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Kaser Alasaad

Das gute Leben

Imam Kaser Alasaad erklärt, dass im Islam das Streben nach einem guten Leben untrennbar mit der Verantwortung für die Gemeinschaft und der spirituellen Verbindung zu Gott verbunden ist. Er reflektiert über die Bedeutung von Zufriedenheit, Mitgefühl und Ausgeglichenheit – sowohl im persönlichen Alltag als auch in der Fürsorge für Bedürftige und Kranke. Das wahre Glück liegt nicht im materiellen Reichtum, sondern in der Harmonie mit sich selbst, der Liebe zu anderen und der tiefen spirituellen Verbundenheit.

Vor Jahrhunderten beschäftigte die Menschheit eine der grundlegendsten Fragen: Lebt der Mensch, um zu essen, oder isst er, um zu leben? Die Antwort auf diese Frage hat sich im Laufe der Zeit herauskristallisiert: Der Mensch isst, um zu leben. Dann stellte sich die nächste Frage: Wenn der Mensch isst, um zu leben, warum lebt er dann überhaupt? Die wohl am häufigsten gegebene Antwort lautet, dass wir leben, um uns selbst und andere glücklich zu machen.

Sowohl im Diesseits als auch im Jenseits

Aus islamischer Sicht ist das Streben nach einem guten und glücklichen Leben ein zentrales Ziel. Wir beten regelmässig zu Gott und bitten: «Unser Herr, gib uns im Diesseits Gutes und im Jenseits Gutes» (Koran 2:201).

Wahre Glückseligkeit ist nicht nur auf das irdische Leben beschränkt, sondern auch auf das Leben nach dem Tod.

Diese Bitte unterstreicht eine der Kernphilosophien des Islam: Das Leben des oder der Gläubigen sollte sowohl im Diesseits als auch im Jenseits glücklich sein. Wahre Glückseligkeit ist nicht nur auf das irdische Leben beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf das Leben nach dem Tod.

Anderen helfen und für sie da sein

Die islamische Vorstellung vom guten Leben basiert auf der Überzeugung, dass wahres Glück oft darin liegt, anderen zu helfen und für sie da zu sein – insbesondere für Bedürftige, Kinder, Kranke, Unterdrückte und Traurige. Glück und Zufriedenheit im Leben sind dann vollkommen, wenn wir die Menschen um uns herum glücklich machen können. Der Islam lehrt uns, dass das gute Leben eine Belohnung Gottes ist – eine Art Geschenk. Im Koran heisst es: «Wer Gutes tut, ob Mann oder Frau, und gläubig ist, dem werden Wir ein gutes Leben bereiten.» (Koran 16:97).

Ein gutes Leben bedeutet in diesem Kontext, dass ein Mensch inneren Frieden besitzt und in einem Zustand der Freude und Zufriedenheit lebt – was sich wiederum in einem Lächeln und einer freundlichen Ausstrahlung zeigt, wenn er mit anderen in Kontakt tritt.

Bild: @Cemile Ivedi

Wohl der Gemeinschaft

Das Konzept des Guten im Islam beschränkt sich jedoch nicht nur auf persönliche Religionspraxis, sondern steht in engem Zusammenhang mit dem Wohl der Gemeinschaft. Ein gutes Leben bedeutet daher auch, dass man zum Wohlergehen anderer beiträgt, sich um die Schwachen und Bedürftigen kümmert und aktiv zur Verbesserung der Gesellschaft beiträgt.

Im Alltag eines Muslims oder einer Muslima zeigt sich das Streben nach einem guten Leben durch das Streben nach Ausgewogenheit.

Im Alltag eines Muslims oder einer Muslima zeigt sich das Streben nach einem guten Leben durch das Streben nach Ausgewogenheit. Der Prophet Muhammad sagte: «Deine Seele hat ein Recht auf dich, dein Körper hat ein Recht auf dich, und deine Familie hat ein Recht auf dich.» Dieser Hadith zeigt, dass das gute Leben nicht nur spirituell, sondern auch körperlich und sozial ausgewogen sein sollte.

Das Streben nach Glück kann durch einfache, aber tiefgreifende Elemente erreicht werden. Auf diesem Weg sind beispielsweise die freundlichen Worte, die wir täglich aussprechen – wie «Danke», «Gerne», «Bitte» und «Entschuldigung» – von grosser Bedeutung. Diese Worte können viel dazu beitragen, uns und andere glücklich zu machen.

