Martin Baumann

Säkularisierung und religiöse Selbstermächtigung

Die Zahlen sind eindeutig: Die Mitgliedschaften in den Landeskirchen gehen kontinuierlich zurück. Doch daraus auf einen allgemeinen Bedeutungsverlust von Religion zu schliessen, greift zu kurz. Denn während die formale religiöse Zugehörigkeit abnimmt, verschwinden religiöse und spirituelle Vorstellungen und Praktiken keineswegs. Sie verändern und diversifizieren sich – und genau das gilt es nach Martin Baumann, Religionswissenschaftler der Universität Luzern, in den Blick zu nehmen.

Im Dezember 2025 hielten wir, Martin Baumann und Andreas Tunger-Zanetti, den abschliessenden Vortrag in der Ringvorlesung zum Thema «Ist Religion (noch) relevant?», zugleich die Abschiedsvorlesung angesichts der Pensionierung, an der Universität Luzern. Hier auf religion.ch möchten wir den Inhalt dieser Vorlesung der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen, denn wir halten die Fragestellung in der aktuellen Gesellschaft für äusserst relevant. In sechs Artikeln erklären wir nicht nur die Hintergründe dieser Frage, sondern versuchen auch dazu anzuleiten, informiert und vertieft über sie nachzudenken. In unserem ersten Artikel widmen wir uns den Schwierigkeiten dieser Frage und wichtigen Präzisierungen, die wir beim Nachdenken beachten sollten.

Denn rasch zeigt sich, dass diese Frage der Relevanz breit und damit nicht präzise genug gestellt ist. Die Relevanz von Religion in der Schweiz lässt sich nicht allgemein bestimmen: Sie unterscheidet sich je nach gesellschaftlichem Kontext und danach, welche Menschen, welche gesellschaftliche Ebene und auch welchen Bereich wir in den Blick nehmen. Daher behandeln wir in unseren Artikeln die Relevanz von Religion auf verschiedenen Ebenen: für einzelne Menschen, für Gemeinschaften und Organisationen sowie für die Gesellschaft als Ganzes.

Wichtig ist ebenso, was wir überhaupt unter Religion verstehen. Wie weit oder eng wird der Religionsbegriff gefasst? Welche Vorstellungen, Handlungen und Gemeinschaften fallen darunter und welche nicht? Diese Fragen gehören zu den Kernfragen der Religionswissenschaft. Entsprechend vielfältig und zahlreich sind die Vorschläge zur Definition von Religion.

Mit dieser Artikelreihe wollen wir ausserdem zeigen, welchen Beitrag religionswissenschaftliche und religionssoziologische Forschung zum Verständnis aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen leisten kann. Dabei werden wir auch verbreitete Annahmen, wie die Vorstellung, Religion verliere im Zuge der Säkularisierung grundsätzlich an Bedeutung, hinterfragen. Je nachdem, welche Ebene wir betrachten, ergibt sich ein deutlich differenzierteres Bild.

Bild: Einweihung des Gopuram (Tempelturm) beim Hindutempel Trimbach 2019. Foto: @Martin Baumann

Die Dimension religiöser Zugehörigkeit

Auf der Mikroebene, also bei der Religiosität einzelner Menschen, können vereinfacht drei Dimensionen unterschieden werden: religiöse Praxis, Vorstellungen und Zugehörigkeit. Diese schauen wir uns im Hinblick auf die Säkularisierungsthese als nächstes genauer an.

Bei der Zugehörigkeit geht es um die Mitgliedschaft in den evangelisch-reformierten Kirchen, der römisch-katholischen Kirche und weiteren Religionsgemeinschaften. Für die Schweiz ist der Befund eindeutig, wie Zahlen des Bundesamtes für Statistik (2025) zeigen: Die Zahl der Mitglieder der beiden grossen Kirchen geht seit drei Jahrzehnten kontinuierlich zurück, bei den Reformierten setzte diese Entwicklung schon früher ein. Gehörten 1970 noch 95% der Bevölkerung den staatlich anerkannten Kirchen an, waren es im Jahr 2023 noch 50%.

Einen leichten Zuwachs verzeichnen hingegen gewisse christliche Freikirchen sowie insbesondere christlich-orthodoxe Kirchen. Ihr Anteil stieg, vor allem aufgrund der Zuwanderung, von 2% im Jahr 1970 auf knapp 6% im Jahr 2023. Auch der Anteil der Personen, die sich einer islamischen Richtung zugehörig fühlen, stieg auf 6% an. Besonders stark gewachsen ist die Gruppe der Personen ohne Religionszugehörigkeit: Ihr Anteil stieg von 1% im Jahr 1970 geradezu dramatisch auf 35% im Jahr 2023. Die Entwicklungen dürften vielen soweit bekannt sein.

