Konflikte sind überall, wo es Veränderungen gibt, und sie zwingen uns, neue Spielregeln auszuhandeln. Insbesondere wenn sie unsere nächsten Beziehungen und Familien betreffen, gehen sie an die Substanz. In einer globalisierten Gesellschaft steigt die Zahl potenzieller Konflikte aufgrund unterschiedlicher Weltanschauungen. Was wir unternehmen können, um ihnen nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein, sondern sie aktiv zu gestalten, erklären Consolata Peyron, Dozentin für Mediation und Gewaltfreie Kommunikation, und Dr. Karma Lobsang, Hochschuldozentin und Beraterin für Konfliktmanagement sowie selbst in einer interreligiösen Beziehung.
Sind Konflikte wirklich ein Problem? Medien und Gespräche vermitteln oft den Eindruck, dass Menschen sich ständig streiten … Das stimmt jedoch nicht: Sehr viele Menschen auf der ganzen Welt gehen mit Schwierigkeiten von morgens bis abends erfolgreich und friedlich um. Dies wird jedoch nicht wirklich gesehen und anerkannt, geschweige denn darüber berichtet.
Konflikte als Teil des Lebens
Das Hauptproblem bei Konflikten ist, dass wir oft nicht akzeptieren wollen: In jedem System gibt es Irritationen und Konflikte. Auseinandersetzungen zu haben, bedeutet nicht, dass jemand etwas Falsches gemacht hat. Konflikte sind ein Zeichen dafür, dass irgendetwas Aufmerksamkeit braucht oder dass etwas verändert werden soll – nicht, weil es schlecht ist, sondern weil sich die Zeiten oder die Zusammensetzung der dazugehörenden Personen geändert haben. Das Problem ist nicht, dass wir Konflikte erleben, sondern wie wir mit ihnen umgehen oder ob wir überhaupt mit ihnen umgehen. Dadurch können wir unbewusst zur Eskalation beitragen.
Bei Veränderungen die «Spielregeln» neu verhandeln
Selbstverständlich erleben alle Familien, seien es Kernfamilie, Regenbogenfamilie, Grossfamilie, Adoptivfamilie oder Patchworkfamilie oft Irritationen, weil das Leben jeder Familie von Veränderung geprägt ist. Jede neue Lebensphase (Heirat, Geburt von Kindern, Scheidung, Aufbau einer neuen Konstellation) verlangt eine Verhandlung über passende und neue «Spielregeln» innerhalb und mit der erweiterten Familie.
Der erste nötige Schritt ist einfach, wird aber dennoch oft vernachlässigt: Innehalten.
Der erste nötige Schritt ist einfach, wird aber dennoch oft vernachlässigt: Innehalten. Um eine Irritation nicht eskalieren zu lassen, ist es wichtig, kurz innezuhalten und sich zunächst selbst zu fragen, was die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse des Gegenübers sind. Zum Beispiel: «Möchte die neue Partnerin mit buddhistischem Hintergrund zur Weihnachtsmesse mitgehen? Oder wird erst später gemeinsam gefeiert?»
Jede Familie, unabhängig davon, ob sie es begrüsst oder nicht, muss sich immer wieder mit dem «Neuen» beschäftigen, weil in der Realität Veränderung die einzige Konstante ist. Das Neue kann der konfessionsfreie oder muslimische Schwiegersohn sein, der hinterfragt, ob den eigenen Kindern ab dem ersten Adventssonntag von den Grosseltern Weihnachtsgeschichten vorgelesen werden sollen. Es kann auch die neue Schwägerin sein, die fragt, ob die Lieblingsmärchen der Oma, die mittlerweile als rassistisch oder sexistisch geltende Begriffe enthalten, noch verschenkt werden sollen.
Verändern sich Gewohnheiten, können neue Konflikte auftauchen.
Verändern sich Gewohnheiten, können neue Konflikte auftauchen. So zum Beispiel, wenn Enkelkinder wünschen, dass an Ostern statt Lamm eine vegane Variante auf dem Tisch steht und sie sonst nicht zum Feiern kommen. Oder wenn ein Neffe in der Transition mit einem neuen Namen und Pronomen angesprochen werden möchte. Einfacher ist es zweifelsohne auf der ganzen Welt, wenn man zur Mehrheitsgesellschaft gehört, da dies praktisch betrachtet bedeutet, dass die eigenen Feiertage auch bei der Arbeit oder in der Schule frei sind.
