Religion bleibt ein zentrales Thema unserer Gesellschaft – ob in den Medien, im öffentlichen Diskurs oder im privaten Alltag von Einzelpersonen und Gemeinschaften. Religion wird in der Öffentlichkeit jedoch ganz anders verhandelt als im persönlichen Umfeld. Schnell geht es dabei um die grossen Fragen: Was ist «gute» Religion – und was nicht? Genau diese Fragen hat Rebekka Rieser, Postdoktorandin im Bereich «Digital Religion(s)», untersucht und dabei digitale Medien ganz genau unter die Lupe genommen.
Solche Debatten tauchen immer wieder auf, etwa wenn es um Religion in Konflikten geht, um das Verhältnis von Staat und Kirche oder wenn Religion im Zusammenhang mit Skandalen in der Presse steht. Genau hier setzt das Forschungsprojekt «Religionsmonitor» der Universität Zürich an: Wir wollen verstehen, wie über Religion in der digitalen Öffentlichkeit gesprochen wird. Welche Themen stehen dabei im Vordergrund und wie verändern sich diese Diskurse über die Zeit? Welche religiösen Praktiken werden als zu westlichen Demokratien passend erachtet, und welche gelten als problematisch? Und zu guter Letzt, wer redet überhaupt mit?
Was wir als «Öffentlichkeit» untersucht haben
Unser Fokus liegt auf der digitalen Öffentlichkeit – also all jenen Diskussionen, Meinungsäusserungen und Debatten, die über digitale Kommunikationskanäle stattfinden. Zur digitalen Öffentlichkeit zählen für uns sowohl Social-Media-Plattformen wie X (früher Twitter) oder Instagram, aber auch etablierte Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen und ihre Online-Angebote. Wichtig ist nur: Die Kommunikation muss öffentlich sein – also nicht in geschlossenen Gruppen, Chats oder E-Mails stattfinden. Nur das, was öffentlich sichtbar ist, betrachten wir in unserer Forschung. Wer sich anschaut, welche Themen in der digitalen Öffentlichkeit aufgegriffen werden, bekommt einen Eindruck davon, was Menschen bewegt und was als relevant für unser Zusammenleben wahrgenommen wird.

Die Digitalisierung hat nicht nur unseren Medienkonsum verändert, sondern auch unsere Möglichkeiten, uns zu äussern und mitzureden – auch in religiösen Fragen. Das verändert auch die Rolle klassischer Medien: Journalist:innen entscheiden heute nicht mehr allein, was «öffentliches Interesse» ist. Plattformen wie X, TikTok, YouTube oder Instagram bieten vielen Menschen die Möglichkeit, sich selbst einzubringen, Debatten mitzugestalten oder neue Themen zu setzen. Auch diese publizierten Meinungen beeinflussen somit das «öffentliche Interesse». Und diese Plattformen fördern eine grössere Vielfalt an Stimmen und Perspektiven – auch und gerade, wenn es um Religion geht.
Um also diese Diskurse abzubilden, sammeln wir Daten zum Stichwort «Religion» in den sozialen Medien, aber auch in den klassischen Onlinemedien wie 20 Minuten oder der BAZ. Durch automatisierte Inhaltsanalysen werten wir die Daten aus, fassen ähnliche Inhalte zusammen und stellen sie im Religionsthemenmonitor anschaulich dar.
Hier geht’s zum Monitor! https://reltm.ikmz.uzh.ch/
Und für die, die es eilig haben:
🔍 Was wurde untersucht?
Analysiert wurden über 120.000 Tweets mit dem Stichwort Religion aus der DACH-Region aus dem Jahr 2022, sowie mehr als 12.000 Medienabsätze aus Schweizer Online-Portalen aus den Jahren 2022 bis 2024.
💬 Was wird über Religion gesagt?
Zu den meistgenannten Religionen zählen das Christentum (häufig) und der Islam, dessen Nennungen im Jahresverlauf zunehmen, während andere Religionen klar unterrepräsentiert sind.
📆 Der Verlauf im Jahr 2022
Im Frühling und Sommer fanden mehr Diskussionen über den Islam statt, während im Spätherbst politische Kontexte stärker zunahmen.
🏛️ Wo wird Religion sichtbar?
Religion erscheint insbesondere in den Bereichen Politik, Recht, Bildung, Gesundheit, Klima und Natur sowie im Zusammenhang mit Konflikten, Emotionen und Sicherheit.
