Um zu praktizieren, versammeln sich Gläubige regelmässig in Kirchen, Tempeln und Moscheen. Doch auch die organisierte Religion verändert sich, und dies geschieht nicht etwa im Gleichschritt mit der individuellen Religiosität. Das zeigt ein Blick auf fünf Jahrzehnte Geschichte der Moscheen.
Nachdem der erste Beitrag der Serie die Ebene individueller Religion und ihre Dimensionen der Zugehörigkeit, Praxis und Anschauung beleuchtet hat, blicken dieser und der nächste Artikel auf die mittlere, die sogenannte Mesoebene. Hier geht es um Formen institutionalisierter und organisierter Religion: also Personengruppen rund um Kirchen, muslimische Gebetsräume, buddhistische Zentren oder Hindu-Tempel. Diese Stätten sind zugleich religiöse, soziale und repräsentative Orte, an denen sich Personen gleicher religiöser Zugehörigkeit treffen, religiöse Rituale durchführen, Gemeinschaft pflegen und bei Bedarf Unterstützung und Beratung erfahren.
Wie steht es um die Relevanz organisierter Religion in der heutigen Zeit – in der Schweiz und darüber hinaus? Exemplarisch zeigen wir dies anhand von islamischen Gebetsräumen und Moscheevereinen sowie buddhistischen Zentren und Klöstern auf. Wir argumentieren, dass Immigrations- und Individualisierungsprozesse zu einem zeitweiligen Boom von Neugründungen gemeinschaftlicher Orte führten, dies aber nicht mit einem umfassenden Religiöser-Werden der betreffenden Bevölkerung verwechselt werden darf.
Institutionalisierung: Boom von Neugründungen
In der Schweiz gibt es wie in anderen westeuropäischen Ländern eine grosse Anzahl islamischer Gebetsräume und Moscheevereine. Diese zeigen die breite innermuslimische Vielfalt, sowohl punkto Herkunftsland und -sprache als auch bezüglich des Selbstverständnisses und des Stellenwerts von Religion im Verhältnis zur ethnischen Seite der Identität auf.
Islamische Moscheevereine zeigen eine breite innermuslimische Vielfalt.
In den Moscheen findet eine Vielfalt von Aktivitäten statt – Moscheen sind weit mehr als nur Orte des Gebets. Hier wird – ähnlich wie in Pfarreizentren – religiöser und teils auch säkularer Lernstoff vermittelt, Sprachen, Kulturen und Kontakte gepflegt, Freizeit gestaltet, Jugendarbeit geleistet und vieles mehr. Mit einem Blick über zwei, drei Jahrzehnte zurück kann man für die Schweiz bei den Moscheen heute grob drei Phasen unterscheiden. Sie betreffen einerseits die innere Organisation, anderseits die örtliche Ausgestaltung.
Gründungen in Phasen
Die erste Phase reicht von der Gründung der ersten Gebetslokale in den 1960er-Jahren bis 1991: Es gab rund vierzig Moscheevereine, von Gastarbeitern getragen und stark landsmannschaftlich geprägt. Sie waren rudimentär organisiert und anfangs oft in Wohnhäusern oder Gewerbelokalen untergebracht.
Die zweite Phase beginnt 1992 mit der Ankunft der Flüchtlinge aus den Balkankriegen und dauert bis zu den 2010er-Jahren. Allein im Jahr 1992 werden mindestens 15 neue Moscheen gegründet. In den folgenden Jahren entstehen zahlreiche weitere. In anderen Fällen differenziert sich das Spektrum entlang ethnischer oder inhaltlicher Unterschiede weiter aus, indem sich von bestehenden Vereinen bestimmte Gruppen abspalten. Zudem entstehen spezifische Jugend-, Frauen- und Sportgruppen. Die Gebetslokale werden ausgebaut oder grössere und geeignetere Räume gesucht.

Seit den 2010er-Jahren beobachten wir die dritte, noch anhaltende Phase: Die schon länger etablierten Vereine festigen sich. Sie werden dank guter Mitgliederzahlen ökonomisch stabil, sie professionalisieren manche Aufgaben. Immer öfter nehmen in vielen Vorständen die jungen Männer und auch Frauen der zweiten Generation Einsitz, die in der Schweiz eine gute Ausbildung erworben haben. Zugleich differenziert sich das Spektrum weiterhin leicht aus, weil neuere Flüchtlingsgruppen wie die Somalis oder die afghanischen Schiiten nun ebenfalls eigene Vereine gründen, die organisatorisch und räumlich bei der ersten Phase beginnen. Weiterhin werden bestehende Gebetslokale aus- oder umgebaut, aber es entstehen auch jedes Jahr ein bis zwei Moscheeneubauten, insbesondere durch die grossen albanischen Gemeinschaften, die viele Handwerker in ihren Reihen zählen.