Das Weitergeben von Traditionen ermöglicht, dass bestimmte Kenntnisse und Werte bewahrt werden können. Manche wünschen sich, dass Traditionen ohne Diskussionen weitergegeben werden. Dabei hat es über die Jahre in jeder Gemeinschaft Veränderungen gegeben.

Verbote und Kontaktabbruch sind nicht die einzigen Möglichkeiten
In den meisten Konstellationen kommen Menschen Tag für Tag gut mit ihren sozialen Kompetenzen wie Akzeptanz und Humor zurecht. Missverständnisse und Irritationen können so eigenständig geklärt werden. Was eine Situation dagegen oft eskalieren lässt, sind Vorstellungen, dass eine bestimmte Art zu denken und zu handeln wie beispielsweise die Art zu kochen, zu feiern oder zu singen, die einzig mögliche ist. Wenn diese Art nicht passt, wird schnell mit Verboten oder Kontaktabbruch reagiert, statt zu verhandeln und nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Der Dialog wird dadurch noch schwieriger. Es entsteht eine Spirale aus Gegenreaktionen und Widerstand, die uns Lichtjahre von gegenseitig respektvoller Kommunikation und praktikablen Lösungen entfernt.
Was eine Situation dagegen oft eskalieren lässt, sind Vorstellungen, dass eine bestimmte Art zu denken und zu handeln die einzig mögliche ist.
Insbesondere in interkulturellen oder interreligiösen Familien entstehen manchmal «sichtbare» Irritationen. Oft betreffen sie Themen, die in den Medien und der Gesellschaft heiss diskutiert oder für politische Zwecke missbraucht werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in jeder historischen Phase ähnliche Irritationen gegeben hat: Noch in den 1970er Jahren läuteten an manchen Orten im Tessin die Glocken der Dorfkirche nicht, wenn eine Ehe zwischen einer katholischen und einer evangelischen Person geschlossen wurde, da dies nicht als freudiges Ereignis galt. Im tibetisch-buddhistischen Kontext ist die Heirat traditionellerweise eine weltliche Angelegenheit. Jüngere Entwicklungen zeigen jedoch, dass vermehrt Geistliche zu Hochzeiten eingeladen werden, um das Brautpaar mit einem Segen und guten Wünschen zu beschenken. Diese neue Entwicklung kann sowohl befremdend als auch sinnstiftend wirken.
Aber warum sollten sich Menschen in einem Konflikt dafür entscheiden, zu stoppen und neue konstruktivere Wege zu suchen? Weil Konflikte hohe Kosten mit sich bringen: «For the sake of the kids, for the sake of the family», sagt der weltberühmte Verhandlungsexperte William Ury in einer sehenswerten TED-Conference. Und: «Hör auf zu streiten und fang an zu reden.»
Was tun, wenn Konflikte entstehen?
Hilfreich für alle Konflikte, so auch für interkulturelle oder interreligiöse, ist ein Paradigmenwechsel. Er hilft uns, bewusst von Eskalation zu Deeskalation zu gelangen. Dabei ist es nützlich, sich die Grundlagen der Mediation und der Gewaltfreien Kommunikation nach M. Rosenberg vor Augen zu führen: Alle Menschen haben überall die gleichen Grundbedürfnisse, aber sehr unterschiedliche Wege (sogenannte «Strategien»), sie zu befriedigen.
Alle Menschen haben überall die gleichen Grundbedürfnisse, aber sehr unterschiedliche Wege, sie zu befriedigen.
Zur Erholung, ein allgemeines Grundbedürfnis, gehen manche wandern, während andere sich mit Freund:innen in einer lauten Disco treffen. Manche ziehen es vor, zu beten oder zu meditieren, während für andere Entspannung eintritt, wenn sie acht Stunden am Stück mit der erweiterten Familie zusammen sind. Gerade bezüglich dieser «Strategien» entstehen Missverständnisse und Streit.
