Das Verhältnis zwischen den Generationen ist kulturell unterschiedlich geprägt: Während es in unseren Breitengraden bei vielen als selbstverständlich gilt, dass Eltern ins Pflegeheim ziehen, ist es in anderen Kulturen ebenso selbstverständlich, dass sich die Familie weiterhin zuhause um die Grosseltern kümmert. Was bleibt, ist die grundsätzliche Frage nach Verantwortung, die schliesslich alle Generationen betrifft. In diesem Beitrag der islamischen Religionspädagogin Yasemin Duran erzählt sie anhand persönlicher Erfahrungen aus ihrem Alltag, was das Miteinander der Generationen für sie bedeutet und wie Religion dazu beitragen kann, Brücken zwischen Alt und Jung zu schlagen.
«Und sei ihnen gegenüber demütig aus Barmherzigkeit und sage: Mein Herr! Erweise ihnen Gnade, so wie sie mich von klein an aufgezogen haben.» (al-Isra,17:24)
Dieser Vers aus dem Qur’an hat mich in meiner Jugend schon berührt. Er beschreibt in wenigen Worten, worum es in der Beziehung zwischen den Generationen geht: Respekt, Fürsorge und eine tiefe Dankbarkeit.
Verantwortung zwischen den Generationen ist im Islam nicht nur eine soziale Aufgabe, sondern ein spiritueller Auftrag. Dieser Beitrag verbindet meine persönlichen Erfahrungen mit religiöser Reflexion über Betreuung, Pflege und die Frage der Verantwortung füreinander.
Das soziale Leben ist geprägt von gegenseitiger Verantwortung.
Für mich sind Themen wie Verantwortung, gegenseitige Verpflichtung und Fürsorge einige der zentralen Begriffe, wenn es um die Beziehung zwischen den Generationen geht. Das soziale Leben ist geprägt von gegenseitiger Verantwortung, Solidarität und gelebten Werten. Diese Verantwortung entfaltet sich auf zwei Beziehungsebenen: Nach unten, gegenüber Kindern und Enkeln, und nach oben gegenüber Eltern und Grosseltern. In beiden Richtungen ist sie im Islam nicht nur moralisch, sondern auch spirituell begründet. In meiner persönlichen Biografie, wie auch in meinem sozialen Umfeld, spielen Themen wie Betreuung, Pflege und Verantwortung eine bedeutende Rolle.
Verantwortung – ein Lernprozess von klein auf
Schon als Kind stellte ich mir Fragen: Warum arbeitet mein Vater? Warum bleibt meine Mutter zu Hause? Ich lernte schnell, dass mein Vater für den finanziellen Unterhalt zuständig war, und zwar nicht nur für uns, sondern auch für Verwandte im Herkunftsland, der Türkei. Besonders eindrücklich war für mich, dass mein Vater regelmässig Geld an seinen Bruder schickte, um die Pflege seiner Mutter zu sichern. Diese Erfahrung prägte mich stark und ich verstand, dass Kinder Verantwortung für ihre Eltern übernehmen, auch wenn sie nicht im selben Haushalt leben.
Die Beziehung zu den Eltern ist eine spirituelle Verpflichtung.
Dieses Verständnis vertiefte sich in meinem Theologiestudium in Istanbul. Mir wurde klar: Es ist nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine religiöse Pflicht, sich um die Eltern zu kümmern, sie respektvoll zu behandeln und für sie Bittgebete zu sprechen. Dies ist ein Akt der Dankbarkeit und eine Art Gottesdienst. Auch wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, aus welchen Gründen auch immer, schwierig ist, bleibt ein respektvoller Umgang sowie Fürsorge, soweit möglich, eine grundlegende menschliche Tugend. Im Islam gilt dabei das zentrale Prinzip: Gott auferlegt keiner Seele mehr, als sie zu tragen vermag.
Der Koran gibt klare ethische Richtlinien für den Umgang mit den Eltern vor.
«Und dein Herr hat befohlen: Verehrt niemanden ausser Ihm, und erweist den Eltern Güte. Wenn einer von ihnen oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, so sage nicht ‹Pfui› zu ihnen und fahre sie nicht an, sondern sprich ehrerbietig mit ihnen.» (al-Isra,17:23)
Diese Verse zeigen deutlich: Die Beziehung zu den Eltern ist nicht nur privat oder emotional, sondern eine spirituelle Verpflichtung. Respekt, Geduld und Fürsorge werden im Islam als Zeichen der Frömmigkeit gewertet. Im Alltag stellt dies mitunter eine Herausforderung dar. Zum Beispiel hört mein Schwiegervater, den wir zu Hause pflegen, im Alter nicht mehr gut, sodass ich gezwungen bin, lauter zu sprechen. Dabei hat er manchmal das Gefühl, angeschrien zu werden. In solchen Momenten erweist sich Schweigen oft als kluge Lösung, um unnötige Diskussionen zu vermeiden. Grundsätzlich pflegen wir jedoch einen respektvollen und höflichen Umgang miteinander. Unsere Kinder achten auch darauf, wie sie mit uns und allgemein mit anderen Menschen kommunizieren.
