Zoé Meier

Religion in der digitalen Welt

Immer mehr Aspekte des täglichen Lebens verlagern sich in die digitale Welt, einschliesslich religiöser Praktiken. Das Netzkloster bietet seit 2021 geführte Online-Meditationen an, die es ermöglichen, von zu Hause aus an christlicher Mystik teilzuhaben. Trotz fehlender physischer Präsenz fühlen sich die Mitglieder verbunden.

Mit der fortschreitenden Digitalisierung und den daraus entstehenden technischen Möglichkeiten verlagert sich ein immer grösserer Teil des täglichen Lebens in die digitale Welt – sowohl beruflich als auch privat. Vom Home-Office über Sport-Livestreams bis hin zum Austausch mit Freunden über Nachrichtendienste und soziale Medien findet vieles zunehmend online statt.

Diese Entwicklung macht auch vor religiösen Institutionen keinen Halt. Zunehmend werden von Religionsgemeinschaften auch Onlineangebote geschaffen. Ob Live-Streams von Gottesdiensten, Onlinedienste für Gebetswünsche, digitale Friedhöfe, «Sinnfluencer» oder online Meditationsangebote – die Möglichkeiten scheinen grenzenlos. 

Das Netzkloster als reines Online-Angebot

Gemeinsam meditieren, ganz gemütlich aus dem eigenen Wohnzimmer heraus – das Netzkloster macht dies seit 2021 durch seine geführten online-Meditationen möglich. Laut dem aktuellen Leiter des Netzklosters, Simon Weinreich, war dies eine Reaktion auf die Corona-Pandemie. Nach wie vor stösst das Angebot bei den Teilnehmenden auf Anklang – auch wenn die physische Distanz durch das Abklingen der Pandemie kein Muss mehr wäre. 

Bild 1: Migi Schatzmann und sein Laptop, der ihn bei den Online-Meditationen über Zoom mit den anderen Mitgliedern verbindet.

Mehrmals am Tag bietet das Netzkloster Meditationen über Zoom an, bei denen sich die Personen mit Jahresabo beliebig und unverbindlich zuschalten können, um für 20 bis 40 Minuten zusammen zu schweigen. Mit einigen Worten zur christlichen Mystik oder einem Bibelvers werden die Meditationen eingeleitet und abgeschlossen – ansonsten herrscht Stille. Neben den Meditationen werden jährlich Kurse angeboten, um das Meditieren zu erlernen – ebenfalls ausschliesslich online.

Bild 2: Simon Weinreich, Leiter des Netzklosters

Das «Tor zur Netzkloster-Community», wie es Simon Weinreich beschrieben hat, bildet die Netzkloster-App. Die Mitglieder des Netzklosters können über die App Termine einsehen, miteinander chatten oder Hör- und Leseempfehlungen abgeben. Ein Kloster im eigentlichen Sinne seien sie natürlich nicht, sagt Simon Weinreich. Sie orientieren sich allerdings an den Tagzeitengebeten der Klöster und setzen sich ebenso mit der christlichen Mystik auseinander. Ausserdem betonen sowohl Simon Weinreich als auch die Mitglieder Migi Schatzmann und Detlef Sturm, dass sich die Mitglieder des Netzklosters – auch wenn nur online in Kontakt – gemeinschaftlich sehr verbunden fühlen.

Chancen und Herausforderungen religiöser online-Angebote

Im Gespräch mit zwei Mitgliedern des Netzklosters, Migi Schatzmann und Detlef Sturm, – der bei unserem Gespräch passenderweise per Zoom zugeschalten ist – spürt man die Begeisterung für das Netzkloster. Das Angebot sei zugänglich, alltagstauglich und verbinde mit Gleichgesinnten. Simon Weinreich betont ebenfalls zahlreiche Vorteile des online-Formats. Egal ob von zu Hause, aus dem Büro, in den Ferien oder krank im Bett – alle, die dabei sein wollen, haben die Möglichkeit. 

Bild 3: Die Netzklosterwebseite dient als Portal zu einem religiösen Angebot, welches ausschliesslich online stattfindet – wie immer mehr Aktivitäten im alltäglichen Leben

Die einzige Einschränkung sei aktuell die deutsche Sprache – wobei die Überlegung besteht, das Angebot in anderen Sprachen anzubieten. Eingestehen tun sich aber alle: Den physischen Austausch kann das online-Kloster nicht vollkommen ersetzen. Mehr offline Angebote werden aber nicht geschaffen, da für Simon Weinreich klar ist, dass nur durch ausschliesslich online stattfindende Angebot das Netzkloster in allen Facetten und ohne Einschränkungen für alle zugänglich bleibt – und das macht das Netzkloster als online-Angebot aus. 

Diese Reportage entstand im Rahmen des Seminars «Schreiben und Sprechen über Religion» der Theologischen und Religionswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich unter der Leitung von Marie-Therese Mäder in Zusammenarbeit mit «religion.ch». Im Artikel von Marie-Therese Mäder zur Mediatisierung von Religion können einige Hintergrundinformationen aus dem Seminar nachgelesen werden.


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Autor:in

  • Zoé Meier

    Masterstudentin im Fach Religion, Wirtschaft und Politik ||| Zoé Meier ist Masterstudentin im Fach Religion, Wirtschaft und Politik. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit hat sie sich mit Todesvorstellungen von nicht-religiösen Personen auseinandergesetzt. Ihre Interessen liegen einerseits bei religiösen Gegenwartskulturen und andererseits beim Umgang des Staates mit Religionen.

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