«Festivité» bei der Olympiaeröffnungsfeier 2024 löste starke Emotionen aus und wurde zum Paradebeispiel für die Mediatisierung von Religion. Oftmals verweisen die Medien publikumswirksam auf religiöse Geschichten. Alte Themen werden auf neue Art dargestellt, was beim Publikum auch mal kritische Reaktionen auslöst. Dieser Artikel beleuchtet, wie religiöse Symbole inszeniert, kontrovers diskutiert und interpretiert werden, und fragt, wie eine solche Debatte konstruktiv gestaltet werden kann.
Der Teil «Festivité» an der Olympiaeröffnungsfeier beginnt mit DJane Barbara Butch vor einem Mischpult mit einem Heiligenschein aus funkelnden Steinen und fünf Antennen. Sie formt ein Herz mit ihren Händen und gibt damit das Thema der folgenden beinahe 20 Minuten an. Ein Fest der Liebe wird inszeniert. Die Kamera zoomt von der Hauptfigur weg und bringt ihre Jünger:innen, die links und rechts von der Tafel aufgereiht sind, ins Bild. Es ist eine bunte Mischung aus Menschen in aufwändigen Kostümen, Frisuren und Make-up. Darunter sind einige Drags aus der französischen Version der Reality Show «Drag Race», ein Kind, ein Rapper, eine Frau mit weisser Haube, ein Torrero (Abb. 1). Mit männlichen und weiblichen Attributen wird lustvoll gespielt. Anschliessend tanzt die bunte Schar auf der Tafel und präsentiert ausgewählte Couture auf dem Laufsteg. Weitere Darsteller:innen ergänzen das Fest der Vielfalt.

Die Szenerie wird mit einem Schiff von Tänzer:innen erweitert, die auf einem Dancefloor in poppigen Kostümen zu mitreissenden Clubohrwürmern altbekannte und neue Tanzstile feiern. Im strömenden Regen und zu Discobeats bewegen sich die Tänzer:innen synchron und dynamisch. Die Stimmung ist überbordend und mitreissend als gäbe es kein Morgen.
Zum Schluss von «Festivité» versammelt sich die bunte Gästeschar wiederum an der Tafel und Dionysos (Phillippe Katerine) erscheint unter einer Speiseglocke als blaubemalter Ausserirdischer. Mit grünrotem Kranz auf dem Kopf, auf rosa Kissen gebettet, eingerahmt von farbigen Blumen, bedeckt sein Kostüm nur gerade das Nötigste (Abb. 2). Dionysos stimmt das melancholische Lied «Nu» an. Die Liedzeile «… plus de riche plus de pauvre quand on redevient tous nu …».[1] Stellt ironisch gleich mal alles wieder in Frage, was in den Minuten vorher mit viel Stoff und Schminke zelebriert wurde.

Blasphemie gegen das Letzte Abendmahl
Die Aufregung über die mit viel Aufwand und Phantasie kreierte Szenerie war in bestimmten Kreisen gross. Sogar der Vatikan äusserte sich mit wenig Begeisterung zur genannten Sequenz. US-amerikanische Bischöfe aber auch die französische Bischofskonferenz, die russisch-orthodoxe Kirche zusammen mit dem Aussenministerium in Moskau zeigten sich empört über die Referenz an Leonardo da Vincis «Letztes Abendmahl». Auch viele Christ:innen, vor allem aus dem evangelikalen Lager, fühlten sich durch die Darstellung angegriffen, die teilweise sogar als blasphemisch bezeichnet wurde.
Gerade im Netz und in den sozialen Medien vervielfachten sich die negativen Kommentare zu dieser queeren Parodie par excellence.
Gerade im Netz und in den sozialen Medien vervielfachten sich die negativen Kommentare zu dieser queeren Parodie par excellence. Das Olympische Komitee hat sich am Tag nach der Eröffnung höflich entschuldigt. Es sei nicht die Absicht gewesen, religiöse Menschen vor den Kopf zu stossen. Mittlerweile haben DJane Butch und der künstlerische Leiter des Eröffnungsspektakels, Thomas Jolly, Klagen wegen Hasskommentaren im Netz eingereicht.