Liebe zum Leben selbst

Weitere wichtige Bausteine für ein glückliches Leben sind die Liebe zu anderen Menschen und die Liebe zum Leben selbst – Sport, gesunde Ernährung, das Geniessen der Natur und das Gebet. Für mich persönlich erlebe ich tiefe Zufriedenheit im Gebet, insbesondere in der Niederwerfung vor Gott. In diesem Moment, wenn meine Stirn den Boden berührt, fühle ich mich dem Himmel nahe, in einer besonderen Verbindung mit Gott. Diese spirituelle Erfahrung schenkt mir eine enorme innere Ruhe, die ich mit keinem anderen Gefühl vergleichen kann.

Viele Menschen, die nur wenig besitzen, leben ein glückliches Leben.

Der Prophet Muhammad sagte einmal: «Wer am Morgen sicher in seinem Haus ist, bei guter Gesundheit und ausreichend Nahrung für den Tag hat, besitzt das ganze Glück der Welt.» Diese einfache, aber tiefgründige Aussage zeigt, dass wahres Glück nicht von finanziellem Reichtum abhängt. Viele Menschen, die vielleicht nur wenig besitzen, leben ein glückliches und erfülltes Leben. Im Gegensatz dazu gibt es Menschen, die im Überfluss leben, aber dennoch unglücklich sind – einige von ihnen suchen sogar verzweifelt nach einem Ausweg, bis hin zu tragischen Taten wie dem Suizid.

Ihr sollt weder Unrecht tun noch Unrecht erleiden

Ein friedliches und gutes Leben bedeutet auch, sich an die goldene Regel des Islam zu halten: «Ihr sollt weder Unrecht tun noch Unrecht erleiden.» (Koran 2:279). Diese Grundregel ist tief im Koran verankert und stellt die Basis für ein glückliches Leben dar.

Ein weiteres zentrales Konzept im Islam ist die Idee, dass man durch das Glück anderer selbst glücklich wird. Die Zufriedenheit Gottes hängt eng damit zusammen, wie wir anderen Gutes tun. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Geschichte eines Menschen, der einem durstigen Hund Wasser gab und dafür das Paradies versprochen bekam. Im Gegensatz dazu wird die Geschichte von jemandem erzählt, der eine Katze quälte und dafür Gottes Zorn erntete. Diese Geschichten unterstreichen, dass das Glück im Diesseits und im Jenseits auch mit dem Wohlergehen von Tieren und der Umwelt verbunden ist.

In meinem persönlichen Leben finde ich mein Glück in …

In meinem persönlichen Leben finde ich mein Glück darin, Stress und Menschen, die mir diesen verursachen, bewusst zu vermeiden. Ich bin auch mutig genug, «nein» zu sagen – zu jeder Einladung oder Anfrage, von der ich weiss, dass sie mir Druck und Unruhe bringen würde. Ein Spaziergang in der Natur, Sport oder ein Film im Fernsehen machen mich glücklich und helfen mir, meine innere Balance zu wahren.

Wenn ich einem traurigen Flüchtling Trost spende, erfüllt mich das mit tiefer Freude.

Ein besonders bewegendes Beispiel aus meinem Alltag ist meine Arbeit als Seelsorger in Bundesasylzentren. Dort begegne ich oft Menschen, die in tiefem Kummer und grosser Verzweiflung leben. Wenn ich dann einem traurigen Flüchtling Trost spende, ihm Mut zuspreche und vielleicht sogar ein Lächeln auf sein Gesicht bringen kann, erfüllt mich das mit tiefer Freude.

Ein anderes Beispiel ist mein Besuch bei schwerkranken Patienten im Spital, die auf ihrem Sterbebett liegen und sich in Gefühlen von Angst und Panik vor dem Tod befinden. Manche von ihnen glauben, dass sie aufgrund ihrer Sünden in die Hölle kommen werden. Wenn ich es schaffe, ihnen in ihren letzten Stunden Frieden und Hoffnung zu schenken, indem ich ihnen von Gottes Barmherzigkeit erzähle und sie zu einem positiven Abschied ermutige, erfüllt mich das mit tiefster Zufriedenheit.

