Muris Begovic

Alter, Migration und mentale Gesundheit am Beispiel muslimischer Gemeinschaften             

Die Lebenswelten älterer Menschen mit Migrationshintergrund werden oft übersehen, dabei kämpfen besonders sie mit komplexen Herausforderungen. Dies kann der Verlust von Gemeinschaft und Bedeutung bis hin zur eigenen Identität sein. Was geschieht, wenn Einsamkeit, körperliche Einschränkungen und das Gefühl der Entwurzelung zusammenkommen? Muris Begovic, Imam und Seelsorger, erläutert die Bedeutung mentaler Gesundheit älterer Generationen in ihrer engen Verknüpfung zur Vielfalt muslimischer Lebenswelten.

Eine Frau sitzt in einem Pflegeheimzimmer. Früher war sie das Zentrum ihrer Familie. Sie war diejenige, die alles zusammenhielt, organisierte, unterstützte. Heute ist sie auf Hilfe angewiesen. Ihre Stimme ist laut geworden, ihre Reaktionen unberechenbar und niemand kann es ihr recht machen. Das Pflegepersonal hat es nicht leicht und sucht eine Erklärung in der Herkunft und der Kultur der Patientin. Auch das macht es nicht einfacher, denn selbst Familienangehörige können ihr Verhalten nicht verstehen. Ihre Art ist auch für sie oft verletzend. Doch hinter diesem Verhalten steht keine Bosheit, sondern etwas viel Grundlegenderes, wie es sich nach einem Besuch eines muslimischen Seelsorgers herausstellte. Es geht um den Verlust von Kontrolle, von Bedeutung, und letztendlich von sich selbst.

Solche Situationen sind kein Einzelfall. Sie stehen exemplarisch für eine Entwicklung, die in unserer Gesellschaft oft übersehen wird. Die ältere migrantische Bevölkerung wächst und mit ihr entstehen neue Herausforderungen. Im Kontext von Migration treffen unterschiedliche Werte, Generationen und Lebensrealitäten aufeinander, wodurch insbesondere im Alter Herausforderungen wie Einsamkeit, psychische Belastungen und Entwurzelung entstehen, denen nur durch ein tieferes Verständnis dieser Erfahrungen angemessen begegnet werden kann.

Wenn das Alter zur Herausforderung wird

Mit dem Älterwerden verändern sich Lebensumstände grundlegend. Beziehungen gehen verloren, körperliche Kräfte lassen nach und der Alltag wird stiller. Viele Menschen erleben diese Phase als Rückzug, der manchmal freiwillig oft jedoch durch äussere Umstände erzwungen ist.

Einsamkeit wird dabei zu einer der prägendsten Erfahrungen. Sie entsteht nicht nur durch das Alleinsein, sondern auch durch das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Hinzu kommt, dass einzelne Gedanken oder Erinnerungen stärker in den Vordergrund treten, während die Lebensumstände in den Hintergrund rücken. Damit verändert sich der Blick auf das eigene Leben grundlegend. Gleichzeitig treten Ängste stärker hervor: die Angst vor Abhängigkeit, vor Kontrollverlust oder davor, anderen zur Last zu fallen. Auch unverarbeitete Trauer kann im Alter wieder an Bedeutung gewinnen und das innere Erleben prägen.

Einsamkeit entsteht nicht nur durch das Alleinsein.

Besonders einschneidend ist der Verlust von Rollen. Wer über Jahrzehnte hinweg Verantwortung getragen hat, sei es in der Familie oder in der Gemeinschaft, muss plötzlich akzeptieren, selbst auf Unterstützung angewiesen zu sein. Diese Umkehr kann das Selbstverständnis tief erschüttern.

 Das Gefühl der Entwurzelung im Kontext von Migration

Für Menschen mit Migrationshintergrund verstärken sich diese Herausforderungen im Alter oft zusätzlich. Sprache wird zur Barriere, nicht nur im Alltag, sondern auch im Zugang zu Unterstützung und sozialen Kontakten. Menschen mit Migrationshintergrund haben sich nach der Arbeit mit Verwandten und Freunden getroffen und es war selbstverständlich, in der eigenen Sprache zu sprechen und die gleiche Kultur zu leben. Die vertraute Begegnung im sozialen Umfeld ist im Alter plötzlich nicht mehr gegeben, da nicht nur das Arbeitsumfeld fehlt, sondern in manchen Fällen auch plötzlich eine komplett neue Umgebung da ist durch eine allfällige Umsiedlung ins Altersheim.