Festmahl der Götter
Die zahlreichen und medial inszenierten Reaktionen auf diese Sequenz sind eindrücklich. Doch die Empörung war teilweise voreilig oder einfach uninformiert. Denn die Inszenierung war gemäss Jolly eine Referenz an das «Festmahl der Götter» (Abb. 3) von Jan van Bijlert (1598–1691) und nicht an «Das Letzte Abendmahl» (ca. 1494–1498) von Leonardo da Vinci (Abb. 4).

Van Bijlerts Gemälde (Abb. 3) zeigt ein Gelage der griechisch-römischen Götter an der Hochzeit von Thetis und Peleus. Im Vordergrund ist der Trauben essende Bacchus zu sehen, der ziemlich bildgenau in der Inszenierung auf der Seine vorkommt, nur dort ein wenig blauer. Was auffällt, ist der ikonografisch einer Jesusfigur gleichende Apollo, der in der Mitte des Tisches sitzt. Es wird davon ausgegangen, dass Jan van Bijlert das berühmte Bild von da Vinci kannte. In dem Sinne ist die Referenz an «Das letzte Abendmahl» und an das Christentum gerechtfertigt.

Religion in der Logik der Medien
Mittlerweile gibt es kaum eine Zeitung, online und offline, die nicht über diesen Vorfall und dessen Nachhall berichtet hat. Expert:innen erklären die kunst- und religionshistorischen Zusammenhänge, manche religiös Praktizierende fühlen sich angegriffen und äussern dies lautstark in ihren sozialen online-Netzwerken. Und schliesslich reiten religiöse Influencer:innen und Sinnfluencer:innen auf dieser Welle der Aufmerksamkeit mit.
Mit Mediatisierung ist unter anderem gemeint, dass Religion mittels Medien verbreitet wird und sich damit bis zu einem bestimmten Grad der «Logik der Medien» anpasst.
Das Ereignis zeigt beispielhaft, wie Religion im öffentlichen Raum der Medien rekonstruiert, verbreitet, rezipiert und interpretiert wird. Religion in dieser Form zu thematisieren, hier bezogen auf die griechisch-römische Mythologie und das Christentum, wird als Mediatisierung bezeichnet. Damit ist unter anderem gemeint, dass Religion mittels Medien verbreitet wird und sich damit bis zu einem bestimmten Grad der «Logik der Medien» anpasst.
Im konkreten Fall handelt es sich um eine Live-Performance, die in Fernsehstationen rund um den Erdball übertragen und von geschätzten zwei Milliarden Menschen am Fernsehen verfolgt wurde. Einzelne Highlights der Eröffnung, so auch das Fest der Götter, wird in den sozialen Medien wie YouTube, Instagramm, TikTok in den Tagen danach fleissig angeklickt, kommentiert und in den eigenen digitalen Netzwerken geteilt. Auf diese Weise konkurrenzieren die grossen religiösen Institutionen um die Deutungshoheit von Religion mit anderen medialen Akteur:innen.
Auswirkungen der Mediatisierung
Die Debatte rund um das Narrativ einer religiösen Feier, ob christlich oder griechisch-römisch, wird kontrovers, lebendig und in jedem Fall medial geführt. Die Medien, wie dieses Beispiel veranschaulicht, spielen dabei eine zentrale Rolle für die Präsenz von Religion im öffentlichen Raum. Ethische Fragen rund um dieses religiöses Narrativ werden in unterschiedlichen Plattformen heiss diskutiert. Die mediale Form definiert dabei die Art der Diskussion.
Auf YouTube wird sie spontaner, teilweise angriffiger bis zu bedrohend geführt, während in der online-Version einer Tageszeitung die Diskussion im Kommentarteil redaktionell kontrolliert wird. Beide Formen haben ihre Vor- und Nachteile. Drohungen und Anfeindungen von beteiligten Personen sind an beiden Orten fehl am Platz.
Das exkluisve Festmahl der Götter passt sich stilistisch an den aktuellen historischen Kontext an und wird zu einer inklusiven Party für Diversität.
