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Franziska Escher

Katharina von Zimmern: Erinnerung an Frauen in der Reformationszeit 

Katharina von Zimmern, die letzte Äbtissin des Fraumünsters in Zürich, hat vorgemacht, wie in Krisenzeiten der gesellschaftliche Frieden gewahrt werden kann. Ihre Weitsicht während der Reformationszeit ist ein Beispiel dafür, wie Frauen entscheidende Rollen in der Geschichte spielten. Franziska Escher beleuchtet mit ihrer Reportage ihre Bedeutung und zeigt, wie heute Erinnerungskultur dazu beitragen kann, die Rolle von Frauen in der Reformationszeit sichtbar zu machen.

In einem Seminar über die Zürcher Disputationen von 1523 an der Universität Zürich stiess ich auf Katharina von Zimmern. Sie war die letzte Äbtissin des Fraumünsters in Zürich und ihre Geschichte klang spannend: Im Jahr 1524 übergab sie freiwillig ihre Abtei an die Stadt Zürich, um eine gewaltsame Auseinandersetzung zu verhindern. Sie handelte aus Verantwortungsbewusstsein und mit einem Blick auf das Wohl der Gemeinschaft, indem sie freiwillig auf ihre Position verzichtete. Ihre Entscheidung zeugt von politischem Geschick und einem Sinn für Frieden.  

Erinnerungskultur

Rituale und Gedenkveranstaltungen sind wesentliche Bestandteile von Erinnerungskultur und dienen dazu, bedeutende Ereignisse und Personen im kollektiven Gedächtnis einer Gemeinschaft zu verankern. Diese Praktiken tragen zur Identitätsbildung bei, indem sie eine gemeinsame Geschichte und Kontinuität vermitteln. Gleichzeitig wird durch das Erinnern an moralische und ethische Vorbilder eine Orientierung für das eigene Handeln gegeben.

Am Denkmal für Katharina von Zimmern legt die Gesellschaft zu Fraumünster jedes Jahr Rosen nieder. Die Frauen tragen dabei ihre traditionellen Gewänder.

Erinnerungskultur kann auch als Mittel der Machtausübung und Kontrolle dienen, indem bestimmte Narrative betont und andere marginalisiert werden. Dies zeigt sich in der offiziellen Geschichtsschreibung, die oft von dominanten Gruppen innerhalb einer Gemeinschaft oder Gesellschaft beeinflusst wird. Dass nun die Erinnerungskultur angepasst wird und auch Frauen erinnert werden, bedeutet, dass Macht und Kontrolle über die Geschichten, die wir uns über die Vergangenheit erzählen, gesellschaftlich umverteilt werden. Erinnerungskulturen sind dynamisch und passen sich neuen Erkenntnissen und gesellschaftlichen Dynamiken an.

Erinnerung an Frauen in der Reformationszeit

In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für die Rolle der Frauen in der Reformationszeit deutlich gewachsen. Lange Zeit dominierten Männer die Geschichtsschreibung, wodurch die Beiträge von Frauen oft übersehen oder unterschätzt wurden. Doch eine wachsende Erinnerungskultur hebt nun die Leistungen von Frauen hervor, die aktiv die Welt und die Reformation mitgestaltet haben. Die historische Forschung und das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein erkennen zunehmend an, dass Frauen nicht nur Zuschauerinnen, sondern aktive Gestalterinnen der Geschichte waren. Diese Erkenntnis führt zu einer notwendigen Überarbeitung der Geschichtsschreibung.

Irene Gysel (links) und ich am Ende unseres Interviews.

Katharina von Zimmern wurde durch den Verein Katharina von Zimmern in Erinnerung gerufen. Der Verein wurde gegründet, um der letzten Äbtissin des Fraumünsters in Zürich einen würdigen Erinnerungsort zu schaffen. 1988 setzte der Kirchenrat der Zürcher Landeskirche eine Arbeitsgruppe ein, die sich dem Ziel widmete, eine bedeutende Zürcherin aus der Vergessenheit zu holen und ihre Leistungen sichtbar zu machen. Die Wahl fiel auf Katharina von Zimmern, und trotz begrenzter Quellenlage wurde eine umfassende Monografie von Irene Gysel und Barbara Helbling erstellt und 1999 veröffentlicht. 

