Ein Sonntagabend, ein Essen mit den Eltern – und eine Geschichte, die weit darüber hinausgeht. Eine Reportage über das Aufwachsen zwischen zwei Lebenswelten und den Weg, aus beiden Welten etwas Eigenes zu machen.
Die Strasse zieht sich grau und endlos vor uns her. Ich sitze auf dem Rücksitz, das Handy in der Hand, und fotografiere den Moment: vorne meine Eltern, ruhig im Gespräch, draussen vorbeiziehende Häuser. Es ist ein normaler Sonntagabend in der Schweiz, an dem ich mit meinen Eltern essen gehe. Ein unspektakulärer Augenblick.
Ich möchte einen Einblick in den Lebensweg meiner Eltern geben. Zwei Menschen, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind – und einen Migrationshintergrund haben. Ihre Wurzeln liegen in türkisch-muslimischen Familien. Zwischen Herkunft und Erwartungen haben sie ihren eigenen Weg gefunden.
Während das Auto weiterfährt und sich die Strasse vor uns immer wieder verbiegt, beginne ich zu verstehen, dass auch ihre Geschichte kein klar vorgezeichneter Weg ist, sondern eine Reise mit Abzweigungen, Entscheidungen und Veränderungen.

Bild: Ein unspektakulärer Augenblick. Foto: @Kerem Öztürk
Die erste Generation
Beide Grosseltern, sowohl mütterlicher als auch väterlicherseits, kamen in den 60er Jahren zum Arbeiten in die Schweiz und wollten höchstens zwei Jahre bleiben. Nun leben sie seit mehr als 60 Jahren in ihrer Wahlheimat. Mein Vater schmunzelt: «Sie sind manchmal mehr Schweizer als die Schweizer selbst. Der Abfall wird stets penibel genau sortiert, man hält sich an die Hausordnung, erscheint immer pünktlich und die Rechnungen werden umgehend bezahlt.»
Meine Grosseltern beschweren sich jedes Mal, wenn sie in der Türkei Ferien machen, gleichzeitig loben sie die Schweiz für ihre Sauberkeit, Struktur und Ordnung. Meine Eltern und ihre Geschwister sind in der Schweiz geboren, zur Schule gegangen, haben hier ihre Ausbildungen absolviert und stehen nun mitten im Leben.
Zwischen zwei Lebenswelten
Vor nun 32 Jahren lernten sich meine Eltern zufällig im Ausgang kennen. Meine Mutter erzählt lachend, dass sie meinen Vater anfangs für einen Italiener gehalten hat und es für beide Liebe auf den ersten Blick war. Schon damals habe sie das Gefühl gehabt, dass sie füreinander bestimmt seien.
Heute leben wir zu Hause in zwei Lebenswelten: einer schweizerischen und einer türkischen. Man kann sogar von einer Verschmelzung dieser beiden Welten sprechen, aus der eine ganz eigene Familienidentität entstanden ist. Meine Eltern sprechen zu Hause eine gemischte Sprache aus Schweizerdeutsch und Türkisch. Die Sprache wechseln sie fliessend innerhalb eines Satzes. Man hört zum Teil mehrere Minuten Schweizerdeutsch und plötzlich, mitten im Satz, einzelne türkische Wörter oder ganze Sätze.
Die Sprache wechseln sie fliessend innerhalb eines Satzes.
Im Alltag unterscheiden wir uns nicht von einer durchschnittlichen Schweizer Familie. Dennoch werden die türkischen Traditionen bei uns zu Hause stark gelebt. Zum Beispiel zieht man beim Betreten des Hauses die Schuhe aus; mit vollem Mund geht man nicht auf die Toilette, da sie als unrein gilt; am Tisch putzt man sich nicht die Nase, da dies als sehr unhöflich empfunden wird. Dafür geht man ins Badezimmer.
Die türkische Küche hat bei uns einen grossen Stellenwert, aber auch Spezialitäten aus anderen Ländern werden gerne gekocht. Aus der Schweizer Küche ist «Ghackets mit Hörnli» ein Muss! Das Essen wird bei uns zelebriert. Für meine Familie ist es wichtig, dass man zum Abendessen zusammen am Tisch sitzt, das Essen geniesst und sich über den Tag austauscht. Einmal im Jahr reisen wir in die Türkei, weil es meinen Eltern wichtig ist, dass ich die türkische Kultur hautnah erlebe.