Die sozialen Bindungen sind nicht die gleichen.

Mit der Zeit kann dies zu einem Rückzug führen, der weit über das Physische hinausgeht. Es entsteht ein Gefühl der Entwurzelung: Man weiss, woher man kommt, doch die Verbindung dazu wird schwächer. Die mentale Verbindung ist stark, aber die sozialen Bindungen, die man einst hatte, sind nicht die gleichen. Diese Entfernung spielt mit dem Älterwerden eine immer grössere Rolle, weil das Ankommen im neuen Umfeld nie vollständig abgeschlossen ist.

Hinzukommt, dass Erfahrungen von Ausgrenzung oder Diskriminierung aufgrund von Migrationshintergrund weiterwirken, unabhängig vom Alter. Sie prägen das Sicherheitsgefühl und beeinflussen, wie offen Menschen auf ihre Umgebung zugehen.

Die Vielfalt muslimischer Lebensrealitäten

Zunächst ist es wichtig, muslimische Gemeinschaften nicht als einheitlich zu betrachten. In Wirklichkeit handelt es sich um eine grosse Vielfalt an Lebensrealitäten, geprägt durch unterschiedliche Herkunftsländer, Sprachen, Traditionen und kulturelle Prägungen.

Diese Unterschiede zeigen sich entsprechend in der religiösen Praxis. Während der Kern des Glaubens verbindet, haben sich Ausdrucksformen über Jahrhunderte hinweg an lokale Gegebenheiten angepasst. Wenn diese verschiedenen Prägungen in einem neuen gesellschaftlichen Kontext aufeinandertreffen, entsteht eine Dynamik, die sowohl bereichernd als auch herausfordernd sein kann. So kommt es hier innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zu neuen Begegnungen und Lernprozessen. Menschen entdecken unterschiedliche Praktiken und beginnen, ihre eigene Perspektive zu hinterfragen oder neu einzuordnen.

Die Rolle der religiösen Vorstellungen im Alter

Religiöse Vorstellungen spielen im Umgang mit schwierigen Lebenssituationen eine wichtige Rolle. Belastungen werden häufig als Prüfung verstanden, die es zu bewältigen gilt. Diese Sichtweise kann Halt geben, gleichzeitig aber auch dazu führen, dass Probleme weniger offen angesprochen werden.

Bild: Iftar mit dem Muslimischen Verein, der Jüdischen Gemeinde Bern und NCBI im Haus der Religionen, mit verschiedensten Generationen. 15.3.2026. Foto: @Christoph Knoch

Im Alter kommt die Angst vor Bewertung stärker hinzu. Viele Menschen fragen sich, wie andere sie wahrnehmen, besonders dann, wenn sie nicht mehr dem Bild entsprechen, das sie früher von sich selbst hatten. Scham und das Bedürfnis, Würde zu bewahren, können dazu führen, dass Unterstützung nicht in Anspruch genommen wird. Auch die Familie bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Sie kann Halt geben und Sicherheit vermitteln, gleichzeitig aber auch ungewollt Druck erzeugen, etwa dann, wenn es schwerfällt, Hilfe anzunehmen oder Rollen neu zu definieren.

Familien unter Druck

Gerade hier wird deutlich, wie stark Familien selbst belastet sind. Sie «müssen» für ihre Angehörigen da sein, ihnen Halt geben und Verantwortung übernehmen. Aber gleichzeitig stehen sie vor enormen Anforderungen im eigenen Alltag. Beruf, eigene Familie und persönliche Verpflichtungen müssen weiterhin bewältigt werden. Wie kann man all dem gleichzeitig gerecht werden?

In diesem Spannungsfeld entsteht ein Dilemma: Die Entscheidung, einen Angehörigen in ein Altersheim zu geben, kann nach aussen wie eine einfache Lösung erscheinen. Die Versorgung ist gesichert, der Alltag entlastet und die eigenen Verpflichtungen können weiterhin erfüllt werden. Gleichzeitig wird dieser Schritt innerhalb der Gemeinschaft oft kritisch betrachtet, als würde man damit eigene Werte oder familiäre Verantwortung aufgeben.

