Museen gelten als Orte der Kunst, der Geschichte und des Wissens. Doch sie sind auch Orte, an denen Religion sichtbar wird – teilweise, ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen. Altartafeln, Tempel, religiöse Objekte oder ganze Ausstellungen prägen mit, wie Religion verstanden wird. Wie Museen Religion zeigen, erzählt deshalb auch etwas darüber, wie eine Gesellschaft Religion sieht. Alexandra Probst, Assistentin und Doktorandin am Lehrstuhl für Religionsgeschichte am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich, erklärt diese Zusammenhänge.
Wer eine Kirche besucht, weiss meist, dass er oder sie sich in einem religiösen Raum bewegt. In Museen ist das weniger offensichtlich. Altartafeln hängen neben Landschaftsbildern, buddhistische Statuen stehen in Vitrinen, religiöse Objekte werden zu Kunst oder Kulturgut. Museen entscheiden damit wesentlich mit, wie Religion wahrgenommen und verstanden wird. Diese Rolle wird selten bewusst wahrgenommen – obwohl viele Menschen Religion gerade dort begegnen: im Museum.
Religion im Museum – häufiger als man denkt
Haben Sie bei Ihrem letzten Besuch im Kunstmuseum Altartafeln bestaunt? Oder waren Sie auf Ihrer Reise in Kambodscha auf einer Führung durch Angkor Wat? Dann sind Sie bereits mit Überschneidungen von Religion und Museen in Kontakt gekommen – und davon gibt es viele.
Eine offensichtliche Verbindung sind Museen, die sich ganz einer Religion oder einer religiösen Gruppe widmen. Solche Museen werden oft von religiösen Minderheiten einer Gesellschaft entwickelt und betrieben und richten sich deshalb auch an ein Publikum, das nicht dieser Religion angehört. Ein Beispiel ist das Jüdische Museum Schweiz in Basel.
Verwandt damit – und teilweise auch nicht ganz davon zu unterscheiden – sind Institutionen, die religiöse Inhalte vermitteln und von den jeweiligen religiösen Gruppen selbst getragen werden. In den USA gibt es beispielsweise ein Museum mit dem Namen «BibleWalk», das biblisches Wissen aus einer christlichen Perspektive erlebbar machen will.
Wenn sakrale Orte zu Museen werden
Eine weitere Verbindung zwischen Museen und Religion sind sakrale Orte, die mitunter auch als Museen genutzt werden. Die religiöse Nutzung des Raums wird dabei meist weitergeführt – allerdings von anderen Menschen als den vielen Besuchenden, die nur kurz dort sind. Diese Überschneidung ist vor allem in touristischen Kontexten verbreitet, wie bei der oben erwähnten Tempelanlage Angkor Wat. Sakrale Orte vermitteln dort – ähnlich wie Museen – Wissen über religiöse Traditionen und Praktiken. Für viele Besucher:innen sind sie aber auch einfach ein beliebtes Fotosujet.
Wenn religiöse Räume gleichzeitig von Gläubigen und Tourist:innen genutzt werden, kann das zu Konflikten führen. Denn nicht alle haben die gleichen Erwartungen an den Ort. Um Konflikte zu vermeiden, werden solche Räume deshalb oft in verschiedene Bereiche aufgeteilt – mit unterschiedlichen Regeln für religiöse und touristische Nutzung.
Religion im Museum: Kultur, Geschichte oder das «Andere»
Die wohl häufigste Verbindung zwischen Religion und Museen sind religiöse Objekte und Inhalte, die in nicht-sakralen Räumen ausgestellt werden – wie die Altartafeln im Kunstmuseum aus dem Beispiel oben.
Dass Religion heute häufiger in Museen thematisiert wird, hängt auch mit Veränderungen in der religiösen Landschaft und im gesellschaftlichen Umgang mit Religion zusammen. Religion wird zunehmend nicht nur als Glaubenssystem und -praxis verstanden, sondern auch als Teil von Kultur. In der Forschung spricht man in diesem Zusammenhang von einer «Kulturalisierung» von Religion. Diese Entwicklung führt dazu, dass Wissen über Religion auch in religiös pluralen Gesellschaften als wichtig gilt und deshalb nicht nur in religiösen Räumen vermittelt wird, sondern auch in Museen.