Beispielhaft für die drei Phasen mag das Beispiel aus Luzern stehen: Das erste Gebetslokal richtete der türkische Verein 1976 im Vorort Reussbühl in einem Wohnhaus ein. 1991 machten sich die dort mitbetenden Bosniak:innen selbständig und gründeten ihre eigene Moschee, 1994 taten es ihnen die Albaner:innen gleich und gründeten die erste von heute drei albanischen Moscheen. 2022 schliesslich bezog der türkische Verein neue Räume in einem grossen Gewerbekomplex, wo er dieses Jahr sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte.

Interessierte können die Veränderungen im Erscheinungsbild von Religionsgemeinschaften auf den Internetseiten zweier Luzerner Dokumentationsprojekte verfolgen. Das Projekt «Religionsvielfalt im Kanton Luzern» dokumentiert alle Religionsgemeinschaften im Kanton Luzern, darunter auch die im Text erwähnten Moscheen im Raum Luzern. Das zweite Langzeitprojekt, «Kuppel – Tempel – Minarett», dokumentiert Neubauten zugewanderter Religionsgemeinschaften seit den 1950er-Jahren.
Die Entwicklung von Moscheevereinen
Anhand der Moscheevereine lässt sich gut ablesen, wie wenig die Tendenzen der Mikro-, Meso- und Makro-Ebene im Gleichschritt erfolgen. Beschränken wir uns auf die letzten rund zehn Jahre, so stellt man für das muslimische Feld in der Schweiz fest: Auf der Mikroebene wächst die Anzahl muslimischer Einzelpersonen nur noch um zwei bis drei Prozent pro Jahr, religiöse Vorstellungen und Praxis nehmen über das zurückliegende Jahrzehnt sogar leicht ab (Bundesamt für Statistik 2024).
Auf der Mesoebene ist die Anzahl der Moscheevereine stabil bei etwa 260, zeigt aber zugleich die oben beschriebene interne Dynamik. Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass in neu erbauten Moscheen die Frauen viel mehr vorkommen als früher. Sie erhalten jetzt eigene geeignete Räume, während sie zuvor manchmal auf die «Männerräume» beschränkt waren, die sie nur zu bestimmten Wochenzeiten nutzen durften. Die neuen räumlichen Möglichkeiten machen für Frauen die Teilnahme an Aktivitäten attraktiver (Stöckli 2020, S. 200-218; vgl. auch Rückamp 2021, S. 312-314).

Auf der Makroebene dauern einerseits transnational die jahrzehntealten Bindungen in die Herkunftsländer fort, etwa durch die Ausbildung und Entsendung von Imamen. Anderseits zeigt sich v.a. regional ein konstanter Wille zur Partnerschaft mit Behörden und zur Teilnahme an der Zivilgesellschaft: Dachverbände organisieren sich, bringen sich bei Runden Tischen oder im Dialog mit den Behörden ein, nehmen an Vernehmlassungen teil, betreuen Besuchergruppen und so weiter.
Relevanz: von stark Religiösen bis nie Praktizierenden
Die Frage nach der Relevanz von Religion lässt sich also am Beispiel der muslimischen Bevölkerung differenziert beantworten: Auf der Meso- wie auf der Makroebene sind es die laufenden Entwicklungen, die für ständig neue Konstellationen sorgen, in denen der Stellenwert von Religion von den Beteiligten neu verhandelt werden muss – ein gesellschaftlich relevanter Vorgang. Auf der individuellen Ebene finden sich ähnlich wie bei den anderen religiösen Traditionen unterschiedliche Frömmigkeitsprofile. Es gibt zum einen die religiös stark oder ziemlich Aktiven, dann einen grossen Teil von gelegentlich Praktizierenden/Teilnehmenden und schliesslich einen ansehnlichen Teil von kaum oder nie Praktizierenden.
Fast immer stiessen wir auf Menschen, die kritisch hinterfragten.