Wandel der Generationenbeziehungen
Anders als meine Eltern mussten wir unsere Eltern finanziell nicht unterstützen. Dennoch war es uns wichtig, für sie durch regelmässige Besuche und Telefonate da zu sein und sie emotional zu unterstützen. Meine Schwester, die in ihrer Nähe in Deutschland wohnt, übernimmt praktische Aufgaben, wie die administrativen Themen. Diese Aufgabenverteilung war und ist immer noch selbstverständlich für uns.

Im europäischen Kontext, insbesondere in der Schweiz, wo wir leben, sind die familiären Strukturen etwas anders. Die Grossfamilie ist selten, viele leben in Kleinfamilien. Entsprechend ist die Verantwortung gegenüber älteren Angehörigen oft weniger sichtbar oder wird an Institutionen übertragen. Nur wenige in meinem Umfeld pflegen ihre Eltern zu Hause.
In meiner Herkunftskultur hingegen ist es nicht die Norm, Eltern in ein Altersheim zu geben. Dort gilt es als selbstverständlich, dass die Söhne gemeinsam mit ihren Frauen die Pflege übernehmen, oder dass zumindest eine Hilfskraft im Haushalt angestellt wird. Unser nichtmuslimisches Umfeld reagiert oft mit Erstaunen darüber, dass und warum wir die Pflege übernommen haben. Aus dem muslimischen Bekanntenkreis erfahren wir dagegen häufig Anerkennung und Wertschätzung. Beide Reaktionen können wir gut nachvollziehen. Wir betonen dabei stets, dass die Situation durchaus herausfordernd ist, aber im Moment eben so besteht und von uns angenommen wird.
Betreuungsarbeit als gelebte Verantwortung zwischen den Generationen
Als Mutter von drei Kindern war ich viele Jahre hauptsächlich mit ihrer Betreuung beschäftigt. Auch in unserer Familie war Generationensolidarität präsent. In der Zeit, als unsere Kinder aufwuchsen, kümmerten sich die Grosseltern, wenn auch sehr selten, um sie. In vielen Familien ist dies keine tägliche Pflicht, aber eine wertvolle Unterstützung und eine Gelegenheit für Kinder, eine Beziehung zu den Älteren aufzubauen. So entstehen Bindungen, die über die rein funktionale Hilfe hinausgehen. Sie schaffen Vertrauen, emotionale Nähe und familiäre Stabilität.
Respekt ist im Islam ein Ausdruck der Würde des Menschen.
Ausserdem war es für uns sehr wichtig, unseren Kindern zu vermitteln, dass ältere Menschen, ob sie nun zur Familie gehören oder nicht, respektvoll zu behandeln sind. Auch dann, wenn sie nicht besonders liebevoll oder herzlich auftreten. Respekt ist im Islam keine Gefühlsfrage, sondern ein Ausdruck der Würde des Menschen und eine Form der Frömmigkeit. Wir wollten, dass unsere Kinder lernen, Achtung zu zeigen. Dies aus Überzeugung und nicht nur als Reaktion auf Sympathie.
Im Islam wird die Rolle der Kinder gegenüber ihren Eltern besonders deutlich hervorgehoben, wie etwa in Vers 17:23 des Qur’an. Die Pflichten der Eltern hingegen werden weniger detailliert beschrieben, weil Fürsorge und Schutz für die eigenen Kinder als natürlicher, instinktiver Bestandteil der elterlichen Rolle angesehen werden. Dennoch lassen sich ihre Aufgaben klar aus dem Qur’an und den Überlieferungen des Propheten ableiten. Dazu zählen unter anderem: Schutz und Versorgung, Bildung und Erziehung, liebevolle Zuwendung sowie emotionale und moralische Unterstützung.
Zwischen Selbstverständlichkeit und Überforderung
Heute pflegen mein Mann und ich seinen Vater bei uns zu Hause. Es ist für uns eine selbstverständliche Geste der Dankbarkeit. So wie unsere Eltern uns einst aufgezogen haben, sind wir jetzt für sie da. Natürlich bringen die häusliche Pflege und Betreuung in der heutigen Zeit bedeutende Einschränkungen mit sich: Es verändert unseren Alltag, unsere Planungen und auch die Dynamik in der Familie. Aber wir sehen diese Aufgabe als Teil unseres Glaubens und als Möglichkeit, Gutes zu tun – mit Blick auf das Jenseits.