Bild: Museum der Kulturen Basel. Ausstellung: «Der Weg ins Jenseits». Foto: @Samira Spohn
Dabei wird Religion jedoch häufig auf bestimmte Weise dargestellt: Sie erscheint oft als Teil der Vergangenheit, als Phänomen anderer Weltregionen oder im Zusammenhang mit Migration. Religion wird also «historisiert» und auch externalisiert, also als etwas «Äusseres» präsentiert.
Aktuelle Entwicklungen oder die Dynamik religiöser Praxis in der Gegenwart werden hingegen oft vernachlässigt. Hinzu kommt: Wenn Museen religiöse Themen behandeln, werden oft religiöse Expert:innen beigezogen. Das kann helfen, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und das Wissen über religiöse Traditionen zu erweitern. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Wissen über Religion vor allem mit religiösen Deutungen verbunden wird und externe Perspektiven in den Hintergrund geraten.
Religiöse Objekte hinter Glas
Wenn religiöse Objekte in einem Museum ausgestellt werden, ergibt sich eine besondere Herausforderung: Sie verlieren dadurch nicht automatisch ihre religiöse Bedeutung. Im Museum erscheinen sie jedoch in einem anderen Kontext. Der Umgang mit Objekten folgt dort eigenen Regeln. Berühren ist meist nicht erlaubt, manchmal sogar ausdrücklich verboten. In vielen religiösen Traditionen gehört das Berühren eines Gegenstandes jedoch zur religiösen Praxis. Dadurch kann es zu Konflikten kommen. Um die Objekte zu schützen und ein Berühren zu verhindern, werden sie deshalb häufig hinter Glas ausgestellt.
Der Umgang mit Objekten folgt dort eigenen Regeln.
Aus religionswissenschaftlicher Perspektive lässt sich hier ein interessantes Paradox beobachten: Ein Objekt wird aus seinem ursprünglichen religiösen Zusammenhang herausgelöst und in einen neuen Kontext gestellt. Im Museum wird es jedoch gleichzeitig besonders geschützt und hervorgehoben – etwa durch Vitrinen oder Absperrungen. Dadurch erhält es erneut eine besondere Bedeutung und wirkt wieder «sakral», nun allerdings im Rahmen der Museumslogik. Man könnte das mit religionswissenschaftlichem Jargon auch als eine «profane Resakralisierung» bezeichnen.
Bei manchen Objekten verlangen die jeweiligen Religionsgruppen zudem, dass bestimmte Rituale auch nach der Aufnahme in eine Sammlung weitergeführt werden. Diese «Pflege» findet meist ausserhalb der Öffnungszeiten statt und bleibt deshalb meist unsichtbar. Beide Beispiele zeigen, dass religiöse Objekte für Museen mit besonderen Anforderungen und einem Mehraufwand verbunden sein können.
Warum Museen unser Bild von Religion prägen
Aber warum sind diese Überschneidungen von Religion und Museen überhaupt relevant? Einerseits, weil Religion ein wichtiger Bestandteil persönlicher Identitäten ist. Auch eine Schweizerin, die nicht religiös praktizierend ist, ist teilweise von einem christlichen Weltbild geprägt.
Andererseits haben Museen einen grossen Einfluss darauf, wie wir Dinge verstehen. Das heisst, sie besitzen gesellschaftliche Deutungshoheit. Aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft gelten die Inhalte, die sie vermitteln, für viele Menschen als plausibel und glaubwürdig. Museen erzählen Geschichten darüber, wie etwas angeblich ist oder gewesen sein soll – und können diese Geschichten mit konkreten Objekten «belegen». Dadurch spielen sie eine wichtige Rolle dabei, wie Wissen entsteht und weitergegeben wird. Das heisst, sie konstruieren gesellschaftlich geteiltes Wissen.
Museen konstruieren gesellschaftlich geteiltes Wissen.