Zur Herausforderung wird dabei die religiöse Selbstfindung für Jugendliche und junge Erwachsene jeglicher religiöser Zugehörigkeit. Wie sich das Thema bei Jugendlichen mit vietnamesischen Wurzeln darstellt, hat unsere Luzerner Kollegin Rebekka Khaliefi (2022) erforscht. Speziell zu muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat dies das Luzerner Team Samuel Behloul, Jürgen Endres, Silvia Martens und Andreas Tunger-Zanetti getan. Die jungen Musliminnen und Muslime stehen nicht nur – wie Gleichaltrige anderer Religionszugehörigkeit – vor der Frage, wie weit sie in Sachen Religion den Einstellungen und der Praxis ihrer Eltern folgen möchten oder nicht. Ins Spiel kommen zahlreiche religiöse Anbieter:innen verschiedenster Färbungen, oft solche, die behaupten den «reinen», «authentischen» Islam ohne kulturelle «Verfälschung» zu vermitteln.
Dabei suchen die Adoleszenten ihren Platz in einer Gesellschaft, in welcher «der Islam» weithin ein schlechtes Image hat, transportiert und verstärkt durch die Medien. Ebenfalls im Spiel sind die Schule und – oft vergessen – die peers, die gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen. Zwischen all diesen Akteur:innen und ihren Einflüssen müssen sie eine eigene Haltung entwickeln zur Frage: Welche Form von Islam passt zu mir?
Diese Haltungen können sehr verschieden ausfallen.
In unseren verschiedenen Untersuchungen mit zahlreichen Interviews haben wir gesehen: Diese Haltungen können sehr verschieden ausfallen, von Absonderung über stilles Studium religiöser Lehren bis hin zu aktiver gemeinsamer Herausforderung der Gesellschaft. Fast immer stiessen wir auf Menschen, die kritisch fragten und auch von Autoritätspersonen nicht einfach alles blind übernahmen. Sie erlangten durch die Auseinandersetzung mit ihrer Situation eine eigene Handlungsmacht. Diese Identitätsfindung steht in einem manchmal explosiven Verhältnis zur Logik der Medien, die an kontroversen Themen interessiert sind (hierzu eingehender im fünften Beitrag).
Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe, die auf die überarbeitete, gemeinsam gehaltene Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Martin Baumann und Dr. Andreas Tunger-Zanetti am 10. Dezember 2025 an der Universität Luzern zurückgeht. Die Vorlesung war Teil der öffentlichen Ringvorlesung «Ist Religion (noch) relevant?» im Herbstsemester 2025. In sechs Artikeln erklären Prof. Dr. Baumann und Dr. Tunger-Zanetti nicht nur die Hintergründe dieser Frage, sondern versuchen auch dazu anzuleiten, informiert und vertieft über sie nachzudenken. Die Vorträge stehen online zur Verfügung.
Weiterführende Literatur
Baumann, Martin/Endres, Jürgen/Martens, Silvia/Tunger-Zanetti, Andreas (2016). «Hallo, es geht um meine Religion!» Muslimische Jugendliche in der Schweiz auf der Suche nach ihrer Identität. Forschungsbericht. Luzern: Zentrum Religionsforschung.
Bundesamt für Statistik (2024). Anteil Personen, die in den letzten zwölf Monaten eine religiöse oder spirituelle Aktivität ausgeübt haben, 2014-2024, Neuchâtel: Bundesamt für Statistik.
Endres, Jürgen/Tunger-Zanetti, Andreas/ Behloul, Samuel/Baumann, Martin (2013). Jung, muslimisch, schweizerisch. Muslimische Jugendgruppen, islamische Lebensführung und Schweizer Gesellschaft. Forschungsbericht zum Projekt «Muslimische Jugendgruppen und Bildung von zivilgesellschaftlichem Sozialkapital in der Schweizer Gesellschaft». Luzern: Zentrum Religionsforschung.
Khaliefi, Rebekka (2022). «In erster Linie sind wir Buddhisten». Ethnisch-religiöse Grenzziehungen unter Jugendlichen mit vietnamesischen Wurzeln in der Schweiz und in Deutschland. Baden-Baden: Ergon.
Stöckli, Lucia (2020). Moschee-Neubauten. Institutionalisierung, Bedeutung und Sichtbarkeit in England und der Schweiz. Bielefeld: Transcript.
Rückamp, Veronika (2021). Alltag in der Moschee. Eine Feldforschung jenseits von Integrationsfragen. Bielefeld: Transcript.
Tunger-Zanetti, Andreas/Endres, Jürgen/Martens, Silvia/Wagner, Nicole (2019). Ramadan kommt immer so plötzlich. Islam, Schule und Gesellschaft. Ein Leitfaden mit Hinweisen und Ideen für die berufliche Praxis. Universität Luzern Zentrum Religionsforschung.
