Johanna Di Blasi

Psychische Krankheit und das gute Leben: Ein Widerspruch?

Psychische Gesundheit wird traditionell als integraler Bestandteil des guten Lebens angesehen. Ein gesunder Geist trägt zu Wohlbefinden, Effektivität im Beruf und zur Pflege sozialer Beziehungen bei. Doch was geschieht, wenn Erkrankungen ins Spiel kommen? Ist das Leben dann weniger gut? Was lässt sich aus Sicht der Religionen sagen?

Sowohl das Christentum als auch andere Religionen bieten Ressourcen, um mit psychischen Herausforderungen umzugehen und ein gutes Leben zu führen. Die Kernbotschaft vieler spiritueller und religiöser Traditionen ist es, dass ein gutes Leben nicht die Abwesenheit von Schmerz ist, sondern das Finden von Frieden und Bedeutung trotz der Herausforderungen.

Ein gutes Leben wird nicht durch die Abwesenheit von Krankheit definiert, sondern durch die Art, wie wir mit Herausforderungen umgehen, welche Bedeutung und welchen Sinn wir in unseren Erfahrungen finden. Diese Sichtweise kann es einem ermöglichen, psychische Erkrankungen nicht als Störungen und Zeichen des Scheiterns, sondern als Teil eines umfassenderen und möglicherweise spirituell bedeutungsvollen Lebenswegs zu sehen.

Das Ideal des Funktionierens

Im modernen Klinikalltag ist diese Sichtweise noch nicht selbstverständlich. Psychische Leiden werden immer noch als «Störungen» klassifiziert. Im Hintergrund stehen Ideale eines möglichst störungsfreien Funktionierens.

Dies wurde mir erst kürzlich wieder vor Augen geführt, als eine Freundin eine Kur in einer psychotherapeutischen Privatklinik in der Schweiz antrat. Sie wurde mit der Diagnose «depressive Episode und Burnout» in die Klinik eingewiesen; mittlerweile fast schon eine Allerweltsdiagnose. Ihr Hauptproblem: massive Schlafstörungen und Sorge, auf dem Arbeitsmarkt zu scheitern. Existenzielle Ängste lassen nachts das Gedankenkarussell rotieren. Sie spricht von «Brainfuck».

Im Hintergrund stehen Ideale eines möglichst störungsfreien Funktionierens.

Die junge Frau durfte ihr Smartphone behalten. Tabletten aber werden Patient:innen routinemässig abgenommen oder ausgewechselt. Meine Freundin erhielt noch am Tag ihres Kurbeginns im Gegenzug zu ihren gewohnten Schlaftabletten ein Antidepressivum.

Die sedierte Gesellschaft

Das Mittel gegen Depression bewirkte eine merkliche Sedierung. Die junge Frau fühlte sich benommen, ihre existenziellen Sorgen traten etwas in den Hintergrund. Der Schlaf verbesserte sich vorübergehend, um dann allerdings über mehrere Nächte hinweg ganz auszubleiben. Nach vier schlaflosen Nächten erhielt meine Freundin ihre gewohnten Schlafpillen zurück. Noch vor dem näheren Kennenlernen und einer ausführlicheren Anamnese wurden also bereits Symptome medikamentös bekämpft. Ein symptomatischer Fall?

Die Schweizer Privatklinik, in der meine Freundin Hilfe suchte, klärt in einer Broschüre über Depression auf: «Die Depression zählt zu den häufigsten psychischen Störungen», heisst es in dem Flyer. «Sie kann sowohl in ihrem Schweregrad als auch in den individuellen Symptomen des Denkens, des Fühlens und des Körpers sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.»

Behandlungen bestehen routinemässig aus einer Kombination von Einzeltherapien, Gruppentherapien und Medikamenten. Stationär aufgenommene Patient:innen erhalten die Gelegenheit, sich für die Dauer der Behandlung aus Alltag, Gesellschaft und kränkenden Umfeldern, ob familiär oder beruflich, komplett herauszunehmen. Die Frage erscheint nicht unberechtigt: Wer ist eigentlich krank? Müssten nicht krankmachende Umgebungen mitbehandelt werden?

Wer ist eigentlich krank?

In psychosomatischen Kliniken werden Fälle mit ähnlich gelagerter Symptomatik zusammengelegt. Zusammen Wunden lecken ist heilsam, ein holistischer Ansatz aber sieht anders aus.

Therapeutische Religionen

Holistische therapeutische Ansätze, die das Umfeld und überdies die intergenerationelle Dimension miteinbeziehen, finden sich unter anderem in den traditionellen Religionen und schamanischen Kulturen Afrikas, etwa im Vodun. In den aus westlicher Sicht lange Zeit geringgeschätzten und von Missionaren oftmals sogar verteufelten Religionen Afrikas sind Heilungsrituale bis heute eine Angelegenheit des Nachbarschaftsquartiers.

