Die Jugendpolitik kann sehr unterschiedliche Formen annehmen, ist aber immer ein grundlegender Pfeiler der Schweizer Gesellschaft. Ihre Bedeutung zeigt sich sowohl in der staatsbürgerlichen Erziehung der zukünftigen Erwachsenen (und damit letztlich auch der zukünftigen Senior:innen!) als auch im Zusammenhalt zwischen Jugendlichen und zwischen den Generationen. Jugendliche sind in den politischen Prozessen nach wie vor eine Minderheit, und die Schaffung von Rahmenbedingungen, die ihre Integration fördern, bleibt eine grosse Herausforderung.
Die Jugendpolitik manifestiert sich in der Schweiz auf vielfältige Weise. Sie wird sowohl von internationalen Texten wie der Kinderrechtskonvention als auch von eidgenössischen und kantonalen Gesetzen oder von lokalen, von den Gemeinden initiierten Projekten getragen. Man kann also von einer Jugendpolitik im Plural sprechen. Diese Politikbereiche lassen sich untergliedern in Jugendschutz, Risikoprävention, politische Bildung, politische Partizipation der Jugendlichen und Umsetzung von Projekten durch die Jugendlichen. In den drei letztgenannten Bereichen konzentriert sich die Mehrheit der Massnahmen, die auf die soziale und politische Eingliederung von Jugendlichen abzielen.
Neben den institutionellen Akteuren, die den gesetzlichen Rahmen vorgeben und umsetzen, sind auch nichtstaatliche Organisationen tätig. Diese ermöglichen es, die institutionelle Jugendpolitik zu unterstützen, die Jugendlichen zu befähigen, vollwertige Bürgerinnen und Bürger zu werden, und den Austausch zwischen der institutionellen Welt und der Schweizer Jugend zu erleichtern.
Nichtstaatliche Organisationen wie der DSJ ermöglichen es, die institutionelle Jugendpolitik zu unterstützen, die Jugendlichen zu befähigen, vollwertige Bürgerinnen und Bürger zu werden.
Der Dachverband Schweizer Jugendparlamente DSJ, der dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert, hilft zum Beispiel beim Aufbau und der Entwicklung von Jugendparlamenten, Organisationen, die von Jugendlichen selbst geführt und für ihre Interessen arbeiten. Diese Organisationen können die Anliegen der Jugend in die Institutionen tragen und sind ideale Partner für die Durchführung von partizipativen Prozessen.
Diese Funktionsweise «für und von Jugendlichen» zeigt sich auch in der von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände SAJV organisierten eidgenössischen Jugendsession, an der jedes Jahr 200 Jugendliche aus der ganzen Schweiz teilnehmen und am Ende ein Dutzend Forderungen an das Präsidium des Nationalrats übermitteln. Ein weiteres Beispiel ist die nationale Kampagne «Verändere die Schweiz!», die vom Bereich engage.ch des DSJ organisiert wird. Bei dieser Kampagne haben alle Jugendlichen in der Schweiz die Möglichkeit, auf einer Online-Plattform einen Wunsch zu deponieren. Die Wünsche können dann von nationalen Parlamentarierinnen und Parlamentariern eingegeben und auf Bundesebene diskutiert werden.

Bild: Jugendpolittag Solothurn 2024. Foto: Dachverband Schweizer Jugendparlamente
Herausforderungen bei der Entwicklung einer konsequenten Jugendpolitik
Obwohl es viele Initiativen gibt, ist es manchmal schwierig, das transformative Potenzial der Jugendpolitik in die Praxis umzusetzen. Die Vorschläge der Jugendlichen haben in der Regel keine rechtlich verbindliche Grundlage, die ihre Berücksichtigung garantiert. Dies ist auch bei Konsultationen der Fall, deren Rückmeldungen nicht verbindlich sind. Pioniererfahrungen zeigen jedoch, dass diese Situation kein unabwendbares Schicksal ist.
