote mit unkonventionellen Formaten. Neben dem Stadtgebet und Friedensgebeten für die Ukraine finden hier regelmässige Zen-Meditationen, Mensch-Tier-Segen, eine jährliche Trans-Namenssegnung und vierteljährliche Regenbogengottesdienste statt. Diese Vielfalt zeigt, wie konsequent die Kirche queere Menschen unterstützt und einen Raum für alle schafft.

Diese Vielfalt zeigt, wie konsequent die Kirche queere Menschen unterstützt und einen Raum für alle schafft.

Um den Kirchenraum flexibel zu gestalten, wurden sogar die festen Holzbänke entfernt. So können im Kirchenraum Firmenessen oder Techno-Partys stattfinden. Dies sind wichtige Einnahmequellen, da sich der Verein selbst finanziert. Im Jahr 2021 erhielt die Offene Kirche Elisabethen als erste kirchliche Institution in der Schweiz das Swiss LGBTI-Label, ein Zeichen ihrer inklusiven Haltung und ihres Engagements für die LGBTI-Community.

Die Kirche von morgen

Die Offene Kirche Elisabethen steht für Ari Lee sinnbildlich für die Kirche der Zukunft: offen, bunt und kulturell vielfältig. Sie sieht sie als Vorreiterin einer neuen, experimentellen Form von Kirche, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Ari träumt von einer Kirche, die sich einmischt, ohne zu bestimmen, und die kontrovers sein darf. Besonders wichtig ist ihr dabei die Sprache: Der «Kirchenlingo» müsse überdacht werden, damit die Botschaft für alle verständlich wird. Eine Aufgabe, die ihr Pfarrer Frank Lorenz mit auf den Weg gegeben hat, bringt es für sie auf den Punkt: «Übersetze die Bibelverse so, dass jemand, der noch nie eine Bibel in der Hand hatte, dich versteht.»

Ari träumt von einer Kirche, die sich einmischt, ohne zu bestimmen, und die kontrovers sein darf.

Ari wünscht sich eine universell verständliche Sprache in der Kirche, die wirklich alle Menschen einbezieht – unabhängig von sexueller Orientierung, Herkunft oder religiöser Zugehörigkeit. Und alle sollen in dieser Kirche zur Sprache kommen dürfen. Besonders für queere Menschen, vor allem Jugendliche, sieht sie die Seelsorge als einen unverzichtbaren «Safe Space». Die Kirche, so betont sie, dürfe nicht exklusiv sein, sondern müsse christliche Toleranz aktiv leben.

Aktuell beschäftigt sich Ari auch mit ihren jüdischen Wurzeln und versucht, Christentum und Judentum zu verbinden. Ari möchte Mauern durchbrechen und Brücken bauen. Die Offene Kirche Elisabethen ist für sie ein Ort, der solche Verbindungen ermöglicht. «Ich nehme ein Stück dieser Kirche überallhin mit, wohin mein Weg mich führt», sagt sie über die besondere Bedeutung, die dieser Ort für sie hat.

Bild: @Ari Lee. Ari Lee, links mit Mikrofon im Bild, rechts Pfarrer Frank Lorenz, Regenbogenfeier in der Offenen Kirche Elisabethen.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Religion und Sexualität“ an der Universität Bern entstanden. Die Studierenden beschäftigten sich mit der Frage, wie Sexualität in heutigen religiösen Diskursen konstruiert wird, welche Normvorstellungen existieren, welche Schriftauslegungen es gibt und welche Bestimmungen in unterschiedlichen religiösen Kreisen als gültig betrachtet werden. Unter der Leitung von Janina Maris Hofer unternahmen sie eine Exkursion durch die Schweiz, bei der sie fünf Personen aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften trafen. Die Gespräche mit diesen Personen dienten als Grundlage für die Reportagen und Porträts, die nun auf religion.ch veröffentlicht werden.


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