Vielleicht leben wir bestimmte Werte anders als unsere Kinder.
Unsere Kinder jedoch empfinden das anders. Sie sagen offen und ehrlich, dass es für sie keine Selbstverständlichkeit ist, und dass sie andere Lösungen suchen würden, die sowohl sie als auch uns nicht so stark einschränken. Diese Ehrlichkeit schmerzt, ist aber auch verständlich. Sie wachsen in einer anderen Zeit auf, mit anderen gesellschaftlichen Bedingungen und einem anderen Verhältnis zu Fürsorge und Familie. Ihre Vorstellungen von Verantwortung sind nicht weniger wert, aber anders geprägt.
Vielleicht leben wir bestimmte Werte anders als unsere Kinder. Für uns ist familiäre Fürsorge eine Selbstverständlichkeit, unter anderem auch, weil unsere Eltern das nicht anders kennen. Unsere Kinder sehen das differenzierter. Sie sprechen offen darüber, dass sie im Pflegefall andere Lösungen suchen würden, die niemanden überfordern. Wir nehmen diese Haltung nicht als Ablehnung wahr, sondern als Ausdruck eines neuen Verantwortungsverständnisses.
Wir versuchen, ihnen den Raum zu geben, eigene Wege zu gehen, auch wenn sie sich von unseren unterscheiden. Vielleicht ist das unsere Art, die Beziehung zwischen den Generationen zu leben, nicht durch Anspruch, sondern durch Vertrauen. Umso wichtiger ist es uns heute, unseren Kindern beides mitzugeben: Werte und die Freiheit, anders zu entscheiden.
Pflege in der heutigen Zeit – ein neuer Zugang?
Die Tatsache, dass Menschen heute älter werden als früher, macht Pflege zu einem immer wichtigeren Thema – auch in muslimischen Familien. Es gibt inzwischen Überlegungen, Pflege- und Altersheime speziell für muslimische Senior:innen zu schaffen. Persönlich stehe ich dieser Idee offen gegenüber. Ich sehe, wie sehr ältere Menschen vom Austausch mit Gleichaltrigen profitieren – besonders, wenn sie dabei ihre religiösen Gewohnheiten und ihre kulturelle Identität beibehalten können.
Ein Altersheim muss kein Ort der Isolation sein, sondern es kann auch ein Ort der Würde und des Respekts sein, in dem die Eltern eine bessere Versorgung und einen würdevollen Lebensabend erleben dürfen. In unserem Fall ist es unvorstellbar, den Vater in einem Pflegeheim unterzubringen, da er dafür kein Verständnis hätte. Für ihn käme das einer Ausgrenzung oder gar Abschiebung gleich, eine Vorstellung, die ihn tief verletzen würde.
Für uns selbst wäre der Gedanke, im Alter in ein Pflegeheim zu ziehen, wo wir unsere Religion weiter praktizieren können, allerdings kein Problem. Wir sehen darin keine Geringschätzung, sondern eine mögliche Form der Versorgung, je nach Lebenssituation.
Religion als Orientierung und Stütze
Gerade in Zeiten des Wandels gibt die Religion Halt. Sie schafft Verbindlichkeit, wo gesellschaftliche Normen brüchig werden. Sie gibt Antworten, wo Menschen fragen: Was schulde ich meinen Eltern? Wo endet meine Verantwortung? Wo beginnt Selbstfürsorge?
Im Islam ist die Pflege der Eltern nicht nur moralisch geboten, sondern mit spirituellen Versprechen verbunden. Wer sich um seine Eltern kümmert, handelt im Sinne Gottes – und tut auch sich selbst etwas Gutes. Diese tiefe Sinnhaftigkeit ist ein Anker, der in stressigen und herausfordernden Momenten Kraft geben kann.
Was zählt, ist die Bereitschaft, voneinander zu lernen.
Generationen sind miteinander verbunden, nicht nur durch Blutsbande, sondern durch Verantwortung, Solidarität und gegenseitige Fürsorge. Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, zwischen individuellen Bedürfnissen und kollektiven Verpflichtungen müssen die Beziehungsebenen immer wieder neu ausgehandelt werden.
Was zählt, ist die Bereitschaft, voneinander zu lernen, Erfahrungen weiterzugeben und Brücken zwischen den Generationen zu bauen. Religion kann dabei eine kraftvolle Hilfe sein: Sie mahnt zur Achtsamkeit, erinnert an Dankbarkeit und stärkt die Hoffnung, dass jede gute Tat ihren Sinn hat, sowohl im Diesseits als auch im Jenseits.