👥 Wer spricht über Religion?
Vor allem Journalist:innen und Medien – häufig aus Deutschland – prägen den Diskurs, ebenso Politiker:innen, die Religion als politisches Thema aufgreifen; überraschend häufig äussern sich auch Privatpersonen mit grosser Reichweite.
📉 Was fehlt noch?
Es fehlen Daten aus anderen Plattformen wie Instagram oder TikTok, Beiträge ohne das explizite Stichwort Religion sowie Zeitreihen über mehrere Jahre.
📌 Ziel des «Religion Topic Monitors»
Ziel ist es zu verstehen, wie Religion online diskutiert wird, religiöse Bildung und Dialog zu unterstützen und die digitale Öffentlichkeit differenzierter zu erfassen.
Wie wir Religion im digitalen Diskurs untersuchen
Der «Religion Topic Monitor» ist ein Analyse-Tool unserer Forschung, das auf einer Mischung aus technischer, methodischer und theoretischer Überlegungen basiert. Der Ansatz verbindet dabei Erkenntnisse aus Medienwissenschaft und Religionsforschung.
Wir nutzen zwei verschiedene Wege, um grosse Mengen an Text automatisch auszuwerten. In einem ersten Schritt lassen wir den Computer selbst nach häufigen Themen und Mustern suchen – ganz ohne Vorgaben. So zeigt sich, worüber besonders oft gesprochen wird. Im zweiten Schritt suchen wir gezielt nach bestimmten Inhalten, die uns besonders interessieren. Dafür stellen wir im Voraus Listen mit wichtigen Begriffen zusammen und durchsuchen die Texte gezielt danach. Unser Material:
- Über 120.000 Tweets zum Stichwort «Religion» aus dem Jahr 2022, gesammelt aus der deutschsprachigen DACH-Region.
- Mehr als 12.000 Medienabsätze aus Schweizer Online-Nachrichten (2022–2024), ebenfalls zum Thema «Religion».
Der Fokus auf das Schlüsselwort «Religion» erlaubt uns eine systematische Analyse. Das heisst aber auch: Beiträge, die über den Glauben sprechen, ohne das Wort «Religion» zu verwenden, werden nicht miteinbezogen.

Grafik 1: Anteil Religion(en) in den untersuchten Tweets auf X (Twitter) in 2022. Lesebeispiel: In den Monaten Oktober bis Dezember 2022 taucht das Christentum mit einem Anteil von 47% in allen Tweets in Kombination mit dem Begriff «Religion» auf.
Die Grafik zeigt, wie häufig verschiedene Religionen im Zeitverlauf auf X (Twitter) erwähnt wurden. Beispielsweise erwähnen 50% aller untersuchten Tweets im ersten Quartal 2022 die Religion Christentum in irgendeiner Form. Vielleicht sprechen die Menschen über die Kirchen oder sie erwähnen Jesus oder die Bibel. Das Phänomen, dass in der Öffentlichkeit oder in den etablierten Medien der Länder Schweiz, Deutschland oder Österreich vermehrt über das Christentum oder den Islam gesprochen wird und weniger über andere Glaubensrichtungen, ist vielfach untersucht. Das bestätigt sich nun auch auf X (Twitter).
Besonders interessant ist, dass Verläufe zu beobachten sind. So wird deutlich häufiger über das Christentum gesprochen als über den Islam. Wobei im Laufe des Jahres, vor allem in den Sommermonaten, die Äusserungen zum Christentum ab- und zum Islam zunehmen. Solche Veränderungen sind häufig auf spezifische Ereignisse im Weltgeschehen zurückzuführen, die zu einem grösseren oder kleineren Diskurs über eine Religion auf Twitter führen.
Welche Themen spielen eine Rolle, wenn über Religion gesprochen wird?
Weiter haben wir untersucht, welche religiösen Traditionen, Bewegungen oder Strömungen in der Öffentlichkeit auftauchen und in welchen Bereichen der Gesellschaft Religion thematisiert wird. Dabei hat sich gezeigt, dass Religion vor allem dann öffentlich thematisiert wird, wenn sie mit Bereichen wie Politik, Recht oder Wissenschaft in Konflikt gerät oder sich mit ihnen vermischt – zum Beispiel in politischen Debatten, juristischen Streitfällen oder Skandalen.