Die Jugendmotion der Gemeinde Muri bei Bern beispielsweise ermöglicht es der Jugend, eine Motion einzureichen, sofern sie von 40 in der Gemeinde wohnhaften Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren eingereicht wird. Ähnliche Instrumente gibt es auch in anderen Gemeinden. In Zürich wurden am 18. September 2024 sieben Motionen von Jugendlichen eingereicht – das erste Mal in dieser Stadt. Die Themen reichen von der Zugänglichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel über die Stadtplanung bis hin zur Diskriminierung in der Schule. Es bleibt abzuwarten, ob solche Initiativen von der Ausnahme zur Norm werden.
Die Vermittlung des politischen Systems an ein breiteres Publikum ist eine grundlegende Herausforderung, um eine effektive Beteiligung der Jugendlichen zu ermöglichen.
Aufgrund ihres Alters sind Jugendliche in der Regel nicht mit den politischen Prozessen, Gesetzen und anderen administrativen Feinheiten vertraut, die den Rahmen für die Entscheidungen der Behörden bilden. Selbst wenn ihnen Instrumente zur Verfügung stehen, um an diesen Entscheidungen teilzunehmen oder sie im Nachhinein zu beeinflussen, wissen sie nicht immer, dass es diese gibt und wie man sie einsetzt.
Das politische System muss klar vermittelt werden
Die Vermittlung des politischen Systems an ein breiteres Publikum ist eine grundlegende Herausforderung, um eine effektive Beteiligung der Jugendlichen zu ermöglichen. Dadurch können für alle Beteiligten frustrierende Missverständnisse vermieden werden, wie sie manchmal bei Beratungsprojekten auftreten, bei denen die an die kommunalen politischen Behörden gerichteten Forderungen in Wirklichkeit in den Bereich der kantonalen oder eidgenössischen Politik fallen. Die Gemeinde ist dann nicht in der Lage, auf die Anfragen zu reagieren, und die Jugendlichen können das Gefühl haben, gegen eine Wand zu sprechen.
Initiativen wie das Angebot easyvote, das vom Jugendparlament Köniz initiiert und vom DSJ weiterentwickelt und in die ganze Schweiz getragen wurde, wirken diesen Herausforderungen entgegen, indem sie das politische System der Schweiz und die Herausforderungen von Abstimmungen populär machen. Die Präsenz von Betreuerinnen und Betreuern, die den Jugendlichen die politischen und administrativen Prozesse sowie die Erwartungen der Jugendlichen an die Institutionen erklären können, ist ebenfalls eine entscheidende Dimension der Jugendpolitik. Diese Art der Begleitung ist in den meisten Fällen guter Praxis der Jugendpartizipation zu beobachten.
Teilhabe und Anerkennung der Vielfalt
Jugendliche sind keine homogene Gruppe, ihre grösste Gemeinsamkeit ist ihr Alter. Die Jugendpolitik muss daher so gestaltet werden, dass sie die soziale Komplexität innerhalb einer Generation berücksichtigt. Besondere Aufmerksamkeit sollte daher der Inklusivität von partizipativen Prozessen und Strukturen gewidmet werden, die die «Stimme der Jugend» fördern.
Der Zugang sollte unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund, dem Geschlecht oder der kulturellen Herkunft der Jugendlichen gleich sein. Auch hier können Fachkräfte, die den Prozess begleiten, eine entscheidende Rolle spielen, indem sie den Institutionen helfen, ihre Mauern zu verlassen und ihre Türen für Menschen zu öffnen, die sich von sich aus nicht legitimiert fühlen würden, dies zu tun. Die Diversifizierung der Partizipationsmöglichkeiten ermöglicht eine bessere Inklusivität, da keine Ausdrucksform einer anderen vorgezogen wird.
Jugendliche sind keine homogene Gruppe, ihre grösste Gemeinsamkeit ist ihr Alter.
