Die Rolle von Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist vielschichtig. Religion kann Orientierung geben, Gemeinschaft stiften und Solidarität fördern – zugleich aber auch Abgrenzung und Konflikte verstärken. Anastas Odermatt und Antonius Liedhegener von der Universität Luzern erläutern anhand aktueller Forschung, wie Religion verbindende und trennende Wirkungen entfalten kann – und welche Verantwortung sich daraus für Religionsgemeinschaften ergibt.
«Religion hält Gesellschaft zusammen», so heisst es manchmal. Im Fokus steht hier ihre verbindende Funktion: Sie stiftet gemeinschaftliche Identität, Zugehörigkeit sowie gemeinsame Normen und Werte, die für das Zusammenleben in der Gesellschaft notwendig sind. Ebenso oft wird jedoch gesagt: «Religion spaltet die Gesellschaft». Religion führt zu radikalen Ansichten und schliesst andere aus. Was stimmt also?
Gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Schweiz unter Druck
Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Religion und gesellschaftlichem Zusammenhalt war historisch immer wieder Thema – und gewinnt derzeit an Bedeutung. Das Interesse daran hat in jüngster Zeit zugenommen, nicht zuletzt wegen aktueller Krisen: der wachsenden Polarisierung durch Konflikte und Kriege, der Demokratiekrise angesichts erstarkender autoritärer Kräfte und der Klimakrise.
Mehrere aktuelle Studien für die Schweiz (z.B. Polarisierungsstudien Pro Futuris oder das Barometer Zusammenhalt von Feldschlösschen) zeigen ein eher kritisches Bild. Auch unsere eigene Studie kommt zu diesem Ergebnis: Nur knapp 40 Prozent der Bevölkerung bewerten den Zusammenhalt in der Schweiz als eher gut bis sehr gut. Ein Drittel sieht ihn negativ, ein weiteres Viertel hat eine indifferente Haltung.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt: Was meinen wir überhaupt damit?
Der Begriff «gesellschaftlicher Zusammenhalt» ist – wie viele grosse Begriffe in den Sozialwissenschaften – schwer eindeutig zu fassen. Es gibt zahlreiche Definitionsversuche und eine anhaltende Debatte darüber, wie er genau zu verstehen ist.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist zunächst auf der gesellschaftliche Makro-Ebene anzusiedeln: Es ist ein Zustand einer Gesellschaft, der ihre Mitglieder zusammenhält und gleichzeitig die auseinanderdriftenden Kräfte, die in ihr wirken, begrenzt. Dieser Zustand ergibt sich aus einem komplexen Zusammenspiel mehrerer Faktoren, unter anderen:
- Vertrauen in Institutionen, aber auch Vertrauen in die Mitmenschen;
- Politische Teilhabe, aber auch zivilgesellschaftliches Engagement und gegenseitige Solidarität;
- Verbundenheit und Identifikation mit der Gesellschaft, aber auch Akzeptanz von Vielfalt.
Gerade in liberalen, demokratischen Gesellschaften ist dieses Zusammenspiel eine Herausforderung: Überhöhte Identifikation und Verbundenheit kann auch mit Abgrenzung und verminderter gegenseitiger Solidarität unter den Mitgliedern einer Gesellschaft einhergehen. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt entscheidend ist demnach eine Optimierung des Zusammenhalts-Gleichgewichts. Es geht also nicht um die Maximierung eines einzelnen Faktors, sondern vielmehr um den Ausgleich der verschiedenen Faktoren.
Religion verbindet
Zur Rolle von Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zeigt die Forschung: Religion kann beides – sie kann verbinden und Zusammenhalt fördern, aber auch trennen und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächen.
Religion verbindet, indem sie soziale Räume für Gemeinschaft schafft. Dort entstehen Kontakte, gegenseitige Vorurteile können abgebaut werden und Mitglieder erfahren eine gemeinschaftliche Identität und Zugehörigkeit – gestützt durch Symbole, Normen und Werte.

Bild: Zukunftslabor von IRAS COTIS am 30. Oktober 2025. Foto: @Christoph Knoch
Als soziale Netzwerke integrieren Religionsgemeinschaften zudem und bieten vielfältige Gelegenheitsstrukturen, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren und Solidarität einzuüben. Engagement fördert häufig den Kontakt zwischen Menschen, die im Alltag sonst kaum Kontakt hätten. Es ist solches Engagement, das Brücken bauen kann.
Indem sie soziale Räume für Gemeinschaft schafft, verbindet Religion.
Oft bieten Religionsgemeinschaften auch Strukturen für aktive Teilhabe – unabhängig von politischen Rechten. Gerade für Menschen mit Migrationshintergrund, die häufig weniger politische Rechte haben, sind sie wichtige Orte, um Partizipation einzuüben und gesellschaftlich mitzuwirken. Zudem übernehmen Religionsgemeinschaften in solchen Fällen oft die Aufgabe, die Interessen dieser Menschen nach aussen zu vertreten.