Grafik 2: Anteile der Kommunikationsbereiche in Tweets über Religion auf X im Jahr 2022. Lesebeispiel: In den Monaten Oktober bis Dezember 2022 taucht der Bereich «Politik» mit einem Anteil von ca. 15 % in allen Tweets und unter dem Suchwort «Religion» auf.
In solchen Abbildungen halten wir fest, welche Begriffe am häufigsten und am exklusivsten für die genannten Gesellschaftsbereiche (in blau) auftauchen. Daran können wir ablesen, ob es Begriffe oder Diskurse gibt, die nur einem Feld zugeordnet werden können, oder ob es «geteilte Terminologien» gibt.
Je weiter aussen ein Begriff erscheint, desto exklusiver gehört er zum spezifischen Kommunikationsbereich. Je näher Begriffe oder Themen am Mittelpunkt liegen, desto öfter tauchen sie zusammen in verschiedenen Zusammenhängen auf. Sie nutzen ähnliche Fachbegriffe und lassen sich als Bereiche der Kommunikation nicht so leicht voneinander trennen.
Unsere Analysen können aber auch noch mehr. Beispielsweise sind in der folgenden Grafik typische Begriffe aufgeführt, die zur jeweiligen Religion genannt werden. Je weiter oben beziehungsweise weiter unten der Begriff steht, desto typischer und exklusiver wird er der jeweiligen Religion zugeordnet.

Grafik 3: Begriffe auf Twitter, die dem Christentum und dem Islam zugeordnet werden Januar-März 2022. Lesebeispiel: In den Monaten Januar bis März 2022 tauchen die Begriffe «Jesus» exklusiv für das Christentum und der Begriff «Kopftuch» exklusiv für den Islam in den Tweets auf.
Aber Religion ist nicht nur ein Thema für die «grosse Bühne». Sie prägt auch ganz alltägliche Lebensbereiche: Familie, Bildung, Sexualität, Gesundheit, Ernährung – überall dort spielt sie als Quelle für Werte, Normen und Identität eine Rolle. Auch diese Schnittstellen analysieren wir systematisch. Zusätzlich haben wir übergreifende Kategorien aufgenommen, etwa emotionale Tonalität, Sicherheit und Konflikt oder den Bereich Natur und Klima. Und weil öffentliche Diskurse sich ständig verändern, passen wir unsere Untersuchung laufend an – zuletzt etwa durch die Aufnahme des Themas Verschwörung im Jahr 2024.

Grafik 4: Zusammentreffen von Religionen mit Kommunikationsbereichen in Tweets zu Religion auf X in 2022. Lesebeispiel: In den Monaten Oktober bis Dezember 2022 sind in ca. 9 % aller Tweets, in denen eine bestimmte Religion und Kommunikationsbereich vorkommt, Islam und Ideologie zusammen erwähnt worden.
Die Abbildung zeigt das Zusammentreffen von Religionen mit Kommunikationsbereichen über die Zeit hinweg. Abgebildet ist auch die Entwicklung im Vergleich zu den jeweiligen Vormonaten. Wichtig für die Einordnung ist, dass die Nennung einer Religion mit einem Kommunikationsbereich noch nichts über die Tonalität aussagt, also ob sie in einem positiven oder negativen Zusammenhang erwähnt wird. So kann beispielsweise Christentum-Politik sowohl positive als auch negative Inhalte abbilden.
Wer spricht eigentlich über Religion?
Ein weiterer wichtiger Baustein unserer Analyse ist die Akteurs-Perspektive. Denn Diskurse bestehen nicht nur aus Themen – sie werden von Menschen, Organisationen und Institutionen geführt. Deshalb schauen wir uns auch an, wer über Religion spricht, wie diese Akteur:innen eingebunden sind und welche Rollen sie im Diskurs spielen. In digitalen Öffentlichkeiten, die oft unübersichtlich zersplittert sind, wird genau das immer wichtiger: Wer wird gehört, wer bleibt unsichtbar – und wer bestimmt, was als «religiös legitim» gilt?
Mit dieser Kombination aus Inhalts- und Akteursanalyse wollen wir dazu beitragen, digitale Debatten über Religion besser zu verstehen und zu zeigen, wie religiöse Autorität, Deutung und Zugehörigkeit in digitalen Räumen heute verhandelt werden. Unsere Analysen zur Frage «Wer spricht über Religion?» sind jedoch durch Datenschutzregelungen eingeschränkt. Wir können nicht nachvollziehen, wer genau etwas sagt – also keine persönlichen Daten auswerten.