Ein weiteres einfaches, aber unbeschreiblich glückliches Erlebnis ist, wenn ich mit meiner kleinen Tochter spiele und sie laut aus vollem Herzen lacht. Dieser Moment erfüllt mich mit solch grosser Freude, dass ich das Gefühl habe, in den Himmel zu fliegen.

Für mich zeigt sich das Streben nach einem guten Leben in kleinen alltäglichen Handlungen.

Für mich persönlich zeigt sich das Streben nach einem guten Leben in kleinen alltäglichen Handlungen: Das frühe Aufstehen zum Morgengebet, ein freundliches Wort zu den Nachbarn, Sport treiben, meine Arbeit gut erledigen, meine älteren Nachbarn scherzhaft zu necken und es erreichen, ihnen ein Lächeln zu entlocken. Während der Corona-Zeit bestand mein Glück darin, Einkäufe für diejenigen zu erledigen, die zu Hause bleiben mussten. Der Prophet Muhammad sagte auch: «Die besten Menschen sind diejenigen, die den Menschen am nützlichsten sind.»

Glaube an Gott und an die Menschlichkeit

Der Glaube an die Menschlichkeit und die Liebe zu anderen Menschen sind zwei weitere Schlüssel zum Glück. Der Glaube an Gott und die Verbindung zu Ihm sind Wege zum Glück und inneren Frieden, die zu einem guten Leben führen. Im Koran sagt Allah, der Erhabene: «Und wer Gott fürchtet, dem schafft Er einen Ausweg und versorgt ihn von dort, wo er es nicht erwartet. Und wer auf Gott vertraut, dem ist Er genug.» (Koran 65, Verse 2 und 3).

Er sagt auch: «Wahrlich, im Gedenken an Gott finden die Herzen Ruhe.» (Koran 13:28).

Doch der Mensch bleibt ein Mensch, egal wie gläubig und gerecht er ist, und er wird nie ein Engel sein. Manchmal begeht er Sünden und Fehler, worüber er traurig wird. Dann kehrt er zu Gott zurück und fühlt sich nach seiner Reue erleichtert.

Auf dass alle ein gutes Leben führen …

Ein gutes Leben ist das Ziel eines jeden Menschen, unabhängig von seiner Religion oder sogar ohne Religion. Ein gutes Leben ist ein Leben, das auf Wissen basiert und nicht auf Unwissenheit, ein Leben, das auf Liebe, Respekt und Zuneigung beruht – einschliesslich der Liebe zu anderen. Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) sagte: «Er ist kein vollständiger Gläubiger, bis er für andere liebt, was er für sich selbst liebt.» Das bedeutet, dass wir uns wünschen, dass alle ein gutes Leben führen, nicht nur wir selbst.

Wir danken Gott, dass wir die Grundlagen eines guten Lebens haben, wie Sicherheit und Frieden, die in unserer Gesellschaft herrschen. Wir wünschen allen, die unter Kriegen leiden, dass sie so bald wie möglich ein gutes Leben führen können, in dem sie Sicherheit und Ruhe finden.

Das Glück liegt in unseren eigenen Händen, geprägt von unserer Lebensphilosophie, unserem Glauben und unserer Religion.

Zum Abschluss möchte ich betonen, dass das Glück letztlich in unseren eigenen Händen liegt, geprägt von unserer Lebensphilosophie, unserem Glauben und unserer Religion. Jeder von uns hat die Möglichkeit, ein glückliches Leben zu führen, unabhängig von seinen äusseren Umständen. Wir sind die Architekten unseres eigenen Glücks. Und indem wir unser Leben nach den Prinzipien des Glaubens und der Menschlichkeit gestalten, können wir die wahre Zufriedenheit finden – sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits.


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Autor:in

  • Kaser Alasaad

    Imam Kaser Alasaad kommt ursprünglich aus Syrien, wo er islamische Theologie studiert hat. Seit 2014 lebt er in der Schweiz. Beruflich arbeitet er als Imam der Islamischen Gemeinschaft Volketswil – ImanZentrum. In der Schweiz konnte er diverse Weiterbildungen absolvieren und ist zusätzlich auch als Seelsorger bei der Qualitätssicherung der Muslimischen Seelsorge (QuaMS) in den Bundesasylzentren der Asylregion Zürich sowie in öffentlichen Institutionen tätig. Ausserdem ist er als Vorstandsmitglied der VIOZ aktiv.

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