Auf der Grundlage der Entwicklungen zwischen 1990 und 2020 lassen sich vorsichtige Annahmen darüber treffen, wie sich die religiöse Zugehörigkeit weiterentwickeln könnte. Religionsforschende sollten zwar nicht als Propheten auftreten, die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte erlauben aber, mögliche künftige Entwicklungen abzuschätzen – unter der Annahme, dass sich bisherige Trends ähnlich fortsetzen.

Gemäss dieser vereinfachten Berechnung könnte der Anteil der Mitglieder der römisch-katholischen Kirche bis 2050 auf rund 22% und jener der evangelisch-reformierten Kirchen auf 4% sinken. Der Anteil der Mitglieder weiterer christlicher Gemeinschaften könnte auf rund 8% anwachsen, jener der Personen, die sich als Muslim:innen verstehen, auf etwa 9% erhöhen. Besonders stark würde damit vor allem der Anteil der Personen ohne Zugehörigkeit zu einer religiösen Organisation steigen: auf über 50%.

Bild: Grafische Darstellung der Entwicklung der Religionslandschaft in der Schweiz 1970 – 2020. Datenquelle: Erhebungen des Bundesamtes für Statistik 2025, von 1970 bis 2020. Berechnungen von 2030 bis 2050 und entsprechende Grafikergänzung durch @Martin Baumann

Die Berechnungen schreiben die Entwicklungen der drei Jahrzehnte zwischen 1990 und 2020 vereinfacht linear fort. Welche Auswirkungen künftige Ereignisse haben werden, lässt sich dabei nicht vorhersagen. Das gilt nicht nur für allfällige neue Zuwanderungsschübe, sondern auch für Änderungen der Rechtslage. Würden – als blosses Gedankenexperiment – morgen alle muslimischen oder Hindugemeinschaften in allen Kantonen öffentlich-rechtlich anerkannt und alle Muslim:innen und Hindus kirchensteuerpflichtig, so würde wahrscheinlich eine Austrittswelle die betreffenden Werte der Religionsstatistik in den Folgejahren massiv reduzieren und das Wachstum bei den Personen ohne formale Religionszugehörigkeit weiter verstärken. Insofern dürften die Annahmen in Bezug auf Muslim:innen zu hoch und in Bezug auf den Anteil ohne Religionszugehörigkeit vermutlich noch konservativ sein.

Der Befund ist über alle Religionen hinweg eindeutig: auf der individuellen Ebene verliert die Dimension der formalen religiösen Zugehörigkeit deutlich an Relevanz. Dieser Befund ist auch aus anderen westeuropäischen Staaten bekannt, wie nationale Zensuszahlen und Zahlen des Pew Research Center etwa zu Grossbritannien, Deutschland oder Polen ausweisen.

Die individuelle, formale religiöse Zugehörigkeit verliert an Relevanz.

Der eindeutige Befund verleitet nicht wenige Beobachter:innen dazu, generell auf einen Relevanzverlust von Religion in westlichen Gesellschaften zu schliessen. Dies ist jedoch vorschnell. Ein differenzierteres Bild ergibt sich, wenn wir neben der formalen Zugehörigkeit auch die religiöse Praxis und die Vorstellungen der Menschen betrachten.

Die Dimensionen religiöser Praxis und Anschauung

Religionssoziologische Studien wiesen schon in den 1960er Jahren auf neue Formen gelebter Religion hin, die neben die etablierten Formen organisierter Religion – also Kirchen und Glaubensgemeinschaften – treten. Und in der Tat lassen sich seit den 1970er Jahren in Folge der gesellschaftlichen Megatrends der Individualisierung und Privatisierung in vielen westeuropäischen Ländern, ebenso in Nordamerika und Australien, zahlreiche sinnstiftende Praktiken und Vorstellungen beobachten. Landläufig werden diese unter den Begriffen wie Esoterik und populäre Spiritualität zusammengefasst.

Dazu gehören beispielsweise aus Asien stammende oder davon beeinflusste Praktiken wie buddhistische Meditation, hinduistisches und säkulares Yoga, Reiki, Qigong oder Tai-Chi. Ebenso verbreitet sind Vorstellungen von heilenden Kristallen oder positiv wirkenden Kraftorten. Menschen, die sich als Medien verstehen, bieten Kontakte zu Geistern und Vorfahren an. Auf Esoterikmessen und als selbständig Tätige finden sich zahlreiche Heiler:innen, Medien, Schaman:innen und Seher:innen.