Während wir langsam beim Restaurant ankommen, wird das Gespräch für einen kurzen Moment alltäglicher. Es geht darum, was wir bestellen könnten, ob heute wohl viel los ist und wer die Rechnung übernimmt. Ich schmunzle, denn der Alltag geht weiter.

Bild: Ich schaue meinen Eltern nach, wie sie die Tür zum Restaurant öffnen. Foto: @Kerem Öztürk
Ich steige aus dem Auto, atme kurz die frische Luft ein und schaue meinen Eltern nach, wie sie die Tür zum Restaurant öffnen. Für viele sind sie wahrscheinlich einfach ein normales Paar in der Schweiz. Und genau das sind sie auch.
Eine Überlebensstrategie
Doch für meine Eltern war es in ihrer Kindheit nicht immer einfach, zwischen zwei unterschiedlichen Lebensweisen zu wechseln. Zu Hause lebten sie ausschliesslich die türkische Kultur. Draussen erwartete sie jeden Tag eine andere Lebensrealität, an die sie sich anpassen und die sie erst erlernen mussten.
Meine Mutter erklärt, während wir im Restaurant auf unser Essen warten, dass ihre Eltern alles getan haben, damit sie sich und die Familie integrieren konnten. «Jedoch war es ihnen auch wichtig, dass wir die türkische Kultur nicht vergessen». Mein Vater stimmt zu. So verlief ihre Integration anders als die ihrer Eltern. Meine Mutter ergänzt, dass sie mit der Zeit ausserhalb ihrer vier Wände ein schweizerisches Leben mit allen Gepflogenheiten nachahmten. Zu Hause wechselten sie zurück in den türkischen Alltag. Sie erinnert sich daran, dass sich das für sie wie eine Art Überlebensstrategie anfühlte.
Genau diese Mischung macht uns heute einzigartig und vielseitig.
Doch mit der Zeit verschmolzen beide Lebenswelten. Was sich am Anfang fremd anfühlte, fast so, als hätte man sich mit fremden Federn geschmückt, wurde mit der Zeit zu etwas, das sie sicher beherrschte. Sie begann, die Vielfalt zu geniessen, und erkannte, dass sie sich so ihre eigene, persönliche Identität geschaffen hatte, die es ihr erlaubte, sich flexibel zwischen beiden Welten zu bewegen. «Und genau diese Mischung macht uns heute einzigartig und vielseitig.»
Auch mein Vater sieht darin eine Stärke und betont, dass viele Migrantenkinder aus den 70er-Jahren dadurch besonders empathisch und tolerant geworden seien. Sie hätten bis heute feine Antennen für ihr Umfeld und würden sofort spüren, wenn sich etwas verändere. «Mobbing war damals Alltag, wenn man sich nicht einordnen konnte, sagt er ruhig. «Deshalb war es wichtig, die neue Kultur so schnell wie möglich anzunehmen. Hauptsache, man fiel nicht mehr auf.»
Während wir unser Essen geniessen, herrscht eine ruhige Atmosphäre. Ich merke, wie sehr sich ihre Kindheit von meiner unterscheidet. Dieser Gedanke macht mich nachdenklich.
Nach dem Essen gönnen sich meine Eltern noch einen Kaffee. Während sie trinken, frage ich sie, wie sie in der Vergangenheit die Religion erlebt haben.

Bild: Nach dem Essen gönnen sich meine Eltern noch einen Kaffee. Foto: @Kerem Öztürk
Religiöse Praxis wurde nicht beachtet
Beide reagieren fast gleichzeitig und erzählen, dass sie heute positiv überrascht seien, wie stark sich die muslimische Gemeinschaft für ihre Rechte einsetzt. Etwas, das in den 60er- und 70er-Jahren noch kaum der Fall gewesen sei. Zu dieser Zeit waren türkische Migranten eine der wenigen muslimischen Gruppen in der Schweiz und damit eine Minderheit. Meine Mutter erinnert sich, dass es niemanden interessierte, ob muslimische Kinder an religiösen Festen freibekamen – wie es heute üblich ist. «Wir gingen ganz normal in die Schule, das Fest feierten wir danach.»
Auch die verschiedenen Weltreligionen waren damals kaum ein Thema in der Schule. Es gab keine kulturellen Begegnungen und man ging davon aus, dass Migranten genauso lebten wie der Rest der Schweizer Bevölkerung. Mein Vater ergänzt, dass dies nicht aus böser Absicht geschah, sondern aufgrund fehlenden Bewusstseins. Zudem sei man lange davon ausgegangen, dass viele Migranten wieder in ihre Heimat zurückkehren würden, weshalb man keinen Anlass sah, in dieser Hinsicht etwas zu unternehmen.
