Was bedeutet es, als junge Muslimin oder junger Muslim in der Schweiz erwachsen zu werden – und sich nicht immer als Teil der «typischen» Jugend zu fühlen? Die Doktorandin Johanna Egli untersucht muslimische Jugendvereine als Orte, an denen junge Menschen unter Gleichaltrigen Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Spass erleben und gleichzeitig Wege finden, wie sich Glaube, Freizeit und jugendliches Lebensgefühl verbinden lassen.
«Hey wir sind eigentlich auch nur Menschen, wir sind auch nur Jugendliche», betonte eine junge Muslima in einem Interview. Was sich nach einer Feststellung einer Selbstverständlichkeit anhört, spiegelt wider, mit welchen Zuschreibungen junge Muslim:innen in der Schweiz zu leben haben: Noch immer werden muslimische Jugendliche als von der Norm abweichend oder sogar als problematisch angesehen. Noch immer wird Jugend und Islam in der Schweizer Öffentlichkeit vorwiegend im Zusammenhang mit einer Radikalisierungsproblematik thematisiert. Muslimische Jugend wird daher häufig nicht als «typische» Jugend, sondern eben als besondere, abweichende oder sogar problematische Jugend angesehen. Daher möchte ich an dieser Stelle ein Thema fokussieren, das nur selten zur Sprache kommt, wenn es um Jugend und islamische Religiosität geht: Spass!

Im Rahmen meiner Dissertation habe ich in muslimischen Jugendvereinen in der Schweiz geforscht. Dabei habe ich vor allem in zwei Vereinen aktiv teilgenommen und Interviews mit einzelnen Teilnehmenden geführt. Dadurch wollte ich herausfinden, was in den Vereinen passiert und welche Bedeutung diese Vereine für die Teilnehmenden haben. Obwohl in diesen Vereinen vorwiegend Personen zwischen 18 und 25 Jahren teilnehmen, spreche ich von Jugendvereinen, da sich diese an junge Muslim:innen richten. Durch mein Dabeisein stellte ich bald fest, dass es in den Vereinen vor allem auch darum geht, eine schöne Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen. Für viele Teilnehmende ist das auch der Hauptgrund, an den Events teilzunehmen.
Gemeinsam Spielen und Essen
So sagte eine Teilnehmerin des einen Vereins, dass dieser für sie «definitiv ein Ort für Freizeit» sei. Also ein Ort, um von der Schule, dem Studium oder der Arbeit wegzukommen und eine gute Zeit zu verbringen. Für viele ist es daher entscheidend, «dass man sich im religiösen Umfeld auch mal nur auf Spass und Spiele und das Essen konzentrieren kann». Gespielt wurde meistens in grossen Runden – Werwolf, Fishbowl, Black Stories, Tabu, Kartenspiele, usw. Dabei ging es häufig laut und lustig, manchmal auch etwas chaotisch zu und her. Nach einer abgeschlossenen Runde wurde häufig eine nächste und danach wieder eine nächste Runde gespielt bis ans Ende des jeweiligen Abends, wo dann beschlossen wurde nach Hause zu gehen.
Auch wurde an vielen Events gemeinsam gegessen und zum Beispiel eine Essensbestellung aufgegeben – häufig Pizza oder Döner Kebab. Wenn das bestellte Essen angekommen war, sassen die Leute um Tische herum, quatschten miteinander – manchmal klassischer Smalltalk, manchmal lustig-rumalbernd, manchmal tiefgründig. An Iftar-Events kam es auch vor, dass die Teilnehmenden das Essen selbst gemacht, oder auch gekauft und mitgebracht haben. Daraus entstand jeweils ein grosses Buffet, an dem sich alle bedienen konnten, um sich dann mit anderen zusammenzusetzen und sich über dies und jenes zu unterhalten.
All diese Aktivitäten wurden im Rahmen einer islamischen Praxis durchgeführt. So wurde zum Beispiel kein Alkohol getrunken. Beim besagten Iftar-Buffet war davon auszugehen, dass das Fleisch halal war, also den muslimischen Speisegeboten entsprach, die – ähnlich wie im Judentum – den Verzehr von Schweinefleisch und nicht-geschächtetem Fleisch grundsätzlich untersagen. Oder es wurde zu den entsprechenden Gebetszeiten die jeweilige Aktivität unterbrochen und gemeinsam gebetet.
Spass und religiöse Inputs
An einigen Events ging es auch darum, dass man sich mit einem Thema im Zusammenhang mit Religion auseinandersetzte. Denn für viele Teilnehmende ist es wichtig, dass es nicht «nur» um Spass geht und sie bevorzugen eine Kombination von Spass, religiösen Inputs und Austausch: «Zu viel Spiel und zu viel Spass, es ist auch cool, aber dann hast du halt nichts mitgenommen, und zu viele Informationen ist irgendwie auch blöd. Wenn man da irgendwie so einen Mittelweg findet, dann finde ich das am besten», wie ein Teilnehmer sagte.
Für viele Teilnehmende ist es wichtig, dass es nicht «nur» um Spass geht.
So wurde im Rahmen von Gesprächsrunden und Vorträgen über Religionsverständnisse, religiöse Praxis im Alltag und eigene Erfahrungen referiert und diskutiert. Dabei waren es meistens die jungen Leute selbst, die ein solches inhaltliches Angebot zur Verfügung stellten – also keine Theolog:innen. Durch diese Angebote können die Teilnehmenden ihre religiöse Identität besprechen, mit anderen abgleichen und so interne Impulse für ihre Identitätsentwicklung erhalten.