Ausserdem sind Museen relativ leicht zugänglich. Zwar gibt es Hürden, wie den Eintrittspreis. Im Vergleich zu anderen Institutionen, die Wissen vermitteln – wie Universitäten – richten sich Museen jedoch an ein breiteres Publikum und nutzen andere Formen der Kommunikation. Deshalb spielen sie eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Wissen.
Zwischen Wissen, Identität und Verantwortung
Erzählungen über Religion haben zudem einen starken Einfluss darauf, wie Menschen sich selbst und andere wahrnehmen, also auf Selbst- und Fremdbilder. Wenn Religionen dargestellt werden, geht es häufig auch um Fragen von «Wir» und «die Anderen». Oft wird dem Publikum etwas vorgestellt, das ihm zunächst fremd ist. Dabei wird Religion – wie oben erwähnt – häufig als etwas aus der Vergangenheit oder aus anderen Weltregionen präsentiert. Das heisst: historisiert und externalisiert. Auf diese Weise werden Fremdbilder geschaffen, die eng mit dem eigenen Selbstbild verbunden sind: «Wir» sind dann das, was «die Anderen» nicht sind.
Da das Fremde dabei häufig als weniger wertvoll dargestellt wird, entsteht schnell eine Hierarchie zwischen beiden Seiten. Im 19. Jahrhundert spielte diese Logik beispielswiese eine wichtige Rolle in Nationalmuseen: Nationale Identitäten wurden geschaffen, indem man sich von anderen abgrenzte.
Religion in Museen zeigt, dass Praktiken dynamisch sind.
Heute versuchen viele Museen, solche Hierarchisierungen zu vermeiden. In Ausstellungen wird vermehrt darauf geachtet, dass unterschiedliche Perspektiven sowie Verbindungen zwischen Gruppen präsentiert werden. Dennoch ist diese Differenzierung zwischen «Wir» und «die Anderen» nicht nur ein Phänomen der Vergangenheit: Die Altartafeln aus unserem Beispiel, die im Kunstmuseum ausgestellt sind, werden im westlichen Kontext auch heute oft als Kunst einer bestimmten Epoche präsentiert – also ohne religiöses Etikett. Werden im gleichen Kontext jedoch beispielsweise muslimische Bilder ausgestellt, erscheinen diese meist als «islamische Kunst» und werden damit dem «religiösen Feld» zugeschrieben. Man nimmt auch hier eine Unterscheidung zwischen «Wir» und «den Anderen» vor.
Die Deutungshoheit von Museen und ihre wichtige Rolle dabei, Wissen zu vermitteln, zeigen auch die Verantwortung der Institutionen und der Personen, die Ausstellungen konzipieren. Trotz dieser Herausforderungen kann das Ausstellen von Religion viel über deren geschichtlichen Hintergrund vermitteln und zeigen, dass religiöse Symbole und Praktiken sich im Laufe der Zeit verändern und auch in der Gegenwart dynamisch sind. Zudem kann Wissen über Religionen das Verständnis und die Toleranz gegenüber anderen Weltbildern fördern. Da Museen ein Publikum erreichen, das über religiöse, akademische und Altersgrenzen hinausgeht, können sie auch bei Kunstliebhaber:innen ein Verständnis für Altarbilder schaffen – oft mehr, als dies rein religiösen oder akademischen Akteur:innen möglich wäre.
Der Beitrag bezieht sich primär auf die Artikel «Museality as a Matrix of the Production, Reception, and Circulation of Knowledge Concerning Religion» von Grieser, Hermann und Triplett aus dem Jahr 2011 und «Politics of Representation. Normativity in Museum Practice» von Anja Luepken aus dem gleichen Jahr, die Masterarbeit der Autorin «Geschichtsinszenierung, Gegenwartskonstruktion und Religion. Die Repräsentation religiöser Aspekte in der Konstruktion eines nationalen Narrativs im Landesmuseum Zürich» sowie das Seminar «Museumsreif. Wie Religionen im musealen Kontext dargestellt werden», das die Autorin im Herbstsemester 2025 an der Universität Zürich unterrichtete.