Jugendpolitiken – egal in welcher Form – sollten nicht so gestaltet werden, dass Jugendliche nur passive Empfänger:innen sind. Vielmehr sollten sie als aktive Akteur:innen verstanden werden, die schon an der Entwicklung mitwirken. Viele Hindernisse, die einer Beteiligung junger Menschen in all ihrer Vielfalt entgegenstehen, können durch die Einbeziehung der Betroffenen selbst vermieden werden. Dies ist nicht nur ein moralischer Imperativ, sondern auch ein Garant für Effizienz und Qualität.
Wenn die Jugendpolitik die Jugendlichen frühzeitig einbezieht, hat sie bessere Chancen, den Bedürfnissen ihrer Adressat:innen sowie den Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind, gerecht zu werden. Durch die Kombination von ausreichenden Mitteln, dem politischen Willen zur Entwicklung eines «partizipativen Reflexes» und der Einbeziehung der Jugendlichen von Anfang bis Ende der Prozesse sind die idealen Bedingungen für eine konsequente Jugendpolitik gegeben.

Bild: Jugendpolittag Solothurn 2024. Foto: Dachverband Schweizer Jugendparlamente
Gesellschaft zwischen den Generationen
Wenn man jungen Menschen die Möglichkeit gibt, ihr Lebensumfeld aktiv mitzugestalten, schafft man eine solide Grundlage für den Austausch zwischen den Generationen. Dies ist sowohl eine Herausforderung für den sozialen Zusammenhalt als auch eine Chance, Wissen und Erfahrungen innerhalb der Gesellschaft weiterzugeben. Die Schaffung repräsentativer Strukturen, wie der oben genannten, erleichtert einen solchen Austausch.
In Yverdon-les-Bains gibt es zum Beispiel ein Vertretungsorgan für Jugendliche, eines für Senioren und eines für Menschen mit Migrationshintergrund. Diese drei Gremien erleichtern den Austausch und knüpfen Verbindungen zwischen Bevölkerungsgruppen, die sich nicht zwangsläufig begegnen würden.
Indem man der Beteiligung junger Menschen am demokratischen System der Schweiz besondere Aufmerksamkeit schenkt, stärkt man die Legitimität dieses Systems.
Durch Projekte wie die engage.ch-Workshops in Schulen erhalten Jugendliche zudem die Möglichkeit, mit gewählten Volksvertreterinnen und -vertretern über die Umsetzung neuer Massnahmen in ihrer Gemeinde zu diskutieren. Der Austausch ist für beide Seiten bereichernd: Die Jugendlichen erhalten einen Einblick in die Funktionsweise ihrer politischen Institutionen und die erwachsenen Politikerinnen und Politiker können die Anliegen der Jugend besser nachvollziehen.
Im Zeitalter ständiger Nachrichtenflüsse und sozialer Netzwerke kann man sich leicht in einer «Informationsblase» wiederfinden, die die Unterschiede zwischen den Generationen weiter verstärkt – bis hin zu dem Eindruck, Jugendliche, Erwachsene und Senioren lebten in Parallelwelten. Möglichkeiten zum Austausch zwischen den Generationen, wie sie durch die Beteiligung junger Menschen an partizipativen Prozessen geschaffen werden, sind deshalb von grossem Wert. Sie ermöglichen engere soziale Bindungen und ein besseres Verständnis füreinander. Indem man der Beteiligung junger Menschen am demokratischen System der Schweiz besondere Aufmerksamkeit schenkt, stärkt man die Legitimität dieses Systems. Mit seinen Angeboten fördert der DSJ eine inklusive demokratische Debattenkultur.
Der Dachverband Schweizer Jugendparlamente DSJ ist das politisch neutrale Kompetenzzentrum für politische Bildung und politische Partizipation von Jugendlichen. Kurz gesagt: Wir möchten junge Menschen motivieren, sich für Politik zu interessieren und sich aktiv einzubringen. Unser Motto: Nie zu jung für die Politik! Dieses Ziel verfolgen wir durch die Förderung unserer Mitglieder, den Jugendparlamenten, sowie mit unseren Angeboten easyvote und engage.ch. Weitere Informationen: www.dsj.ch.