Meine Mutter denkt, es habe ihnen in jener Zeit sehr geholfen, dass sie beide in einer säkular geprägten Familie aufgewachsen sind. Dadurch sei ihnen die Integration in mancher Hinsicht leichter gefallen. Säkular geprägt bedeutet hier, dass Religion zwar ein Teil der Familie war, im Alltag aber keine zentrale Rolle spielte und das Leben nicht stark bestimmte – ausser bei religiösen Festen wie dem Zucker- und Opferfest.
Religion im Alltag
Meine Eltern erinnern sich, wie Tage zuvor im Haus die Vorbereitungen begannen. Sie kochten, backten und führten eine grosse Putzaktion durch. Meine Grossmutter mütterlicherseits sagte immer, man solle die Tage vor dem Fest für die Reinigung nutzen, dann komme auch das Fest mit Freude. Ansonsten spürten sie die Religion im Alltag kaum. In der Familie wurde nicht gebetet, gefastet oder aus dem Koran gelesen. Sie gehörten keiner muslimischen Gemeinschaft an. Damals trafen sich viele türkische Familien in schlichten Vereinen, oft versteckt in Hinterhöfen von Industriegebieten. Diese Räume vereinten alles: Treffpunkt für kulturelle Veranstaltungen, Gebetsraum und Ort für Korankurse der Kinder.
Sie spürten die Religion im Alltag kaum.
Doch Gott, oder wie wir auf Türkisch sagen, «Allah», war immer präsent. Meine Eltern haben dies auf ihre Weise weitergeführt. Zu Hause höre ich immer wieder, wie vor allem meine Mutter sagt: «Allah korusun» (Gott beschütze), «Mashallah» (Das Gute kommt von Gott und soll bewahrt bleiben) oder «Inshallah» (Hoffentlich, so Gott will).
Heute gehen meine Eltern lockerer mit ihrer Religion um, als sie es von ihren Eltern kennen. Wir feiern die beiden religiösen Feste meistens; es kann aber vorkommen, dass mal ein Fest übersprungen wird, wenn es unter der Woche liegt. Meine Mutter fügt lachend hinzu, dass wir für die grosse Putzaktion vor dem Fest keine Zeit hätten. Den Tisch schmücken wir jedoch wie früher bei meinen Grosseltern. Es gibt eine Spezialität aus der türkischen Küche, die aufwändig zuzubereiten ist. Wir teilen das Essen mit den engsten Familienmitgliedern – meinen Grosseltern, Onkel und Tante sowie ihren Familien. Ein Nachtisch wie Baklava wird heute gekauft und nicht mehr selbst gemacht. Die Kinder bekommen als Geschenk Süsses und Geld.
Der Glaube sei eine persönliche Angelegenheit.
Mein Vater erklärt, dass man den Glauben eigentlich praktizieren müsse, um sich die Feste gewissermassen zu «verdienen» – als eine Art Belohnung. Deshalb findet er es für sich selbst nicht richtig zu feiern. Meine Mutter stimmt dem zu, ergänzt jedoch, dass solche Gelegenheiten wichtig seien, um Werte weiterzugeben. Er fügt hinzu, dass es entscheidend sei, den Glauben so zu leben, wie man es für sich selbst für richtig hält. Der Glaube sei eine sehr persönliche Angelegenheit zwischen Gott und dem Menschen, und Gott sehe die Absichten – das sei das Wichtigste. «Es gibt kein Richtig oder Falsch im Glauben, jeder muss selbst wissen, was für ihn das Richtige ist.»
Man ist einfach beides
Ich frage meine Mutter, ob sie sich manchmal zwischen den Kulturen hin- und hergerissen fühlt. Sie überlegt kurz und sagt, dass sie sich früher häufiger so gefühlt habe, vor allem als junge Erwachsene. In der Vergangenheit habe sie ab und zu das Gefühl gehabt, zwischen Stühlen und Bänken zu sitzen und nicht mehr zu wissen, wer sie ist und wo sie wirklich hingehört.