Und Religion trennt
Religion wirkt trennend, wenn in ihr exklusivistische oder fundamentalistische Einstellungen kultiviert werden. Wenn die eigene Gruppe, das eigene «Wir» und die eigene Position zur absoluten Wahrheit erhoben wird und diese Heraufsetzung zugleich einhergeht mit der Aberkennung und Abwertung anderer Menschen oder Gläubigen – dann spaltet Religion.
Religionen haben ein ambivalentes Potential.
Solche Fälle gibt es heute viele. Dabei ist wichtig: Ein gewisses Mass an Überhöhung und Abgrenzung findet sich in allen Religionen. Das ist nicht zwingend problematisch, denn Fragen nach Wahrheit und starke Bindungen gehören zum religiösen Vollzug dazu. Problematisch wird es erst, wenn daraus Abwertung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Entmenschlichung oder gar Verfolgung anderer Menschen aus vermeintlich religiösen Gründen entsteht.
Religionen haben also ein ambivalentes Potential: Sie können trennen und den Zusammenhalt schwächen, aber ebenso verbinden und ihn stärken.
Grosse Verantwortung von Religionsgemeinschaften
Durch dieses ambivalente Potenzial kommt insbesondere Leitungspersonen in Religionsgemeinschaften eine grosse Verantwortung zu. Ob Religion eher verbindet oder trennt, hängt stark von der religiös-theologischen Auslegung der Inhalte, dem behutsamen Umgang mit Symbolen und der Art und Weise, wie Rituale gestaltet werden, ab. Das ist herausfordernd und muss eingeübt werden.
Inner- und interreligiöser Austausch und gegenseitiges Lernen voneinander bieten hier sicherlich gute Übungsbedingungen und wichtige Möglichkeiten. Es geht darum, die eigene Gruppenidentität zu kultivieren, ohne dass die damit einhergehenden ausschliessenden und in der Folge häufig abwertenden Wirkkräfte geweckt werden. Entscheidend ist hinsichtlich der Rolle von Religion für gesellschaftlichen Zusammenhalt darum, die verschiedenen Potentiale von Religion in und zwischen den Religionen auszubalancieren und jeweils in ein gesellschaftlich förderliches Gleichgewicht zu bringen.
Entscheidend ist es, die Potentiale von Religion in und zwischen den Religionen auszubalancieren.
Diese Optimierungsaufgabe wird für religiöse Akteur:innen zukünftig eher herausfordernder denn einfacher: Durch Säkularisierungsprozesse treten eher Menschen mit einer liberalen, offenen Religiosität aus Religionsgemeinschaften aus. In der Folge gewinnen konservative Stimmen an Gewicht.
Zwar sind konservative Einstellungen nicht unmittelbar gleichzusetzen mit exklusivistischen, fundamentalistischen Einstellungen. Das ist wichtig. Doch sie können leichter ein Umfeld schaffen, in dem Überhöhungen der eigenen Position und damit einhergehende Abwertungen anderer begünstigt werden. Religionsgemeinschaften – in der Schweiz besonders die beiden grossen Landeskirchen mit ihren Kirchgemeinden und Pfarreien – sollten sich dieser Entwicklung zukünftig noch mehr denn heute bewusst sein. Geht es doch dabei um den Beitrag von Religion zum Zusammenhalt in der Gesellschaft.
Weiterführende Literatur
Frisch, Lisa/Hermann, Michael/Stückelberger, Simon/Croci, Emma (2025). Barometer: Zusammenhalt in der Schweiz, 2025. Von Feldschlösschen. Zürich. https://sotomo.ch/site/projekte/barometer-zusammenhalt-in-der-schweiz/ .
Liedhegener, Antonius/Odermatt, Anastas (2024). Gefährdeter gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Schweiz? Pilotbefragung zur subjektiven Bewertung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Universität Luzern. Luzern. https://doi.org/10.5281/zenodo.14016633.
Liedhegener, Antonius/Pickel, Gert/Odermatt, Anastas/Jaeckel, Yvonne (2023). Herausgeforderter gesellschaftlicher Zusammenhalt. Soziale Identitäten, Religion und die Zukunft liberaler Demokratien. Verhandlungsband des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bielefeld, 1–24. https://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband_2022/article/view/1602.
Liedhegener, Antonius/Pickel, Gert/Odermatt, Anastas/Yendell, Alexander/Jaeckel, Yvonne (2019). Wie Religion «uns» trennt – und verbindet. Befunde einer Repräsentativbefragung zur gesellschaftlichen Rolle von religiösen und sozialen Identitäten in Deutschland und der Schweiz 2019. Luzern, Leipzig. https://doi.org/10.5281/zenodo.3560792.
Odermatt, Anastas (2023). Religion und Sozialkapital in der Schweiz. Zum eigenwilligen Zusammenhang zwischen Religiosität, Engagement und Vertrauen. Wiesbaden, Springer VS. https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-41147-3.
Scherrer, Ivo Nicholas/Schuler, Isabel/Wäspi, Flurina (2024). Zwischen Konflikt und Kompromiss. Welche politischen Fragen polarisieren die Schweiz? Pro Futuris Think+Do Tank der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SGG. Zürich. http://www.polarisierung.ch