Wie kann man all dem gleichzeitig gerecht werden?

Diese gegensätzlichen Perspektiven zeigen, wie komplex die Situation tatsächlich ist. Weder ist es eine einfache Lösung, jemanden in ein institutionelles Setting zu geben, noch ist es realistisch, dass Familien diese Last allein tragen können. Beide Seiten stehen unter Druck.

Zudem wird deutlich, dass mentale Gesundheit weit über das Individuum hinausgeht. Sie betrifft nicht nur die betroffene Person selbst, sondern auch ihr Umfeld, die Familie, ihre Gemeinschaft und die Gesellschaft. Familien tragen viel, oft mehr, als sie langfristig leisten können. In dieser Lage brauchen sie Unterstützung. Die Einordnung dieses Angewiesenseins ist aber das Entscheidende: Das Unterstützung-Brauchen ist keine Schwäche, sondern in dieser Situation eine notwendige Ergänzung.

Zwischen ursprünglicher Gemeinschaft und individualisierter Gesellschaft

Für viele Musliminnen und Muslime, die in die Schweiz migriert sind, entsteht in den westlichen, stark individualisierten Gesellschaften ein Spannungsfeld. Sie bringen ein eher gemeinschaftlich geprägtes Verständnis aus ihren Herkunftsländern mit. Sie teilten darin zentrale Lebensereignisse und organisierten das soziale Leben gemeinsam. Religiöse Autoritäten, wie etwa ein Imam, begleiteten die Menschen durch wichtige Lebensphasen: von Heirat über Trauer bis hin zu Festen. In diesen Kontexten war das Leben eng miteinander verbunden und soziale Beziehungen bildeten das Fundament des Alltags. Jetzt leben sie jedoch in einer Gesellschaft, in der das Individuum viel stärker im Mittelpunkt steht.

Oft war ein dauerhaftes Leben in einem neuen Land nicht geplant.

Viele versuchen, diese Welten miteinander zu verbinden. Aber es ist auch nachvollziehbar, dass Menschen gezielt Verbindungen zu Gleichgesinnten suchen. So entstehen Gemeinschaften entlang gemeinsamer Herkunft oder kultureller Prägung, etwa somalische, türkische, albanische, arabische oder bosnische Netzwerke. Diese bieten Orientierung, Halt und ein Gefühl von Zugehörigkeit. Besonders die erste Generation ist von dieser Dynamik betroffen. Viele kamen mit der Vorstellung, nur vorübergehend zu bleiben. Dass daraus ein dauerhaftes Leben in einem neuen Land wird, war oft nicht geplant.

Wenn Zugehörigkeit brüchig wird

Gemeinschaften leben von den Menschen, die sie tragen. Sie entstehen durch Beiträge, durch Zeit, durch Engagement, durch finanzielle Unterstützung und durch die alltägliche Präsenz ihrer Mitglieder. Über Jahre und Jahrzehnte hinweg investieren Menschen einen Teil ihres Lebens in diese Strukturen. Sie übernehmen Verantwortung, gestalten mit und geben der Gemeinschaft Stabilität. Doch was geschieht, wenn diese Möglichkeit wegfällt?

Mit dem Älterwerden verändert sich die eigene Rolle. Die Kräfte lassen nach, Engagement wird schwieriger und die aktive Teilnahme am Gemeinschaftsleben nimmt ab. Eine Person, die zuvor selbstverständlich gegeben hat, steht plötzlich an einem Punkt, an dem sie nicht mehr in derselben Weise beitragen kann. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Was bleibt dann von der Zugehörigkeit? Und was kann die Gemeinschaft zurückgeben?

Eine schmerzhafte Lücke

Hier zeigt sich eine strukturelle Grenze. Viele Gemeinschaften sind darauf ausgerichtet, durch die Beiträge ihrer Mitglieder zu funktionieren, nicht jedoch darauf, langfristig für Menschen zu sorgen, die nicht mehr aktiv teilnehmen können. Es fehlt oft an Ressourcen, an fachlichem Wissen und an institutionellen Strukturen, um diese Verantwortung zu tragen.

Gemeinschaften allein können diese Lücke nicht bewältigen.