Wer praktiziert solche Formen von Esoterik und populärer Spiritualität und wie verbreitet sind sie? Exemplarisch für westeuropäische Länder geben erneut die Zahlen des Schweizer Bundesamtes für Statistik (2025) interessante Einblicke. Demnach verstehen sich mehr als 16% der Schweizer Bevölkerung oder rund 1,3 Millionen Personen als spirituell und weitere rund 20% zugleich als religiös und spirituell. Diese Anteile sind in den Jahren 2014 bis 2024 weitgehend konstant geblieben oder sogar leicht gewachsen, während der Anteil der Personen, die sich ausschliesslich religiös verstehen, deutlich zurückgegangen ist.

Meditation ist meist durch Stressabbau motiviert.

Als Teil der populären Spiritualität kann die Meditation und hier insbesondere die Achtsamkeitsmeditation betrachtet werden. Praktiken der Achtsamkeit reichen dabei von eindeutig buddhistischen Zen- und Vipassanā-Meditationsformen bis hin zu nicht-religiösen und weltanschaulich neutrale verstandenen Angeboten wie der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR).

Laut einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Yoga Vidya Lehrer:innen (Schramm 2024) ist der Anteil der Personen in Deutschland, die häufig meditieren, innerhalb von fünf Jahren von 2% im Jahr 2018 auf 16% im Jahr 2023 angestiegen. Der Anteil der gelegentlich Meditierenden ist sogar von 15% auf 40% gewachsen. Entsprechend ging der Anteil derjenigen, die noch nie meditiert haben, von 83% auf 45% zurück. Jüngere Personen meditieren dabei häufiger als Personen mittleren oder höheren Alters. Auch der Bildungsstand hat einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit zu meditieren.

Das Beispiel der Achtsamkeitsmeditation verdeutlicht zugleich, wie schwierig es ist, klare Grenzen zwischen religiösen, spirituellen und weltanschaulich neutralen Praktiken und Vorstellungen zu ziehen. Die Popularität der Meditation ist der Befragung zufolge weniger in geistig spirituellem Interesse begründet als vielmehr im Wunsch nach Stressabbau, einer Verbesserung des körperlichen Befindens und einer Steigerung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit. Viele Befragte geben an, sich dadurch wohler, ausgeglichener und entspannter zu fühlen. Meditation kann für viele demnach sinnstiftend sein und dabei helfen, private und berufliche Anforderungen zu bewältigen.

Spirituelle Wanderer und religiöse Selbstermächtigung

Zurück in die Schweiz: Aufschlussreich ist schliesslich, dass sich unter den Personen ohne formale Religionszugehörigkeit 22% als spirituell verstehen. Das Ende der Mitgliedschaft in einer der Landeskirchen bedeutet demnach nicht automatisch Religionslosigkeit. Vielmehr verweist es darauf, dass hier Personen im Zuge von Individualisierung und Privatisierung ihre Formen individueller Religiosität zunehmend selbstbestimmt praktizieren. Wichtig ist zudem, dass sich auch ein substanzieller Anteil der Mitglieder der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Kirchen als religiös und spirituell beziehungsweise als primär spirituell versteht.

Auf diese Verbindung von kirchlich gebundener Religiosität mit spirituellen Praktiken und Vorstellungen hatte bereits vor zwanzig Jahren die Studie «Der spiritueller Wanderer» von Winfried Gebhardt, Martin Engelbrecht und Christoph Bochinger hingewiesen. Die Autoren stellten auf der Grundlage empirischer Forschungen in Franken und Bayern eine religiöse Selbstermächtigung von Kirchenmitgliedern fest. Wie Gebhardt & Co festhielten: «Scheinbar wächst in den christlichen Kirchen eine neue, hochgradig ‹individualisierte› Generation von ‹Gläubigen› heran, die sich den dogmatischen Lehrsätzen und Machtansprüchen der Kirchenleitungen und der Theologie ‹stillschweigend› entzieht, um ihre eigenen religiösen und spirituellen Bedürfnisse auf je individuelle Art und – vor allem – in eigener Verantwortung zu befriedigen.» (2005: 136)

Demnach zeichnen sich diese Gläubigen nicht nur durch einen selbstbestimmten Umgang mit christlichen Traditionen und Lehren aus, sondern nutzen breit interessiert das vielfältige Angebot spiritueller Lehren und Techniken. Populäre spirituelle Praktiken und Vorstellungen einerseits und Kirchlichkeit andererseits schliessen sich also nicht aus.