Plastikstühle werden in Hinterhöfen aufgestellt, Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn sind nicht als Zuschauer anwesend, sondern als Beteiligte. Symptomanalyse und Heilungsprozeduren sind Gruppenprozesse. Rituale schliessen Trance inklusive Kontaktaufnahme mit Ahnen und Geistern ein; Phänomene also, die in anderen Kontexten eher als Ausdruck von Krankheit oder Wahn aufgefasst würden, kaum als Wege zur Gesundung.

Ein Kranker ist nur auf der Basis einer bestimmten Vorstellung von Gesundheit krank

«Ein Kranker ist nur auf der Basis einer bestimmten Vorstellung von Gesundheit krank», notierte der französische Philosoph und Theologe Georges Morel in den 1970er-Jahren in «Questions d’homme».

Sein Landsmann, der Jesuit Eric de Rosny («Die Augen meiner Ziege»), liess sich Mitte des 20. Jahrhunderts in Westafrika in Kulte initiieren und schreibt anerkennend von «therapeutischen Religionen». In die therapeutische Methode der Familienaufstellungen nach Bert Hellinger sind wahrscheinlich Inspirationen aus Südafrika eingeflossen. Der Psychoanalytiker verbrachte dort einige Zeit als Missionar und lernte die Zulu-Kulturen kennen.

«Die Kranken sind die Gesündesten»

Vor einigen Jahren wurde ich selbst in einer psychosomatischen Klinik behandelt, mit ähnlicher Symptomatik wie meine Freundin. Ich verbrachte mehrere Wochen in einer abgeschiedenen Waldgegend in Brandenburg Zeit mit Menschen, die zum Teil unter erheblichem Leidensdruck standen.

Je besser ich meine Mitinsass:innen kennenlernte, desto stärker wurde mein Eindruck: Die Kranken und Wahnsinnigen sind nicht in der Klinik, sondern draussen.

«Die Normalsten sind die Kränkesten, und die Kranken sind die Gesündesten.»

Der Philosoph und Therapeut Erich Fromm hat in einem Interview dasselbe gesagt: «Die Normalsten sind die Kränkesten, und die Kranken sind die Gesündesten.» Fromm stellte fest, dass die Leute gewöhnlich in seine Praxis kamen, weil sie irgendein kleines Symptom hatten. «Wozu sie erst aufwachen mussten, war, dass sie tief unglücklich sind. Dass sie mit dem Leben unzufrieden sind, dass das Leben keinen Sinn macht.» Symptome interpretierte Fromm als Versuche, das Unglücklichsein zu überwinden. Er betrachtete sie letztendlich als gute Zeichen, weil sie anzeigen, dass etwas nicht stimmt

Was siehst du in diesem Bild? Starker Hulk oder grünes Monster? So ähnlich scheint es uns wohl mit der Wahrnehmung psychisch «kranker» Personen zu gehen – von der Gesellschaft zum «Kranken» stigmatisiert, haben vor allem sie oft ungeahnte Stärken. So sehen auch wir in diesem Bild eben den mächtigen Hulk und den Kampf gegen das Vorurteil von aussen. Bild: @Cemile Ivedi

Das Recht auf Unglücklichsein

Ein Kinofilm, der das Recht auf radikale Fragen und auf Unglücklichsein behauptet, ist Lars von Triers «Melancholia». Die depressive Hauptfigur Justine hat das Gefühl, dass das Leben mit seinen Ritualen keinen Sinn ergibt und bricht deswegen ständig Tabus. Am Ende beweist gerade sie innere Stärke, die aus einer spirituellen Haltung entspringt.

Der Psychiater, Psychoanalytiker und Therapeut Hinderk Emrich hat ein Leben lang mit psychisch Kranken gearbeitet. Er gelangte zu der Überzeugung, dass Depressive die eigentlichen Realisten sind. Er sagte mir in einem Interview: «Depressive haben ein absolut realistisches Selbstbild. Sie schätzen sich am genauesten und stimmigsten ein. Depressive sind Realisten. Sie wissen, wie es wirklich ist.»

Depressive sind Realisten. Sie wissen, wie es wirklich ist.

Psychologische Untersuchungen sogenannter «Normaler» ergaben, dass diese einem illusionären Selbstbild unterliegen, oftmals sogar einer völligen Fehleinschätzung. Für Maniker gilt das ebenfalls. Diese schätzen sich natürlich noch viel grossartiger ein als sie sind. Nun könnte man meinen, Depressive hätten ein furchtbar negatives Selbstbild, aber das ist nicht der Fall.