In dieser Lücke kann ein schmerzhaftes Gefühl entstehen: das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Besonders für jüngere Generationen wird diese Erfahrung sichtbar, wenn sie beobachten, wie zum Beispiel ihre Eltern, die ihr Leben lang für die Gemeinschaft da waren, im Alter an den Rand geraten. Die Frage steht unausgesprochen im Raum: Wie kann es sein, dass jemand, der so viel gegeben hat, nun kaum noch gesehen wird? Gerade deshalb ist es wichtig, dieses Spannungsfeld offen anzusprechen. Gemeinschaften allein können diese Herausforderung nicht bewältigen.

Wenn Verständnis Brücken baut

Ein möglicher Weg, diese Lücken zu überbrücken, liegt in der Verbindung von professioneller Unterstützung und kulturellem sowie religiösem Verständnis. Muslimische Seelsorge kann hier eine wichtige Rolle spielen, weil sie beide Ebenen miteinander verbindet. Erst durch das Verständnis der Lebensgeschichte und die Einbindung vertrauter religiöser und kultureller Praxis kann eine Situation verändert werden, die zuvor als schwierig galt.

Entscheidend ist dabei nicht nur die religiöse Dimension, sondern auch die Zusammenarbeit mit dem Pflegepersonal. Nachhaltige Unterstützung entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt werden – nicht nebeneinander, sondern miteinander.

Ein gemeinsamer Auftrag – Verantwortung für eine ganzheitliche Perspektive

Im Kontext von Alter und Migration braucht es ein Umdenken hin zu ganzheitlichen und kultursensiblen Angeboten. Ein Mensch ist nie nur Patient oder Klient, sondern immer auch Teil seiner Geschichte, seiner Sprache, seiner Kultur und seiner religiösen Prägung. Wenn diese Dimensionen nicht einbezogen werden, bleiben Unterstützungssysteme unvollständig und greifen zu kurz. Es braucht differenzierte Ansätze, die den Menschen in seiner Ganzheit wahrnehmen und ernst nehmen. Denn mentale Gesundheit ist kein Nebenaspekt, sondern ein zentraler Bestandteil des menschlichen Lebens.

Gemeinschaften spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sind oft die erste Brücke, ein Ort von Zugehörigkeit und Vertrauen. Doch sie sind nicht dafür geschaffen, strukturelle Versorgungslücken allein zu tragen. Diese Verantwortung muss breiter getragen werden, durch Institutionen, Fachstellen und die Gesellschaft insgesamt. Denn am Ende geht es um mehr als Systeme und Strukturen. Es geht um Menschen. Der religiöse «Auftrag» im Islam ist zentral, wenn es um den Umgang mit älteren Menschen geht. So heisst es im Koran:

«Dein Herr hat bestimmt, dass ihr nur Ihm dienen sollt und dass ihr zu den Eltern gütig sein sollt, wenn sie das hohe Alter bei dir erreichen. Sag nicht ‚Pfui‘ zu ihnen und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen ehrerbietige Worte.»
(Sure 17:23)

Diese Worte machen deutlich, wie gross die Verantwortung gegenüber älteren Menschen ist. Aber diese Last kann und darf nicht in den familiären Kontext geschoben werden, sondern gilt als gesellschaftlicher Auftrag.


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Autor:in

  • Muris Begovic

    Muris Begovic, Imam und Seelsorger ||| Derzeit ist Muris Begovic Geschäftsleiter der Vereine «Qualitätssicherung der muslimischen Seelsorge Zürich» (QuaMS) und der Vereinigung der Islamischen Organisationen Zürich (VIOZ). Er ist 1980 in Bosnien geboren, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Sein Vater arbeitete als Saisonnier in der Schweiz und 1991 kam Muris Begovic im Rahmen eines Familiennachzugs nach Wattwil (SG). Mit 16 Jahren zog es ihn in die alte Heimat. Er absolvierte in Sarajevo an der Gazi Hasrev-beg Medresa eine Imam-Ausbildung. Danach kehrte er in die Schweiz zurück und absolvierte an der Uni Bern ein Studium in Islamwissenschaften und interreligiösen Studien. An der Universität Krems an der Dona (A) schloss er einen Masterstudiengang «Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen» ab. Bis 2016 war er als Imam in der bosnischen Moschee in Schlieren (ZH) tätig. Muris Begovic ist in der Schweizer Armee der erste Armeeseelsorger mit einem muslimischen Hintergrund.

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