Wir können jedoch erkennen, ob auf bestimmte Rollen, Personen und Institutionen Bezug genommen wird: Also zum Beispiel, ob in einem Tweet über Journalist:innen, Zeitungen, Präsident:innen oder Kantonsräte geredet wird – oder ob ein bestimmtes Land genannt wird.

Abbildung 5 Verteilung von Akteuren in Tweets um Religionen im Jahr 2022 von Januar – März
Wer wird denn zum Thema Religion angesprochen? Hauptsächlich Journalistinnen und Journalisten, aber auch Politiker und Politikerinnen. Religiöse Akteur:innen sind hingegen kaum sichtbar auf X.
Ebenso sehen wir anhand der Daten, dass in den meisten Fällen internationale Journalist:innen oder Medientitel in Tweets erwähnt werden. Der deutschsprachige Diskurs auf X ist vor allem von Deutschland dominiert, und es wird oft Bezug auf Aussagen von deutschen Medienschaffenden oder Medienformaten genommen. Das bedeutet auch, dass sich mediale Diskurse auch auf Social Media wiederfinden oder Menschen gerne auf Medien Bezug nehmen, wenn sie Meinungen äussern.
Diese Beobachtungen zu erwähnten Akteur:innen auf Social Media zeigen uns, wer im Diskurs rund um Religionen bestimmend ist. Daraus können wir ableiten, ob es sich um ein Feld handelt, in dem nur ähnliche Akteur:innen in den Vordergrund treten oder ob die Akteur:innen divers sind.
Überraschend sind die häufigen Erwähnungen von Privatpersonen oder auch Politiker:innen (ebenfalls meistens deutsche Personen und Parteien). Aus solchen Informationen können wir zwei Folgerungen ableiten:
- Mit den Erwähnungen von Politiker:innen und Parteien sehen wir, dass Religion ein politisch relevantes Thema ist. Sei es, weil Personen sich zu Äusserungen von Politiker:innen stellen oder Anforderungen an die Politik in Bezug zu Religion stellen.
- Die häufige Nennung von Privatpersonen kann hingegen ein Hinweis darauf sein, dass spezifische Personen eine wichtige Rolle im Diskurs um Religion einnehmen. Social Media erlaubt allen Personen, sich zu einem Thema zu äussern und manchmal haben «Laien» auf Social Media ein grösseres Publikum als Personen in «offiziellen (Berufs-)Rollen».
Solche Daten zeigen uns aber auch, ob Social Media eher wie klassische Medien funktionieren oder ob sich dort eine ganz andere Art von Öffentlichkeit bildet.
Was wir (nun) verstehen
Der Religionsmonitor hat unterstrichen, dass Religion eben ein zentrales Thema ist – nicht nur in Kirchen, Moscheen oder Tempeln, sondern mitten in unserer digitalen Alltagswelt. Mit diesem Tool möchten wir dazu beitragen, diese Debatten besser zu verstehen: Welche Vorstellungen und Deutungen prägen den öffentlichen Diskurs? Wer hat das Wort – und wer bleibt aussen vor? Denn wie wir über Religion sprechen, sagt oft mehr über unsere Gesellschaft aus, als über Religion selbst.
Unsere Forschung hat natürlich Grenzen. So basieren unsere Social-Media-Daten bislang nur auf Tweets aus dem Jahr 2022. In der schnelllebigen Online-Welt wären Daten über längere Zeiträume und von Plattformen wie Instagram oder TikTok wichtig, um Entwicklungen besser zu verstehen.
Und was noch ansteht
Zudem überlegen wir, unser Suchkonzept zu erweitern – etwa durch zusätzliche Begriffe wie «Glaube», «Kirche», «Moschee» oder «Spiritualität». Auch internationale Vergleiche sind denkbar: Wie wird Religion in anderen Ländern verhandelt? Und was lässt sich daraus über kulturelle Unterschiede im Umgang mit Religion lernen? Langfristig könnte der Religionsthemenmonitor auch praktisch in der religiösen Bildung, im interreligiösen Dialog oder in der journalistischen Ausbildung genutzt werden. Denn nur wer versteht, wie Religion im digitalen Raum verhandelt wird, kann angemessen darüber berichten.