Depression wird in unserer Gesellschaft als schlimme, behandlungsbedürftige Krankheit angesehen. Die Melancholie hat, dem schnöden Ursprung des Namens zum Trotz, nämlich Schwarzgalligkeit, einen besseren Leumund. Sie wird als eine Art veredelte Depression betrachtet. Über Melancholie sagte Hinderk Emrich: «Sie ist eine Eigenschaft des Menschen, so tief über die Sinnfrage nachzudenken, dass er in den Verzweiflungszyklus hineingerät. Das muss man von Formen der Depression unterscheiden, die beispielsweise durch Krankheiten oder Drogen hervorgerufen werden.»

Man muss den Verzweiflungszyklus durchlaufen

Gegen Melancholie könne man nichts unternehmen, meinte der Psychiater: «Die Melancholiker müssen den Zyklus durchlaufen. Deshalb machen Melancholiker ihre Umgebung und auch uns Therapeuten oft aggressiv. Man kann Sinn nicht herbeireden.» Ich fragte nach, ob es einen Ausweg aus dem Verzweiflungszyklus gäbe. Emrichs Antwort: «Wenn die Verzweiflung durchgehalten und durchlitten wurde, taucht plötzlich ein neues Selbst auf. Die durchlittene Melancholie kann einem Menschen Strahlkraft verleihen, sodass er sagt, ich kann mit den Mitteln, die ich habe, die Welt verwandeln.»

Der Philosoph Byung-Chul Han umkreist in seinem Buch «Palliativgesellschaft. Schmerz heute» (2020 erschienen) den Zusammenhang von Schmerz und Glück. Das wahre Glück, schreibt er, sei nur gebrochen möglich: «Der Schmerz trägt das Glück. Jede Intensität ist schmerzhaft. Die Passion verbindet Schmerz und Glück.»

Wer nicht empfänglich für den Schmerz ist, verschliesst sich auch dem tiefen Glück

Wer nicht empfänglich für den Schmerz ist, verschliesst sich nach Byung-Chul Han auch dem tiefen Glück. Was der katholisch geprägte koreanisch-deutsche Denker als «Palliativgesellschaft» bezeichnet, ist eine Gesellschaft, in der Schmerz und Leid als Zeichen von Schwäche angesehen werden; und in der Medikamente der Palliativmedizin, wie in der amerikanischen Opioidkrise in grossem Stil geschehen, auf Gesunde anwendet werden.

Für die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk ist Schmerz ein Antrieb zu schreiben und «compassion» der Schlüssel zu anderen Menschen.

Spiritualität als Säule der Gesundheit

Psychische Leiden können viele Ursachen haben, darunter genetische Veranlagungen, traumatische Erlebnisse und Umweltfaktoren. Sie sind nicht zwangsläufig mit persönlichen Defiziten oder einem «weniger guten» Leben verbunden. Vielmehr spiegeln sie die Herausforderungen und Belastungen, die das moderne Leben mit sich bringt. Eine Verschiebung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist erforderlich: weg von der Stigmatisierung der psychischen Erkrankung als Makel hin zu einer Anerkennung ihrer Rolle im komplexen menschlichen Leben.

Hin zu einer Anerkennung der Rolle der psychischen Erkrankung im komplexen menschlichen Leben.

Eine solche Perspektive kann dazu beitragen, psychische Gesundheit in einem umfassenderen und individuelleren Kontext zu betrachten – als Bestandteil des Spektrums menschlicher Erfahrung, das weder automatisch Glück noch Unglück determiniert.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO erkennt inzwischen neben der physischen, psychischen und sozialen Dimension die spirituelle als vierte, gleichrangige Dimension der Gesundheit an. Insbesondere Vertreter:innen aus dem Global South drängten darauf, Spiritualität aufzunehmen. Ins «Diagnostische Manual Psychischer Störungen» (DSM-IV) wurden «Spirituelle Krisen» aufgenommen. Das ist immerhin ein erster Schritt, auch diese menschliche Dimension ernster zu nehmen, wenn auch unter dem Label der «Störungen».


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Autor:in

  • Johanna Di Blasi

    Johanna Di Blasi ist promovierte Kulturwissenschaftlerin, Kulturjournalistin und Podcasterin («TheoLounge»). Als Mitarbeiterin der reformierten Landeskirche in Zürich ist sie für die Online-Plattform RefLab tätig. Sie veröffentlichte 2019 die Monografie: «Das Humboldt Lab» und ist Mitherausgeberin von «Rückkehr der Delfine. Blogbeiträge aus dem Jahr, in dem wir ‹ normal› neu definierten». Ein Kliniktagebuch veröffentlichte sie unter dem Titel: «Zauberwald» bei RefLab.

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