Heute weiss sie, wer sie ist, und dass sie in der Schweiz zu Hause ist. Mein Vater nickt zustimmend und fügt hinzu, dass man mit der Zeit lernt, dass man nicht entweder das eine oder das andere sein muss. «Man ist einfach beides – oder manchmal auch etwas ganz Eigenes. Wir geniessen die Vorzüge beider Kulturen, picken uns die guten Seiten heraus und versuchen, das Beste daraus zu machen. Unsere türkische Abstammung ist immer präsent, manchmal mehr im Hintergrund, manchmal mehr im Vordergrund.»
Das Gefühl, nicht dazuzugehören
Genau deshalb möchten sie im Alltag nicht wegen ihrer Herkunft oder Religion in eine Schublade gesteckt werden. Für meine Eltern ist es wichtig, dass man versucht, die Person und ihren Charakter kennenzulernen, statt sie vorschnell zu stigmatisieren – was ihrer Meinung nach im Alltag durchaus vorkommt.
Doch trotz dieser Haltung entsteht ab und zu ein Spannungsfeld – zwischen dem Wunsch, einfach als Teil der Gesellschaft wahrgenommen zu werden, und der Realität, dass Herkunft und Religion für manche Menschen immer noch eine Rolle spielen. Meine Eltern haben gelernt damit umzugehen, oft still, ohne grosses Aufheben. Nicht, dass sie sich nicht wehren könnten – im Gegenteil. Vor allem meine Mutter vertritt ihre Meinung sehr direkt. Dennoch haben beide mit der Zeit gemerkt, dass Schweigen oft die beste Reaktion ist, weil man so nicht auf das Gespräch einlässt und verhindert, dass daraus eine Diskussion entsteht.
Meine Eltern haben gelernt, damit umzugehen, oft still.
Mein Vater erklärt, dass die andere Person häufig subtil und provokativ vorgeht, Herkunft oder Religion bewusst betont und Aussagen macht, die sie für typisch hält – oft in einem negativen Zusammenhang. Meine Mutter findet es spannend und gleichzeitig erschreckend, wie manche Menschen einem das Gefühl geben, nicht dazu zu gehören oder anders zu sein als sie. «Es verletzt mich jedes Mal zutiefst. Genau solche oder ähnliche Situationen haben in meinen früheren Jahren dazu geführt, dass ich an meiner Persönlichkeit zweifelte. Man kommt irgendwann mit der Situation nicht mehr klar, dass man sein ganzes Leben hier verbracht hat und trotzdem das Gefühl hat, eigentlich nicht dazuzugehören.»
Mein Vater sagt, dass solche Situationen – Gott sei Dank – nur selten auftreten und es sich für sie nicht lohnt, weiter darüber nachzudenken. Er ergänzt, dass die Mehrheit der Gesellschaft offen und neugierig sei, ohne Vorurteile, und dass vor allem die vielen schönen und bereichernden Begegnungen im Gedächtnis bleiben und alles andere überwiegen.

Bild: Nachhause fahren. Foto: @Kerem Öztürk
Ihre Reise hat auch mich geprägt
Wärend wir zum Auto laufen, wird mir klar, wie sehr mich die Haltung meiner Eltern beeindruckt und wie stolz ich auf sie und auf meine Grosseltern bin. Für meine Grosseltern war das Leben in der Schweiz vor allem am Anfang von Unsicherheit und Anpassung geprägt. Für meine Eltern bedeutete es oft, zwischen zwei Welten zu balancieren. Heute wirkt diese Geschichte von zwei Generationen für mich ruhiger – als hätten sie ihren Platz gefunden.

Bild: zuhause angekommen. Foto: @Kerem Öztürk
Dieser Artikel ist im Rahmen des Ergänzungsfachs Religionswissenschaften am Literargymnasium Rämibühl entstanden. Im Unterricht ging die Klasse der Frage nach, was eine Religion überhaupt ausmacht, wie sich die Schweizer Religionslandschaft verändert und wie Medien das Bild von Religionen prägen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Rolle von Stereotypen und Vorurteilen. Passend dazu erhielten die Schüler:innen im Rahmen ihres Reportagenprojekts einen Crashkurs im Schreiben von Reportagen und im Fotografieren. Gemeinsam mit der Redaktion von religion.ch wurde diskutiert, welche Methoden es für eine kontextuelle Darstellung von Religionen gibt und weshalb religion.ch den Fokus auf die gelebte Religion legt. Zum Abschluss haben die Schüler:innen selbst eine Reportage verfasst und das Gelernte in die Praxis umgesetzt.