Eine Diversifizierung religiöser Praktiken und Vorstellungen findet statt.

Die Befunde weisen auf einen Wandel und eine Diversifizierung religiöser Praktiken und Vorstellungen innerhalb kirchlicher Religiositätsformen sowie ausserhalb organisierter Religion hin. Die statistischen Daten zeigen, dass spirituelle Praktiken und Vorstellungen in der Schweiz keineswegs ein Randphänomen sind. Religionswissenschaftliche Studien wie jene von Gebhardt und seinen Mitautoren machen zudem sichtbar, wie sich christlich gebundene Religiosität verändert und welche Folgen die zunehmende Selbstermächtigung des religiösen Subjekts auch für die Kirchen selbst haben kann.

Insgesamt erscheint es angesichts der weiten Verbreitung spiritueller Vorstellungen und Praktiken und des Booms unterschiedlicher Achtsamkeitsmeditationen wichtig, ein Fragezeichen hinter Säkularisierungstheorien zu setzen, die vor allem auf das Individuum blicken. Neben der Theorie der Individualisierung könnte auch das sogenannte Marktmodell von Religion eine hilfreiche Perspektive bieten. Dieses Modell ist vor allem in religionssoziologischen Studien aus den USA verbreitet und fragt danach, wie unterschiedliche religiöse und spirituelle Angebote miteinander konkurrieren und von Menschen ausgewählt werden. Auch für Europa und die Schweiz könnte dies eine geeignete Analyseperspektive sein.

Was bedeutet dies nun für unsere Ausgangsfrage nach der Relevanz von Religion? Auf der Ebene der einzelnen Menschen ergibt sich kein einheitliches Bild. Die formale Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften verliert deutlich an Bedeutung. Religiöse und spirituelle Praktiken und Vorstellungen verschwinden damit jedoch nicht. Vielmehr verändern und diversifizieren sie sich. Wer aus einer Kirche austritt, ist nicht zwangsläufig religionslos, und wer einer Kirche angehört, orientiert sich nicht zwingend ausschliesslich an deren religiösen Angeboten.

Die Frage, ob Religion an Relevanz verliert, lässt sich deshalb bereits auf der individuellen Ebene nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Im nächsten Beitrag wechseln wir die Perspektive: Wir schauen nicht mehr auf einzelne Menschen, sondern auf organisierte Religion – auf Gemeinschaften, Vereine und religiöse Einrichtungen. Am Beispiel von Moscheen und buddhistischen Zentren fragen wir, wie sich ihre gesellschaftliche Bedeutung verändert.

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe, die auf die überarbeitete, gemeinsam gehaltene Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Martin Baumann und Dr. Andreas Tunger-Zanetti am 10. Dezember 2025 an der Universität Luzern zurückgeht. Die Vorlesung war Teil der öffentlichen Ringvorlesung «Ist Religion (noch) relevant?» im Herbstsemester 2025. In sechs Artikeln erklären Prof. Dr. Baumann und Dr. Tunger-Zanetti nicht nur die Hintergründe dieser Frage, sondern versuchen auch dazu anzuleiten, informiert und vertieft über sie nachzudenken. Die Vorträge stehen online zur Verfügung.


Weiterführende Literatur

Bundesamt für Statistik (2025). Religion und Spiritualität in der Schweiz. Ergebnisse der Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur 2024, Autorinnen Lisa Audergon und Fiona Müller, Neuchâtel: Bundesamt für Statistik.

Gebhardt, Winfried/Engelbrecht, Martin/Bochinger, Christoph (2005). Die Selbstermächtigung des religiösen Subjekts. Der «spirituelle Wanderer» als Idealtypus spätmoderner Religiosität. Zeitschrift für Religionswissenschaft, 13, 2, 133-152.

Schramm, Stefanie (2024). Meditationserfahrungen in Deutschland im Vergleich 2018 & 2023. Berufsverband der Yoga Vidya Lehrer*innen (BYV), Horn-Bad Meinberg. (17.11.2025)


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Autor:in

  • Martin Baumann

    Professor für Religionswissenschaft an der Universität Luzern ||| Martin Baumann war bis Jahresbeginn 2026 ordentlicher Professor für Religionswissenschaft an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern. Als Forschungsbeauftragter lehrt und forscht er zu den Themen Immigration, religiöse Gemeinschaften und gesellschaftliche Integration, Religionsvielfalt und hinduistische und buddhistische Traditionen im Westen.

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