Wohlfühlen unter «Gleichgesinnten»
Für die meisten Teilnehmenden ist es daher von zentraler Bedeutung, dass sie im Verein gleichaltrige «Gleichgesinnte» kennenlernen und mit ihnen Zeit verbringen können. Dabei scheint es aber nicht nur darum zu gehen, dass die Personen im Verein die eigene Glaubensbasis des Islams teilen, sondern auch darum, dass sie ähnliche Erfahrungen als junge Muslim:innen in der Schweiz machen: «Es hat mir eigentlich noch recht Spass gemacht, mich ein bisschen auszutauschen mit meinen eigenen Erfahrungen, wie ich meinen Glauben praktiziere und wie das Einfluss auf meinen Alltag hat, und zu sehen, dass die einen die gleichen Struggles haben, wie zum Beispiel mit der Gebetswaschung, wenn man unterwegs ist und so».
Es geht darum, sich in einer Gruppe junger Menschen überhaupt wohlzufühlen.
Abgesehen von geteilten Erfahrungen, über die man sich austauschen und auf deren Basis man sich gegenseitig beraten kann, geht es auch zentral darum, sich in einer Gruppe junger Menschen überhaupt wohlzufühlen. In anderen Gruppen junger Menschen würden sich die Teilnehmenden nicht immer wohlfühlen, was vor allem mit dem Alkohol- und anderweitigem Drogenkonsum zu tun habe. Entweder sei es so, dass sie sich in einer Runde nicht wohlfühlen, in der (viel) Alkohol getrunken oder gekifft würde: «Ich kann das nicht. Ich habe das ein-oder zweimal versucht, bin mal mitgegangen, aber es macht mir keinen Spass, wenn du der einzige Nüchterne dann dort bist und dann nicht mehr mit jemandem kommunizieren kannst ohne Probleme».
Oder es sei so, dass man ausgeschlossen würde, wenn man aus religiösen Gründen keinen Alkohol trinke: «Und ich habe die tatsächlich verloren die Mädels, weil ich nicht getrunken habe». Viele junge Muslim:innen wünschen sich daher ein jugendliches Umfeld, in dem sie sich nicht für ihre religiösen Entscheidungen rechtfertigen müssen, in dem sie nicht auf Unverständnis oder sogar Feindseligkeit treffen.
Ein Ort der Verbundenheit
Es zeigt sich also, dass es sehr bedeutsam ist, sich wohl und sicher zu fühlen, damit es überhaupt möglich ist, in einer Gruppe junger Menschen Spass zu haben. Der Spass, der in den Vereinen erlebt wird, kommt also nicht nur von den Aktivitäten selbst. Entscheidend ist auch, dass sie in einer Gruppe junger Menschen stattfinden, in der sich die Teilnehmenden willkommen, sicher und zugehörig fühlen. Für einen Teilnehmer stellt der Verein daher einen «Rückzugsort» dar, «wo ich Spass haben kann».
Eine andere Teilnehmerin findet es «cool», dass es «einen Ort gibt, wo Muslime hinkönnen, sie Spass haben können, nicht verurteilt werden». Auf der anderen Seite trägt der Spass auch dazu bei, dass sich die Teilnehmenden willkommen, zugehörig, wohl und verbunden fühlen: «Es hat mir halt gefallen, dass ich Leute, wenn ich sie oberflächlich gekannt habe, dass ich so viel tiefere Einblicke bekommen habe, weisst du so zusammen spielen, zusammen essen und reden, weisst du so Sachen. Man fühlt sich schon ein bisschen verbundener, weil man das Gefühl hat so, war ein schöner Abend, man hatte Spass zusammen». Hierbei kann auch das Finden potenzieller Partner:innen ein nicht unerwünschter Nebeneffekt sein.
Muslimische Jugendkultur in der Schweiz
Wie muslimische Jugend in der Schweizer Öffentlichkeit angesehen, thematisiert und problematisiert wird, hat folglich unmittelbare Auswirkungen auf die jungen Menschen. Sie fühlen sich häufig nicht wohl oder nicht willkommen in anderen Gruppen junger Menschen und somit auch tatsächlich nicht als Teil der vermeintlich «typischen» Schweizer Jugend.
Die Jugendvereine bieten einen Raum, um mit Gleichaltrigen Zeit zu verbringen, Spass zu haben, sich aber auch mit der eigenen Religion und über die damit verbundenen «Struggles» im Alltag auszutauschen. Jugendlichkeit und Religiosität werden dabei ganz selbstverständlich miteinander verbunden und gelebt. Alkoholverzicht oder gemeinsames Gebet können dabei als Praktiken einer muslimischen Jugendkultur angesehen werden.
Jugendlichkeit und Religiosität werden selbstverständlich miteinander verbunden.
Teil einer solchen Jugendkultur zu sein und diese auszuleben, scheint für die Teilnehmenden nicht nur aufgrund einer religiösen, sondern auch aufgrund einer generationalen Zugehörigkeit so wichtig zu sein. So verstehen sie sich in einer anderen Weise als Teil der Schweizer Gesellschaft, haben andere Lebensrealitäten, andere Zukunftsvisionen und «Struggles» als ihre Elterngeneration. Die Vereine bieten dafür einen Safe Space, in dem diese Jugendkultur gelebt wird und die Teilnehmenden in einer Gemeinschaft ihre Freizeit verbringen, Spass haben und sich mit ihrer Identität auseinandersetzen können, in der sie sich sicher und zugehörig fühlen.