Die olympische Inszenierung von Paris zeigt, wie sich das religiöse Motiv des Festmahls an den medialen Kontext anpasst und verändert. Denn die olympische Party von 2024 verweist nicht nur auf die Reality Show «Drag Race France» (France TV 2022) und die Modeschauen der Pariser Haute Couture. Sondern sie kombiniert in besonderer Weise den religiösen mit dem kunstgeschichtlichen Topos des göttlichen Festmahls. Die TV-Direktübertragung wechselt zwischen unterschiedlichen Schauplätzen ab, zoomt auf die Akteur:innen, kombiniert die Bilder mit wohlbekannter Dancefloormusik und die Moderation versucht, mit sinnvollen Worten das schnelle Geschehen zu kommentieren. Die Mediatisierung erschafft ein Palimpsest von Referenzen und Deutungshorizonten und beeinflusst damit auch die Wahrnehmung von Religion in der Öffentlichkeit. Denn das exklusive Festmahl der Götter passt sich stilistisch an den aktuellen historischen Kontext an und wird zu einer inklusiven Party für Diversität.
Ethische Fragestellungen
Das Ereignis führt vor, dass Religion in den Medien ein Thema ist, das bewegt, zum Denken anregt und im Idealfall zu einer konstruktiven Diskussion führt, wie mit Religion im öffentlichen Raum umgegangen werden soll. Denn es ist nicht nur politisch, sondern auch ethisch relevant, wie die Medien Religion darstellen und verbreiten. Im vorliegenden Beispiel spielen auch die sozialen Medien eine zentrale Rolle, wie ein religiöses Sujet rezipiert und kommentiert wird.
Die Meinungfreiheit der Medien ist eine unabdingbare demokratische Errungeschaft. Trotzdem sollen sich auch die medial geäusserten Stimmen ethischen Fragen stellen. Denn die Marginalisierung von Gruppen durch bestimmte Darstellungsformen zu verstärken oder religiöse Menschen als schräge Exot:innen darzustellen, trägt nicht wirklich zur demokratischen Meinungsbildung bei.
Die Meinungsfreiheit der Medien ist eine unabdingbare demokratische Errungenschaft, doch auch medial geäusserte Stimmen müssen sich ethischen Fragen stellen.
Doch davon kann beim an die griechische Antike angelehnten Festmahl mit ikonografischen Verweisen an «Das Letzte Abendmahl» nicht die Rede sein. Es lohnt sich auch daran zu erinnern, dass der Vierjahresintervall der Olympiade im antiken Griechenland nicht nur als Zeitrechnung verwendet wurde. Sondern sie galt per se als ein religiöses Fest zu Ehren der Götter und Göttinnen, um diese bei Laune zu halten.
Ausserdem verdeutlicht die Inszenierung auf der Seine, dass weiterhin ein grosser Aufklärungsbedarf in Bezug auf Religion besteht, da diese offenbar nicht nur Privatsache ist. Mehr allgemeines Wissen über Religion kann vielleicht verhindern, dass vorschnell verurteilt oder einseitig beurteilt wird. Im besten Fall erlaubt ein solches Wissen, dass Religion in den Medien kritisch dargestellt und ebenso vernünftig rezipiert wird.
Ausbildung für eine differenzierte mediale Darstellung von Religion
Ein von mir geleitetes Seminar an der theologischen und religionswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich (Frühling 2024) in Zusammenarbeit mit «religion.ch» hatte genau dies zum Ziel. Die Studierenden machten sich Gedanken darüber, zu welchem Thema und in welcher Form sie über Religion berichten möchten. Entstanden sind vier sehenswerte Kurzreportagen, Mediatisierungen von Religion, die respektvoll, informativ und oftmals in überraschender Weise Geschichten von Menschen erzählen, die im religiösen Umfeld in der Schweiz tätig sind. Die Reportagen werden in den nächsten Wochen auf «religion.ch» publiziert. Wir sind gespannt auf Ihre Kommentare!
[1] https://www.youtube.com/watch?v=N-Ro03zmgJs