Die Erinnerungskultur rund um Katharina von Zimmern wurde dann auch von weiteren Vereinen und der Stadt aufgenommen. Mehrere Vereine planen 2024 ein Jubiläumsjahr zu Ehren von Katharina von Zimmern

Rosenniederlegung: Erinnerungskultur am Sechseläuten

Die erste Veranstaltung, an der ich im Rahmen dieser Reportage teilnahm, war die Veranstaltung der Gesellschaft zum Fraumünster, die am Sechseläuten stattfand. Dort wurden fünf Zürcher Frauen aus fünf Jahrhunderten im Fraumünster geehrt. Ein grosses Banner mit Katharinas Namen schmückte dafür den Gottesdienstraum im Fraumünster. 

Im Anschluss daran fand die jährliche Rosenniederlegung im Kreuzgang des Fraumünsters statt. Jede Frau aus der Gesellschaft zu Fraumünster legte dafür eine Rose auf das Denkmal für Katharina von Zimmern, den vom Verein geschaffenen Erinnerungsort.

Banner mit Katharina von Zimmern anlässlich der fünf Frauenehrungen am Sechseläuten 2024 im Zürcher Fraumünster.

2001 organisierte der Verein Katharina von Zimmern einen Künstlerwettbewerb, der in der Wasserkirche präsentiert wurde. Die Blockskulptur der Künstlerin Anna Maria Bauer wurde schliesslich ausgewählt. Diese Skulptur, die auf dem ehemaligen Friedhof der Abtei steht, erinnert in ihrer zeitlosen Form sowohl an einen Sarkophag als auch an einen Altar und Abendmahlstisch.

Frauen machen Frauen sichtbar

Mein nächster Termin war das Interview mit Irene Gysel, einer engagierten Historikerin und ehemaligen Kirchenrätin der Zürcher Landeskirche. Irene Gysel hat mit ihrer Arbeit wesentlich dazu beigetragen, das Leben und Wirken von Katharina von Zimmern ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Sie war als Redaktorin der Sternstunde Religion beim SRF bis ins Jahr 2013 tätig und war bis 2015 ebenfalls Kirchenrätin. Gysel war nicht nur Mitbegründerin der Ökumenischen Frauenbewegung Zürich, sondern auch massgeblich an der Erstellung der Monografie «Katharina von Zimmern – Zürichs letzte Äbtissin» beteiligt, die 1999 veröffentlicht wurde. Im Gespräch erzählte sie mir von ihrem Weg zu Katharina von Zimmern und der Entstehung des Vereins aus der Arbeit an der Monografie – und wie das Denkmal im Kreuzgang entstanden ist. 

Übergabe der Fraumünsterabtei: Das Originaldokument

Nach dem Interview besuchte ich das Stadtarchiv Zürich, um die Originaldokumente von der Übergabe anzuschauen. An dieser Stelle sei hervorzuheben, dass keine eigenen reformatorischen Schriften von Katharina von Zimmern existieren. Die Verzichtserklärung vom 30. November 1524 und die Übergabeurkunde vom 8. Dezember 1524 lassen lediglich Vermutungen über ihre Haltung zur Reformation zu.

In der Übergabeurkunde, die im Stadtarchiv aufbewahrt wird, begründet sie ihre Übergabe des Fraumünsters an die Stadt Zürich. Mit dieser Urkunde erklärt Katharina von Zimmern ihre freiwillige Übergabe des Fraumünsters mit all seinen Rechten und Gütern an die Stadt Zürich.

Wer nun Lust hat auf mehr: Der Verein Katharina von Zimmern und die Gesellschaft zu Fraumünster sowie viele weitere Akteur:innen bieten noch zahlreiche weitere Veranstaltungen im Jahr 2024 an: katharina2024.ch.

Diese Reportage entstand im Rahmen des Seminars «Schreiben und Sprechen über Religion» der Theologischen und Religionswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich unter der Leitung von Marie-Therese Mäder in Zusammenarbeit mit «religion.ch». Im Artikel von Marie-Therese Mäder zur Mediatisierung von Religion können einige Hintergrundinformationen aus dem Seminar nachgelesen werden.


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Autor:in

  • Franziska Escher

    Theologiestudentin an der Universität Zürich ||| Franziska Escher ist Theologiestudentin an der Universität Zürich. Sie interessiert sich für Feministische Theologie und vor allem für das Thema «Frauen in der Reformationszeit».

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