Wenn ich diese Unterscheidung zwischen Bedürfnis und spezifischen Formen, ein Grundbedürfnis zu befriedigen, nicht kenne, entsteht schnell eine Denkweise, die keinen Platz für das Aushandeln neuer Strategien ermöglicht. Diese Art des Denkens führt zur Eskalation von Konflikten und zu einer trennenden Sprache, unabhängig davon, ob die Konflikte ausgesprochen oder verschwiegen werden. Die Folgen sind, dass manche Familientreffen nicht mehr stattfinden, manche Personen sich in ihrem Handeln eingeschränkt fühlen und sauer oder resignieren werden, oder wichtige Beziehungen zwischen den Kindern und Grosseltern, Gotten und Göttis oder Tanten und Onkeln nicht mehr gepflegt werden.
Wie kann es anders laufen?
Wenn wir andere Ergebnisse wollen, müssen wir von Anfang an aufmerksam sein. Das Wichtigste ist zu bemerken, wenn uns etwas ärgert oder traurig macht. Der nächste Schritt ist zu schauen: Was passiert hier? Wenn es mir nichts ausmacht, auf die Wünsche von Familienmitgliedern einzugehen, und mich in Flexibilität zu üben, brauche ich nichts weiter zu tun. Wenn ich jedoch merke, dass mir eine Veränderung Mühe bereitet, dann lohnt es sich, in die Beziehungsarbeit zu investieren.
Wenn der Konflikt noch nicht eskaliert ist, kann ich mich darin üben, klar zu sagen, worum es mir wirklich geht (das dahinterliegende Bedürfnis: warum ist mir dies oder das wichtig). Ich kann mit der anderen Person verhandeln, nachdem ich verstanden habe, worum es ihr wirklich geht. Ich könnte zum Beispiel thematisieren, dass mein Mann (K.L.), der nicht buddhistisch ist, oft bei öffentlichen Anlässen einnickt, und dass es mir wichtig ist, dass er wach bleibt und damit Respekt gegenüber den Menschen und dem Anlass zeigt. Ein Gespräch darüber könnte aufzeigen, dass er einschläft, weil er wenig bis nichts versteht und somit in eine passive Rolle fällt. Sein Bedürfnis könnte sein, dem Anlass auch sprachlich folgen zu können. Dann könnten wir besprechen, unter welchen Bedingungen er das nächste Mal dabei wäre.
Wenn eine Vermittlung notwendig wird
Wenn Konflikte jedoch lange schwelen und nicht angesprochen werden, ist es oft notwendig, sich eine formelle oder informelle Vermittlung zu holen, die dabei unterstützt, hinter die Kränkungen oder Positionen zu schauen. Es braucht einen Moment der Achtsamkeit, in dem den beteiligten Parteien klar wird, dass die Energie, die oft unbewusst in die Eskalation gesteckt wird, in eine konstruktive Konfliktbearbeitung gesteckt werden kann. Um Personen dazu zu motivieren, ist unserer Meinung nach eine Frage zentral: «Was wird passieren, wenn nichts passiert?» Wenn Menschen diese Frage selbst beantworten müssen mit: «dann werde ich meine Enkelkinder nicht mehr sehen können», «dann werde ich meine Tochter erst bei meiner Beerdigung wiedersehen» oder «dann wachsen meine Kinder ohne Bezug zur erweiterten Familie auf», dann wird deutlich, dass es sich lohnt zu verhandeln. Niemand will, dass dieser sogenannte «Worstcase» eintritt.
Niemand will, dass dieser sogenannte «Worstcase» eintritt.
Aber wer sollte intervenieren? Oft zögert man zu intervenieren, um die Situation nicht zu verschlimmern. Eine wohlwollende Drittpartei, die in einer formellen oder informellen Rolle aktiv wird, hat die Aufgabe, die Parteien daran zu erinnern, was wirklich auf dem Spiel steht.
Weniger hilfreich ist eine Intervention durch eine Person, die Lösungen vorgibt. Diese Drittpartei sollte nicht über die Situation urteilen, sondern Verständnis für die Lage und die Fähigkeit haben, sich in alle Sichtweisen einzufühlen. Sie sollte von allen anerkannt werden und den Beteiligten helfen zu erkennen, was ihnen wirklich wichtig ist. Was steckt dahinter, wenn ich es mag, die christliche Weihnachtsgeschichte vorzulesen? Es geht vielleicht nicht primär um die spezifische Erzählung, sondern darum, dass es so schön war, dass meine Tante sich die Zeit nahm, nur mir etwas vorzulesen: Es ging also um Präsenz und Aufmerksamkeit. Diese Bedürfnisse kann ich auch mit dem Vorlesen einer anderen Geschichte befriedigen oder die Geschichten variieren.
Als Mediatorin alternative Möglichkeiten suchen
Als formelle Mediatorin hatte ich (C.P.) lange Gespräche mit der christlichen Mutter einer Tochter, die ein Kind mit einem muslimischen Mann erwartete. Die Mutter wollte jeden Kontakt abbrechen, weil sie die Beziehung der Tochter zu einem Partner mit einem anderen religiösen Hintergrund, komplett ablehnte. Für die Mutter war der Kontaktabbruch die einzige Strategie, die sie in ihrer Ohnmacht sah, um ihre Ablehnung und Besorgnis bezüglich der Zukunft ihrer Tochter auszudrücken. Doch diese Strategie befriedigte viele Grundbedürfnisse nicht, wie den Kontakt zur Tochter und den Austausch sowie die Unterstützung während der spannenden Zeit der Schwangerschaft.
Die Intervention mit der Mediation konnte sicherlich nicht alle Sorgen ausräumen, aber das ist auch nicht das Ziel einer Mediation.
Die Intervention mit der Mediation konnte sicherlich nicht alle Sorgen ausräumen, aber das ist auch nicht das Ziel einer Mediation. Vielmehr wurde deutlich, dass Mutter und Tochter füreinander da sein wollten, auch wenn sie die gegenseitige Meinung und Entscheidungen nicht teilten. Es wurden Wege gefunden, wie gemeinsamen Treffen stattfinden könnten, welche Themen gemeinsam besprochen werden würden und welche eher nur zwischen Mutter und Tochter oder erst zwischen Tochter und Partner besprochen werden sollten (wie beispielsweise welchen Namen das Kind tragen und welche religiösen Zugehörigkeiten es haben würde). Aus dem drohenden Kontaktabbruch entstand ein neues Verhältnis zwischen Mutter und Tochter.
Die Rolle der Drittpartei wurde von beiden akzeptiert, weil sie von Anfang an eine allparteiliche Haltung einnahm, was oft den entscheidenden Unterschied ausmacht. Die Transformation, die dadurch möglich wurde, bestand darin, dass sich beide Parteien «gesehen» fühlten – zunächst von der Mediatorin und dadurch auch ansatzweise voneinander. Es ging darum klarzumachen, dass die widerstreitenden Bedürfnisse legitim waren. Genau das ist der Schlüssel zur Problemlösung.
Hilfe, um mit den Schmerzen umgehen zu lernen
Vor der Intervention einer Drittperson haben alle Konfliktbeteiligten oft das Gefühl, dass es keinen Weg mehr gibt, im Dialog zu bleiben. Wenn ein Konflikt starke Gefühle auslöst, steckt meist ein nicht befriedigtes Bedürfnis im Zentrum des Problems, das Schmerz verursacht, so wie James Baldwin es treffend ausdrückt: «I imagine one of the reasons people cling to their hates so stubbornly is because they sense, once hate is gone, they will be forced to deal with pain.» (Ich vermute, dass einer der Gründe, warum Menschen so hartnäckig an ihrem Hass festhalten, darin liegt, dass sie spüren, dass sie, sobald der Hass verschwunden ist, gezwungen sein werden, sich mit dem Schmerz auseinanderzusetzen.)
Wenn ein Konflikt starke Gefühle auslöst, steckt meist ein nicht befriedigtes Bedürfnis im Zentrum des Problems, das Schmerz verursacht.
Die vermittelnde Drittperson kann tatsächlich unterstützend sein, sodass alle beteiligten Parteien mit ihren inneren Schmerzen umgehen und nach vorne schauen können. Hilfreich ist, wenn die Drittpartei neben Konfliktbearbeitungskompetenzen als Vermittlerin auch über transkulturelle Kompetenzen verfügt. Diese können durch die Auseinandersetzung mit der eigenen interreligiösen beziehungsweise interkulturellen Biografie und durch passende Weiterbildungen entwickelt werden. Für Personen in der vermittelnden Funktion ist vielleicht der Rat des Dalai Lama hilfreich: «Gib immer dein Bestes und rechne mit dem Schlimmsten.» Auch wenn wir das Schlimmste unterschiedlich betrachten, kann dieser Rat zumindest helfen, zuversichtlich und lösungsorientiert zu bleiben.
